Noch weniger Impulskontrolle nach der Diagnose

Hallo liebes Forum,

ich bin neu dabei- hier im Forum und auch neu diagnostiziert vor 3 Wochen.

Wie viele auch habe ich meine Diagnose erst mit fast 40 bekommen und war erst einmal erleichtert, weil es so viele schwere Momente in meinem Leben erklärt hat. Gleichzeitig war ich immer eine Kämpferin und plötzlich habe ich das Gefühl, dass es egal ist, wie sehr ich versuche mich zusammen zu reißen, sei es beim impulsiven Essen oder Geld ausgeben oder spät ins Bett gehen- ich denke mir jetzt unbewusst „ach das kann ich eh nicht schaffen und nicht kontrollieren“, einfach weil jemand anderes am Steuer ist. Parallel suche ich nach einer Therapie und einer medikamentösen Behandlung, was ja nur leider nicht so einfach ist.

Ich fühle mich gerade irgendwie hilflos und weiß nicht, wie ich diese impulsivität steuern kann, bis ich professionelle Unterstützung bekomme. Gerade fühle ich mich etwas zwischen den Welten und als hätte ich mir einen Freifahrtschein dafür gegeben, die Kontrolle aufzugeben. Nur dass sich das nicht nach glücklicher Freiheit anfühlt. Kennt das jemand auch so?

Liebe Grüße

Kathi

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Hallo Kathi (aus Hamburg?), schön dass du hier bist.

Ich glaube, das verstehe ich gerade nicht ganz: Kann dir dein Diagnosesteller nicht die Medikamente verschreiben?

Oder anders gefragt: Wieviel Wert hat deine Diagnose, wenn sie von jemandem kommt, der dich nicht adäquat nach der diagnostizierten Erkrankung behandeln kann? (Ketzerisch, entschuldige :woman_shrugging:t2:)

Um auf deine Frage zu antworten: Ja, kenne ich, ich habe das Gefühl, abzusaufen, durchzudrehen.

Habe noch keine endgültige Diagnose vom Psychiater und versuche mich etwas zurückzuhalten. Der nächste Termin ist leider erst in einigen Wochen.

Aber ich sehe, dass sich meine Probleme einfach so krass deutlich zeigen, entweder habe ich es vorher nur nicht erkannt und ist mir bewusster geworden oder der Stress verstärkt es. Die ganzen Gedanken, wie unfair das Gesundheitssystem ist, wie diskriminiert wir als Frauen einfach sind in der Medizin (Zwillingsbruder vor über 30 Jahren diagnostiziert und behandelt), Frust über soviel (unnötig!) verlorene Lebenszeit (ich war vor acht! Jahren bei einer Fachstelle, die es nicht gesehen haben! Und es leuchtet so offensichtlich; denke ich), zerstörte Herkunftsfamilie, weil die 90er eben so waren, immer gescheitert, und nicht gesehen, dass ich halt Teil des Problems bin, usw..

Ich hatte aber schon Erstgespräche mit Psychologen, unter anderem eine, die Erfahrungen mit ADHS-Patienten hat und sehr geradeheraus ist und mir ADHS schon als sehr wahrscheinlich bestätigt hat – auch wenn ich keinen „Stempel“ suche, sondern echte Hilfe gegen meine Probleme. Die Psychotherapeuten behandeln scheinbar aber erst nach gesicherter Fachdiagnose, wenn ich das richtig verstanden habe. Macht ja auch irgendwie Sinn, wenn man bedenkt, dass viele Probleme mit der richtigen Medikamentierung (schreibt man das so?!) schon stark gemildert sind und Begleiterkrankungen erheblich besser werden. .

Nun zum vielleicht für dich interessantesten Teil:

Mehrere Therapeuten habe ich zur Auswahl, weil ich von 116117 mir eine Therapeutenliste vom Umkreis geschnappt habe (und das ist alles nur geklaut… the sound of my life…) und diese strukturiert abtelefoniert habe. Mit geöffneter Word-Datei. Ich habe notiert, wen ich wann angerufen habe, die Telefonnummer des Therapeuten und wann die Telefonzeiten haben. Für diese habe ich mir einen Wecker (Wecker nach Therapeuten benannt) auf der Uhr am betreffenden Wochentag gestellt und dann nochmal angerufen.

Ja, das klingt brutal strukturiert. Es hat aber auch zwei Monate gedauert, weil ichs immer wieder hab schleifen lassen. Ich hoffe, mir jetzt damit den geeignetsten Therapeuten raussuchen zu können.

Vielleicht hilft dir das ja bei deiner Suche.

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Das kenne ich auch, allerdings in Bezug auf andere ADHS-Symptome. Ich wurde im November im Alter von 30 Jahren diagnostiziert.

Die letzten zehn Jahre davor habe ich mich in einer Abwärtsspirale befunden, wo ich mir innerlich selbst vorgeworfen habe, ich sei faul und undiszipliniert, warum kann ich nicht einfach xy tun etc. War auch Kämpferin, wie du es beschreibst, habe aber auch viele Kämpfe verloren oder endlos, ohne Sieg in Sicht, weitergeführt. In den letzten Jahren habe ich akzeptiert, dass ich „Depressionen“ (wohl eher undiagnostiziertes ADHS) habe und habe mehr Selbstliebe und Akzeptanz gelernt.

Seit der ADHS-Diagnose denke ich mir aber auch immer wieder bei manchen Sachen „Ach, lass es, das kannst du eben nicht.“ Z.B. wenn ich schon merke, dass ich einen „Bad-Brain-Tag“ habe und mich nicht konzentrieren kann, dann setze ich mich im Unterricht bewusst in die letzte Reihe und mache alles andere als zuhören. So störe ich zumindest niemanden und in der konkreten Situation kann ich nichts tun.

Ich denke, je nachdem, um was es sich handelt, kann dieser „Freifahrtschein“, wie du ihn beschreibst, positiv oder negativ sein.

Wenn die Alternative zum Freifahrtschein energiezehrendes Masking ist oder dass man mit sich selbst schimpft, weil man etwas nicht hinbekommt, dann ist der Freifahrtschein vermutlich eine gute Wahl.

Wenn man aber stattdessen einen produktiveren Umgang mit dem Problem findet, wäre das sicherlich besser, als es gar nicht erst zu versuchen.

In deinen Beispielen mit impulsivem Essen, Geld ausgeben oder spät ins Bett gehen würde ich mir bis zur Behandlung überlegen, ob es Zwischenlösungen gibt.
Zum Beispiel habe ich mit einer App, die Webseiten blockiert, nicht nur Social Media gesperrt, sondern auch alle Essenslieferanten, damit ich nicht mehr so viel Geld beim Essen bestellen ausgebe. Amazon hatte ich mir auf einen Tag pro Woche eingeschränkt, damit ich nicht mehr so oft impulsiv etwas bestelle. Je nachdem, warum du so spät ins Bett gehst, könntest du damit auch Handy, PC und co. entsprechend sperren.
Das ist aber auch nur ein beispielhafter Lösungsansatz, der mir gerade spontan einfiel.

Soweit ich weiß, ist das (leider) sehr normal. Meine Diagnostik wurde auch von einem psychologischen Psychotherapeuten durchgeführt, weil meine Psychiaterin die Diagnostik nicht durchführt. Der Diagnostiker hatte auch keine Behandlungsangebote bzgl. ADHS. Hätte ich nicht schon eine Psychiaterin gehabt, hätte ich danach auch nach einem Psychiater suchen müssen.

Dennoch hat es meiner Meinung nach schon per se einen Wert, eine ADHS-Diagnose zu haben. Damit kann man sich schonmal mit der Thematik befassen und entscheiden, wie man weiterbehandelt werden möchte.

Natürlich wäre es schon ideal, wenn man diagnostiziert wird und direkt von derselben Person Psychotherapie und am besten noch Medikamente bekommt. Dafür ist nur leider unser Gesundheitssystem überhaupt nicht ausgelegt :sweat_smile:

Ja genau, die Diagnose wurde von einer Psychologin gestellt, die aber leider nicht weiterbehandeln kann- weil sie hochschwanger ist :sweat_smile:

Ich werde es jetzt auch einmal über die 116 117 probieren. Das mit der strukturierten Liste ist ein super Tipp. Ich stelle mich aber auch schon auf eine monatelange Suche ein. Vielleicht gehe ich für die Medikamente auch als Selbstzahlerin zum Psychiater, alle Ärzte, die auf Kasse behandeln, haben direkt auf der Homepage stehen „alles voll“

und mit der fehlenden Kontrolle habe ich mir gestern überlegt, ob das vielleicht einfach nur eine Überkompensation meiner lebenslangen Kontrolle war, dass mein Körper und mein Kopf gerade absolut keine Kontrolle mehr möchten. Also versuche ich das jetzt mal liebevoll zu sehen und für den Moment zu akzeptieren. Wahrscheinlich pendelt sich das so am schnellsten wieder ein, als wenn ich versuche, mit immer mehr Druck dagegen zu halten. Das ist sonst eine Endlosspirale.

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Ich hatte Glück und hab zumindest einen Psychiater gefunden (fast 6 Monate Wartezeit, Termin ist erst im April).

Aber da es mir persönlich gerade auch ziemlich schlecht geht und ich einfach keinen Psychotherapeut finde (und einfach auch die Kraft nicht mehr habe zum suchen aktuell) Versuche ich beim Hausarzt einen Vermittlungs bzw. dinglichkeits code für die 116117 zu bekommen.

Vielleicht kannst du das auch Mal mit deinem Hausarzt besprechen, ob sowas möglich ist.

Ich hab den Termin am Freitag. Allerdings spielt bei mir eben auch Depression eine Rolle, welche gerade wieder ziemlich aktiv ist…

Auch wenn es bei mir, seit der Diagnose, mit der Impulskontrolle nicht schlimmer geworden ist, kann ich dieses “ist ja eh egal, ich mache halt” trotzdem nachempfinden weil ich das teils auch hab, wenn auch nicht im Zusammenhang mit der Diagnose und kann näher nachfühlen, wie belastend das sein muss.

Wenn du selber keinen Therapeuten findest, versuchs über den Hausarzt.

Oder direkt über die 116117.

Für einen Ersttermin braucht man nicht unbedingt einen Code. Der Therapeut entscheident dann, wie es weiter geht.

Eventuell wirst du auch weiter vermittelt.

Ich drücke dir die Daumen, dass du jemand findest.