Psychotherapie, die "schadet"?

Guten Abend,

mich interessiert eure Meinung… bezüglich Psychotherapie aufgrund der kognitiven Einschränkungen stellen sich mir Fragen…

  1. Man hört ja teilweise, dass sich die Symptomatik zu Beginn einer Therapie verschlechtern kann. Wie ist eure Erfahrung, wie lange (wieviel Sitzungen / Monate) hält diese Phase an?

  2. Ich habe das Gefühl, je mehr ich in den Stunden darüber spreche, desto schlechter werden die Dinge. Was bedeutet das eurer Meinung nach? Kann das wirklich sein, dass ich meine eigenen Probleme verschlimmere? Der Therapeut kann mir keine wirkliche Antwort geben darauf geben

  3. Ich fühle mich von dem Therapeuten unverstanden und kann nicht viel mit seinen Ansichten bzw. „Ratschlägen“ anfangen, da sie mir entweder rational schon bewusst sind (es aber scheinbar ein emotionales oder unterbewusstes etc. Problem ist, dass ich sie nicht umsetzen kann) oder ich damit nicht identifzieren kann. Ich finde die Ansätze grundsätzlich nicht schlecht, aber irgendwie „nicht für mich“, habe ich oft das Gefühl. Wenn ich Fragen stelle, bekomme ich meist Gegenfragen, die ich persönlich nicht zielführend finde und die dann z.T. ins Philosophische abdriften.
    Ich weiß nicht, ob es sich komisch oder z.T. fast „falsch“ anfühlen muss, so eine Therapie. So wie Fieber, was an sich unangenehm, aber letztlich gut für den Körper ist. Das kann ich für mich nicht einschätzen und ich höre ständig, dass Veränderungen teilweise Jahre benötigen, aber ich dachte, nach ca. 5 Monaten fühlt es sich mal gut an bzw. dass es in die richtige Richtung geht.
    Allerdings bin ich auch ein unsicherer Mensch und weiß nicht, ob die kognitiven Geschichten bzw. Verpeiltheit auch den Therapieeffekt (das "Verankern im Kopf / Umsetzen) schmälern (weswegen ich ja die Therapie versuche - eine never-ending-story?), hm…
    Wann „lohnt“ sich aushalten, wann sollte man abhaken und was Neues suchen / probieren?
    Der Therapeut arbeitet verhaltenspsychologisch und schon mehrere Patienten mit AD(H)S behandelt hat.

Ich bin gespannt auf eure Meinung / Feedback.

Schönen Abend noch an alle!

Hm, es wäre interessant zu wissen, um welche Form der Therapie es sich handelt. Kognitive Verhaltens­therapie? Tiefen­psychologisch fundierte Psycho­therapie?

Letztere hatte ich mal und deine Schilderung erinnert mich ein wenig an Probleme, die auch ich dabei hatte. Ich war oft unzufrieden und habe mich nicht verstanden gefühlt. Habe mich geärgert, dass ich bei diesem Therapeuten geblieben bin, statt probatorische Sitzungen auch bei anderen auszuprobieren. Zumal er zugab mir bei den kognitiven Defiziten nicht wirklich helfen zu können und ich den Eindruck hatte, dass er nicht wirklich etwas von AD(H)S versteht bzw. nicht wirklich an dessen Existenz glaubt. Trotzdem habe ich dort sehr viele Sitzungen verbracht, über einen langen Zeitraum hinweg.

Ich weiß bis heute nicht, ob das, was ich da bei ihm durchgezogen eine „gute“ Therapie war, sofern man das definieren kann, oder ob ich woanders eine bessere Hilfe bekommen hätte. Im Nachhinein habe ich aber meinen Frieden damit geschlossen. Denn ich habe gemerkt, dass sich etwas bei mir geändert hat und dass diese Veränderung größtenteils aus mir selbst heraus kam. Schon allein das herumsitzen und darüber reden müssen hat etwas gebracht. Aber auch gerade weil er mich oft schlecht verstanden hat und mich das geärgert hat, habe ich mich viel intensiver mit meinen Problemen auseinander gesetzt und bin letztendlich selbst zu einer Lösung gekommen. Dadurch habe ich vielleicht auch besser gelernt mich aus solchen hilflosen Situationen selbst befreien zu können. Letztendlich konnte ich es aber kaum noch erwarten endlich damit abschließen zu können, weil kaum noch Input kam.

Und daher denke ich, vielleicht ist das die „Magie“, die zumindest diese Therapieform ausmacht. Vielleicht musste er mich missverstehen und mich ein wenig provozieren, damit ich mein Selbstbild eigenständig schärfen kann? Vielleicht durfte er gar nicht der Freund und Helfer sein, der immer einen tollen und passenden Ratschlag parat hätte, nach dem ich mich zwar so gesehnt hätte, von dem ich aber auch auf ewig abhängig geworden wäre, immer auf der Suche nach Selbstbestätigung? Vielleicht mussten die Sitzungen immer langatmiger werden, sodass ich mich leichter von selbst lösen würde? Jedenfalls möchte ich das glauben. Vielleicht war er aber auch einfach nur ein schlechter Therapeut und ich mache mir was vor. :wink:

Egal wie, was ich mit diesen wieder viel zu langen Text sagen möchte: Solange du das Gefühl hast, dass du dich mit dir selbst beschäftigst und dabei begleitet wirst, um nicht in eine Negativitätsspirale zu rutschen, bist du wahrscheinlich bereits auf einem guten Weg, denke ich. Aber das ist nur meine Erfahrung und ich habe nicht wirklich Ahnung, was einen guten Therapeuten ausmacht. Hoffe es hilft dir dennoch ein wenig?

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Moin @mvtom
Wenn ich richtig verstehe, machst du eine Therapie aufgrund von kognitiven Einschränkungen, nicht wahr?

Wirst du parallel mit Medikamenten behandelt?
Mmn sind Medikamente 1. Wahl bei kognitiven Einschränkungen und eine Therapie kann unterstützen, daher meine Frage zu den Medis.

Das ist mMn sehr typisch für Adhs und könnte mit dem Dopamin Mangel zu tun haben (wobei auch hier Medis helfen)

Ja, das ist ein ist bekannter, üblicher Weg bei Verhaltenstherapien, um dich selbst gedanklich anzustupsen und in de richtige Richtung zu schicken (das muss nicht unbedingt einfach sein und kann auch mal weh tun - Stichwort Komfortzone.

Wenn die Chemie stimmt lohnt es sich im Dialog mit dem Therapeuten zubleiben, wenn nicht, dann könntest du überlegen ob es wirklich an dem Therapeuten liegt, oder aber an der Therapieform (vllt brauchst du eher Coachings statt Theraoie) oder ob du nicht mehr von einer Medikamentierung profitierst.

Die Fragen sind auch: was genau möchtest du in der Therapie erreichen? Was sind deine persönlichen „Behandlungsfelder“? Was erwartest du von einer Therapie?

Meine Erfahrung in einer Verhaltenstherapie war auch nicht sonderlich gut. Eine traumhaft nette Frau, aber ich hatte ihr nichts zu sagen und fand mich völlig deplatziert bei ihr.

Es lag in dem Fall an mir. Ich bin nicht der Typ, der Probleme bei fremden Menschen auszuplappern kann. In meinem Fall war die Diagnose „Belastungsdepression“ und da kann ich nur sagen: die Zeit heilt alle Wunden, man kann mehr aushalten als man glaubt. Als die Belastungen verschwunden waren, war auch die Depression weg. Ich habe das alles selbst für mich gut verarbeiten können.

Insoweit, ja, eine Therapie ist nicht für jeden Menschen etwas. Wobei ich finde, dass sie positiv begleiten kann. Meine Kollegen berichten hier sehr positiv. Aber jeder Jeck ist halt anders :wink:

Liebe Grüße :orange_heart:

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Anfangs kams zu einer Verschlechterung, weil die Augen geöffnet worden sind. Wurde nach 2 Monaten besser. Wird bei jedem individuell sein. Es gibt aber auch aktuell noch Tage wo ich mich danach schlechter, aber auch besser fühle.

Ich vermute, dass man da auf dem Weg ist. Paar Steine liegen da immer. Und an den Lösungen arbeitet man. Da ist man gerne frustiert und ungeduldig. Aber eine Sitzung dauert auch nur 45 Minuten, da löst man nicht alle Probleme. Geduld würde ich empfehlen.

Gegenfragen sind normal. Das ist so ein atypisches Navi zur Lösungsfindung. Da muss man sich daran gewöhnen. Es gilt ja als unhöflich ohne richtige Antwort Gegenfragen zu stellen. Lass dich darauf ein, blockiere es nicht ab. Ich glaube kaum, dass er dir klassische Ratschläge gibt, wie du was machen sollst, sondern nur Hinweise. Zum Beispiel wenn er merkt dass du „feststeckst“ und selbst nicht weiter kommst. Sozusagen als Impuls, woran du dich orientieren kannst und deine Lösung bauen kannst.

Bei der Therapie geht es nicht darum da einen Freund zu finden, sondern dass eine gewisse Chemie an Akzeptanz, Offenheit und Respekt entsteht. Das dauert halt auch ein paar Sitzungen. Ein Therapeut hat dafür in den ersten Stunden ein gutes Gespür und lehnt eine therapeutische Behandlung auch gerne ab.

In Summe: Ich denke, für dich ist die Situation ungewohnt. Öffne dich dem, er will dir nicht schaden. Und nur durch Offenheit wird er die Chance haben noch genauer auf dich einzugehen. :slight_smile:

Dann fehlt es meines Erachtens am erforderlichen therapeutischen Vertrauensverhältnis.
Hast du das Gefühl, er wäre der richtige?

Hi,
ohne alles gelesen zu haben, wäre für mich die Frage, ob du dich unverstanden fühlst und/oder ob er dich wirklich nicht versteht.

Ich hatte bisher viele Fehldiagnosen und dementsprechend Fehlbehandlungen, verstanden haben mich nur andere neurodivergente Menschen.

VG

Bei mir ist das mit der Verschlechterung immer weiter fortgeschritten und hat sich nicht gebessert. Nach ca. 7 Monaten hat mein Therapeut darauf hin die Diagnose der klomorbiden Störung neu überdacht und angepasst und wir haben die Therapie dementsprechend umstrukturiert. Ab da lief alles klasse und all das, was du beschreibst und was ich vorher auch in meiner Therapie erlebt hatte, war weg. Soll heißen: bei mir lag ein Kommunikationsproblem vor. Könnte bei dir ja eventuell ähnlich sein, dass sich die Therapie falsch anfühlt spricht finde ich sehr dafür. Vielleicht kannst du einfach mal bei deinem Therapeuten nachfragen. Und wenn du die Antwort nicht verstehst, sprich es offen an. :slight_smile:

Hi @mvtom, wie deine Therapie weiter verläuft, würde mich sehr interessieren.
Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen, dass ich sowohl die TP als auch die AP zu großen Teilen als nicht konstruktiv betrachten konnte. Mein Analytiker hat ebenfalls fast ausschließlich mit Gegenfragen geantwortet, er bezeichnete sich aber auch als einen AD(H)S-Leugner, insofern konnte er mir nicht wirklich weiterhelfen.

Meine TP hat hilfreiche Medikationen mit den Worten, dass sie dies schon immer so tat abgelehnt.
So als hätte ich mich für eine Dopaminregulationsstörung entschieden.

Allerdings habe ich durch beide zumindest ein paar Informationen erhalten, durch die mein Verständnis wachsen konnte. Die Kernprobleme blieben aber vollkommen unberührt.

Therapie, die die Hauptsymptome nicht ernst nimmt und/oder nicht in die Therapie mit einbezieht, halte ich für schwierig.

Ab wann man nicht mehr aushalten muss, kann ich nicht beantworten.

Das, was ich erlebte, hat Frau Wilczek, eine tiefenpsychologische Autismustherapeutin ziemlich präzise formuliert. Indem sie schrieb, dass manche Patienten auch auf „verlorenen Posten“ verharren, in der Hoffnung zumindest ein kleines Stückchen weiter zu kommen, auch wenn vieles gar nicht zu einem selbst passt - typische Fehlinterpretationen aus neurotypischer Sicht, das Unterstellen von Non-Compliance, das Leugnen von Neurodivergenz, das fehlende Wissen über AD(H)S etc.

Nur weil jemand schon ein paar AD(H)Sler behandelt hat, wäre das für mich kein ausreichendes Kriterium. Anders sähe es aus, wenn diese Person auf AD(H)Sler spezialisiert ist.

VG

Im Nachhinein fiel mir noch ein:

Ich halte persönlich wenig von Zertifikaten oder Urkunden die irgendwas nachweisen sollen. Papier ist bekanntlich geduldig.

Auch ein auf ADHS spezialisierter Therapeut muss nicht das Gelbe vom Ei sein. Dazu sind solche Therapeuten extrem selten und wenn man jemanden findet, sind die Termine in zu großen Abständen aufgrund der Flut an Patienten. Gerade am Anfang sind regelmäßige Termine, je nach Fall natürlich, wichtig.

Bevor man also halbes bis ganzes Jahr Jahr auf einen angeblichen „ADHS-Therapeuten“ wartet um dann festzustellen, dass der Typ einem nicht passt, würde ich eher Ausschau nach einem Therapeuten gucken, der sich 1) gegen ADHS nicht ausschließt und es anerkennt, 2) die zwischenmenschliche Chemie passt und 3) der auch Kapazitäten für regelmäßige Termine hat.

Das ADHS ist direkt von Anfang an auszusprechen und einen groben Plan zu erstellen, was erarbeitet werden soll. Die Instrumente für ADHS sind nicht viel anders, DBT ist so ein Instrument. Auch Vergangenheitsverarbeitung sehe ich als unproblematisch. Ein Therapeut kann auch auf Verhaltensweisen hinweisen, die ein ADHSler nicht sieht und Augen öffnen.

Bekanntlich besteht die Behandlung bei ADHS nicht nur aus einer Psychotherapie, sondern auch aus der Selbstedukation. Die halte ich für sehr wichtig, da kann man sich durch gute Literatur in das Thema einlesen und sich gewissermaßen auch selbst therapieren. Da muss man jetzt keine 10 Bücher lesen, es reichen 2 Bücher die auch speziell für Betroffene sind (das von Lachenmeier ist bspw sehr gut auch für private Augenblicke und nicht nur für das Berufsleben geeignet). Denn das Wissen von 200 Seiten kann ein Therapeut selbst nicht vermitteln mangels Zeit. Auch ADHS-Podcasts sind ganz gut.

Weiterer Bestandteil sind ADHS-Stimulanzien, die einen Betroffenen bei all dem Unterstützen. Auch da ist irgendein Psychiater besser als keiner, wenn man bspw. durch dieses Forum und Austausch Lösungen für sich findet und dann entsprechende Vorschläge beim Psychiater (aber auch offener Hausarzt) aufbringen kann.

Eine reine Einnahme von Stimulanzien kann viele Aspekte eher schädigen und beispielsweise eine Burnout-Symptomatik verschlechtern, da andere Stellschrauben nicht umgestellt worden sind.

Leider vergessen viele, dass die Selbstedukation auch wichtig ist und sind rein auf die Hilfe durch „andere“, also Therapie und Medikamente aus. Der dritte Baustein ist wichtig um die ADHS-Behandlung wirklich optimal und achtsam zu machen und gute Fortschritte machen zu können.

Das ist mal eine sch…zutreffende Beschreibung…