Mit Gefühlen umgehen

Ich reagiere häufig (oder eher meistens) emotional stark und falle von der einen Emotion in die andere.
Oft gibt es Diskussionen mit nahestehenden Personen, weil ich mich verletzt fühle und auch etwas in den falschen Hals bekomme.

Mit Wut kann ich sehr schlecht umgehen und diese gerade auf Arbeit nicht ansprechen bzw sie regulieren.

Die meiste Zeit fühle ich mich unverstanden und ziemlich alleine. Zudem sei erwähnt, dass mein Partner eher der logisch-rational denkende Typ ist.

Vor einigen Jahren war ich in einer Psychosomatischen Klinik, da habe ich gelernt auf meine Gefühle zu hören und diese nicht zu unterdrücken. Deshalb finde ich den Grad zwischen „das spreche ich nun an“ und „ich belasse es dabei“ unglaublich schwierig.

Aber aushalten und etwas nicht ansprechen bekomm ich trotzdem so schlecht hin, da ich mich meistens ungerecht behandelt fühle und da gilt es mich zu verteidigen.

Wie ergeht es euch damit? Ist das so typisch für ADHS? Und wie haltet ihr so etwas besser aus?

Danke fürs Lesen, freu mich über jede Nachricht.

Bei mir sieht es ähnlich aus und um so Älter ich werde, umso weniger kann ich die Maske tragen.
Ich gehe einfach, oder versuche es, jedem Menschen aus dem Weg, der mir nicht gut tut.
ZB, mein ältester Bruder redet fast nur noch negativ, er kann nicht anders…entweder ich antworte ihm agressiv oder ich antworte gar nicht, meiner Mutter (85) zuliebe antworte ich gar nicht, was mir aber gar nicht gut tut, ich denke dann manchmal ne Woche über seine sehr rechten aussagen nach usw.
Also werde ich nicht mehr in den Familiengarten gehen, wenn er auch da ist…ich gehe ihm seit letzter Woche aus dem weg…eine andere Lösung finde ich nicht, sachlich diskustieren ist nicht möglich.

Ich falle eher in die Kategorie „kaltschnäuziger Metzgershund“.
Mit Emotionen hab & hatte ich es noch nie so richtig.
Hunger, kalt, Körper-aua, sind meine häufigsten Empfindungen.
Damit treibe ich meine Partnerin leider in den Wahnsinn.
Was ich aber bisher niemandem offenbart habe ist, dass mein Gehirn lange Zeit des Tages daran arbeitet meine Emotionen zu verarbeiten.

Ein Beispiel: mir widerfährt eine Ungerechtigkeit.
Erster Impuls ist körperliche Gewalt gegen die Ursache. (Durch eine gute Sozialisation noch NIE passiert).

Zweiter Impuls der Rumpelwicht in meinem Gehirn steigt mit ins Boot „Wiesu denn blus, wiesu tut sie su?!“
Ich analysiere die Intention hinter der Ursache anstelle mich meiner Emotion zu stellen und sie zuzulassen. Es läuft eine „was-wäre-wenn-Schleife“ die sämtliche meiner möglichen Reaktionen und Gegenmaßnahmen durchspielt.

Dritter Impuls, der Rumpelwicht hat ganze Arbeit geleistet, die Sache ist geklärt: „Ich bin nicht schuld daran das man mir Unrecht tat“. Meine Reaktion ist auch griffbereit und ich haue meist etwas sarkastisches oder beleidigenden raus, was mein Umfeld aber nicht versteht sondern als meinen speziellen Humor hinnimmt.

Damit ist die Sache für mich durch, ich denke nicht über die verschüttet Milch nach, ärgere mich nicht und das Leben geht weiter.
Anders ist es wenn der Rumpelwicht herauszufinden das ich selbst schuld bin. (Kommt auch oft vor).
Dann bin ich ambitioniert mein Verhalten anzupassen und schlittere in eine Verzweiflung wenn ich es trotz Vorsatz nicht schaffe.
Dann prokastriniere ich es auf den Sanktnimmerleinstag.

Meine letzte zugelassene Emotion (erfreulicherweise ein unkontrollierbares Lachen) hatte ich beim Auftritt von „Mr Methan“, den Kunst-Furzer bei DeutschlandSuchtDenSuperstar.
12Jahre her?

Mehr als ein Schmunzeln ist meist nicht aus mir heraus zu bekommen. Trauer kann ich in einem Maß zulassen der anderen Menschen zeigt das ich kein Stein bin aber nie so sehr das ich meine echte Verzweiflung dahinter zeige. (Der Rumpelwicht erlöst mich dann aber auch zeitnah).

Lange Zeit habe ich das Abblocken von Themen die emotional Arbeit bedeuten würden als Strategie der Entschleunigung verkauft, leider damit auch Freundschaften zerstört.
Dazu gehört auch das Wegbeissen von Menschen mit denen man sich nicht unterhalten kann oder will.
Seit meiner ADS-Diagnose setze ich dieses Verhalten jedoch damit in Verbindung. Mal schauen was Ritalin für Auswirkungen auf meine Emotionen bewirkt…

Ich falle eher in Deine Kategorie.
Das hat vermutlich damit zu tun, dass für mich Emotion überlebenswichtig war - zumindest erschien es mir so:
Angst - ohnehin ein ständiger Begleiter, Kinheit einem überemotionalen ADHS-Irrenhaus (ich schreibe das so despektierlich, weil alle Emotionalität total überhöht wurden, also quasi als Besonderheit - „normale“ Leute waren doof und langweilig.) ist ja ein übermäßiger Fokus auf soziale Signale, also auch auf Emotionen anderer.
Aber auch:
Neugier und damit verbunden: Leidenschaftliches Interesse - heute weiß ich: diese Leidenschaft hat meine schlappen Neuronen mit ausreichendem Wumms über den synaptischen Spalt geschoben - ohne sie hätte ich nicht funktioniert. Heute ist die Leidenschaft „too much“ und blockiert mich.

Das Doofe ist: die damit verbundenen und daraus entstandenen (emotionalen) Muster bekomme ich auch nicht mehr raus. Zumindest noch nicht. Auch wenn ich dran arbeite.
Mit Medikation kann ich die Emotion erkennen - und manchmal auch richtig einordnen.
Dann versuche ich sie irgendwie abzumildern, mit einem Borderline-Skill. Manchmal klappts.

Im Sozialen klappt das leider gar nicht.
Früher hatte ich es wenigstens nicht gemerkt und konnte immer noch allen anderen die Schuld dafür zuschieben. Heute - naja, da ist mir 5x am Tag irgendwas peinlich, wenn ich mit Menschen umgehe.
Was ich noch gar nicht einordnen kann ist, was ist denn daran normal, was nicht? Was wird „geduldet“ - und was ist ein no-go?
Welche Signale sind so gemeint wie ich sie deute - und wo liege ich total daneben?
Gerade bei den Signalen - sagen wir: ich bekomme 10 Informationen.
Davon eine mit einem Signal - hochgezogene Augenbraue, eine bestimmte Wortwahl - das mich triggert. Dieses Signal gewichtet die Information x10. Dh, die eine Information wiegt ebenso schwer, wie alle anderen. Und die merke ich mir auch länger. Das ist total giftig!
Das kriegst nicht raus …

Wenns denn so wäre…

Das betrifft ja schon die sehr reflektierte Ebene. Und da könntest du dir vielleicht einen Fragenkatalog oder ein Flowchart zur Entscheidungsfindung basteln.

mit so Fragen wie:
ist das mein Thema/Spleen?
kann ich es mit mir ausmachen?
welche Werkzeuge hab ich, wenn-dann-Regel, …
wenn das Verhalten der anderen Person sich wiederholt, ergibt das ein Risiko (also zB dass ich irgendwann explodiere und die Situation echt blöd wird)
ist es eine objektive Ungerechtigkeit oder kommt es nur mir so vor?
gibt es jemand anderen, mit dem ich das besprechen kann (und kann die Wut so ableiten, ohne dass es auf Arbeit zu Verwerfungen führt)?

Also auf dieser Ebene hast du ha schon mal gewonnen, weil du überlegen kannst.

Ich habe eher Schwierigkeiten mit der Entscheidung in der direkten Situation. Die treffe ich nämlich gar nicht selbst.
Denn entweder fällt mir gar nichts ein, so richtig dumm sprachlos-stammelnd.
Oder ich plappere los und bin dann vielleicht unangemessen.
Wann was kommt: keine Ahnung?
Jedenfalls ergibt das kein besonders gutes Gefühl, dass ich mich da nicht auf mich verlassen kann.

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Oh, da bin ich sehr gespannt.
Ich hab mal was gefunden, dass Magnesiummangel eine Ursache dafür sein könne, Emotionen nicht erleben zu können…

Was meinst du damit? Ich kann Emotionen sehr gut erleben, leider zu gut, aber diese nicht richtig zuordnen oder die Ursache dafür ermitteln.

Zum Abschwächen helfen mir auch Borderline-skills, wenn ich daran denke.
Aber ist das so Adhs typisch?

Und hilfe, wie kann ich hier zitieren?

Ja. Die emotionale Dysregulation ist nicht nur ein Borderline-, sondern auch ein ADHS-Symptom. Daher erhalten viele ADHSler auch zunächst die Verlegenheits-Diagnose Borderline. Die Ursachen sind aber andere.

ADHS ist im Kern eine Störung der Selbstregulation und dazu gehört eben auch, dass die Regulation der Emotionen nicht gut funktioniert.

Borderline-Skills können daher durchaus helfen, auch wenn sie nicht explizit für ADHS entwickelt wurden. Wie auch andere Hilfsmittel, die z.B. eher aus der Depressionstherapie stammen.

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