Schreiben leserlich

Nicht jedes Kind von einem ADHSler hat auch ADHS…

Lass mich das folgendermaßen beantworten:
Ich: Gebe mir voll Mühe beim Schreiben an der Tafel.
Schüler: Frau Mythria, was steht da? Ich kann das nicht lesen.
Schülerin: Du musst noch mal die zweite Klasse wiederholen und üben, Frau Mythria!

Hach ja, meine Grundschüler:innen bringen es ungeschönt auf den Punkt.:joy:

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Ich kann meine Notizzettel auch oft kaum lesen. Wenn ich mir Mühe gebe ist meine Schrift grade so zu entziffern, von schön ist sie meilenweit entfernt.
Und sie wird schlimmer, je mehr ich schreiben muss, weil dann mein Handgelenk verkrampft und weh tut.
Meine Schrift ist auch sehr variabel, sieht ständig anders aus. Ich schaffe es nicht mal, dass meine Unterschrift halbwegs gleich aussieht.

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Hier! Ich!!
l - e - s - e - r - l - i - c - h
Ganz ohne Rechtschreibprogramm!

Aber nur mit Tastatur, sonst kann ich´s nicht lesen.

:roll_eyes: Nach müde kommt blöd. Ich geh ins Bett. Gute Nacht.

Bei mir ist"s kurios: Rechtschreibung, Schönschrift oder wie es in der Grundschule hiess, immer top.
Wenn ich alte Schulsachen durchforste, dann liebe ich meine Schrift und frage mich, wie ich das hinbekommen habe ^^

Aaaber, total lustig zu sehen: jedes Schulheft hab ich anfangs sorgfältig und extrem schön beschrieben, ab der Mitte ging das Gekritzel dann los, da kam der gerissene Geduldsfaden extrem zum Vorschein ^^

Aktuell ist es so, dass ich das Gefühl habe, ich verlerne schönes Schreiben regelrecht. Zum einen durch das vorrangige Tippen in Tastaturen, zum anderen ist mir selbst Tippen nicht mehr schnell genug, ich spreche vorrangig und Programme tippen dann für mich. Leider muss vieles bei mir schnell und gleichzeitig passieren so dass schönes Schreiben Nebensache ist.
Das finde ich so schade!
Gibt mir gerade etwas zu denken…

Die Zeit für schönes Schreiben sollte ich mir nehmen, es hat sowas Entschleunigendes. …

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Es ist schon erstaunlich auf was man auf seiner Reise der Selbtserkenntnis nach der Diagnose so alles stückchenweise lernt und versteht.

In meinen Grundschulzeugnissen stand schon was von „sollte sich besser konzentrieren“ und was von „Schriftbild“ (ja, die Grundschulzeugnisse die nicht mehr auffindbar waren, was mir meine erste Diagnose 2016 verhagelte, weil sie nicht beigebracht wurden).

Schreiben hat mich schon immer extrem angestrengt.
Ich kann mich noch eine eine Deutschschulaufgabe erinnern. In einer Stunde habe ich gerade mal 4 Seiten vollgekrakelt, und ne 2 bekommen.
Die 1 ging an die 12 Seiten von Barabara H.

Hefte, Mitschriften, absolute Katastrophe. Ich war immer zu langsam um die Tafelanschriften abzuschreiben, musste dann bei meinen Nachbarn schauen, worauf ich dann wegen „Schwätzen“ gerügt wurde.

Gegen Ende meiner extrem verlängerten Schulzeit Anfang der 90er Jahre habe ich bei den Lernversuchen schon alles in den Computer getippt. Überschriften Abtippen blieb meine Hauptlernmethode bis zur Diplomprüfung.
Mitschreiben im Hörsaal habe ich erst gar nicht versucht und war immer fasziniert, die anderen fleißig Kritzeln zu sehen.
Das hatte zur Folge, dass ich im Prinzip nur durch Zuhören lernen konnte. Was ich nicht audiovisuell aufgenommen und gespeichert hatte war mangels Mitschrift unwiederbrlinglich verloren.

Die von anderen erwähnten Formulare haben mir immer schon den letzten Nerv geraubt. Das hat sich bis in die Gegenwart zu einer regelrechten Formularphobie gesteigert.
Ich raste regelrecht aus, wenn ich wieder ein Formular geschickt bekomme, und die Spacken zum 100ten Male von mir Name und Adresse wissen wollen, obwohl mich der Brief ja offensichtlich irgendwie erreicht hat.

Die Unfähigkeit, etwas handschriftlich niederzulegen, aufzubewahren, wiederzufinden und auch entziffern zu können, verhunzt mir in den letzten Jahren regelrecht das Leben:
Bin in die Freiberuflichkeit gerutscht, Steuer steht an. Will meine nicht unerheblichen Fahrten irgendwie als Betriebsausgaben geltend machen. Steuerberaterin sagt: Fahrtenbuch führen!
Ich: Kann ich nicht. Das kann keiner lesen, ich vergesse die Einträge, und irgendwann ist es eh verschwunden.
Sie: Fahrtenbuch!
Ende vom Lied bisher: Kein Fahrtenbuch, keine Steuer abgegeben (weil ich es halt nicht einsehe), Verzugszinsen, Mahnungen, Schätzungen … die Jahre vergehen.

Mittlerweile mach ich die Briefe nicht mal mehr auf.

Um dem Ganzen jetzt noch eine positive Wendung zu geben: Die Digitalisierung kommt!
Und irgendwann dann auch die künstliche Intelligenz, die diese ganzen Bürokraten freisetzt und als wertvolle Fachkräfte dem erwartungsfrohen restlichen Arbeitsmarkt zuführt.

Ich bekomme die Dinge jetzt langsam in den Griff. Bin zwar seit Monaten wegen Depressionen (genau wegen dem erwähnten Schrott) arbeitsunfähig, habe es aber geschafft mich zu „bewaffnen“ um den Endgegner zu besiegen:
Digitale Arbeits- und Fahrtendokumenation und Auswertung selbst programmiert, Dokumentenmanagementsystem und Scanner, Online-Banking, Online-Steuer-Software, Online-Buchhaltung, Elster, digitales Wissensmanagement …
Hauptsache kein Fitzelchen Papier auf meine Schreibtisch oder sonstwo im Haus.

Attest vom Kopfdoktor geben lassen, dass ich kein Fahrtenbuch führen kann.

Wenn ich alles zusammengestellt habe, traue ich mich nächste Woche vielleicht mal beim Finanzamt anzuklopfen.

Das Licht am Ende des Tunnels naht, und es ist hoffentlich kein Schnellzug!

So viel zum Thema „Schreiben leserlich“ und was so alles daraus werden kann.

Ich hatte mal meiner Traumärztin einen etwas längeren persönlichen Brief mit Hand geschrieben um mich bei ihr zu bedanken.
Dann hat sie sich bei mir bedankt weil ich mir doch so viel Mühe gegeben hatte so ordentlich und leserlich zu schrieben , weil mir das bestimmt viel Kraft und Anstrengung gekostet hat. Das fand ich voll lieb und wertschätzend von ihr und es gab mir das Gefühl dass sie wirklich erkannt hat was ADHS bedeutet.

Gibts sicher auch für Android…