Positive Erfahrungen adhs-Medikation

Hallo ihr Lieben,

naturgemäss liest man in einem Forum viele Fragen, die sich um das “nicht funktionieren” drehen. Also warum die Medikamente nicht wirken, wie sie sollen, denn man möchte ja Rat einholen.

Mich interessiert im Moment gerade sehr die andere Seite:

Wie sieht das Leben aus, wenn die Medikamente gut passen, wie positiv hat sich euer Leben dadurch gewandelt?

Würde mich sehr über Feedback freuen,

liebe Grüße Lumina

Hallo du Liebe,

Da bei vielen Betroffenen mit Adhs, mich eingeschlossen, die automatische Rückschautastenfunktion auf der Lebensfernbedienung für Positives häufig einen Wackelkontakt hat, versuche ich dennoch mal zu Antworten.

Ich weiß nicht ob meine Medikation so richtig passt oder jemals passen wird, ich halte mich aber mal an die Aussage von Heiner Lachenmeier, dass viele ADHS Betroffen nach einer Gewissen Zeit ( Monate, Jahre), ihre Medikation senken und bei Bedarf nehmen bzw. Anpassen. Mache ich seit einer weile auch schon so.

Also was hat sich geändert? Rückblickend würde ich bei mir sagen, dass ich als aller erstes den verlorenen Jahren nachtrauere aber optimistischer den kommenden entgegen sehe. Ich bin definitiv mehr aus meiner Haut rausgekommen, Mutiger geworden, bin Umgänglicher geworden, Kreativer ( war ich natürlich schon vorher, kann es nun aber besser nutzen) und ein bisschen Sportlicher ( bleibt trotzdem ein Kampf mit dem Gewicht).

Versuche weniger Dinge zu tun die mir Schaden u.a. Alkohol zu Trinken was mir leichter fällt und habe eine Menge Hilfen angenommen die mir zwar all die Jahre zustanden, ich aber nicht annehmen konnte. Die Löcher in die ich so Falle sind nicht mehr ganz so tief und ein Rauskommen fällt ebenfalls leichter. Ich habe mittlerweile weniger Ängste, kann mich diesen besser Stellen und daran arbeiten wie an vielen anderem auch.

Viele Herausforderungen an denen ich arbeiten kann und konnte haben sich erst richtig gezeigt seit Medikation und Therapie. Ich habe quasi eine Brille aufgesetzt bekommen mit der Medikation um diese auch zu erkennen, da die Herausforderungen natürlich vorher schon da waren. Die Brille ist regelmäßig verschmiert und muss auch geputzt , vielleicht sogar neu eingestellt und geschliffen werden.

Es wird weiterhin eine tägliche Herausforderung bleiben für mich, vielleicht auch mal kurzzeitig schwerer als vorher und dennoch, in Summe Rückblickend, einfacher als all die Jahre zuvor.

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Vielen Dank lieber Schlingelprinz für deine wertvolle Erfahrung.

Das heißt, es ist zwar kein “Wunderzeug”, das Medikament, aber viele kleine Momente und Situationen werden besser.

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Hallo,

ich bin inzwischen auf einer Dosis angekommen, die sich für mich sehr gut anfühlt :slight_smile:

Ich glaube, der größte positive Effekt ist tatsächlich zu sehen, wie sehr die Gehirnchemie einen beeinflussen kann. Natürlich hat man sein Leben selbst in der Hand, aber mir ist mit Elvanse viel klarer geworden, dass manchen Menschen manche Dinge einfach viel schwerer fallen. Ob das jetzt Konzentration oder Freundlichkeit oder Geduld oder Gewicht abnehmen oder zunehmen ist.

Ich kann mich auf Sachen konzentrieren, für die ich keinen akuten Hyperfokus habe. Weil ich es rational will - wollte ich vorher auch schon, aber da ging es nicht, weil zu wenig Neurotransmitter da waren! Ich kann Sachen nacheinander erledigen, dranbleiben, nicht jeder Ablenkung sofort nachgehen, auch unangenehme Dinge mit einem kleinen Tritt in den Hintern viel leichter erledigen…

Wobei “können” nicht heißt, dass ich es dann tatsächlich auch tue :upside_down_face: Überwindung braucht es oft trotzdem noch, manchmal habe ich einen schlechten Tag, bin müde oder schlecht gelaunt, dann läuft es auch mal wieder überhaupt nicht.

Aber es ist nicht mehr dieses ewige “ich will und muss jetzt wirklich mal diese wichtige und dringende Aufgabe erledigen, sonst passieren schlimme Dinge!! und dann räume ich doch lieber die Küche auf, hänge auf Youtube rum oder google irgendwelchen Kram, den mein Gehirn gerade spannender findet…”. Ich komme schneller aus dem Prokrastinieren raus und falle nicht so schnell überhaupt erst in diese Falle.

Was ich auch sehr spannend finde: Plötzlich funktionieren die ganzen Produktivitätstipps, an die ich mich jahrelang verzweifelt klammern wollte!

Pomodoro z. B. - ich halte die 25 Minuten lernen dann auch durch! Vor der (richtigen) Medikation fand ich das auch eine tolle, sinnvolle Methode, aber mein Gehirn fand die Aufgabe nach 5 Minuten halt trotzdem zu langweilig und hat eigenständig entschieden, was anderes zu machen. Pomodoro-Timer hin oder her.

Bullet Journaling funktioniert für mich schon seit Jahren extrem gut, aber quasi alle anderen “5 Methoden, um sofort produktiver zu werden”-Sachen waren schlicht nicht umsetzbar.

Also ja: Ich muss mich trotzdem noch überwinden für einiges, es gibt immer noch Sachen, die liegenbleiben, obwohl ich sie erledigen sollte/müsste, ich hänge trotzdem noch mal unproduktiv herum. Aber in einem Ausmaß, wie es vermutlich die meisten Menschen kennen :slight_smile: Und das ist völlig in Ordnung für mich.

Traurig, dass ich die Diagnose “““erst””” mit 24 bekommen habe, bin ich nicht. Ich hatte aber auch sehr gute Startbedingungen im Leben und konnte mich da eben anders weiterentwickeln. War nicht immer leicht, ich bin (im Großen und Ganzen) daran gewachsen und jetzt, wo es leichter ist, profitiere ich davon, dass es mal schwerer war :sweat_smile:

Ich hoffe, damit trete ich niemanden auf den Schlips, ich hatte sehr viel Glück im Leben - dafür kann ich nichts, dafür könnt ihr nichts. Für mich ist es gerade schwer in Ordnung so :slightly_smiling_face: Und ich hoffe, dass das nicht frustrierend, sondern hoffnungsvoll ist für Menschen, die nicht so viel Glück hatten.

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Hallo an alle,

ich möchte die ADHS-Medikamente nicht mehr missen. Ich hatte neugierigerweise un längst mal ein paar Tage Pause gemacht. Oha, habe ich festgestellt: So ging es mir ohne Medikamente jahrzehntelang.
Ich (m,76, vor 8 Monaten spätdiagnosiziert) bin trotz oder wegen meines unentdeckten ADHS relativ erfolgreich und gut durchs Leben gekommen.

Vor der der ADHS-Diagnose wurde ich drei Jahre wegen/gegen Depression behandelt. Weil sich das als Sekundärerkrankung infolge des unbehandelten ADHS erwies habe ich die Antidepressiva abgesetz und nehme nur noch ADHS-Medikamente. Diese ADHS-Medikament dämpfen meine ADHS-Symptome mehr oder weniger gut. An diesen Zustand mit Medikamenten und ohne Nebenwirkungen (!) habe ich mich gewöhnt - das neue “Normal”. Vieles gelingt mir besser. Nur mit dem Hyperfokus hab ich immer noch ein Problem. Manchmal find ich kein Ende, wenn mich was beschäftigt.

Jedenfalls bin ich mit Medikamenten geduldiger und gelassener und kommunikativer als früher. Das will ich bleiben.

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Liebe Lis, ich freue mich sehr über deinen Bericht​:heart_exclamation::hugs: weil er Mut macht und auch zeigt, dass man mit den Medikamenten viel zum Positiven verändern kann. Und es ggf. nochmal angehen kann, wenn das Mittel oder die individuelle Dosis noch nicht stimmen.

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Iwan, ‘Hut ab’, dass du deine adhs-Reise mit 75 Jahren begonnen hast (und ‘Hut ab’, dass du 75 Jahre auch vorher dein Leben so gut gemeistert hast) :top_hat:. Deine Zeilen senden richtig positive Energie. Vielen lieben Dank, dass du das teilst :flexed_biceps::four_leaf_clover:

PS: Ist doch auch schön, diese “Superkraft Hyperfokus” neben den Medis noch zu haben :grin:

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