"Sprachlosigkeit" bei Überlastung

Hallo zusammen!

Ich beobachte schon lange bei mir, dass ich in Phasen, in denen ich sehr unter Strom stehe, manchmal einfach nicht antworten kann. Selbst auf einfache Fragen; ich fühle die Antwort in mir und bin dann ganz verwundert, wenn mein Gegenüber mich nochmal anspricht.

Heute morgen ist mir der Vergleich eingefallen, dass es so ähnlich ist wie wenn ein Schauspieler den Text vergisst. Also irgendwie sinngemäß und gefühlsmäßig weiß er wie es weiter geht, aber er sagt den erwarteten Text nicht auf.

Versteht Ihr, was ich meine?
Das ist jetzt kein dramatisches Problem, aber irgendwie beschäftigt es mich doch.

Schönen Tag! :slight_smile:

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Mir geht das auch hin und wieder so. Es ist aber kein Blackout, die Sprache ist im Kopf aber in so Situationen dann so durcheinander, dass sie entweder gar nicht über die Lippen möchte oder es kommt so viel auf einmal raus, und dass so wirr wie im Kopf mit tausenden Strängen, dass mich in solchen Situationen mein Gegenüber anguckt, als wäre seine/ihre Nase so verstopft, dass nur noch Mund-Atmung möglich ist.

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Ist es vielleicht das überlastete Arbeitsgedächtnis? Also dass dein „Computer hängt“, weil zu viele Tabs / Programme offen sind?

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Klingt auch plausibel… Ich weiß es eben selbst nicht genau, daher meine Frage, ob es jemand ähnlich geht und wie Ihr das interpretiert.

Ich habe kein ADHS aber eine Familie mit 3 Kindern und teilweise ADHS, und mir selbst geht es manchmal so ähnlich, wenn ich schon zwei Dinge gleichzeitig am tun bin, im Kopf noch etwas organisatorisches, ein Glas Wasser fällt um, ein Kind fragt mich was und ein anderes ruft „Mama!!!“ :zany_face:

Eine fertige Antwort habe ich dann aber nicht im Kopf, eher ist es so, dass die Frage zwar im Hirn ankommt, aber dort in der Warteschleife hinten anstehen muss :laughing:

Könnte mir vorstellen, dass es bei einem ADHS-Hirn gar nicht so viele Reize von aussen braucht, um einen ähnlichen Zustand herzustellen, da ja in einem ADHS-Hirn eh immer schon viel los ist….

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Ich kenne das auch vor allem auch bei ganz banalen Fragen , wenn ich komplett andere Gedanken habe oder in einem anderen Kontext bin.

Z.B erspüre ich bei einem Mitmenschen ein Problem/Not auf emotionaler Ebene und bin im Emphatiemodus dann frag mich bloß nicht nach dem kleinen 1x1 :sweat_smile:

Unter Medikation, nehme ich an?

Bei sowas scheint mir das Inverted-U Prinzip wiedermal plausibel zu sein.

Kommt auch ohne Medikamente mal vor, aber mit vielleicht noch schneller bzw. dann, wenn man - mit ADHS Stimulanzien gut eingestellt - oben auf dem invertierten U liegt, dann aber zusätzlich hoher Stress dazu kommt.

Liest man hier auch regelmäßig, dass die Wirkung unter Stress subjektiv als deutlich schlechter bis gar nicht mehr vorhanden wahrgenommen wird, weil es bei zu viel kippt.


Kurzform:

Unter hoher innerer Anspannung kippt bei ADHS leichter die präfrontale Top-down-Steuerung (Stress destabilisiert PFC-Netzwerke).

Die Antwort ist möglicherweise zwar innerlich verfügbar, aber Arbeitsgedächtnis, Auswahl und Start der sprachlichen Handlung sind kurzfristig blockiert – wie ein „Textabruf/Startsignal“, das für einen Moment nicht durchkommt.

Es kann dann also zu kurzen Abruf-/Initiierungsblockaden trotz „innerem Wissen“ kommen.

Dieses Prinzip wird zumindest in PFC-Stressmodellen beschrieben.


Viel spannenderererer:

Neuronale Netzwerke, Signalwege, oder auch die Einflüsse von Katecholamin und zweiten Boten auf die PFC-Funktion und ihre Relevanz für ADHS und Stress.

Neurologische Erklärung im ADHS-Kontext

Das beschriebene Phänomen („ich weiß/fühle die Antwort, aber es kommt nichts raus“, besonders in Hochstress-/Hochanspannungsphasen) lässt sich im ADHS-Kontext gut als zustandsabhängiger Ausfall von Exekutivfunktionen erklären – vor allem von Arbeitsgedächtnis, Handlungsinitiierung, Antwortselektion und Inhibition.

Die „Wissensrepräsentation“ ist noch vorhanden, aber die Übersetzung in eine geordnete, abrufbare und motorisch initiierte Sprachantwort bricht kurzfristig ein.

Das wirkt subjektiv wie „Text vergessen“, obwohl der Inhalt innerlich „da“ ist.


Zu hohe Anspannung kann präfrontale Steuerung kurzfristig blockieren

Der präfrontale Kortex (PFC) ist zentral für:

  • Informationen im Arbeitsgedächtnis „online“ halten.

  • Antworten auswählen (Selektion) und Störimpulse unterdrücken (Inhibition).

  • Handlungen starten (Initiierung), also auch: „jetzt spreche ich“.

Unter Stress steigt die Aktivität von Noradrenalin und Dopamin stark an. Diese Botenstoffe haben im PFC eine Art Optimalbereich: Zu wenig Aktivierung ist ungünstig, aber auch zu viel (Stress, Übererregung) kann die Stabilität der PFC-Netzwerke verschlechtern.

Bei ADHS ist die Regulation von Aktivierung („Arousal“) oft weniger stabil. Dadurch wird die Schwelle eher überschritten, ab der Top-down-Kontrolle kippt.

Das kann dann wie ein kurzfristiges „Offline“ der Steuerung wirken: Man nimmt die Frage wahr, „spürt“ die Antwort, aber das System bekommt die Antwort nicht zuverlässig organisiert und gestartet.


„Antwort ist da“ vs. „Antwort abrufen und ausgeben“

Viele Menschen erleben in solchen Momenten:

  • Bedeutung/Intention ist vorhanden („Ich weiß, was ich sagen will“).

  • Aber Abruf, Strukturierung und Sequenzierung der Sprache haken („Es kommt kein Satz“).

Neuropsychologisch passt das zu einer Trennung von:

  • semantischer Aktivierung (Inhalt/„Gefühl der Antwort“)

  • exekutiver Umsetzung (Wortfindung, Satzplanung, Auswahl, Startsignal)

Wenn Arbeitsgedächtnis und Inhibition unter Stress schlechter funktionieren, geraten Sprache und Handlungsstart besonders leicht ins Stocken, weil beides stark von geordneter Sequenzierung und Fokus abhängt.


Salienz-/Alarmnetzwerke übernehmen

Bei hoher innerer Anspannung gewinnt häufig das „Salienz-/Alarm“-System an Dominanz. Das verschiebt Verarbeitung in Richtung:

  • schnelle Reaktionsbereitschaft

  • erhöhte Selbstüberwachung („Was soll ich sagen? Was denkt der andere?“)

  • mehr inneres Rauschen (Gedanken, Druck, Körperstress)

Wenn präfrontale Regulation schwächer greift, wird der Zugriff auf fein geplante, sozial getaktete Sprachproduktion schlechter. Das kann sich zeigen als:

  • kurzzeitiges Verstummen

  • verzögerte Reaktion

  • „Startprobleme“, bis die Worte wieder „anspringen“

Gerade in sozialen Situationen kann zusätzlicher Druck entstehen (Erwartung, Blickkontakt, Tempo), der die Aktivierung weiter erhöht und das Blockadegefühl verstärkt.


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Hallo…

mich erinnert das noch an ein anderes Phänomen, nämlich dass ich z.B. beim Tanzen, wenn die Abfolge noch nicht so richtig “drin” ist, oft gar nicht merke, dass ich die Bewegung gar nicht ausgeführt habe - die Vorstellung davon ist zwar vorhanden, aber halt leider nicht umgesetzt:-)

DAS ist ja mal interessant! Hätte nicht gedacht, dass es eine “richtig” wissenschaftliche Erklärung dafür gibt, aber die passt perfekt zu meinem Empfinden!

Danke dafür! :slight_smile:

PubMed z.B. ist voll davon.
Da gibts schon verdammt viel zu PFC & Co.

Aber wie viel mehr bis heute noch unbekannt ist, ist total irre. Es wird kontinuierlich geforscht und hin und wieder mal Neuland entdeckt.

Diese Schwabbelmasse in unseren Köpfchen ist schon ein faszinierendes Ding :exploding_head:

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