TLDR für alle Ungeduldigen (also alle hier?
):
- Vor wenigen Tagen meine ADHS Diagnose bekommen - kombinierter Typ
- Überrascht, dass auch Hyperaktivität festgestellt worden ist
- Mittlerweile etwas weniger überrascht, da ich langsam verstehe, welche Verhaltensmuster ich mir über mein Leben alle angeeignet habe, um nicht negativ aufzufallen
- Insgesamt noch mit Zweifeln am kämpfen, aber bemerke erste Schritte der Akzeptanz
- Familie reagiert bisher weniger unterstützend und verständnisvoll als erhofft
- Würde gerne noch mehr schreiben, aber der Text ist so schon ewig lang geworden

- Freue mich, euch kennenzulernen

Hallo zusammen ![]()
Vor einigen Tagen habe ich meine Diagnose bekommen. Sie ist zwar noch nicht final, da die Ergebnisse noch zusammen getragen werden, aber die Therapeutin sagte mir bereits, dass es auf ADHS wohl hinaus laufen wird. Zu meiner Überraschung kam dabei heraus, dass ich den kombinierten Typ habe. Persönlich habe ich mit dem verträumten Typ gerechnet. Falls überhaupt, denn ich habe schon immer mit Zweifeln zu kämpfen.
Aber mal eins nach dem anderen. Irgendwie habe ich das Bedürfnis, mich über meine Diagnose mit anderen Betroffenen auszutauschen, weshalb ich mich nun dazu entschlossen habe, mich in dem Forum hier zu registrieren und einen Beitrag zu verfassen ![]()
Bei mir war es so, dass ich ca. vor 3 Jahren die ersten Beiträge zum Thema ADHS gesehen habe und diese einfach total interessant fand. Mit der Zeit hat das dann immer weiter zugenommen und mich immer wieder selber dabei ertappt, wie ich dachte, dass die Symptome doch auch auf mich passen. Aber nicht nur das, denn ich habe auch größtenteils meine Partnerin gesehen, die mit ähnlichen Dingen zu kämpfen hat, wie die Betroffenen in den Berichten/Dokumentationen. Als ich das mal bei ihr angesprochen habe kam dann die Überraschung. Sie sagte mir, dass sie als Kind mal eine Diagnose bekommen hätte, auch Medikamente bekommen habe, ihre Mutter das dann aber alles abgebrochen habe, weil sie nicht mehr wiederzuerkennen war. Dann einfach nicht mehr drum gekümmert, weil es sich ja auswachsen würde - Kinderkrankheit halt.
Nun doppelt motiviert habe ich mir immer und immer mehr zum Thema ADHS angeschaut und gelesen. Es war mein absolutes Lieblingsthema geworden und bin jedes Mal hängen geblieben, wenn es irgendwo darum ging. Ich habe auch immer mal wieder mit meinen Eltern, meinem älteren Bruder und hin und wieder Freunden darüber geredet. Die Resonanz war allerdings immer, dass sie das bei mir nicht sehen, ist doch alles normal, geht doch jedem so. Daher auch meine Zweifel, habe ich nun ADHS oder nicht? Übertreibe ich meine Symptome einfach? Warum fällt mir das Arbeiten dann so schwer, während das für andere Leute irgendwie ein normaler Bestandteil ihres Lebens ist, über den sie sonst nicht weiter nachdenken sofern nichts Besonderes vorgefallen ist?
Durch den Austausch mit meiner Partnerin kam es dann auch dazu, dass sie versucht hat, einen Therapieplatz zu bekommen. Für mich kam das noch nicht in Frage, weil ich mir so unsicher war, ob es nun ADHS ist oder ob ich mich einfach anstelle. So zogen die Jahre dann ins Land und sie fand keinen Platz. Nach ca. 1.5 Jahren hatte auch ich das Thema dann bei meinem Hausärztin angesprochen, die mich belächelt hat und dann eine Liste mit Telefonnummern in die Hand gedrückt hat, die sichtlich seit den letzten 30 Jahren immer wieder kopiert worden ist. Die meisten Nummern existierten gar nicht mehr und die funktionierenden führten zu keinem Ergebnis. Damit habe ich das Thema dann wieder für 1 Jahr begraben ![]()
Erst jetzt vor kurzem habe ich die Entscheidung getroffen einfach Geld in die Hand zu nehmen und es als Selbstzahler nochmal zu versuchen. Selbst das war etwas schwieriger, aber letzten Endes hat es endlich geklappt.
Nun sind trotz Ergebnis die Zweifel noch recht stark gewesen. Ich habe auch keine Erleichterung gefühlt. In den letzten paar Tagen habe ich speziell deshalb nochmal etwas recherchiert und bin doch sehr froh, dass meine Zweifel eher dafür stehen, dass es eben doch ADHS ist und ich das nun lernen muss zu akzeptieren. In einem Video eines Spätdiagnostizierten erzählte der Betroffene davon, dass es schwer war und auch immer noch ist, dass die Familie die Diagnose akzeptiert und versteht.
Das wird bei mir glaube ich auch noch ein steiniger Weg. Ich habe bereits mit meinem Vater und meiner Mutter telefoniert, die das wohl irgendwie hinnehmen, aber gerade mein Vater hat sich doch auch dagegen gewehrt, als ich darüber gesprochen habe, was ich der Therapeutin so an Beispielen aus meinem Leben genannt habe. Die Reaktion meines Vaters hat mich etwas überrascht, da wir im letzten Telefonat bereits ein bisschen darüber gesprochen haben, was so typische Symptome sind und dass ADHS ja auch vererbt wird. Dort hat er sehr positiv reagiert und am Ende sogar selber gesagt, dass er dann wohl wahrscheinlich auch ADHS haben könnte. Meiner Meinung nach ist er auf jeden Fall auch betroffen - er ist der typische zerstreute Erfinder/Professor ![]()
Eigentlich könnte ich hier jetzt noch ewig weiter schreiben, aber ich versuche mal ein Ende zu finden. Für mich fühlt es sich gerade so an, dass ich schon ein paar kleine Schritte in Richtung Akzeptanz gehen konnte. Mir fällt auf, dass ich doch gelernt habe, sehr viele Dinge zu maskieren. Dass mein Gehirn nun Probleme hat das Bild der Diagnose und meiner üblichen Einstellung, dass alles in Ordnung sei und ich einfach ein “kreativer Mensch”, ein “Künstler” bin, der in einer kranken Arbeitswelt lebt, verwundert mich weniger. Viele dieser Einstellungen und Glaubenssätze habe ich wohl von meinem Vater übernommen. Meine perfektionistische Mutter mit ihren hohen Ansprüchen und ihrem “da muss man sich halt mal hinsetzen und es einfach machen auch wenn es keinen Spaß macht” hat sicherlich auch ihren Beitrag geleistet.
Nun verstehe ich auch langsam, warum ich schon immer das Gefühl hatte, dass ich reflektierter als meine Mitschüler/Freunde bin, andere Menschen sofort sehr gut lesen kann und mich entsprechend verhalte. Anscheinend eine Überlebensstrategie, um nicht negativ aufzufallen. Wie dem auch sei, ich bin gespannt, wie es nun weiter geht und freue mich ein Teil des Forums zu sein.
Liebe Grüße