Spätdiagnose und Zweifel (35, m)

Hallo @Falschparker :waving_hand:

Lass mich hier ein bisschen ins Detail gehen, dann wird es hoffentlich etwas transparenter als meine Beiträge bisher waren.

Ich sprach vorher von einer guten oder indirekt von einer schlechten Bindung - das war missverständlich ausgedrückt. Das meinte ich viel weniger als Wertung, sondern viel mehr wollte ich eigentlich sagen, dass es darum geht, wie viel man seiner Familie anvertrauen möchte.

Für mich persönlich ist eine Beziehung, in der ich Ängste, Schwächen oder andere sensible Themen ansprechen kann wertvoller als eine Beziehung, in der ich dies nicht tun kann. Das ist aber meine persönliche Vorliebe.

Ich empfinde den Kontakt zu meinen Eltern als wertvoller, wenn Gespräche über Themen stattfinden können, die mich hin und wieder auch tief bewegen. Entsprechend bin ich interessiert daran, ein solches Vertrauensverhältnis aufzubauen. Ganz genau wie in einer Freundschaft mit einer Person, die kein Elternteil ist.

Natürlich bin ich entsprechend auch Interessiert daran, wie die Meinung dieser Person zu Dingen ist. Welchen Themen ich mit welcher Person besprechen möchte und welche nicht, entscheide ich aber immer noch selbst. Ich rede mit meinen Eltern nicht darüber, was ich sexuell so treibe und das bespreche ich auch nicht mit meinen Freunden.

Du hast Recht, in dem Moment, in dem ich meiner Familie davon erzähle, dass ich eine ADHS-Diagnose bekommen habe und versucht habe, meine Sicht auf die Welt zu erklären, habe ich ihnen eine gewisse Macht über mich gegeben, weil es mir wichtig ist, wie sie über mich denken. Das finde ich aber überhaupt nicht schlimm.

Es ist ja nicht so, dass ich jetzt mein Leben lang stark daran leiden würde, wenn sie mein ADHS nicht akzeptieren. Dann wüsste ich ja höchstwahrscheinlich auch woran das liegt, dass diese Akzeptanz nicht stattfinden kann und könnte dann entsprechende Konsequenzen für mich daraus ziehen, wie auch immer die dann aussehen mögen.

Das stimmt. Vielleicht hatte ich irgendwie erwartet, dass meine Zweifel im Gespräch verfliegen und stattdessen zeigte mein Vater sehr ähnliche Zweifel. Das überraschte mich etwas, da wir im Gespräch davor über die Symptomatiken von ADHS geredet hatten und er mir dann auch viel von sich erzählte. Am Ende sagte er dann selber etwas in der Richtung von “Na, wenn das die Symptome sind, dann habe ich wohl auch ADHS”. Das passte zu dem Zeitpunkt dann nicht in mein Bild, als er dann Dinge beim Folgegespräch zum Thema Hyperaktivität sagte wie “Naja gut, du warst halt schon immer sportlich und als junges Kind ist es ja auch völlig normal und gut sich viel zu bewegen. Wir sind früher auch von Treppen gesprungen und auf Bäume geklettert. Dann hätten ja alle um mich herum auch ADHS gehabt”.

Rückblickend kann ich jetzt sagen, dass das ein verständlicher Einwand ist, aber es ist halt nur ein kleiner Aspekt von vielen, der in der Diagnose beleuchtet wird. Und es kommt ja auf die Symptome insgesamt und vieles mehr an, dass muss ich hier ja niemandem erklären. Daher kam dann mein Gefühl von “Oh je, da kommen jetzt doch noch Einwände zurück, die ich nicht erwartet habe. Das wird noch ein steiniger Weg”. Aber es geht auf keine Fall darum, dass ich denke “Oh je, jetzt muss ich meinen Eltern irgendwie noch ADHS erklären, sonst werden sie mich nie akzeptieren und ich werde mein Lebtag nicht mehr glücklich.”

Ich bin bei sowohl meinem Vater, meiner Mutter und auch meinem Bruder davon überzeugt, dass es für mich einen echten Mehrwert haben wird, wenn sie besser verstehen, was ADHS für mich bedeutet und was es vielleicht auch für sie bedeuten könnte. Und ich bin auch davon überzeugt, dass es zu diesem Verständnis kommen wird, aber das kommt nicht von jetzt auf gleich.

Deshalb wähle ich den Weg für mich persönlich. Ich würde niemand anderem zu diesem Weg selber ohne Weiteres raten. Jeder muss das für sich entscheiden. Bei anderen Leuten ist es durchaus realistisch, dass es allein schon wegen der Umstände oder Vorgeschichte gar nicht erst zu einem Verständnis über ADHS kommen kann. Dann ergibt es natürlich auch wenig Sinn, Energie in diese Richtung zu investieren. Oder es besteht schlichtweg kein Bedürfnis darüber zu reden, ist ja auch völlig in Ordnung. Du hast anscheinend keinen Sinn darin gesehen mit deiner Mutter im Detail darüber zu sprechen und bist auch zufrieden damit. Das ist doch super. Für mich heißt das aber nicht, dass es bei mir genauso passieren muss. Aber so meintest du das glaube ich auch gar nicht, oder? :blush:

Liebe Grüße

Hey @Zakl :waving_hand:

Das ist klingt ja super positiv, da freue ich mich für dich und für euch. Wie war denn deine Erfahrung mit den Medikamenten? Hattest du starke Nebenwirkungen während der Einpendelung?

Vielen Dank für deine liebe Nachricht, ich wünsche euch alles Gute zurück :blush:

1 „Gefällt mir“

Ich sehe es auch ähnlich wie Ph4ntomz. Ich denke niemand muss die Diagnose in der Familie teilen. Vor allem wenn er oder sie das Gefühl hat, eine negative Reaktion würde sie oder ihn belasten. Ich habe aber auch mit meinen Eltern über meine Diagnose gesprochen, weil ich ein sehr enges Verhältnis zu ihnen habe. Trotzdem empfinde ich meine Beziehung zu ihnen als erwachsen. Auch wenn sie natürlich sehr geprägt ist von meiner Kindheit.

Ich konnte als Kind nicht über meine Probleme mit meinen Eltern sprechen, weil ich immer Angst hatte, jemandem zur Last zu fallen. Meine älteren Geschwister machten schon genug Probleme. Und ausserdem waren meine Probleme ja nicht so schlimm wie die der anderen. Das ich diese Angst nun nicht mehr habe, finde ich befreiend.

Ich denke auch, dass man im normalen Alltag immer irgendjemandem Macht über sich gibt, da wir alle voneinander abhängig sind. Deshalb empfinde ich es nicht so extrem als Machtübergabe, wenn ich meinen Eltern erzähle, dass ich Medikamente nehme. Klar kann man enttäuscht sein über die Reaktion, aber eventuell ist diese Enttäuschung ja nicht so einschneidend. Ich habe meiner Mutter auch schon mal gesagt, dass mich ihre Aussagen über mein Gewicht und darüber dass ich zu viel Fett habe als Kind sehr geprägt haben. (Ich war auch normalgewichtig.) Sie konnte diese Kritik überhaupt nicht annehmen und im ersten Moment hat das schon weh getan, aber heute bin ich einfach der Meinung, dass sie in dem Punkt halt einfach falsch liegt und sie halt auch nicht perfekt ist. Mir hat es meiner Meinung nach beim Verarbeiten geholfen.

Ich weiss auch von meiner Mutter, dass sie sich über ADHS viel mehr Gedanken macht als früher, wenn sie mal einen Bericht darüber liest und sieht. Das empfinde ich für Gespräche auch sehr bereichernd.

Mit meiner Schwester habe ich auch vermehrt über ADHS gesprochen. Bei ihr bin ich aber auch der Meinung, dass sie selbst ADHS hat und stärker betroffen ist als ich. (Ich denke, das wurde väterlicherseits vererbt und mein Vater hat es von seinem Vater. Drei von seinen vier Brüdern haben einen Knall (negativ gemeint) und seine Schwestern sind zwar super, halt einfach etwas eigenartig wie mein Vater (positiv gemeint)). Meine Schwester hatte schon als Kind Depressionen, die dazumal aber nicht behandelt wurden. Ende Teenyzeit hat sie sich dann selbst in die Psychiatrie eingewiesen. :flexed_biceps: Auch heute hat sie immer mal wieder depressive Phasen und ich bin überzeugt, dass es von ADHS stammt. Sie hat aber das Gefühl, dass ihr eine Diagnose nichts bringen würde und Medikamente müsste sie ja dauernd nehmen, dass wäre ja nichts nachhaltiges ihrer Meinung nach und im Moment weiss sie ja, wie sie mit ihrer Depression umgehen muss (Aussage von ihr).

Ich finde das ist ihre Entscheidung, aber eventuell möchte sie diese in der Zukunft ja auch noch ändern.

Hi Ph4tomz,

schön, von dir zu hören. Meine Erfahrung mit den Medikamenten sind bisher überwiegend positiv. Ich habe mit Medikinet retard 10mg angefangen und dann hochdosiert auf 20mg und 10mg am Nachmittag. Da hab ich anfangs einige Fehler gemacht (nichts gegessen, zu wenig getrunken) und dann auch entsprechende Nebenwirkungen gehabt ( Kopfschmerzen, teilweise sehr heftige Rebounds mit Stimungsschwankungen, Suizigedanken, Tachykardie). Allerdings hat es sich dann nach ca. einem Monat deutlich gebessert und die positiven Effekte haben überwogen: Innere Ruhe, Fokus, geordnete Gedanken, deutlich weniger Anspannung/ Getriebenheit und dadurch hab ich auch in der Summe einen sehr viel wohlwollenderen Umgang mit mir selbst.

Mittlerweile nehme ich MPH 10-10-5 weil ich gemerkt habe, dass ich damit am besten bis zum Abend durchkomme. Teste damit allerdings auch noch rum. Anfangs hatte ich leichte Durchlafprobleme, das hat sich nun aber auch gelegt. Einzige Nebenwirkung, welche ich weiterhin als unangenehm empfinde ist der erhöhte Blutdruck/ Puls, wobei das mit Sport gut handelbar ist. Hoffe ich konnte dir weiterhelfen, meld dich gerne, falls du noch mehr Erklärung brauchst. Viele Grüße :vulcan_salute: