Selbstwirksamkeitserwartungen und ADHS

Liebes Forum,

Ich hoffe, ich eröffne hier jetzt kein Thema, dass schon 100 Mal durchgekaut wurde.

In meinem beruflichen Tätigkeitsbereich spielen (indirekt zumindest) immer wieder die Selbstwirksamkeitserwartungen der Personen eine Rolle, insbesondere der Kinder. Also die Erwartung, Anforderungen gerecht werden zu können, Ziele aufgrund eigenen Handelns erreichen zu können, etwas bewirken zu können. Das stellt oft eine große Ressource der Personen dar (in meinem beruflichen Umfeld, aber auch privat so wahrgenommen). Ich selbst hab zb trotz aller meiner Schwächen sehr hohe selbstwirksamkeitserwartungen und auch ein hohes selbstwirksamkeitserleben (so nach dem Motto: ich bekomm fast immer, was ich wirklich will). Ich versuche dementsprechend auch beruflich Lösungen zu finden, die die Selbstwirksamkeitserwartungen der betroffenen Personen möglichst unterstützen, geht natürlich nicht immer.

Nun habe ich den Eindruck, dass
die selbstwirksamkeitserwartungen Betroffener durch ADHS häufig vermindert sind. Was ja durch das häufigere Scheitern erklärbar ist. Gibt es denn Studien / Literatur (also in dem Fall dann nicht unbedingt fachliche) / Erfahrungsberichte, wie sich ein verändertes Selbstwirksamkeitserleben, sei es durch Medikation, Therapie oder auch Umweltveränderungen oder einzelne erreichte Ziele, auf die Selbstwirksamkeitserwartungen von ADHS-Betroffenen auswirkt? Zb auch über Veränderungen des Attributionsstils?

Ich würde mich freuen, wenn sich jemand mit mir darüber austauschen mag. Jetzt muss ich allerdings erstmal ein Gespräch bezüglich genau so einer betroffenen Person vorbereiten :wink:

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Interessantes Thema, sehr wichtig. Denke da gibts einiges aus dem Bereich der VT.

Hier eine wissenschaftliche Arbeit, betrifft jedoch Erwachsene:

„Selbstkonzepte, Kontrollüberzeugungen und Handlungskontrolle bei ambulanten erwachsenen Patienten mit Aufmerksamkeitsdefizit- /Hyperaktivitätsstörung vor und unter der Behandlung mit Methylphenidat“

https://d-nb.info/989797406/34

Denke jede Behandlung der ADHS ist da hilfreich. Gute Psychoedukation immer wichtig!
Habe aber auch damit die Erfahrung gemacht, dass die Kinder da leider oftmals kein intrinsisches Interesse haben (sich kognitiv damit zu beschäftigen). Auch ältere Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene!

Interessant finde ich auch die Darstellung der Selbstwertwahrnehmung von Lachenmeier. Finde das Filtermodell auch super für Kinder.

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Oh, danke für den tollen Input, ziehe ich mir aufs Tablet, Feierabendlektüre :smiling_face:

Lachenmeier hab ich hier schon öfter gelesen (bin ja neu hier), ist das Buch „Mit ADHS erfolgreich im Beruf“ gemeint?

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Justine hat den Artikel schon verlinkt, der einen super Überblick über Lachenmeiers Hauptkonstrukte gibt, aber im Buch (genau, das welches du gemeint hast) ist einiges nochmal ausführlicher, up to date und mit einigen Interventionsideen vertieft - und dennoch leicht lesbar! Auch er hat ja selbst ADHS.

Studien und Literatur könnte man sicher noch viele finden, da wüsste ich fast gar nicht wo loslegen (außer natürlich einfach pubmed querbeet nehmen) und mir fehlt grade ehrlich gesagt die Zeit. Allein aber die ganzen Fortbildungen zur AD(H)S-Trainer:innen und Co., die guten zumindest, fußen ja mitunter darauf, dass auch die Selbstwirksamkeitserwartung gefördert wird… Wie eigentlich bei den meisten Coachings und VT-Tools, über mehrere Störungen hinweg. Es soll halt eher Hilfe zur Selbsthilfe sein, naja, kennst es eh aus der Arbeit. :slight_smile:

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Dieser Artikel

https://www.researchgate.net/publication/232278631_Self-Esteem_Self-Efficacy_and_Resources_in_Adults_With_ADHD

ist evtl. noch eine sinnvolle Ergänzung, weil er das ADHS-Talent zu Teufelskreisen in den Blick nimmt:

„Negative beliefs about the self and their own competences emerge, and the individuals struggle to deal with stressful events. By developing maladaptive coping strategies (dysfunctional behavior), such as avoidance and procrastination (Young & Bramham, 2007), adults with ADHD maintain and reinforce their negative view of the self but remain incapable of coping with the problem. Captured in this vicious cycle, the individual experiences an ongoing loop of disappointments“

ADHSler haben da sicher kein Monopol drauf, aber Selbstwert-Krisen werden damit m.E. schneller zum perfekten Sturm.

Es gibt ja nicht wenige hier, die bis 40+ alles noch ganz elegant hinkompensiert haben. Und dann ging - vermeintlich oder tatsächlich - alles ganz plötzlich, weil zeitgleich zwei oder drei der protektiven Faktoren ins Wanken kamen, dann Vermeidung einsetzte, Prokrastination zu Selbstzweifeln führte und zu negativem Hyperfokus, etc. Der mögliche Ausgang lässt sich u.a. im Erledigungsblockade-Thread nachlesen.

Und wer soll einem dann da raushelfen? Leute, die das selbst nie erlebt haben?

Was ich interessant fände, falls das mal jemandem begegnet: Ich frage mich manchmal, ob die Befassung mit dem Thema gerade in initialen Phasen starker Identifikation und Störungsbildeinsicht dann zu so einer „So ist das eben bei ADHS“-Problemtrance führt, die die Selbstwirksamkeitserwartung eher weiter sabotiert. Teufelskreis 2.0, quasi: „Unser Stamm prokrastiniert eben und wir fühlen uns zugehörig.“

Da mag man insb. bei Kindern viel Risiken vermeiden können durch solche Ansätze wie von Hallowell mit „Wir brauchen nur Bremsen für den Rennwagen, etc.“

Und gerade wenn/weil das Selbstbild dynamisch ist (bei growth mindset im Sinne von C. Dweck) und angeblich ja auch besonderes Stehaufmännchen-Talent da ist, gibt es sicher auch den virtuous circle in die Gegenrichtung., der dann auch überdurchschnittlich schnell ist.

Aber Erwachsene mit später Diagnose - und ggf. sogar fixed mindset - können in der negativ fokussierten Rückschau dann eben schon auf ein Leben voller Turnbeutelvergesser- und sonstiger Versagens-Momente zurückblicken und die alle reaktivieren. Dann ist Selbstwirksamkeit erstmal nicht mehr zu erwarten.

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@Elementary Danke für diesen Beitrag. :heart:

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Danke genau das trifft es bei mir sehr stark!

Dein erster Link weiter oben geht irgendwie nicht.

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Also ich kann dir zwar nicht wirklich in dem Sinne helfen, möchte aber gerne von mir selbst berichten.

Ich hab festgestellt, dass ich Zeit meines Lebens einen extremen Attributionsstil gefahren bin. Erfolge habe ich immer externen Umständen zu geschrieben und Misserfolge grundsätzlich internalisiert.

Bei der Recherche zu ADHS, bin ich darauf gestoßen, dass viele spät erkannte ADHSler oft erzählten, dass sie in der Grundschule etc. immer gute Noten hatten (das mag öfters an einer Hochbegabung liegen, was ich jetzt nicht bin). Allerdings habe ich angefangen mich zu fragen warum hatte ich nie das Bedürfnis sehr gute Noten zu schreiben, sondern bin ich immer irgendwo im guten 3er Bereich rumgekrebst? Ich konnte in der ersten Klasse nicht wie Andere meinen Namen bereits schreiben. Warum war das so?

Nun ich denke mittlerweile, lag das daran, dass ich auch damals schon an starker RS litt, deshalb wollte ich gar nicht besonders auffallen. Der Versuch hätte ja ein unmittelbares scheitern zur Folge, wofür ich definitv abgelehnt werden würde.
Jetzt seit ein paar Wochen verstehe ich, dass es ein Gefühl von „ich werde sterben ist“ nicht bewusst in Gedanken, denn es wird einem ja beigebracht, dass man so nicht denken darf! (Wenn man solche Gedanken äußert wird man ja abgelehnt) Das hat mMn mit der frühesten Kindheit zu tun und der neurologisch genetischen Kondtion die Dr. Dotson als Rejection Sensitive Dysphoria beschreibt.

Ich glaubte schlichtweg nicht, dass ich etwas könnte. Alle anderen können ALLES besser als ich.
Auch als Schulkind und vermutlich schon viel früher hatte ich exakt dieses extremen Attributierungsstil.

Die Schamspirale ist leider etwas sehr extremes, der man von selbst nicht entkommt.

:worried: I don’t know…

Ich hege auch die Vermutung, dass der Mangel an Dopamin auch dazu geführt hat, dass ich keine Selbstwirksamkeit entwickeln konnte. Denn ergab sich nie ein positiver Stimulus, nichtmal ein neutraler.

Das verzwickte ist, dass sich diese Umstände gegenseitig beeinflussen und sich quasi kombinieren.
Jetzt ergeben sich langsam einzelne Inseln die ich mit viel Recherche anfange langsam indenfizieren zu können.

Nicht umsonst gibt es ADHS Experten die von Complex ADHD sprechen.

Ich möchte auch gerade im Hinblick auf Kinder mit ADHS und Erledigungsblockaden.
Dr. Sharon Saline’s Webinare empfehlen. Sie ist sehr oft beim addiute magazin zu Gast, aber auch überall anderswo.

Sorry falls ich das Thema des Threads durch meinen Beitrag etwas überstrapaziert haben sollte :wink:

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Danke euch für eure Antworten! Aufgrund von massiven Kita - Ausfällen wird’s wahrscheinlich etwas dauern, bis ich adäquat antworten kann!

Für mich war Selbstwirksamkeit immer ein großes Thema, gerade und besonders auch wegen meinem ADS waren die Erwartungen diesbezüglich hoch. Das gab mir einen extra Ansporn.
Die Selbstwirksamkeit trägt einen großen Anteil daran, dass ich es geschafft habe, ADS hinter mir zu lassen und völlig symptomfrei zu werden.

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Oh, das ist interessant. Symptomfrei (wirklich? Oder nur weniger Symptome als für Diagnose notwendig?) Ohne Medikation?

Ohne Medikation und inzwischen wirklich alle Symptome. Ich hatte ja alle Symptome, die so typisch sind. Ich hatte die ersten beiden Jahren nach meiner Diagnose Ritalin genommen, aber damals entschieden, ich will nicht den Rest meines Lebens unter Medikation stehen und es ohne schaffen. Das ging auch ganz gut, weil ich mich unter anderem super informiert und fortgebildet hatte. Hatte damals auch bei Cordula Neuhaus alles, was sie angeboten hatte, wahrgenommen.

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Mein Respekt dafür :pray: Gut informiert und „fortgebildet“ fühle ich mich auch . Bei mir hapert es aber an der kontinuierlichen Umsetzung. Bei mir hält sich längst nicht alles was funktioniert.

Es kostet mir trotz Medikation schon auch noch Energie , also benötige viel Zeit zum regenerieren .

Must du denn noch was kompensieren und dafür mehr Energie aufwenden ? , also nicht das du irgendwann alles an Energie verbraten hast ?

Ich kann mir das einfach nicht vorstellen wie man wirklich die executiven Stollpersteine nicht mehr im Leben hat .
Also ADHS zu haben ohne es zu haben :sweat_smile::crazy_face::wink:

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Ich bin immer wieder an der Umsetzung drangeblieben. Auch wenn sie nicht kontinuierlich war, habe ich mich immer wieder daran erinnert und einfach wieder damit angefangen. Einfach in dem Wissen, es wird irgendwann besser.

Und nein, ich muss nichts mehr kompensieren. Alles ist leichter geworden und viel entspannter. Hätte ich auch nie gedacht, dass ich das mal erleben würde.

Es waren aber nicht nur typische Strategien, die bei ADHS helfen, sondern auch andere Strategien und Sichtweisen. Und der Wunsch und Wille erfolgreich zu sein, mit dem was ich tue, besonders im Beruf.

Liebe Grüße, Silvia

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Ich glaube, an Wunsch und Willen mangelt es den wenigsten hier :wink:

Ich freue mich für dich, dass du symptomfrei geworden bist. Man kann ja viele Dinge anpassen im Leben, die Symptomatik dadurch deutlich verringern. Hast du da auch etwas verändert? Beruflich, privat, stressoren reduziert o.ä.?

Du bist mir immer noch ein bewundernswertes Rätsel. Ich kann mir einfach nicht vorstellen wie Strategien und Sichtweisen und Wunsch und Wille ein ratterndes ADHS Hirn und einen gewissen Grad an Verpeilttheit grundlegend ruhiger machen können.

Die ADHS Ratterbirne ist doch immer da , das einzige was ich ändern kann ist doch wenn überhaupt der Umgang damit also ich meine wie kann denn so eine kreative Birnen einen plötzlich nicht mehr aus dem „Hinterhalt“ mit neuem Input in den unpassendsten Moment versorgen. ???

Wie kann denn Zeitblindheit plötzlich weg gehen bzw . wie fühlt es sich an keine mehr zu haben?
Es muss doch traumhaft sein plötzlich alles priorisieren zu können!!!

Es klingt ja schon fast wie geheilt von Jesus und eine Blinder kann plötzlich wieder sehen . :sweat_smile: :adxs_zwinker:

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Hab jetzt noch mal über Selbstwirksamkeitserwartungen bei mir nachgedacht.

Es gab Punkte in meinem Leben wo ich an mir selbst keine sonderlichen Zweifel hatte. Also ich hatte einen Plan/Idee und ein positives Ergebnis vor Augen und meist gelang es mir. Vor allem im beruflichen Kontext bei Bewerbungen habe ich z.B nicht gezweifelt die Stelle zu kriegen und habe mich in den Bewerbungsgesprächen gut verkauft und bekam die Stelle. Ich hab nicht mal drüber nachgedacht das es schief gehen könnte und Plan B ja auch noch in der Tasche .
Die Probleme und Zweifel kamen immer erst später wenn ich die Stelle hatte bzw. spürte ich erst später , wenn die Anfangsmotivation vorbei war und meine ADHS Denke und meine ADHS Struktur wieder Probleme brachte und ich mich wie ein „Blender“ fühlte und nicht begriff warum plötzlich alles schwerer wurde.

Selbst als ich in den BurnOut schlitterte wusste ich dass ich einen Weg finden werde wieder arbeitsfähig zu werden , es gab da gar keine andere Option , obwohl ich zugleich wusste dass es nicht einfach ist und das es Rückfallquoten gibt.
Und als es den Rückfall gab und zugleich fette Felsen auf meinen Weg rollten , wusste ich irgendwie dass ich Lösungen finden werde und ich stellte keine Zweifel an meine erneute Rückkehr in meinen Job.
Doch mir war zugleich klar wenn ich für bestimmte Probleme keine Lösung finde, dann gelingt es nicht und vor allem wenn ich dann noch mal rausknalle. „Ein drittes Mal verkraftet mein Körper einen Zusammenbruch nicht !“
Irgendwie fand ich immer wieder helfende Hände, die sich mir entgegenstreckten um mir beim überklimmen der Felsen zu helfen oder ich fand hilfreiche Tips und Tools die funktionierten und dich bewährten und es gelang mir eine erneute Rückkehr und ich fühle mich sicherer.
In großen wichtigen Dingen habe ich vermutlich ein Selbstwirksamkeitsempfinden was gepaart mit einem Hyperfokus darauf mich in Handlung bringt und hält bis das Ziel erreicht .
Aber mein ADHS blieb allgegenwärtig, weil ich ja trotzdem alles mehrfach beleuchten und ergoogeln und dran rumfeilen muss . Meine ganze ADHS Problematik bleibt ja weiterhin bestehen , was ich dann abpuffern muss und meine Lohnsteuer ist davon trotzdem nicht gemacht und im Haushalt und bei allen anderen Dingen grüßt mich weiterhin täglich das Murmeltier .
Aber in manchen Dingen geht es einfach existenziell um mein Leben und meine Zukunft und dann scheint was in mir zu funktionieren.
Selbstwirksamkeit ist dass eine und wohl leider auch die Akzeptanz das ein Gefühl von Selbstwirksamkeit irgendwie mit was anderem kollidiert . Denn ich kann mich sehr wohl in einer fertig aufgeräumten Wohnung vorstellen und reinfühlen aber ich glaube es gibt keinen durchgehenden Weg da hin.
Jeden Morgen habe ich erledigtes sehr selbstwirksam vor Augen aber irgendwie finde ich manchmal nicht den Weg dahin, nicht mal ein Weg wo ich wenigstens nur die Steine beiseite rollen müsste .

Wo funktioniert Selbstwirksamkeit und wo nicht ! und wo quält man sich einfach nur selber mit einem Gefühl von Selbstwirksamkeit weil einem das Gehirn im Wege steht und alte immer wiederkehrende Erfahrungen das ja bestätigen , also wo ist es Realität etwas nicht zu können weil „Arm ab nunmal Arm ab ist“?

Ist ADHS vielleicht auch ein Vorteil wenn etwas zusammenbricht und wir plötzlich alle Kräfte mobilisieren da wieder rauszukommen und wir einen Dopaminschub erhalten, den vielleicht jemand neurotypisches nicht bekommt?

Falls dich das Thema sehr interessiert, beschäftige dich mal näher mit psychologischen Quellen. Selbstwirksamkeit ist eine Erwartung bzw. optimistische Überzeugung. Personen mit hohen Selbstwirksamkeitserwartungen erbringen bei gleichem Fähigkeitsniveau bessere Leistungen als jene mit niedrigen SE.
SE sind zudem oft spezifisch bzw es gibt da zwei psychologische Konstrukte, spezifischen und generalisierte SE.

Es scheitert wahrscheinlich nicht an der SE, sondern am mit ADHS eingeschränkten Fähigkeitsniveau. Wir sind eben eher Sprinter als Marathonläufer.

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