Nervosität vor Diagnostiktermin

Hallo Ihr Lieben,

Ich habe in 2 ,5 Monaten endlich meinen Diagnostiktermin und bin seitdem ich den Termin habe wirklich super nervös. Ich möchte hier meine Geschichte teilen und hab auch ein paar Fragen an euch.

Zur Vorgeschichte: 2024 hatte ich eine schwere depressive Episode, deswegen bin ich seither in Verhaltenstherapie (Einzelsitzungen plus Gruppentherapie) und war auch 8 Wochen in einer Tagesklinik. Ob mir die Gruppentherapie wirklich viel bringt, bin ich mir ehrlich gesagt nicht sicher, aber ich bleibe dran. Klinische depressive Symptome habe ich mittlerweile keine mehr.

Auf ADHS gebracht hat mich kurz bevor ich krankgeschrieben wurde eine ehemalige Mitbewohnerin aus dem Studium. Sie meinte, sie hätte das bei mir schon länger vermutet. Mein erster Gedanke war: “Nee, das kann gar nicht sein, ich bin doch superorganisiert und kriege alles hin.” Mir war damals überhaupt nicht klar, wie viel Kraft mich dieses “alles hinkriegen” eigentlich gekostet hat, bis kurz darauf gar nichts mehr ging. Dann wurden in den letzten 2 Jahren nacheinander meine Cousine, meine Tante, mein Cousin und mein Onkel diagnostiziert (mütterlicherseits), und irgendwann hab ich angefangen, mich wirklich exzessiv mit dem Thema zu beschäftigen und auseinanderzusetzen.

Seitdem hab ich mehrere Sachbücher gelesen, unzählige Dokus geschaut und vor allem meine alten Schulzeugnisse rausgesucht. Und ehrlich gesagt: Da zieht sich ein ziemlich klares Muster durch, von der Grundschule an (“verträumt”, “muss zum Arbeiten aufgefordert werden”) über eine sehr wechselhafte Schullaufbahn (Höhen bei neuen, gut strukturierten Umgebungen, Tiefen bei Mathe/Wirtschaft bis zur Nicht-Zulassung zur Abiprüfung) bis zum abgebrochenen Studium mit mehreren Fachwechseln. Auch im Job zeigt sich das Muster: schnelle Einarbeitung und viel Lob am Anfang, aber zunehmend Flüchtigkeitsfehler und Überforderung, sobald Routine einkehrt.

Ein Gefühl, das mich mein ganzes Leben begleitet: dass ich hinter meinen Möglichkeiten zurückbleibe, nicht so richtig weiterkomme, obwohl ich weiß, dass eigentlich mehr in mir steckt. Gleichzeitig hab ich immer wieder bewiesen, dass ich es kann, wenn die Bedingungen stimmen, z. B. meine IHK-Prüfung in der Ausbildung mit 1,0, trotz verkürzter Ausbildungszeit. Im Studium dagegen hab ich oft ein ganzes Semester nicht gelernt und dann in der Nacht vor der Klausur alles reingeprügelt, mit 2en und 3en bestanden. Ich hab einfach immer das Gefühl, dass ich viel mehr kämpfen und mich viel mehr anstrengen muss als andere, um überhaupt mitzuhalten.

Jetzt meine Fragen an euch:

  1. Ging es euch vor eurem Diagnostiktermin auch so? diese Nervosität, aber vor allem die Angst, sich das alles nur einzubilden? Ich schwanke ständig zwischen “das erklärt so vieles” und der Sorge, dass ich mir das nur einrede, weil ich mich zuletzt so intensiv mit dem Thema beschäftigt habe (Stichwort Confirmation Bias – sieht man am Ende einfach überall Symptome, wenn man sich lange genug damit befasst?).

  2. Ich möchte das Ganze auch mit meinem Therapeuten besprechen, der mich jetzt seit zwei Jahren kennt. Gleichzeitig hab ich richtig Angst davor, dass er das nicht ernst nimmt oder einfach nicht so sieht wie ich. Hat das schon mal jemand von euch erlebt, dass der/die eigene Therapeut:in eine ADHS-Vermutung eher skeptisch aufgenommen hat? Und was macht man dann für den eigenen Diagnostiktermin daraus?

Vielen Dank fürs Lesen und eure Tipps.

Ich glaube Gruppentherapie und der Nutzen ist schon ein wenig, wie man sich selbst einbringt und als was man sie versteht.

Übrigens ist das auch so mit einem klassischen Therapeuten so zusätzlich auch etwas von der aktuellen Form (bin ich gerade offen und aufnahmefähig/bin ich gerade sehr verpeilt und verstehe nichts und ähnliche Zustände, die ja durch Emotionen immer sich wechseln können). Therapie ist eigentlich viel Eigenleistung und Selbstarbeit, bei der gewöhnlich in der Therapie durch Fragen Impulse gesetzt werden und dann ja erinnern, Reflektieren wie es ist, wie man es möchte und vieles mehr erarbeiten muß und durch den Therapeuten Fragen gestellt werden damit man sich damit beschäftigt und ob mit oder ohne weitere Nachfragen auf Dauer seine Antworten man sich geben kann und so zu Erkenntnissen, Richtungen und vielem mehr kommt Dadurch erarbeitet man sich auf Dauer den eigenen Weg mit dem was man möchte ggf. wie man dort auch hinkommt.

Und warum macht dich die Diagnostik denn nervös? Du scheinst ja noch jünger, wahrscheinlich daher nicht unbedingt so die letzte passende Möglichkeit

Zur Not freie Tests machen und einfach alles auf dich zukommen lassen oder bist du generell bei allem möglichen wo etwas von oder an dir bewertet wird nervös?

Danke für deine Fragen, die haben mich echt zum Nachdenken gebracht!

Zur Nervosität: Gute Frage. Ich glaube, es ist beides. Ich bin generell bei Bewertungssituationen eher nervös, aber hier kommt noch dazu, dass ich richtig Angst habe, dass die Diagnose nicht bestätigt wird und ich dann wieder bei “ich bilde mir das nur ein” lande. Das würde mich glaube ich mehr treffen als eine normale Prüfung.

Und zu deiner Anmerkung, ich sei vielleicht noch jünger: Ich bin 39, hab zwei kleine Kinder (5 und 1) und starte demnächst wieder nach meiner Elternzeit in einen neuen Job. Genau das macht die Nervosität für mich noch größer. Wenn ich mir meinen Werdegang anschaue, ist das eigentlich fast eine Regel bei mir: alle zwei Jahre kam irgendwas Neues, sei es ein Jobwechsel, ein Fachwechsel im Studium oder eine Schwangerschaft und Elternzeit. Und ich glaube, die Schwangerschaften kamen bei mir nicht zufällig genau dann, wenn ich innerlich mit dem jeweiligen Job schon abgeschlossen hatte. Das Muster war immer ähnlich: am Anfang totales Interesse, dann irgendwann Langeweile, dann Flüchtigkeitsfehler, Überforderung, und am Ende der Wunsch nach was Neuem, zuletzt sogar bis hin zu einem Burnout. Gerade mit dem zweiten Kind merke ich jetzt schon im Alltag, wie schwer es mir fällt, alles auf die Reihe zu bekommen und mich zu organisieren, und ich hab richtig Angst, dass sich das im neuen Job wiederholt oder sogar noch schlimmer wird. Ich hoffe wirklich, dass eine Medikation da helfen könnte, diesen Kreislauf etwas zu durchbrechen.

Und ehrlich gesagt geht es mir bei der Diagnostik gar nicht nur um den Job. Ich hoffe, dass mir eine Diagnose eine Art Überschrift für vieles gibt, was mich schon mein ganzes Leben begleitet. Der ständige Selbsthass, diese Gedanken “ich bin faul, ich bin dumm”, die würden dann einfach nicht mehr so schwer wiegen. Ich hätte eine Antwort, dass es nicht an mangelnder Intelligenz oder Faulheit liegt, sondern dass mein Hirn vielleicht einfach anders funktioniert und ich bisher nie die passenden Mittel und Wege hatte, damit umzugehen.

Hallo!

Ich kann dir zwar überhaupt nicht weiterhelfen, aber ich verstehe dich so gut! Bis auf ein paar Details (du bist ein Jahr älter und ich habe nur ein Kind, und ich habe keine Diagnose oder Therapeutische Unterstützung und keinen Termin) könnte der Text von mir sein.

Das mit der Verunsicherung wenn man plötzlich überall Symptome sieht, ist bei mir genauso. Ich schwanke auch zwischen „das erklärt warum ich als Kind in der Schule so unglücklich war, warum ist das niemandem je aufgefallen, ich hätte mir vielleicht viel Leid erspart“ und (je nach Zyklusphase) „ach so schlimm ist es nicht und solange du noch sagst ‚ich kann nicht mehr‘ gehts schon noch irgendwie“.

Ich drücke dir die Daumen dass du die 2,5 Monate gut überstehst. Dann hast du jedenfalls ein bisschen Klarheit und eventuell neue Möglichkeiten dir zu helfen :purple_heart:

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