Medikamente und Tics

Hallo ihr Lieben,

ich bräuchte bitte eure Erfahrungen zu Tics und inwieweit Medikamente helfen oder auch die Tics verstärken.

Unser Sohn (11) hat AD(H)S und zusätzlich seit dem Kindergartenalter Tics. Außerdem eine sehr schlechte Impulskontrolle, rastet also oft wegen Banalitäten aus, fühlt sich persönlich angegriffen usw.
Wir haben das nach einiger Suche fast vollständig im Griff mit Intuniv. Das wirkt super gegen die Impulsivität, bringt Ruhe ins Kind und mit gesteigerter Dosierung ist auch die Konzentration viel besser.

Wir hatten es zuvor auch mit Medikinet (schwankende Gefühle, oft am Weinen im Unterricht), Kinecteen (Übelkeit) und länger mit Elvanse probiert. Wir haben aber festgestellt, dass sowohl Elvanse als auch Medikinet selbst in einer geringen Dosierung die Tics verstärken. Ansonsten wäre Intuniv plus etwas Medikinet unser Favorit gewesen. Damit war die Konzentration bombastisch, aktuell sind wir „nur“ bei Intuniv.

Die Tics wechseln alle paar Wochen und sind mal schwächer, mal stärker, aber nie ganz weg. Wir hatten z.B. Räuspern, Zwinkern, Schulterzucken, zur Seite neigen, Augenrollen, „hm hm hm“ beim Reden, nach oben schauen,… Die Tics sind mit Intuniv schon deutlich besser geworden, aber noch nicht ganz weg. Jetzt hat er es nur noch selten am Tag, vorher bei jedem zweiten Satz.

Jetzt zu meinen Fragen: Hat noch jemand solche andauernden Tics und diese in den Griff bekommen? Sollten wir die Dosierung (nach Rücksprache mit der Neurologin) noch einen Schritt weiter erhöhen, bis die echt ganz weg sind? Was für Medikamente wirken sonst noch gegen Tics?

Unser Sohn spricht auch stockend. Das ist leider nicht besser geworden mit Intuniv. Das ist eine Mischung aus Stottern und Poltern, das vor allem auftritt, wenn er etwas aus dem Gedächtnis erzählen möchte. Es tritt weniger oder gar nicht auf, wenn er vorliest oder bei spontanen Ausrufen.
Können das auch Tics sein oder ist das ein Thema für den Logopäden?

Viele Grüße
Katha

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Übliche Beispiele für Stimming sind das Flattern mit den Händen oder Armen, Daumenlutschen, Klatschen, Fingerschnippen, Schaukeln mit dem Oberkörper, übermäßiges oder hartes Blinzeln, Schlagen des Kopfes, Bewegen von kleinen Gegenständen und das Wiederholen von Geräuschen oder ganzen Wörtern.[

Ich gebe hier einfach meine küchenpsychologische Vermutung, aber ich würde eine Asperger Diagnose nicht ausschließen. Und wenn sich diese bestätigen würde, könnte man theoretisch mit Medikamenten wenig dagegen machen.

Empfindet er selbst seine Tics als belastend oder eher seine Umgebung?

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Hallo Katha,

Erstmal schön zu hören, dass die Tics weitgehend im Griff sind. Da habt ihr wirklich schon einiges durchgemacht, erreicht und gelernt.
Wie ist denn sein Leidensdruck/ wie hat sich der verändert? Hat er Ängste, wurde anderes abgeklärt (ASS, wie allmighty meinte)?

Wenn dein Sohn schon Intuniv nimmt ist die Frage, ob und welche Medikamente noch sinnvoll wären. Clonidin kenn ich als Behandlung gegen Tics bei Kids (kann auch bei Hyperaktivität und/oder Ängsten helfen). Wenn es Richtung Zwang geht, dann eher Sertralin. Ich kann pauschal natürlich nicht sagen was hilft, nur erzählen was ich kenne. Es ist auf jeden Fall gut zu hören, dass ihm Intuniv teils hilft. Dass Stimulanzien davor weniger halfen, ist stimmig, die können Tics tatsächlich auch verstärken. Gut, dass ihr da was gefunden habt.

Bekommt dein Sohn sonst irgendeine Art von Behandlung; Kennt ihr das Habit-Reversal-Training oder kann er mit Entspannungstechniken was anfangen?

Was das tonische Stottern/Poltern angeht… LogopädInnen oder ErgotherapeutInnen könnten etwa Sprechtraining mit Verhaltenstraining kombinieren, da könntet ihr gleich beides abfangen, weil es evtl miteinander verbunden ist. Vllt schadet ein Anruf bei einer logop. Praxis nicht, die sind dann oft vernetzt oder arbeiten multiprofessionell.

Wünsch euch alles Gute!

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Vielen Dank für eure Antworten! :slight_smile:

ASS wurde abgeklärt, weil unser Sohn schon etwas „schräg“ ist, aber das hat sich nicht bestätigt und passt auch nicht zu meiner Beobachtung. Stimmings sind es nicht, sondern es wurde eine „komplexe Tic-Störung“ diagnostiziert.

Die Tics treten fast ausschließlich während oder direkt vor dem Sprechen auf, selten ganz leise, wenn er konzentriert Hausaufgaben macht.

@allmighty Ob er das als belastend empfindet, ist eine gute Frage. Ich würde sagen manchmal. Er möchte etwas spontanes witziges sagen oder was erzählen und dann hängt er ein paar Sekunden mit den Tics fest bis er die Sätze rausbringt. Fühlt sich für den Zuhörer so an wie wenn das Auto bei Losfahrem nicht anspringt, sondern der Motor erstmal stottert.
Er meldet sich aber dennoch in jeder Stunde im Unterricht und beteiligt sich mit Freude. Es schämt sich nicht oder hält sich zurück, er ärgert sich nur manchmal, wenn er wieder „hängengeblieben“ ist.
Daher: Es ist eher die Umgebung, die irritiert ist und etwas Geduld aufbringen muss, als er selbst.
Dank Intuniv tritt das seltener auf, ich denke eher abends. Vielleicht Müdigkeit?

@AWOL Habit-Reversal-Training oder Entspannungstechniken haben wir bisher nicht versucht, da er ein quirliges, unruhiges Kind ist. Das hat sich durch Intuitiv aber verbessert. Er kann jetzt auch ruhiger sein. Ich hatte nur kurz danach gegoogelt, werde das aber am Wochenende mal genauer ansehen. Er bräuchte quasi eine Sofortmaßnahme, um z.B. bevor er sich meldet und was zum Unterricht beitragen will, sich „zu erden“.

Liebe Grüße
Katha

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Ah ok, die Tics sind eher ans Sprechen gebunden. Dann vielleicht tatsächlich eine (sprachtherap.) Praxis kontaktieren, denen mal erzählen wie es so ist und schauen was sie sagen? Wäre es vielleicht wert.
Ich hab früher auch gestottert (tonisch, so wie es bei ihm auch klingt grad) und gepoltert, man kann da allerhand ausprobieren :slightly_smiling_face:

Liebe Grüße!

Das finde ich sehr interessant, denn ich kenne es von mir, aber im Zusammenhang mit meinen Zwängen. Bei mir ist es so, dass ich oft mein Zwangsfilm im Kopf durchführen muss, bevor ich etwas sage. Ich habe mit der Zeit gelernt, es immer unauffälliger zu machen, so dass es meistens kaum einer merkt. Und zwar in dem ich so tue, als ob ich kurz nachdenken müsste bevor ich was sage. Ganz schlimm ist es bei mir, wenn ich müde bin oder mich jemand mit Erwartung und konzentriert anschaut.

Hast du ihn gefragt, warum er das macht bzw. was in seinem Kopf dabei vorgeht?

Hallo, entschuldigt die späte Rückmeldung. Musste ein bisschen den Kopf sortieren. Vor ein paar Tagen sagte die Neurologin, wir sollten doch noch einen Test auf Autismus machen, da er oft so „situations-unangepasst“ antwortet. Das macht er immer: erst ein bisschen schüchtern und „normal“ sein, später Wirrwarr reden und abdriften. Kein Gespür für die Situation. Die Neurologin meinte, Autismus würde auch erklären, warum wir einige Monate gebraucht haben, um das richtige ADHS-Medikament zu finden, da „noch was drunterliegt“. Test ist nächste Woche. Ich belese mich und bin gespannt. Gefühlt gibt es Anzeichen für Asperger. Mal sehen.

Hallo @AWOL: Ja, ich glaube auch, dass sich die Spracheprobleme ein Spezialist ansehen muss. Ich würde ja gern selbst was machen, aber trotz intensiver Suche bei YouTube nach Begriffen wie „Stottern“ und „Poltern“ habe ich nicht das gefunden, was mein Sohn hat. In vielerlei Hinsicht eine Special Edition :sweat_smile:

Hallo @allmighty : Deine Idee fand ich total spannend. Ich habe zweimal versucht, das mit keinem Sohn zu besprechen, aber er sagt nur „Es sind halt Tics.“ und er würde dabei über nichts nachdenken. Es ist mit 11 aber auch nicht einfach zu beantworten.

Viele Grüße
Katha

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Das Abdriften und die Schwierigkeiten bei der Medikamentenwahl kennen Adxsler* eigentlich auch, aber klären kann natürlich nicht schaden. Hat sie gesagt, was der nächste Schritt nach einer eventuell positiven Diagnose wäre?

Hallo @allmighty,

meine Begründung, warum auf Autismus geprüft werden soll, war etwas kurz geraten. Die Neurologin kennt meinen Sohn schon von ein paar Terminen und hatte damals schon Checklisten rausgegeben, wo Autismusfragen dabei waren, weil mein Mann das vermutete. Da war aber nichts eindeutig aufgefallen.

Er ist allgemein schon etwas schräg und hat seine Eigenheiten:

  • Änderungen sind ihm zu spontan (z.B. morgens andere Jacke anbieten)
  • Regeln und Fairness sind sehr wichtig
  • er sammelt bei jeder Gelegenheit Stöcker und Steine
  • er erkennt manchmal nicht, dass sein Verhalten nicht zur Stimmung passt (z.B. ist er noch albern, während alle schon voll genervt sind; er begreift es erst, wenn einer schimpft und ist dann überrascht über die Reaktion)
  • er weicht von normalen Abläufen nicht ab (z.B. nochmal Tschüß sagen, wenn er losfährt, obwohl man schon an der Tür Tschüß gesagt hat)

Kann man alles als normal ansehen oder auch als einen Tick zu übertrieben. Ich glaube, er hat, seitdem wir mit Intuniv das passende Medikament für Konzentration und Impulsivität gefunden haben, keine Probleme mehr in der Schule, aber Freundschaften fallen noch schwer. Zumindest sagt die große Schwester, dass er gerne bei ihr rumhängt in den Pausen statt bei seinen Klassenkameraden.

Was nach einer Autismus-Diagnose kommen würde, weiß ich nicht. Ich habe aber gemerkt, dass ich seine Eigenheiten unter einem anderen Licht sehe. Mein Mann diskutiert aktuell mit ihm morgens, dass es zu warm ist für Handschuhe. Mein Sohn will die aber anziehen. Ich denke jetzt: Ok, lass ihn die Handschuhe, bringt ihn nur aus dem Takt.

Viele Grüße
Katha

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