Neu hier 🤗 und Frage zu Prokrastination

Hallo zusammen,

ich bin spät diagnostiziert, über 50 und habe seit ein paar Monaten die Diagnose ADHS. Autistische Merkmale sehe ich auch… aber das Thema bin ich noch nicht angegangen.

Ich denke, ich hatte eine typische ADHS-Karriere und habe die Diagnose nun gut verdaut und blicke positiv nach vorne.

Weshalb ich mich austauschen möchte: Eins der Schwierigkeiten, dass mich bis heute nicht loslässt, ist die Prokrastination. Das war für mich die größte Motivation den Verdacht von einem Arzt bestätigen zu lassen und mich therapieren zu lassen, weil es das Leben sichtbar erschwert.

Ich bekomme aktuell Elvanse und bin mit einigen Wirkungen schon so richtig zufrieden. Es macht mir richtig Mut. Ich bin auch etwas aktiver und hänge nicht mehr nur am Handy wenn ich von der Arbeit komme. Aber ich schaffe es nach wie vor kaum eine verpflichtende Aktivität zu starten und schon gar nicht durchzuhalten. Vor allem im Haushalt. Im Garten z.B. geht es automatisch besser (warum auch immer). Am Arbeitsplatz bin ich mega fleißig. Aaaaber die Schubladen des Büroschranks sind vermüllt. :see_no_evil_monkey:

Einen Platz fĂĽr eine Erwachsenentherapie ohne Medikamente habe ich noch nicht bekommen. Alle Wartelisten sind geschlossen.

Hier meine Fragen:

  • wie hoch sind die Erfahrungswerte, dass es mit der richtigen Einstellung von Medikamenten besser wird.
  • wie sind die Erfahrungswerte, dass Therapeuten dabei helfen können?
  • welche Fachrichtung ist dafĂĽr die beste? Ergotherapie?
  • nutzt ihr Apps, die euch erinnern?

Ich habe mir das Forum durchgelesen und die Tipps und Tricks gefunden. Vieles davon habe ich ein Leben lang schon so oder so ähnlich versucht. Mal erfolgreich (bei hoher Motivation) . Meistens nicht :pensive_face:

Deshalb bin ich im Moment etwas desillusioniert. Auch wenn ich Erfahrungsberichte lese, bekomme ich den Eindruck, dass es ein lebenslanges Problem bleiben könnte. Das macht mir regelrecht Zukunftsangst. Ich war als Kind schon unfähig aufzuräumen. Es fühlte sich an, als wäre da eine unsichtbare Wand. Der Verstand kann mir dabei nicht helfen. Es ist zum Haare raufen.

Lieben Dank vorab

Willkömmchen bei uns :adxs_wink:

ADHS Medikamente haben wissenschaftlich gesehen den größten Nutzen, aber in den Leitlinien wird je nach Bedarf eine multimodale Therapie empfohlen.

Multimodal = Medikamentös + beispielsweise Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)

Das erscheint mir auch sinnvoll, denn die Medikation sorgt lediglich dafür, dass durch die Erhöhung der Neurotransmitter Noradrenalin und Dopamin gewisse Hirnareale effizienter (zusammen)arbeiten.

Das versetzt Patienten in der Regel überhaupt erst in die Lage, anschließend erfolgversprechend Therapien zu machen, um langfristig Denk- und Verhaltensmuster zu erkennen und schrittweise zu verändern.

Ohne Therapie funktioniert also das Hirn besser (was natürlich schon einen enormen Unterschied ausmacht und eigenständige Veränderungen begünstigen kann), aber über jahrzehntelange antrainierte Denk- / Verhaltensmuster löst die Medikation allein nicht auf.

Viel wichtiger wäre nach der Diagnosestellung überhaupt erstmal die Psychoedukation.

Psychoedukation fĂĽr Erwachsene mit ADHS als Basisstrategie. Inhalte:
  • Krankheitsmodell: Symptome, Verlauf, neurobiologisches Verständnis, häufige Fehldeutungen.

  • Funktionsbeeinträchtigungen: Exekutive Dysfunktionen, Emotionsregulation, Zusammenhang mit Prokrastination und Perfektionismus/Vermeidung.

  • Komorbiditäten und Differenzialdiagnosen: Angst, Depression, Sucht, Schlaf- und zirkadiane Störungen; Screening und Warnzeichen.

  • Behandlungsbausteine: Evidenz zu Pharmakotherapie, Psychotherapie, Kombinationsbehandlung; realistische Erwartungen, Therapieziel-Setting.

  • Alltagsstrategien: Strukturierung, Zeit- und Energiemanagement, Reizkontrolle, Aufgaben-Start-Techniken (z. B. 5-Minuten-Start), Implementierungsintentionen, Nachsorge/Relapse-Prävention.

  • Lebensstil: Schlafhygiene, körperliche Aktivität, Substanzgebrauch; Wirkung auf Symptome und Medikation.

KĂĽrzlich ist die erste ADHS DiGA (Digitale Gesundheitsanwendung) fĂĽr Erwachsene namens ORIKO in den BfArM Katalog aufgenommen worden und kann nun Patienten verschrieben werden.

Darin enthalten ist u.a. Psychoedukation und auch ein Modul zum Thema Prokrastination.

Vielleicht wäre diese DiGA übergangsweise der ideale Einstieg bis du einen Therapieplatz gefunden hast.

Hier gibts mehr Infos zu ORIKO:

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Es gibt keine Wunderpillen und es startet alles von alleine!

So lange die richtige Dosis nicht gefunden ist, kann das mit Ordnung und Proklamation schon mal bisschen auf und ab sein.

Hast du noch andere Baustellen psychisch?

Ich habe sie und stelle fest, daß wenn sich die psychische stabilisiert vieles irgendwie nach Tagen des Aufregens „beiläufig“ aufräumt. Ich bin aber auch eigentlich 300% und hasse Unordnung und Chaos und konnte immer schon sagen meine Wohnung zeigt exakt meinen psychischen Zustand wieder. Gerade eo Kathy im Sterben und alles so ungewiss war, trat Unordnung auf und als Kathy tot war und Eva einzog und ich total verzweifelte eskalierte es hier richtig. Jetzt ist Eva halbwegs angekommen und ich mich gefangen und es tut sich was, dürfte mehr sein.

Grundsätzlich wenn du eine gute Ergotherapiepraxis hast hilft mir das sehr, ich hatte vorher eine schlechte Praxis und dann gings richtig nach hinten los.

Ich glaube aber das wir schon damit leben lernen und wahrscheinlich auch nach psychischen Zustand mal mehr Anfangszwang zum Erledigen/ Aufräumen aufbringen müssen und geht es uns psychisch besser wahrscheinlich weniger. Aber jeder ist i dividuell und du mußt überhaupt erst mal schauen wie du dich mit Medikamenten entwickelst, und das braucht schon Zeit, weil alles was zum Verschlechtern Zeit brauchte kann nicht morgen weg sein zudem braucht auch das Gehirn Zeit zur Ruhe zu kommen und kann dann die freien Kapazitäten in andere Verbindungen und Schaltungen investieren

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Vielen lieben Dank fĂĽr diese Informationen. Das war neu fĂĽr mich. Das ist groĂźartig :smiling_face:

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Danke dir für deine Antwort. Ja, ich habe an sich sehr viele Probleme die wohl durch die unbehandelte ADHS entstanden sind. In der Schule hatte ich Schwierigkeiten. In der Familie war ich „die Zurückgebliebene“. Gefühlt war ich mein Leben lang melancholisch, hatte auch mal eine Depression diagnostiziert bekomme, habe Jobs gewechselt, war lange beruflich und privat nicht angekommen. Dann hatte ich so ein gewisses Suchtverhalten mit Zucker, Computerspielen und ich war schon zwanghafter Newsjunkie.

Wegen Adipositas habe ich die Abnehmspritze bekommen. Das hat seit einem Jahr die Suchtsymptome fast komplett aufgelöst. Da bin ich meinem Hausarzt so dankbar für. Mein Psychiater weiß auch schon, dass dieser Wirkstoff bestimmte Symptome bekämpfen kann.

Aktuell bin ich stabil. Aber mein Mann und ich sind kinderlos. Wenn ich mich mal um uns beide kümmern muss… wird’s problematisch. Seit 20 Jahren befürchte ich dement zu sein. Aber es sind wohl die Probleme mit adhs. Leider merke ich da auch noch keine Besserun. Aber ich möchte geduldig sein.

Ich gehe auch davon aus, das die Psyche und familiäre Probleme alles auch noch negativ beeinflussen.

Danke dir fĂĽr den Tipp mit der Ergotherapie und das du mit deine Gedanken geteilt hast. Ich fĂĽhle mich gestĂĽtzt. :smiling_face:

Ich drĂĽcke dir die Daumen und eine gute Zeit.

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