Ich würde das, was gesagt wurde, gern einfach nochmal unterstreichen.
Wenn die Medi nicht passt, kannst du machen was du willst, das ist einfach ein sehr präsenter Faktor.
Meine Kinder haben beide Medikinet nicht vertragen und das war am Ende fast schlimmer, als komplett ohne Medikament. Die Eltern sollten sich hier zu Alternativen informieren und mit dem behandelnden Arzt sprechen. Der Junge kann ja offenbar gut ausdrücken, was nicht passt und das sollte dringend ernst genommen werden. So wie es jetzt ist, macht es ihn zusätzlich unzufrieden und frustriert, weil er ja nichts dafür kann, dass die Medi nicht gut für ihn passt, ändern kann er allein aber auch nichts. Er ist hier stark von den Erwachsenen abhängig, die das ernst nehmen und ihn einbeziehen müssen. Man sollte auch vermitteln, dass es normal sein kann, verschiedene Medikamente zu testen. Das bedeutet nicht, dass man versagt hat oder falsch ist oder eh nichts hilft. Dieser Prozess kann länger dauern und erfordert von allen Beteiligten Geduld und Zuversicht.
An dieser Stelle sei einfach noch der Vollständigkeit halber erwähnt, dass gerade HB Kinder besonders schnell frustriert werden, wenn ihnen nicht zugehört wird. Das passiert ihnen je nach Umfeld nämlich häufiger, weil sie ja dem Alter nach ein Kind sind, intellektuell aber schon weiter. Klar, man muss jedes Kind ernst nehmen, aber ADHS und HB sorgen leider für häufigere Konfliktsituationen, denen man daher auch mehr positive Erfahrungen entgegen setzen muss.
Ich kenne mich nur im deutschen Schulsystem aus, daher weiß ich nicht, was bei euch möglich ist. Hat er Anspruch auf eine Schulbegleitung? Diese könnte beim Anfangen der Aufgaben helfen. Kann aber sein, dass er das ablehnt, weil er zusätzliche Stigmatisierung befürchtet. Meine Tochter hätte auch Anspruch darauf, will aber so wenig wie möglich auffallen und so normal wie möglich sein. Da passt eine Schulbegleitung dann nicht.
Taskwechselprobleme sind ein Kernsymptom der ADHS. Im Idealfall helfen hier die richtigen Medikamente zur besseren Überwindung, aber da sind wir wieder bei Punkt eins.
Die Tochter selbst berichtet immer wieder, dass Langeweile das Schlimmste an der Schule ist.
Gerade in der Grundschule wurde überhaupt keine Rücksicht auf ihre Fähigkeiten genommen (wir wussten auch noch nichts von ihrer Begabung). Sie hat dann nur gelernt, dass sie mit null Anstrengung immer sehr gute Leistungen erzielt. Dummerweise kam sie dann später nicht mit dem Frust klar der entsteht, wenn man mal ein bisschen an einer Aufgabe zu knabbern hat. Es hat eine Weile gedauert und Anstrengung erfordert, bis wir diese Frustrationstoleranz erarbeitet hatten.
In der Schule ist es also wichtig, dem Niveau des Kindes entsprechend anspruchsvolle Aufgaben zu geben, die die Entdeckerlust fördern und das Kind anspornen. So kann es lernen, dass nach der Anstrengung das gute Gefühl des Erfolges eintritt.
In Deutschland gibt es in den Schulämtern Referate für HB. Diese geben Tipps, was man in Schule konkret tun kann, um hier bedarfsgerecht zu fördern und zu fordern.
Außerdem kannst du dich, falls noch nicht geschehen, zum TEACCH-Konzept informieren.
Das hilft am Ende jedem Kind, wurde aber ursprünglich für Kinder im Autismusspektrum entwickelt.
Dabei geht es um Strukturmaßnahmen. Das können Ablaufpläne sein, aber auch die Zuordnung bestimmter Orte zu bestimmten Tätigkeiten, Arbeitsplatzorganisation und noch vieles mehr. Das Bekannteste Tool ist wahrscheinlich der Time-Timer mit der Visualisierung der noch verfügbaren Zeit.
Für den Unterricht würde das z.B. bedeuten, dass du zu Beginn eine klare Struktur hast und diese auch für deine Schüler visualisierst. Metacom Symbole eignen sich hierfür gut. Zu Beginn der Stunde heftest du dann z.B. 4 Karten untereinander an den Rand der Tafel, die den Ablauf der Stunde visualisieren. Im Verlauf kann man vergangene Punkte abnehmen oder aber auch einen Pfeil weiterschieben.
Achtung! Es gibt Kinder, die reagieren ein bisschen paradox auf Ablaufpläne und vor allem Belohnungskarten und sowas. Das kann bei ihnen zusätzlich Druck aufbauen, weil sie z.B. Angst haben, die Aufkleber, Stempel, was auch immer nicht erreichen zu können. Das sei nur erwähnt, falls du auf ein solches Verhalten triffst und dich dann wunderst. Da muss man dann nochmal neu schauen, was helfen könnte.
Grundsätzlich sind Verlässlichkeiten, Struktur und Abläufe aber sehr wichtig und hilfreich.
Wichtig ist, dass ihr ein Netzwerk ums Kind aufbaut. Dazu zählt die Zusammenarbeit unter den Lehrkräften genauso wie die mit den Eltern und Ärzten.
Gerade in meinem Arbeitsumfeld erlebe ich es immer wieder, dass Ärzte und Therapeuten extrem überrascht sind, wenn wir als Schule uns melden und nachfragen oder Rückmeldungen geben möchten (natürlich mit Wissen und Erlaubnis der Eltern). Sie kennen das so nicht und meinen immer, dass wir ja die ersten seien, die mal nachfragen würden. Das ist traurig und fördert leider eine Art Einzelkämpfer-Gefühl. Es kann also durchaus lohnenswert sein, hier mal nachzufragen, ob eine engere Zusammenarbeit gewünscht ist. Hole auch du dir noch zusätzlich Hilfe aus dem schulischen Umfeld, falls es da was an Fachberatern gibt.
In Kurz, was ich also empfehlen würde:
- Medikament überprüfen und optimieren (!!!)
- Dem Niveau des Kindes angepassten Material
- TEACCH-System
- eventuell in Verbindung mit Metacom-Symbolen
- Interdisziplinäres Netzwerk ums Kind aufbauen
- Betroffenen selbst mit einbeziehen
Alles Gute und viel Erfolg!