Mein Auto auf den Seitenstraßen

Hallo ihr lieben,

vielleicht interessiert es ja jemanden oder sieht es ähnlich. Vielleicht möchte auch jemand das „Bild“ ausbauen? Sehr gerne!

Bild: vor Medikation:

Auto, dass anstatt im angemessenen Tempo auf der Hauptstraße zu fahren, grundsätzlich ein Ziel hat, auch hin und wieder Abstecher macht, ist es bei mir so:
Auto, dass auf einer Landstraße nahezu alle Seiten-Abgänge mitnimmt, hinein fährt, weil sie glaubt, das wäre jetzt ein interessanterer Weg, der auch zum Ziel führt, wieder zurück, weil sie sich irrt, wieder in die nächste, wieder zurück, oder sich überhaupt komplett verfährt. Das ganze schneller, ungezielter und gestresster, als das Referenzauto, dass auf der Hauptstraße seinem Ziel immer näher kommt. Während der Fahrt ist bei mir der Kofferraum offen, Dinge fallen ständig raus (Dinge, Termine, Abmachungen), bis mich jemand darauf aufmerksam macht und ich somit wieder retour fahren muss, alles mühsam einsammeln. Manche Dinge sind bis dahin kaputt - Schuldgefühle.

Ich hetze auf den Seitenstraßen herum, sehe dadurch zwar spannende neue Gegenden, erlebe wunderbare Dinge, die der auf der Hauptstraße nicht erlebt. Aber es ist irrsinnig mühsam. In der Zeit, wo der „Hauptstraßler“ einfach pragmatisch seinem Ziel näher kommt, denke ich mir auch ständig neue Routen dazu, denke alle Eventualitäten durch, möchte das Optimum finden, verzettle mich in die Ausarbeitung von Varianten, komme nicht zur Entscheidung, wohin eigentlich. Das alles verbraucht sehr viel Energie und es resultiert in höherem Verschleiß.
Was habe ich getan, um die nötige Energie zur Verfügung zu haben? Hochkalorisches, Zucker-Fett-Mischungen, die für Glücksgefühle sorgen. Schokolade.

In jungen Jahren war das noch besser verkraftbar. Jetzt merke ich, dass mein Auto schon sehr viel mitgenommener ist, als bei vielen anderen. Sowohl außen, wie auch innen.

Ich habe für diesen Lebensstil einfach nicht mehr die Kraft. In meinen jungen Jahren (20er) habe ich es als sehr bereichernd empfunden, so leicht und flexible dermaßen unterschiedliche Wege zu gehen, auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln. Ich bestach dadurch, dass ich besonders DA war, wenn andere sich mit Unvorhergesehenem nicht leicht taten. Bei Notfällen beispielsweise. Deswegen machte mir der Job als Sonderschullehrerin auch grundsätzlich viel Spaß: man wusste nie, was einem heute erwartet, hohe Flexibilität und Anpassung an unvorhergesehene Situationen waren gefragt. Doch: Die Vorbereitung, Nachbereitung, das Administrators, …das machte mich fertig, fraß extrem viel Energie und Zeit. Ich konnte planen, was ich will, ich hielt mich nie daran. Ein Plan dient grundsätzlich dazu, Dinge beherrschbar zu machen und dass man nicht zu viel Energie/Zeit verschwendet. Bei mir: Alles immer wieder von neu auf gedacht, immer in verschiedenen Variationen, wollte perfekt auf jedes Kinde individuellen Unterricht gestalten. Der innere Aufwand stieg ins Exponentielle. Ich konnte mich nichtmal selbst organisieren, aber ich soll eine Klasse organisieren? Es ging mir leider zu sehr an die Substanz. Du musst dauernd 100% geistig anwesend sein, sonst eskaliert es schnell.

Ich bin erschöpft und frustriert. Mit noch nichtmal 40 Jahren, 2 Kinder im Schulalter. Weil der Job in der Schule mit meinen Kids unpackbar war: berufliche Neuorientierung. Frauen in Technik - es begeisterte mich. Ein paar Jahre später: scheint es wieder eine Sackgasse zu sein, weil ich einfach nicht fähig bin, etwas zu Ende zu bringen. Ich habe wieder viel Energie in den Aufbau des Ingenieurbüros (ich und mein Mann, der tatsächlich DI ist) gesteckt, ins Netzwerken, in meine Ausbildung, in das Managen des Familienlebens… es fruchtet nicht, weil jetzt wo die Aufträge da sind, ich viel zu langsam bin, mich viel zu sehr verzettle, nichts zu Ende bringe. Die Beziehung leidet seit längerem, weil wir alle nurnoch überfordert sind.

Ich verzweifle, weil auch die ADHS-Medis nicht so greifen, dass mein Leben mehr „Hauptstraße“ wird und ich einfach mal relativ entspannt eine Ziel verfolgen und erreichen kann. Insgesamt fühle ich mich verloren. An Tagen, an denen ich extra Zeit freigeschaufelt bekomme, um ein Projekt endlich fertigzustellen, bringe ich es nicht fertig, damit anzufangen. Ich verzweifle einfach, bin traurig, fühle mich zumindest im beruflichen Kontext wertlos/unbrauchbar. Ich dachte, Medis könnten mir besser helfen, hatte höhere Erwartungen.

MIT Medikation, Ritalin LA, 30 mg:
Es fühlt sich so an, dass etwas mehr Energie zur Verfügung steht, um wieder zu fahren. Zu Seitenstraßen gelingt es mir manchmal „Nein“ zu sagen. Ich merke jetzt auch, dass mein Kofferraum offen ist und sammle Herausgefallenes eher gleich ein - er ist auch nicht so weit geöffnet: Es fällt weniger raus. Das entlastet die Gesamtsituation schon mal.

FAZIT für mich: Ich eigne mich für nichts, das Ordnung, Struktur, Plan und Durchhaltevermögen verlangt. Die „Hauptstraße“ scheint mir einfach nicht bestimmt zu sein. Es ist okay und es wichtig, dass Menschen, wie ich, auf den Seitenstraßen unterwegs sind, diese erkunden und diese Wege auch anderen Menschen zeigen können, wenn es auf der Hauptstraße mal nicht weitergeht. Denn die ist auch nicht gefeit vor Unfällen, Baustellen, Umleitungen, extremen Witterungsbedingungen. Man ist dort auch nicht allein auf der Straße.
Die Seitenstraßen und Wegerl darf ich weiterhin bestreiten, das gefällt mir auch. Ich fühle mich wohl in Nischen-Rollen, die nicht Mainstream sind, möchte aber auch, dass ich dort WIRKEN kann und ich mich nicht existenziell bedroht fühle bzw. meine Familie nicht darunter leiden muss.
Denn: Was ist denn schon DAS ZIEL im Leben auf das man auf einer Hauptstraße zufahren muss? Ein gesundes Maß an Gesundheit & Geld? Stabilität im Job und Familie? All das scheinen super Ziele für die Hauptstraße zu sein, würde ich auch als erstrebenswert sehen.

Nur, ich muss mir eingestehen: Ich bin dafür nicht geschaffen. Nicht meine Hauptstraße. Dem hinterherzugjagen hat mich schon zu viel Energie gekostet. Ich schaffe es ja doch nicht.

Am Wichtigsten ist doch - und das wünsche ich mir von Medis, ev. Therapie - dass ich runter vom Gas gehen KANN und weniger, dafür auserwählte Seitenstraßen nehme. Mich nicht so in irgendwelche Spezial-Wege reinsteigere, obwohl ich und mein Umfeld eigentlich gar keine Ressourcen dafür haben.
Dass ich mein Auto auch zügeln kann, es liebevoll behandeln kann, ihm Pausen gönne. Die wunderwaren Dinge wieder genießen kann.
Im Prinzip ist der größte Hebel: die Regulation. Emotionen, Stress, Energie, Aufmerksamkeit. UND: Die radikale Akzeptanz.

Leider noch nicht erreicht, dieser Zustand.

Wie seht ihr es? Was kann mir noch helfen? Möchte jemand das Bild weiterzeichnen? Oder seinen eigene Biografie damit zeichnen und teilen?

Liebe Grüße!

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Mein Bild ist ähnlich. Aber mehr Autos bzw Fahrzeuge :zany_face:. Mein Kopf wie eine mindestens 8-spurige Kreuzung in Bangkok City.

Ich habe als Jugendliche mal in mein Tagebuch geschrieben, ich wünschte mir eine Autobahn im Kopf. Es hat nochmal 40 Jahre bis zur Diagnose gebraucht…

Auch mit medikinet klappt das mit der Autobahn nur ansatzweise, so mit Gedanken zielstrebig von a nach b.

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Danke für dein Bild!

Wie geht es dir jetzt so im Leben damit? Unter den momentanen Bedingungen?

Meine häufigste Antwort auf solche Fragen lautet: ich weiß es nicht.

Momentan bin ich wieder im Chaos-Mode. Ich müsste arbeiten und kann keinen klaren Gedanken fassen. Ärgere mich über mich selbst, bin in Panik, weil ich so nicht viel schaffe und habe deshalb schlechtes Gewissen. Gern genommen in Situationen, in denen ich gar keine Zeit für sowas habe und mir besonders viel vorgenommen habe.

Eine schöne Beschreibung und ich ergänze mit den Nummernschildern

AD-HS-0815, weil wir selbst das „Einfachste“ nicht hinbekommen,

AD-HS-4711, weil sich jede noch so gute Wegplanung , wie ein Kölnisch Wasser einfach wieder verduftet

AD-HS-67, weil der Jugendtrend vor einem nicht Halt macht und man bei jeder 67 „six-Seven“ :leftwards_hand::zany_face::rightwards_hand: denkt

TO-DO-999, weil die ToDo Liste schon wieder kurz vor 1000 ToDos ist

Und um im Bild des Autos zu bleiben…Da würde ich mir einen geduldigen, warmherzigen Fahrlehrer wünschen , der mich begleitet und mir hilft auf meinem Weg zu bleiben, gut durch den Verkehr zu kommen und auf gesicherte Ladung achtet.

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:joy: ich musste googeln, was 67 heißt :joy::joy::joy:

Danke für deine kreativen Bildergänzungen! :flexed_biceps:t3::grin: Triffts auch voll!

LG

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I feel you

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