Hallo zusammen, nachdem ich viel hier im Forum gelesen habe, bin ich sehr an euren Erfahrungen und Ratschlägen interessiert:
Leider wurde meine ADHS erst durch die ADHS meines Sohnes erkannt, da war ich bereits 45 Jahre alt und die eigentliche Komorbidität Depression hatte sich über viele Jahre chronifiziert. Deshalb nehme ich dauerhaft 225mg Venlafaxin täglich. Weder meine Therapeutin, meine Psychiaterin noch die Ärzte in der Tagesklinik kamen auf den Gedanken, dass meine beiden Burnouts („Erschöpfungsdepression“) die Ursache einer unbehandelten ADHS haben könnten. Ich bin beruflich sehr erfolgreich, hatte in Schule und Studium Bestnoten und stehe mitten im Leben. Das passte wohl nicht ins „typische ADHS-Bild“. Mein Preis für die extreme unbewusste Kompensation war hoch. Meine psychische Gesundheit, meine Stressresistenz und Belastbarkeit sind dauerhaft beeinträchtigt. Ich lebte in einem Zustand der Dauererschöpfung und Dauermüdigkeit. Ein täglicher Kampf mit dem Alltag. So viel zum Hintergrund. Nach der Diagnose ADHS bekam ich zunächst Medikinet (2x 20mg) - ein absoluter Gamechanger. Ich konnte klarer denken, mich auf Monotones stundenlang konzentrieren und habe endlich wieder ein normales Tagespensum aus Job und Haushalt absolvieren können - morgens wach, abends müde. Eine für mich unfassbar überwältigende Erfahrung. Da mich die Wirkspitzen und der „Essenszwang“ am Morgen störten, empfahl mir meine Psychiaterin Lisdexamphetamin („Elvanse“). Ich wurde hochdosiert auf 1x40 mg und alles war super. Ca. 3 Monate lang. Dann setzten plötzlich wieder die bekannte Erschöpfung und Müdigkeit ein. Aus heiterem Himmel und anhaltend, als wäre das Medikament gar nicht da. Das hat mich völlig aus der Bahn geworfen. Nun soll ich pausieren. Mache ich seit gut einer Woche. Mein Energielevel ist wieder wie vor der Diagnose. Ich bin krankgeschrieben und kann mir auf diesem Energielevel kaum vorstellen, wieder zu arbeiten. Meine Psychiaterin meint, ich sei „auf dem Boden der Tatsachen angekommen“. Meine Fragen an die Community: Ist das normal während der Medikation? Gibt es solche Phasen? Oder wirkt Elvanse nicht mehr? Ich bin 2 Wochen zu Hause. Reicht das als Med-Pause? Sollte man nach der Pause lieber erstmal wieder auf Medikinet wechseln, wegen der kürzeren Wirkdauer? Ich bin total verunsichert und ratlos. Für eure Meinungen wäre ich sehr dankbar und weiß natürlich, dass im Zweifelsfall meine Ärztin das letzte Wort hat .
ich bin zwar absolut keine Expertin und andere hier werden dir sicher viel fundierter etwas dazu sagen können, aber kann dir vielleicht auf Basis meiner Erfahrung antworten. Ich könnte mir vorstellen, dass das vielleicht auch eine Kombi aus mehreren Faktoren war:
Zum einen gewöhnt man sich an die Wirkung der Medikamente und es fühlt sich nicht mehr so an, als würde da was wirken, tut es aber vermutlich. Oder du müsstest an diesem Punkt noch mal leicht erhöhen.
Zum anderen könnte es auch sein, dass du dich etwas übernommen hast, weil jetzt plötzlich wieder so viel funktioniert hat. Dann erschöpft man sich schnell mal, ohne es so deutlich zu merken. Und kein Medikament der Welt kann das dann noch ausgleichen, das wäre ja auch nicht gesund.
Was ich noch nicht ganz verstanden habe: Warum überlegst du, zu Medikinet zurück zu wechseln? Wie steht die kürzere Wirkdauer da in Zusammenhang mit den Problemen, die du gerade erlebst? Vielleicht steh ich auch gerade auf dem Schlauch
Danke für dein Feedback. Der Gedanke mit dem Medikinet kam auf, weil ich damit diese Erschöpfung nicht hatte und es nicht nachwirkt durch die kurze HWZ. Natürlich mag ich mich übernommen haben. Das meinte meine Psychiaterin auch. Aber wie verhalte ich mich jetzt? Pause ist ok. 2 Wochen zu Hause ohne LDX auch. Und dann? Nehme ich wieder meine 40 mg? Was wenn die Erschöpfung dann noch da ist? Einfach weiternehmen und versuchen kürzer zu treten? Kommt die alte Wirkung dann zurück? Ich möchte auch ungern wieder arbeiten gehen und gleich wieder ausfallen, weil ich nach einer Woche mit Medikation immernoch todesschlapp bin. Auch daher der Gedanke mit Medikinet. Elvanse wirkt ja eher flach und gleichmäßig, während Medikinet deutliche Kurven hat. Da ist der Antrieb in den Spitzen natürlich auch höher.
Mehr als 40 mg Elvanse möchte ich nicht nehmen. Dann steigen die Nebenwirkungen bei mir zu hoch. Unter 20 mg hat die Wirkung nach 6 Stunden aufgehört, das war zu wenig und 30 mg habe ich überhaupt nicht vertragen. Merkwürdigerweise hat das die Symptome total verstärkt. Also entweder wieder 40 mg oder alternativ (mit Ärztin abgeklärt) 20 mg Elvanse früh und bei Bedarf 20 mg Medikinet so gegen 14 Uhr. Oder eben 2x 20 mg Medikinet, um zu sehen obs am LDX liegt und Metylphenidat aktuell besser passt.
Ah okay! Bin da selbst noch in der „Findungsphase“ und habe tatsächlich selbst bei den langwirksamen Medikamenten (sowohl bei LDX als auch bei MPH) das Gefühl, dass sie meinen Schlaf deutlich mehr stören als z. B. Medikinet. Das trägt natürlich dann zur Erschöpfung bei. Hatte selbst schon mehrere Krankschreibungen wegen Erschöpfungsdepression, kann deine Bedenken also absolut nachvollziehen.
Ich finde das sehr schwierig und bin eigentlich gerade ebenso an Ideen anderer interessiert, da die ganze Problematik bei mir durchaus ähnlich gelagert ist und es da denke ich keine einfache Lösung gibt. Vermutlich muss man das Medikament mit dem günstigsten Kosten-/Nutzen-Verhältnis für sich finden und ansonsten daran arbeiten, nicht ständig über die eigenen Grenzen zu gehen. Aber leichter gesagt als getan…
Hey Ruby, klingt ja als wäre da einiges los bei dir! Bist du parallel in psychotherapeutischer Behandlung? Ich lese zwischen den Zeilen raus dass du davon profitieren könntest. Burnout und Depression hängen ja selten Kausal mit ADHS zusammen, oft liegt dazwischen ungünstiges Verhalten, wie z.B. Probleme dabei zu entspannen.
Dem würde ich in Teilen jedoch widersprechen. Gerade dieses ungünstige Verhalten und die Unfähigkeit zu entspannen hängen ja oft direkt mit den Eigenheiten eines ADHS-Gehirns zusammen. Ich bin auch überzeugt davon, dass Therapie in einem solchen Fall sehr gut unterstützen kann, aber bei mir hat Therapie ohne Medikation nicht zu nachhaltigen Erfolgen geführt.
Ich sehe da also schon auch einen kausalen Zusammenhang, auch wenn andere Faktoren (innere Überzeugungen, Perfektionismus etc.) natürlich deutlich mit reinspielen. Aber dass in diesem Fall erstmal die Medikation richtig eingestellt wird, erscheint mir sehr sinnvoll.
Gerade die von Ruby beschriebenen Probleme klingen ja tatsächlich nach Burnout, und die Frage ist, inwieweit sie die Wirkung der ADHS Medikation überlagern. „Erstmal die Medikation einstellen und dann Therapie machen“ halte ich daher für ein fragwürdiges vorgehen. Stimulanzien sorgen ja durch ihren Wirkmechanismus für mehr Energie. Die Frage ist, welche anderen Faktoren im Alltag die Erschöpfung begünstigen, und ob es gerade ratsam ist, „alte Muster“ mit „mehr Energie durch Stimulanzien“ weiter zu wiederholen. Das wird aber am Ende ein Experte entscheiden müssen, ich halte es trotzdem für mehr als Ratsam parallel eine ambulante Psychotherapie für kognitive Verhaltenstherapie aufzusuchen.
Ich hatte 5 Jahre lang Verhaltenstherapie (Gruppentherapie) auf Grund meiner Depressionsdiagnose 2018. Zunächst waren es Episoden, dann ging es in Dythymie über. Episoden habe ich trotzdem noch gehabt. Ich habe über die Jahre auch mehrere Antidepressiva genommen, bis ich zu Venlafaxin gefunden habe, mit dem ich absolut zufrieden bin. Hochfunktionalität war schon immer mein „Problem“. Perfektionismus, Eigenanspruch, Erfolg. Ich liebe meinen Job. Das ist meine Selbstwertquelle. Erst durch die ADHS-Diagnose habe ich gelernt, dass ich dadurch mein Leben lang überkompensiere und maskiere. Dass die Gründe dafür, dass mir mein Alltag alle Kraft raubt nicht (nur) am Mental Load, sondern an der ständigen Reizüberflutung liegt. Ich mache nichts anders als andere Menschen, aber die haben neben Job und Haushalt auch noch Kraft für Freunde und Sport. Hatte ich schon ewig nicht mehr. Als dann mein Wunschkind zur Welt kam, war es quasi aus. Noch mehr Verantwortung, noch mehr „funktionieren müssen“. Da konnte ich nicht mehr kompensieren und es folgten nach und nach die neurodivergenten Diagnosen. Ich hab sogar mal einen teuren MBSR-Kurs besucht, mit der Prämisse „zu lernen, wie man den Kopf ausschaltet. Ich möchte nicht mehr denken müssen“, sagte ich zum Coach. Er versprach natürlich, seine Meditationen würden helfen, taten sie aber nicht. Meine Burnouts waren nie beruflicher Natur. Es war immer das Gesamtpaket aus Alltag, Job, Vereinbarkeit und Kind. Die Gedanken sind gerast, ich konnte mir nichts mehr merken und war nur noch auf der Suche nach Dingen, weil ich alles verlege. Die Coronazeit war natürlich besonders belastend. Meine ADHS-Diagnose ist daher die totale Erleichterung! Endlich kann ich mein Wesen/Verhalten einordnen. Die dauerhafte Stressüberlastung über Jahrzehnte hat in die Depression geführt - ist aber „nur“ die Folge unbehandelter ADHS. Deshalb war meine Therapie auch kaum wirksam, weil sie quasi am Kernthema vorbei ging. Ich überlege eine ADHS-gezielte Verhaltenstherapie als Einzelthetapie zu beginnen, habe hier in der Umgebung aber noch keine Praxis gefunden, die ADHS bei Erwachsenen behandelt. Das wird sogar teilweise explizit ausgeschlossen.
Es gibt einen großen Zusammenhang zwischen ADHS und Depression: 80% der ADHS-Betroffenen haben Komorbiditäten (Begleiterkrankungen wie z.B. Sucht oder Angststörungen), Depression ist die Häufigste. Ein Beispiel: Depressive impulsive Phasen spielen sich im präfrontalen Kortex ab, sind meist Überreaktionen und vorübergehend. In der Depressionstherapie erklärt einem deshalb niemand, wie man mit dauerhafter Impulsivität in all ihren Facetten (Kaufverhalten, dazwischenreden, zu viel reden, Oversharing… usw.) umgeht. Erst recht nicht, wenn es normal ist, ohne emotionalen Trigger oder besondere Aufregung. Dennoch ist der gleiche Hirnbereich betroffen. Bei ADHS nur eben immer und von Geburt an. Der ganze Aufmerksamkeitsbereich der ADHS-Symptome wäre ein weiteres Beispiel. Gibt es alles für sich auch in der Depression. Kaum jemand prüft, ob man vielleicht Pest UND Cholera hat. Einmal Diagnose Depression und der Drops ist gelutscht. Ich will nicht wissen wieviele Menschen Ü 40 mit therapieresistenten Depressionen auch eine unerkannte ADHS haben, besonders Frauen. Nur mal so viel von meiner Seite zu Therapieerfahrung und Zusammenhang ADHS und Depression.
Das halte ich für eine tolle Idee, bei der du nichts zu verlieren hast! Ich empfehle Freunden gerne, sich auch bei Ausbildungsinstituten für Psychotherapeuten zu bewerben. Die haben in meinen Augen mehrere Vorteile: Erstens lernen die gerade nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen, und gerade bei der ADHS hat sich in den letzten Jahren ja doch ein bisschen was getan. Zweitens gucken immer 4 bis 6 Augenpaare auf deinen Fall: Der Therapeut selbst und auch erfahrene Supervisoren, die die Therapie begleiten. Zuguter letzt bekommt man - zumindest in meiner Erfahrung - auch gerne mal schneller einen Platz.
könnten deine Probleme mit deinem Zyklus oder vielleicht langsam einsetzenden Wechseljahren und Hormonschwankungen zu tun haben und bräuchten z.B. im Zyklus ne Anpassung um 10 mg Stimulanz um dann 14 Tage später die normale Menge Stimulanz zu nehmen? Oestrogene sind ja auch wie Stimulanzien und reduzieren Adhs Symptome
Duch mal nach allem was du mit dr. sibel Nayman findest sie hat sich den weiblichen Besonderheiten verschrieben
ich hab mal die Seite ihrer Jni exoäemplarisch beigefügt
Um zu sehen ob du von solchen Toleranzpausen profitierst sollten ein paar Tage reichen. Nach paar Monaten eine Toleranz aufgebaut zu haben sehe zudem ich als unwahrscheinlich.
Eher könnte ich mir vorstellen dass eine einmalige Dosis Erhöhung sinnvoll ist.
Du meintest du verträgst nicht mehr als 40mg, hattest du ganz am Anfang mehr probiert oder kürzlich?
Danke dir. Das halte ich aus verschiedenen Gründen für unwahrscheinlich in meinem Fall, betrifft aber sicher viele andere Frauen und wird vielleicht irgendwann auch für mich interessant.
Das hatte ich im Rahmen der Aufdosierung ausprobiert. Also bevor ich an 40 mg dauerhaft gewöhnt war. Möglich ist es also. Momentan frage ich mich aber eher, wie man nach einer Pause wieder einsteigt? Direkt mit der Standarddosis?
@Ruby_1 Ich hatte eine Woche Pause (zuvor 60mg), in dieser Woche auch an 3 Tagen MPH. Nach der Woche dachte ich, ach das war ja nicht lang, bin direkt mit 50mg gestartet. Tag 1 war gut, die nächsten Tage ging es bergab. Habe dann erstmal wieder 1 Woche 40mg, 1 Woche 50mg und dann erst wieder 60mg genommen.
Will meinen: vielleicht doch erstmal vorsichtig herantasten