Psychoedukation

Hallo in die Runde!

Ich bin Psychotherapeut und möchte im kommenden Jahr neben ADHS Diagnostik auch eine Psychoedukationsgruppe anbieten. Ich habe schon viele Ideen für Inhalte, vielleicht sogar zu viele. Daher wollte ich in der Community mal nachfragen, was hättet ihr gerne nach eurer Diagnose gleich zu Beginn gewusst? Was war für euer Verständis wirklich wichtig? Welche Tipps und Tricks haben etwas verändert?

Ich würde mich sehr freuen, wenn ich auf diesem Wege ein weitere Eindrücke zusammentragen kann, von denen meinen Patienten dann profitiern können.

Vorab bereits ein Dankeschön!

Ich habe das Gefühl, dass ich hier meistens die ersten Fragen um die Medikation drehen.

Wichtig für mich damals war zu erfahren, wie sich ADHS auf mein Alltag auswirkt und wo es mich einschränkt aber vor allem auch, dass mir mein Psychotherapeut immer wieder klargemacht hat, „dass es nicht an mir in dem Sinne liegt und dass ich keine Schuld habe.“ vor allem auch die Erklärungen, die mir klarmachten, dass ich nicht „zu dumm und zu blöd und zu faul bin“.
Also erst mal alles, was mir Erleichterung gebracht hat. Danach war ich auch offener für alle weiteren Erklärungen.

Auch die Reflexion auf mein Leben zurück, war für mich hilfreich, um zu erkennen, wo es mich überall beeinflusst hat, aber auch die Sicht auf falsche Diagnosen und dass man ADHS viel zu spät bei mir erkannt hat.

Wichtig für mich waren auch die rein sachlich, fachlichen, neurologischen, Abläufe im Gehirn den ganzen Neurotransmitter Gewitter drum herum und so weiter.

1 „Gefällt mir“

Hi und vielen Dank für deinen Beitrag! Ja, diesen Moment der Entlastung aber auch die Unsicherheit, was gehört denn jetzt zu ADHS und was nicht, erlebe ich auch immer wieder. In Bezug auf die Medikation hoffe ich noch, dass ich mit Psychiatern kooperieren kann, so dass ich nur die Basics vermitteln muss, da wir als Psychotherapeuten hier nicht so gut ausgebildet sind.

1 „Gefällt mir“

Ich hätte gerne früher gewusst, dass Probleme mit dem Aufräumen, Ablage, Ordnung halten und Ausmisten gar nicht so ungewöhnlich sind bei ADHS. Oder Messie-Tum, Horten und so…

Thema Pro-Krasti-Nation… also vielleicht weißt du was contra Krasti-Nation.

Was oft nicht im Zusammenhang gesehen wird, ist die emotionale Labilität. Kränkbarkeit…

ADDitudeMag hat sogar mal ein Webinar zu Scham bei Männern veranstaltet.

Und dann - die Unsichtbarkeit von insbesondere ADS ohne H bei Hochbegabung - und die fiesen Folgen… bis hin zu Schulabsenz.

Und: dass man bei einer ADHS Diagnose in der Familie auch mal selber dran denken könnte, ob es auf einen zutrifft. Oder bei ADHS halt auch an ASS denken und umgekehrt.

Und wenn man nur die eine Diagnose von beiden hat, und die andere explizit ausgeschlossen wurde, dass man trotzdem beides haben kann, weil sich nicht jeder Psychiater so gut auskennt.

Und wenn man keine von beiden Diagnosen bekommen hat, dass man trotzdem eines davon oder beides haben kann - kommt halt auch viel auf die Fragen an und wie man sie interpretiert bzw ob die eigenen Symptome zu den Fragen überhaupt passen…

Und dann noch die Geschichte, die uns hier teilweise sehr in Misskredit bringt… dass Medikamente manchmal nur in niedrigerer als der üblichen Dosis vertragen und als hilfreich empfunden werden… und dass das insbesondere auch bei Autisten und sehr sensiblen Menschen der Fall sein kann. Aber es gibt halt auch leider bisher keine Erlenntnisse darüber, wer denn nun besser niedriger und langsamer eindosiert werden sollte und wer nicht…

… und dass viele Ärzte rote Flecken im Gesicht kriegen, wen man Kapseln teilt… Aber wenn das nun der Weg ist, der zu einer guten Wirkung führt…

… dass grade Elvanse oft nicht so lange wirkt wie es beschrieben steht… , dass nicht jeder Erwachsene Elvanse 30 auf Anhieb verträgt… dass man auch nicht automatisch dann mit Elvanse 20 glücklich wird… dass 5-er Zwischenschritte für die Aufdosierung hilfreich sein können…

Dass manche die Elvanse Tagesdosis erst vertragen, wenn sie auf zwei oder drei mal täglich verteilt wird…

3 „Gefällt mir“

Hi Nono,

vielen Dank für deine ausführliche Antwort! Ich versuche mal kurz zu einigen Punkt 1-2 Gedanken zu formulieren:

Thema Pro-Krasti-Nation… also vielleicht weißt du was contra Krasti-Nation.

Schönes Wortspiel :slight_smile: Ich habe mit Fr. Neuy-Lobkowicz eine Supervision gehabt, in der sie genau diesen Aspekt sehr hervorhebt, der klassischer Weise oft gar nicht so benannt ist in den Diagnosekriterien. Die Uni Münster hat eine Prokrastinationsambulanz mit interessanten Ansätzen: Empfehlungen für Betroffene

Was oft nicht im Zusammenhang gesehen wird, ist die emotionale Labilität. Kränkbarkeit…

Das ist ein Aspekt den ich für sehr wichtig halte, und der u.a. in den sog. Wender-Utah Kriterien auch viel deutlicher wird als in den klassischen ICD Symptomen.

ADDitudeMag hat sogar mal ein Webinar zu Scham bei Männern veranstaltet.

Den Aspekt habe ich bisher wenig betrachtet, danke für den Hinweis!

Und dann - die Unsichtbarkeit von insbesondere ADS ohne H bei Hochbegabung - und die fiesen Folgen… bis hin zu Schulabsenz.

Und: dass man bei einer ADHS Diagnose in der Familie auch mal selber dran denken könnte, ob es auf einen zutrifft. Oder bei ADHS halt auch an ASS denken und umgekehrt.

Das insbesondere auch dann, wenn die Geschwister vielleicht die externalisierende hyperaktive Komponente stärker ausgesprägt haben und man meint: im Vergleich zu denen, bin ich doch normal. Dass es innerlich aber ganz ähnliche Unruhe und Unaufmerksamkeit geben kann, kann schnell übersehen werden (von den Anderen wie von einem Selbst).

Und wenn man nur die eine Diagnose von beiden hat, und die andere explizit ausgeschlossen wurde, dass man trotzdem beides haben kann, weil sich nicht jeder Psychiater so gut auskennt.

Eine gute Diagnose ist natürlich das A & O. Deshalb kooperiere ich aktuell für die ASS Diagnostik mit Kolleginnen, die sich da besser auskennen.

Und wenn man keine von beiden Diagnosen bekommen hat, dass man trotzdem eines davon oder beides haben kann - kommt halt auch viel auf die Fragen an und wie man sie interpretiert bzw ob die eigenen Symptome zu den Fragen überhaupt passen…

Hier finde ich die Idee der Neurodiversität sehr hilfreich. Jedes Gehirn ist anders. Manche sind auf eine bestimmte Art & Weise anders und manche überschreiten dabei einen gewissen Wert, so dass man es entsprechend diagnostizieren kann. Hier würde ich als Psychotherapeut auch den Leidensdruck mit berücksichtigen. Falls jemand gute Bewältigungsmechanismen erlernt hat und er und sein Umfeld deshalb nicht mehr unter den individuellen Besonderheiten leiden würde ich keine Diagnose mehr vergeben, auch wenn im Hintergrund eine gewisse strukturelle Besonderheit weiterhin vorhanden ist.

Und dann noch die Geschichte, die uns hier teilweise sehr in Misskredit bringt… dass Medikamente manchmal nur in niedrigerer als der üblichen Dosis vertragen und als hilfreich empfunden werden… und dass das insbesondere auch bei Autisten und sehr sensiblen Menschen der Fall sein kann. Aber es gibt halt auch leider bisher keine Erlenntnisse darüber, wer denn nun besser niedriger und langsamer eindosiert werden sollte und wer nicht…

Hierbei auch ein Verständnis für die Psychaterinnen, die es auch nicht wissen können. Z.T. benötigen Personen mit extremer Symptomatik geringe Dosen und Menschen mit niedriger Symptomatik sehr hohe Dose. Bei Frauen dann auch noch abhängig vom Zyklus…

1 „Gefällt mir“

Ich finde eigentlich alles wichtig, was ich hier über das Forum erfahren habe, allerdings habe ich meine Medikamente auch ohne wirkliche Erklärung der Diagnose bekommen.

Das geht jetzt vielleicht auch eher in Richtung Psychiaterfeld, aber ich hätte gerne gewusst, was das ADHS Gehirn alles extra braucht, weil es ja total anders auf Substanzen z.B. Kaffee reagiert, also: worauf muss ich jetzt bei der Ernährung achten (besonders im Bezug auf Medikation, morgens etwas proteinhaltiges zur Einnahe)? Welche Nahrungsergänzungsmittel sind wichtig (z.B. sind im Winter sind ADHS Gehirne anfälliger auf Wintermüdigkeit + die Medikamente können wegen Vitamin D3 Mangel an Wirkung verlieren siehe dieser Artikel: Vitamine bei ADHS: Bedeutung, Wirkung und Studienergebnisse - ADxS.org )? Oder zumindet die Info, dass man sich echt informieren MUSS, schließlich funktionieren wir biochemisch einfach anders, und vielen ist nicht klar, dass man sich dementsprechend umstellen muss.

Ansonsten, besonders therapeutisch, wäre es mir wichtig zu vermitteln, dass nach der Diagnose ein neues Leben beginnt, was neue Verantwortung mit sich bringt. Nach der Diagnose werden rückblickend Probleme klar, man versteht sich selber besser und hat evtl. dank medikamentöser Behandlung endlich die Mittel in der Hand, um den Alltag zu meistern. Allerdings bedeutet das auch, dass man nun mit Eigenverantwortung Dinge erledigen muss und sich wirklich mit Intention und einem Plan an Dinge ransetzen muss. Besonders am Anfang der Behandlung könnte man denken, Medikamente seien ein Wunderheilmittel, mit dem man alles schafft, allerdings muss man die Motivation Dinge zu erledigen eben immernoch selbst aufbringen.

Deshalb wäre es auch schön, am Anfang Methoden vermittelt zu kriegen die einem erklären, wie man einen Tag plant, wie man Aufgaben erledigt, z.B. dass man nicht immer alles aufeinmal machen muss (mit unbehandeltem ADHS will man oft alles sofort machen und ist richtige Planung einfach nicht gewöhnt), wann man Pausen machen sollte und, wie man Pausen macht. Am wichtigsten wäre es mir zu erklären, dass man trotz der neuen Lust/ Energie/ Möglichkeit, Dinge erledigen zu können, nicht immer etwas erledigen muss und, dass nicht-ADHSler trotz dieser “Energie”, die wir ohne Hilfe einfach nicht haben, ja auch Pausen machen und brauchen.

4 „Gefällt mir“

Hallo Klara,

vielen Dank für deine Anregungen!

Den Aspekt ADHDs & Ernährung möchte ich auf jeden Fall auch anschneiden. Sehr wichtig finde ich auch den Teil, sich selbstverantwortlich weitergehende Infos zu besorgen. Ich hätte den Anspruch, ein gutes Grundgerüst und eine Orientierung zu vermitteln, so dass dies selbstständig leichter wird.

Zum Thema “neues Leben” finde ich zugleich auch noch wichtig, dass das “alte Leben” nicht vorbei ist. Die Herausforderung finde ich, wie ein guter Übergang, eine neue Lebenserzählung und -Perspektive gewonnen werden kann.

Und deinen letzten Punkt finde ich auch super wichtig. Hier geht es ja auch um Erwartungsmanagement und die Frage, was wäre ein passendes, nicht überforderndes Ideal-Ich.

Das ist für mich ein neuer Gedanke.

Finde ich interessant.

Aber „Ideal-Ich“… klingt der Begriff nicht schon nach Überforderung schlechthin?

Ich weiß nicht, ob es anderen nicht so ergeht, aber für mich persönlich müsste der Begriff nicht so hochtrabend klingen.

Denn „Ideal“ wird man doch auch weiterhin normalerweise nicht sein.

Ein Ideal kann man haben, nach dem man sich ausrichten kann.

Aber das ist dann kein „Ideal-Ich“.

Hm… bin ich jetzt detailpingelig?

Für mich spielt sowas aber eine große Rolle.

Ich habe gerade familiär eine extrem herausfordernde Situation, die ich überhaupt nicht im Entferntesten werde gut bewältigen können.

Aber ich bin gut zu mir, weiß das, und versuche es dennoch, so gut ich kann, zu managen…

Sowas Ähnliches wird ja wahrscheinlich gemeint sein…?

Ursprünglich geht es auf die Unterscheidung von C Rogers von Real- vs Idealselbst zurück. Also wie erlebe ich mich gerade und wie wäre ich gerne. Manchmal (oft auch bei ADHS) gibt es überzogene Erwartugen, wie ich idealerweise sein sollte, was dann zu Spannung und Leid führen kann. Was ein realistisches Ideal wäre, ist natürlich sehr individuell und schwer zu beantworten.

So ähnlich -nur etwas direkter- hat meine Therapeutin das kürzlich auch formuliert. Und genau das wurmt mich seitdem etwas.
Dachte eigentlich, Therapie, Medis, Oriko etc helfen, zumindest annähernd so zu werden, wie man eigentlich wäre, wenn die ganzen ADHS- und sonstwie bedingten Schwierigkeiten im sozialen Kontakt, Kommunikation etc nicht da wären.
Ist das Ziel dann nur, akzeptieren zu lernen, dass man halt manchmal etwas komisch und oft etwas insuffizient in manchen Dingen ist, und mithilfe dieser Akzeptanz glücklicher zu werden als vorher?
Heisst, da besteht beim nä. Termin noch mal Redebedarf. :thinking:

Das wäre also für mich ein sehr wichtiger Punkt in einer Psychoedukationsgruppe.
Für mich persönlich müsste mir niemand erzählen, wie ich meinen Tag strukturiere oder morgens schaffe an die Medis zu denken. Das nervt mich schon bei Oriko, obwohl ich natürlich WEISS, dass das häufig problematisch ist und natürlich unbedingt dazu gehört.
Wahrscheinlich ist es das schwierigste, in so einer Gruppe die Balance zu finden zwischen den einzelnen, doch sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten und Problemschwerpunkten, um niemanden zu langweilen oder vor den Kopf zu stoßen.
Das sind aber von meiner Seite nur theoretische Überlegungen, da ich nie in so einer Gruppe war.
Ich finde es gut, dass du hier Erfahrungen sammeln möchtest :+1:

1 „Gefällt mir“

Also ich glaube, dass man von Psychotherapie mit der Indikation ADHS nicht erwarten sollte, dass alles gut wird.

Ich denke, es kommt wirklich mehr drauf an, die Vergangenheit und seinen persönlichen Status Quo zu verstehen und sich besser erklären zu können, wieso das alles so gekommen ist im Laufe der Zeit, und um letztendlich mit dem Ganzen irgendwie Frieden schließen zu können.

Damit kann viel Ballast abgeworfen werden und man kann sich - und der Familie - vielleicht manches dann besser vergeben.

Das sehe ich als Ausgangsbasis an, um dann mit den Medikamenten und dem neuen Selbst-Verständnis seinen Weg zu suchen, sich mit der aktuellen Situation zu arrangieren und evtl zu schauen, wobei man dann nun noch weiter Unterstützung braucht oder vielleicht auch nicht.

3 „Gefällt mir“

Danke, lieber Nono. Wahrscheinlich hast du absolut recht . Aber um das wirklich zu verinnerlichen, müsste ich glaube ich erst mal meine innere Bockigkeit überwinden… Was andere Menschen angeht, bin ich sehr verständnisvoll, reflektiert, rational etc., nur wenn es um mich selber geht, überwiegt oft ein trotziges Kind ohne jeden Bezug zu Vernunft und Fakten. Ich will aber!
Aber kein Thema, wird schon werden, ich bin erst 51. Die Pubertät geht irgendwann vorbei :see_no_evil_monkey: :wink:

Für eine Psychoedukationsgruppe fände ich es für mich im übrigen auch wichtig, zu thematisieren, dass irgendwann Zweifel an der Richtigkeit der Diagnose auftreten können. Ist bei mir gerade so und habe ich auch schon häufiger im Forum gelesen. Sicher ist das ein ganz normaler Prozess auf dem Weg zu dem „neuen Selbstverständnis“ und in der Krankheitsverarbeitung. Aber unbedingt meiner Meinung nach auch nochmal wert, reflektiert zu werden.

1 „Gefällt mir“

“Also ich glaube, dass man von Psychotherapie mit der Indikation ADHS nicht erwarten sollte, dass alles gut wird.” Das finde ich einen sehr wichtigen Aspekt. Oft geht es tatächlich auch darum, gemeinsam zu betrauern, das irgendetwas nicht mehr gut wird oder nicht mehr zurückzuholen ist (z.B. auch bei erst spät erfolgter Diagnose etc.).

”Für eine Psychoedukationsgruppe fände ich es für mich im übrigen auch wichtig, zu thematisieren, dass irgendwann Zweifel an der Richtigkeit der Diagnose auftreten können.”
So geht es vielen meiner Patienten. V.a. da es keinen objektiven Test gibt, kann sich die Sorge einschleichenm ob man durch gezielte Antworten ggf. das Ergebnis mit beeinflusst hat. Hier sind für mich verschiedene Aspekte wichtig. Zunächst einmal, ob die Person bewusst versucht hat gewisse Antworten zu verfälschen. Wenn sie es gut macht, kann sie mich als Diagnostiker sicher auch täuschen, mit gewissem schauspielerischem Talent (z.B. körperliche Unruhe, Unterbrechen etc.). Wenn nicht, habe ich als Diagnostiker im besten Fall eine breite Basis an Erfahrugen, wie ich gewisse Kommentare und Erfahrungen einordnen kann. Sprich passiert es z.B. nur ab und zu, dass der Schlüssel vergessen wird, oder eigentlich ständig etc. Obendrauf verweise ich immer auf die dimensionale Diagnostik, also wie bei ASS ADHS als Spektrum zu verstehen und ab einem gewissen Wert (Cut-Off), auf den man sich wissenschaftlich geeinigt hat, wird dann eben die Diagnose vergeben, ansonsten kann es gewisse Auffälligkeiten geben, aber noch keine Diagnose.

2 „Gefällt mir“

Na toll, ich habe immer mal wieder versucht so ADHS-Bögen so positive wie möglich auszufüllen und score dann immer noch auf ADHS . :see_no_evil_monkey:

Bzgl. der Validität der Diagnose spricht das dann für ein gutes Zeichen :wink:

Ich befinde mich gerade in der abgefragten Situation …
:upside_down_face:
Zwar weiß ich schon seit ein paar Jahren, dass ich ADHS habe, glaubte aber lange, dass mir die Selbstdiagnose reicht.
Irgendwann wurde der Leidensdruck aber so hoch, dass ich Medikamente nehmen wollte und bin dann den langen Weg der Diagnostik bis hin zur Medikation gegangen.
Aktuell dosiere ich seit wenigen Tagen Medikinet adult ein.

Parallel dazu mache ich auf ADHS bezogene Verhaltenstherapie und wir sind gerade im “Psychoedukationsblock”.
Mir hilft am meisten, die Mechanismen im Gehirn zu verstehen - was fehlt, was ist zu viel, wie wirkt sich das aus, wodurch wird das beeinflusst etc.
Dann kann ich auch die Medikamente besser verstehen (aktuell habe ich noch ordentlich Nebenwirkungen und bin hauptsächlich den Mitglieder:innen im Forum für die vielen Beiträge dankbar, sodass ich gewillt bin, das durchzuhalten).

Ein wichtiger Hinweis, und darauf kommt auch meine Therapeutin immer wieder zu sprechen, sind die Kompensationsstrategien.
Denn ganz viele Dinge sehen von außen ganz easy aus oder lassen uns auch “funktionieren”, aber der Aufwand dafür ist oft recht hoch. Einfach weil wir für ganz viele Dinge viele Strategien entwickelt haben (die müssen noch nicht mal besonders gut sein).
Beispiele: Der Schlüssel/die Fernbedienung/… hat immer einen festen Platz, damit man ihn/sie nicht verliert - man schleppt überall seinen Kalender mit (oder hat ihn auf dem Handy), weil man sich eh keinen Termin merken kann - Getränke werden immer dienstags gekauft, damit man das nicht vergisst - etc.
Das ist jetzt nur Kleinkram, der mir spontan einfällt. Aber in Summe kann das ganz schön anstrengend sein.

Ich habe zum Beispiel nur deshalb eine Gleitsichtbrille, weil ich mit zwei Brillen (Lesen und Autofahren) nicht zurechtkäme. Ich würde immer eine vergessen. Aber von der Sehstärke her wäre es noch nicht nötig.
So zieht sich das durch mein ganzes Leben.
Von selbst wäre ich übrigens gar nicht auf die Idee gekommen, dass ich oftmals überkompensiere. Erst meine Therapeutin hat mich darauf gebracht. Seitdem fällt es mir aber verstärkt auf.

1 „Gefällt mir“

Danke für Deine ausführliche Beschreibung.

Das ist sehr interessant für mich zu lesen, auch gerade bezgl Kompensieren.

Aber wie soll das denn mit Schlüssel und Kalender anders gehen, mit weniger Energie?

Also so viel Energie ist das an der Stelle doch eigentlich nicht?

Was meinst Du denn mit Überkompensieren?

Das mit dem Schlüssel und dem Kalender waren eher blöde Beispiele …

Bei uns klappt zum Beispiel der Haushalt erst, seit wir eine App dafür benutzen, und zwar beide.
Da habe ich mal sehr mühsam alle möglichen Aufgaben in ganz kleine Schritte untergliedert, die wir dann abhaken können.
Da zeigt uns die App sozusagen, was wir machen können und auch, was mal wieder dran wäre.

Oder die Notizzettel, die vermutlich viele von uns überall liegen haben, mit Dingen, die erledigt werden müssen (und die man dann eine Woche später wiederentdeckt, weil Zeitungen drauflagen).
Das sind ja alles Kompensationsstrategien für Dinge, die sonst nicht funktionieren würden.
Eigentlich könnte man sagen: “Mit dem und dem habe ich keine Probleme, das bekomme ich hin” - schaut man aber genauer hin, schafft man es nur, weil man sich jede Menge Hilfestellungen eingebaut hat.
Hier ist es wie bei Vielem: Die Dosis machts.
Dinge oder Termine vergessen kennt jede, aber die Häufigkeit oder Intensität macht den Unterschied.

Zur Überkompensation:
Das können durchgeplante oder stark strukturierte Tage sein.
Eigentlich ist Planen nicht unbedingt eine ADHS-Superkraft, aber wenn man seinen Tag vorab detailliert plant, vergisst man möglicherweise weniger oder kommt nicht so sehr durcheinander.
Von außen oder für einen selbst sieht es dann vielleicht aus, als wäre man total strukturiert und käme super klar - in Wirklichkeit ist es aber der Versuch, einigermaßen gut durch den Tag zu kommen.
Das wäre dann überkompensiert und ein (fast unsichtbares) Hilfsmittel, ohne das man nicht zurechtkommt.
Je älter man ist, desto mehr Kompensationsstrategien hat man logischerweise schon ausprobiert oder eingeübt.

1 „Gefällt mir“

Oh ja die lieben Zettel…

Vor allem will könnte müsste würde man ja ganz Vieles machen… entsprechend werden die Zettelhaufen nur immer größer statt kleiner hier.

Und da ich diese könnte müsste muss unbedingt Zettel auch für drei andere produziere, die sich aber einen Sch*** drum kümmern, wird es noch mal immer mehr mit den Zetteln.

Und die muss ich dann auch immer und immer wieder durchlesen und finde dann immer, dass es immer noch gut wäre, wenn diese Sachen mal endlich in Angriff genommen werden könnten.

Aber die anderen wollen lieber stundenlang mit dem Handy auf dem Klo hocken (die Pubertiere) - und leugnen natürlich immer, dass sie Handies da haben und zeigen mir Alibi-Bücher…