Schwierigkeiten beim Thema Trauer

Halloooo!

Mich beschäftigt dieses Thema schon seit Längerem, und ich habe bisher nie etwas dazu gefunden bzw. kenne auch niemanden, der mir „Zustimmung“ gegeben hat, als ich mit einer anderen diagnostizierten Person darüber gesprochen habe.

Also: Ich habe irgendwie Probleme mit Trauer. „Normalerweise“ ist es ja so, dass Menschen mit ADHS Schwierigkeiten damit haben, ihre Gefühle zu kontrollieren – zum Beispiel durch emotionale Ausbrüche. Bei mir ist aber speziell beim Thema Trauer das Gegenteil der Fall.

Zum Beispiel am Ende einer langjährigen Beziehung oder auch bei einem Todesfall in der Familie: Ich nehme es zwar zur Kenntnis, aber es dringt irgendwie nicht weiter zu mir durch – selbst wenn ich mich damit beschäftige und darüber nachdenke. Es ist mir irgendwie gleichgültig. Ich fühle mich so abgestumpft.

Das belastet mich schon sehr. Ich fühle mich schlecht, weil ich weiß, dass ich eigentlich traurig sein sollte. Am Ende einer Beziehung belastet mich die Frage, wie lange ich warten sollte, bevor ich bestimmte Dinge tue (z. B. eine neue Beziehung eingehe), damit sich mein Ex-Partner nicht schlecht fühlt, mehr als das Ende der Beziehung selbst. Ich hasse das.

Besonders schlimm finde ich es, wenn ein Familienmitglied stirbt und ich merke, wie sehr es die anderen belastet.

Kennt das noch jemand? Hat das überhaupt etwas mit meinem AD(H)S zu tun oder ist eine andere Ursache wahrscheinlicher?

Danke schon mal. Ich bin gespannt, was ihr dazu sagt.

Jonas :))

Huhu, mir geht es quasi genauso wie dir. Jedoch muss ich sagen , dass bei mir „nur“ Menschen innerhalb der Familie gestorben sind, zu denen ich keine wirklich starke Bindung gehabt habe. Trotzdem fand ich es auch schon immer komisch , dass ich bei solchen Situationen quasi keine Trauer empfunden habe. :thinking: Es hört sich zwar hart an aber es fühlte sich so an als wäre es mir „egal“. Ich weiß aber nicht wie es sich bei engerer Familie anfühlen würde und hoffe natürlich, dass ich es auch in nächster Zeit nicht herausfinden werde. Auch innerhalb Beziehungen habe ich für mich festgestellt, dass ich emotional nicht so funktioniere wie es sein sollte. Ich war deswegen auch mal in Psychotherapeuthischer Behandlung aber wirklich was logisches rausgekommen ist bei mir nicht. Erst mit der adhs Diagnostik habe ich zumindest für den Part Klarheit erlangt und die Medikamente haben mir geholfen, mit der „Langeweile“ innerhalb einer Beziehung umzugehen . Wsl wäre aber ne kognitive Verhaltenstherapie trotzdem sinnvoll .

Aber alleine bist du damit auf jeden Fall nicht!

1 „Gefällt mir“

Kenne ich. War bei mir sehr lange Zeit ähnlich.

Änderte sich dann beim Tod meiner Eltern. Hier holte ich dann wohl die ganze Trauer nach und entschloß mich sogar zur Eigenanfertigung des Grabmals um die Trauer verarbeiten zu können. https://adhs-forum.adxs.org/t/hobbies-spezialinteressen-und-projekte/34049/15?u=gartenpirat

Ja, kenne ich auch. Ich hatte auch früher Todesfälle in der Kernfamilie, die mich erschreckend wenig Trauer haben fühlen lassen. Habe mich selbst sehr geschämt deswegen und das Gefühl gehabt, ich müsste doch mehr empfinden. Heute verstehe ich, dass ich einfach keine besondere emotionale Bindung zu diesen Familienmitgliedern hatte und tatsächlich kaum traurig war.

Generell habe ich erst im Erwachsenenalter in einer Therapie gelernt, erstmalig überhaupt Trauer als valide Emotion zulassen zu können. Das war in meiner Familie damals ziemlich tabu und wurde beschämt und als schwach abgetan.

Es hat dann noch mal viele, viele Jahre und viel weitere Therapie gebraucht, um einen - ich denke, heute ganz gesunden - Umgang mit dem Gefühl der Trauer zu erlernen. Heute kann ich die Emotion auch einfach mal durch mich durch fließen lassen, ohne sofort das Gefühl zu haben, daran zu ersticken und es nicht auszuhalten. Das tut sehr gut und ist ungemein entlastend, wenn die Emotion nicht ständig abgewehrt werden muss.

Bei mir hat es also eher wenig bis nichts mit ADHS zu tun, würde ich sagen.

1 „Gefällt mir“

Wenn ich das lese, denke ich, der Text könnte fast von mir sein.

Ich habe auch von jeher das " Problem" , dass Trauer bei mir nicht so stattfindet wie vielleicht bei den meisten anderen. Als mein Vater damals gestorben ist hat mir meine Mutter Jahre später noch vorgeworfen, ich wäre kalt und emotionslos und der Tod meines Vaters würde mich nicht interessieren, weil ich damals nicht geweint habe und auf der Beerdigung ehr gespielt habe und gefragt habe, wann es endlich Essen gibt ( Anmerkung: Ich war damals 8 Jahre alt)

Im Laufe meines Lebens hatte ich dann einige Schicksalsschläge… Tod der Großeltern ( die mehr für mich da waren als meine Mutter) , Tod von sehr guten Freunden, etliche Beziehungstrennungen, 2 schwere Unfälle innerhalb der Familie… und immer wurde mir von dem einen oder anderen vorgehalten,dass ich nicht " richtig" reagiere.

Bei den Verlusten meiner Tiere allerdings, habe ich gelitten und geheult wie sonst noch was.

Warum das so ist, weiß ich nicht wirklich. Eine Emotionsstörung ( borderline war meine vordiagnose seit 15 Jahren), ADHS, Verdrängung? Psychologisch aufgearbeitet wurde es noch nie so richtig. Erkennbar war aber, dass ich wohl Trauer dann anderweitig Versucht habe zu kompensieren. Durch meine Suchterkrankungen.

Ja, manchmal kommt so ein Gefühl von Ärger in mir auf, dass ich nicht so trauern kann wie andere ( oder wie es die Gesellschaft erwartet) andererseits denke ich mir, ich weiß dass diese Menschen mir nicht egal waren/ sind, ich aber eben einen anderen Umgang mit Trauer habe… Oftmals mittlerweile auch rationaler damit umgehen kann und ich dementsprechend weiter funktioniere und nicht mein komplettes Leben aus dem Ruder läuft

2 „Gefällt mir“

Befangenheit.

Kenne ich. War lange mein Begleiter. Keine Trauer zeigen können ist genauso wie im Pissoir im Beisein anderer Leute nicht pissen können.
Einfach nur Kopf. Bei meiner Großmutter habe ich nicht geweint Bei meinem Hund schon. Bei der Krebsdiagnose meiner Mutter auch. Bei ihrem Tod, ein Vierteljahr später, war ich einfach nur froh, daß Sie es überstanden hatte.

Wenn man mit den Jahrzehnten lernt, sich selbst zu akzeptieren und wenn man seine Diagnosen verstehen lernt. Und wenn man erlebt was im Leben wirklich wichtig ist; nämlich Familie, Freunde, Nächstenliebe und Lebensfreude… dann lernt man auch seine Befangenheit zu vergessen.

Ist vielleicht auch eine Art Schutzfunktion, bevor man von seinen Emotionen Überwältigt wird. Ein paar Familien Trauer Geschichten konnte ich erst nach beginn der Medikamentation und Therapie verarbeiten ( Ist leider im selben Jahr auch ein Familien Mitglied verstorben). In meinem jetzigen ist Zustand fühl ich nämlich so gut wie gar nichts, da muss ich das auf andere weise machen.

Trauern tut jeder auf seine eigene Weise, da gibt es kein Richtig oder Falsch und wer etwas anderes erzählt, projiziert vermutlich seine eigene Scham ( Falsch getrauert zu haben) in die andere Person hinein, behaupte ich einfach mal.

1 „Gefällt mir“