Stress und die Entstehung von AD(H)S

Hallo,

wie versprochen hier der Versuch, meinen aktuellen Wissensstand zur Connection zwischen der Entstehung von AD(H)S und Stress zusammenzufassen.

AD(H)S ist mE ein Defizit von Dopamin und Noradrenalin in PFC und Striatum/Nucleus accumbens (plus einiger anderer Veränderungen).
Im dlPFC sitzt das Arbeitsgedächtnis, das dadurch beeinträchtigt ist, weshalb die Exekutivfunktionen = Organisationsfähigkeit leidet.
Der Nucleus accumbens im Striatum steuert Motivation und motorische Inhibition.

AD(H)S hat verschiedene Entstehungsmöglichkeiten.

1. Genmutationen
Gene haben verschiedene Varianten, die vererbt werden können. Diese Varianten entstehen als zufällige Mutationen und sind zigtausende Jahre alt oder älter und werden nicht durch Stress beinflusst.
Je nach Variante ist ein Gen aktiver oder passiver (unterschiedliche Expression).
Und wenn das Gen irgendwie auf den DA- oder NE-Spiegel / deren Wirkung Einfluss hat, macht es sich im AD(H)S-Panoptikum bemerkbar.
Beispiel: DTD4-7R ist die Variante des Dopamin-D4-Rezeptor-Gens mit 7 Repeats, die für einen besonders unempfindlichen D4-Rezeptor sorgt. Da D2 bis D4 inhibitorisch wirken, fällt bei DRD4-7R die Hemmung weg. Da der D4-Rezeptor vor allem im Striatum aktiv ist, macht DRD4-7R das Striatum überreagibel.
DRD4-10R macht den D4-Rezeptor dagegen besonders empfindlich.
Je nach dem, welche Variante man erbt, hat man eine Veranlagung zu anderen Störungsbildern:
DRD4-7R korreliert mit AD(H)S, DRD4-10R mit Borderline - wobei diese Gene alleine noch kein AD(H)S oder Borderline machen. Sie sind nur ein Beitrag zu einer Neurotransmitterveränderung, die ab einem bestimmten Maß dann Symptome verursacht.

2. Umwelt
Krankheiten können den DA-Spiegel dauerhaft verändern. Z.B. löst eine Enzephalitis (Gehirnentzündung) verringerte DA-Spiegel aus, weil die DA-Zellen sterben.
Andere Einflüsse können so lange wirken, wie sie da sind (manche Gifte, z.B. Blei) und verringern den DA-/NE-Spiegel nimmer, wenn sie weg sind.
Psychischer Stress ist ebenfalls ein Umwelteinfluss hat unmittelbaren Einfluss auf DA und NE-Spiegel.
Akuter Stress erhöht DA und NE, chronischer Stress verringert sie. Das erklärt, warum AD(H)S und chronischer Stress die selben Symptome zeigen. Ob sie deswegen das selbe sind, ist allerdings noch ne andere Frage.

3. Epigenetische Einflüsse
Jetzt wirds kompliziert…
Stress kann - je nach Stressor und Dauer - mehr als nur akute Auswirkungen haben, also mehr als nur Auswirkungen, die mit dem Stressor wieder verschwinden.
Stress kann die Epigenetik verändern. Durch verschiedene Mechanismen wird dabei die Expression von Genen verändert
Der Hammer ist nun, dass epigenetische Informationen ebenfalls vererblich sind.
Auf diese Weise können(Stress-)Erfahrungen an die Nachkommen vererbt werden.
Anders als Genvarianten verschwinden sie allerdings innerhalb von wenigen Generationen wieder, sofern der Einfluss, der die epigenetischen Expressionveränderungen ausgelöst hat, nicht erneut hinzutritt.

Beispiele:

  1. Mäusemännchen bekamen eine Zeit lang Nikotin.
    DANACH zeugten sie Kinder - diese zeigten sehr deutliche AD(H)S-Symptome.
    Hatten diese untereinander wieder Kinder, zeigten diese noch schwache AD(H)S-Symptome.
    (Gifte und Krankheiten sind ebenso Stressoren wie psychischer Stress).

  2. Mäuse, die in den ersten Lebenstagen von der Mutter getrennt wurden (= schwerster frühkindlicher Stress) hatten ein sehr viel größeres Risiko, als Folge auf weiteren Stress in der Jugend dann lebenslängliche psychische Störungen als Erwachsene zu haben.***
    Diese (durch frühkindlichen Stress der ersten Generation) erworbene Veranlagung, auf Stress in der Jugend viel häufiger dauerhafte psychische Störungen im Erwachsenenalter zu bekommen, hatten noch 3 weitere Generationen - obwohl diese alle keinen frühkindlichen Stress erfuhren.
    Das ist die Folge der vererbten epigenetischen Genexpressionsveränderungen.

***Deckt sich mit der Erkenntnis, dass die Menge von Stress in der mittleren Jugend bei Menschen mitentscheidet, ob ein bestehendes AD(H)S sich auswächst oder im Erwachsenenalter persistiert.

Nun ist es so, dass AD(H)S nicht aufgrund einer einzelnen Ursache, eines einzelnen Gens, einer einzelnen Genexpression entsteht.
Damit der DA- und NE-Spiegel in PFC und Striatum ausreichend verringert ist, muss einiges zusammenkommen. Daher kommt der Erklärungsansatz, AD(H)S als Extremum einer Normvariante zu beschreiben, was genau so richtig und falsch ist wie alle anderen Erklärungen.
Sprich: um AD(H)S alleine aufgrund von Genvarianten zu ererben, muss man schon ziemlich tief in die Pechkiste grabschen.
Und ebenso ist es viel wahrscheinlicher, dass Umwelteinflüsse oder Stress-Epigenetik-Veränderungen AD(H)S mitverursachen, wenn da bereits ein paar Genmutationen den Weg bereitet haben.

Zusammengefasst:
AD(H)S kann ganz ohne eigenen Stress entstehen oder durch Stress alleine.
Stress ist vererblich.

Ich bitte um Nachsicht, dass ich hier ohne jegliche Quellenangabe formuliere.
Das Ganze findet sich en Detail auf www.ADxS.org, dort mit derzeit rund 3500 uniquen Quellenangaben. Feel free :wink:

Viele Grüße

UlBre

Edit: hier ein ganz frischer Artikel, der mir zufällig über den Weg lief: Neurodevelopmental and genetic determinants of exposure to adversity among youth at risk for mental illness - PubMed
Nur einer von vielen.

Ja das tönt logischer. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, das durch Stress alleine inmitten des Lebens plötzlich ADHS entsteht. Auch im Kindesalter bin ich der Ansicht die ADHS ist von Anfang an da oder nicht. Sie sird einfach jeweils nicht sofort erkannt.
Das jemand von sich sagt in welchem Lebensjahr er/sie ADHS bekommen hat und vorher sei er/sie anders gewesen, sowas sieht man nie ausser vlt. nach einer SchädelHirn Verletzung durch Unfall.

Soweit ich weiss bringt man eher die Schizophrenie oder eine Psychose mit zu viel Stress was ein Mensch aushalten kann in Verbindung.

Und auch wenn vereinzelt der Behriff verwendet wird, dass ADHS sich entwickle ist es doch ein Geburtsgebrechen und keine Entwicklungsstörung im medizinischen Kontext.

Sagt wer? Mich würde wirklich interessieren, worauf du deine Thesen und Meinungen stützt.

Mitten im Leben wird man AD(H)S nicht erwerben können.
Entweder man hat eine gewisse Gen-Grundausstattung in der Richtung, oder man hat sie nicht. Andere Gen-Grundausstattungen machen dann vulnerabel (verletzlich) für andere Störungsbilder.

Die Gen-Grundausstattung, also das Blatt Gene, das man auf die Hand mitgeliefert bekommt, kann so dermassen besch… sein, dass man (um beim Kartenspiel zu bleiben) ablegen und aufnehmen kann, was man will - das Spiel ist nicht zu gewinnen. Da braucht es also keine Umwelteinflüsse mehr, um ein solides AD(H)S zu haben. Das ist dann „primäres AD(H)S“ (so nennt das Tebartz van Elst).

Glückspilze haben Gene, bei denen die böseste Umwelt kein AD(H)S draus machen kann.

Es gibt aber eben auch ein „latent vererbtes“ AD(H)S. Das ist eine Gen-Grundausstattung, die vulnerabel (anfällig, verletzlich) für Umwelteinflüsse macht.
Und für diese Umwelteinflüsse (vulgo: Stress) gibt es zwei besonders empfindliche Zeitfenster: ab Zeugung bis 3 Jahre (in der Zeit bilden sich die dopaminergen und noradrenergen Systeme aus) und dann nochmal in der mittleren Jugend.
Das erste ist der berühmte frühkindliche Stress. Das ist keine Erfindung von mir, sondern Standardwissen aus der Stressmedizin.
Das zweite ist die Zeit, in der wiederholte Stresserfahrungen (Verlust von Angehörigen, Krankheit, Mobbing etc. etc.) beeinflussen, ob das Kinder-AD(H)S sich mit dem Erwachsen werden auswächst oder ob es im Erwachsenenalter persistiert. Dazu gibt es mehrere grosse Untersuchungen (siehe <LINK_TEXT text=„https://www.adxs.org/symptome-von-adhs/ … wachsenen/“>AD(H)S bei Erwachsenen - ADxS.org</LINK_TEXT>, dort in der Einleitung im 5. Absatz).
Grundtestaufbau ist, dass Rattenmütter, die stark gestresst wurden, Symptome psychischer Störungen zeigten. Bekamen diese Kinder, entwickelten die Kinder ebenfalls diese psychischen Störungen - aber vor allen dann, wenn sie von ihren eigenen Müttern aufgezogen wurden, Wurden sie von andren Rattenmüttern aufgezogen, die fürsorglich mit ihnen umgingen, entwickelten sie die Symptome der psychischen Störungen viel seltener.

Weiter gibt es körperliche Störungen oder Krankheiten, die AD(H)S verursachen können (u.a. Fragiles-X-Syndrom, Enzephalitis) das nennt Tebartz van Elst „sekundäres AD(H)S“.

Und schliesslich wird immer häufige von einem late-onset-AD(H)S berichtet, das erstmals im Erwachsenenalter diagnostiziert wird. Das sind Betroffene, die als Kinder definitiv keine AD(H)S-Symptome hatten IN DER SCHWERE, dass eine Diagnose gegeben werden hätte können. ich glaube nicht, dass diese Betroffenen gar keine AD(H)S-Symptome hatten als Kinder - sie waren nur zu schwach für eine Diagnose (und früher wurde AD(H)S auch erst bei ziemlich heftigen Ausprägungen diagnostiziert).
Ich vermute, dass da die Erkenntnis heranwächst, dass die Gen-Veranlagung für ein AD(H)S auch erst im Erwachsenenalter noch durch entsprechende Umwelteinflüsse (vulgo: Stress) aktiviert werden.

Auch für diese Darstellungen gibt es Unmengen Untersuchungen, die das belegen.
Falls jemand die unter www.adxs.org trotz Suche nicht findet, helfe ich gerne.

VG

UlBre