Trauerarbeit eines spätdiagnostizierten ADHSlers

Hallo,
ich bin Johannes, 42, seit einem Jahr ADHS-diagnostiziert. Lehrer, verheiratet, ein Kind. Ich hatte über viele Jahre Depressionen, weil keiner erkannte, dass ich ADHS haben könnte. Nun, ein Jahr nach der Diagnose, hab ich einen traurigen Moment verschriftlicht. Hier im Forum habe ich nach “Trauer” und ähnlichem gesucht, aber kaum etwas gefunden. Es könnte also sein, dass mein Text für andere Spätdiagnostizierte in welcher Form auch immer eine Anregung sein kann.
Mich interessiert, ob andere Ähnliches erlebt haben, ob das Thema Trauer auch bei anderen eine Rolle spielt. Vielleicht entwickelt sich ja ein gutes Gespräch.

Hier also mein Text. Fair warning:

  • Er ist lang.
  • Geschrieben für Erwachsene. Es ist nichts Krasses drin, aber es geht emotional schon zur Sache.

Ganz liebe Grüße,
Johannes

Mein Leben als Teilzeit-NPC
Trauerarbeit eines spätdiagnostizierten ADHSlers

Einleitung:

Die Probleme, die ich als Teenager vor knapp 30 Jahren zum ersten Mal kennenlernte, sind bis heute im Grunde die gleichen. Ich habe eine Idee, möchte etwas umsetzen, habe Zeit dafür, aber ich finde den Anfang nicht, und wenn ich doch beginnen kann, halte ich nicht lange durch. So ist es aber nicht immer, denn gelegentlich, unter den richtigen Umständen, kann ich in kurzer Zeit enorm viel leisten. So habe ich also wieder und wieder zwei grundlegende, sich widersprechende Erfahrungen gemacht:

- Johannes hat keinen Einfluss auf seinen Alltag.

- Johannes kann Außergewöhnliches leisten.

So ist es bis heute. Es ist phasenweise besser oder schlechter für ein paar Wochen. Wenns schlecht ist, wird mein Leben von einem Autopiloten gelebt, und zwar einem beschissenen. Er kriegt das absolute Minimum hin, ja, also Wachsein, Körperpflege, den Nachwuchs mit (immer dem gleichen) Essen versorgen, mit dem Hund rausgehen, (ihn füttern wollte ich schon schreiben, aber das hab ich die Tage gelegentlich vergessen), Termine machen für andere, also gemeinsame Planung mit Frau und Kind, eigene Termine aber keine. Der Autopilot kann auch arbeiten gehen, also in die Schule fahren, ein paar Unterrichtsgedanken machen, vor Ort einen einigermaßen verlässlichen Eindruck machen, aber nichts Planerisches, was die Schulorga vereinfachen würde. Sonst verdöst er das Leben im Stand-By, sei es mit dem Handy (Solitär spielen, 2 Tage lang ein neues Spiel spielen und wieder das Interesse verlieren, YouTube-Doomscrolling, von Weltnachrichten deprimieren lassen etc.), dem Tablet (same…) oder mit dem eigenen Geschlechtsteil. Hauptsache Instant-Spaß rund um die Uhr, solange keine Verpflichtung dagegenspricht. An die Verpflichtungen (Erhalt) und die Wünsche (Gestaltung) aber bitte trotzdem permanent denken. Und weil das weh tut ist Kiffen so geil. Nur mit Gras kann ich 5 grade sein lassen. Hab ich mehr Gras, bleibe ich in den schlechten Phasen länger hängen, aber die können auch ohne gerne mal mehrere Wochen dauern. Aber zurück zu dem beschissenen Autopiloten. Er denkt also ständig an To Do’s, macht das Allernötigste, aber auf keinen Fall gestaltet er etwas mit der Intention, zu gestalten.

Natürlich bin ich selbst der Autopilot und natürlich weiß ich das auch. Und das tut weh.
Tage geschehen einfach, einer nach dem anderen, und an jedem einzelnen ist alles zu viel. Im Gehirn kommt alles an, jedes kleinste Detail, die leere Kaffeetasse auf dem Balkon, die Milchpfütze vom Müsli, die eigentlich das Kind wegputzen soll, die leere Sprudelflasche neben der Couch, die Kugel-Kugelbahnen, die Dartpfeile, die Klaviertasten, die Giesskanne, alles lange nicht mehr in der Hand gehabt, der CD-Stapel auf dem Player, das verwaiste Whiteboard mit 3 Wochen alten To-Do’s („Dringend!“), von denen genau Null schon erledigt sind, der Boden des Balkons, das dreckige Handtuch in der Ecke draußen, der Topf mit der toten Pflanze, das ausgelaufene Wachs, der überquellende Aschenbecher, die leere Gasflasche vom Aufsprudler, Kinderkunst in jedem Zimmer, jeder Ecke, jeder Schublade, das dreckige Geschirr natürlich, das fleckige Obst, unter einem Haufen Pappe der Papiermülleimer, die Küchenwand, überall verdreckt, verstaubt und voller Spinnweben, die Festplatten und die beiden ausrangierten Laptops, die beide aber noch ungesicherte Daten enthalten, Tausende von Bildern in verschiedenen Geräten, auch in den Clouds natürlich ein Chaos, all das stürzt auf mich ein, jedes kleinste Detail, die ein Buch füllen könnten, wenn ich zu sowas fähig wäre, weil ich:
nüchtern und ohne Ablenkung zu Hause bin. Und über allem dröhnt es wie beim Bombenalam: 2 STEUERERKLÄRUNGEN FEHLEN! LETZTE CHANCE VOR BUSSGELD! SEEZEITLODGE BUCHEN, SONST VERFÄLLT EIN 500-EURO-GUTSCHEIN! TÜVTERMIN! 3 MONATE ÜBERFÄLLIG! DAS DEFEKTE IPHONE EINSCHICKEN! SONST GARANTIEVERFALL!
Dann ist alles zu viel. Dann ist für eine unbestimmbare Zeit alles zu viel, und übrig bleibt ein rudimentäres Verhaltensmuster mit Hang zum Verfall.

Bisher war es so: Irgendwann ist es dann endlich lange genug beschissen genug gewesen. Zu einem unbekannten Zeitpunkt in der näheren Zukunft wird sich Wut breit machen, wenn mir die Scheisse emotional bis Unterkante Oberlippe steht, und mein gestaltender Output fährt plötzlich hoch wie ein Gaskraftwerk.

Von dem, was sich angesammelt hab, schaff ich dann was weg, nie alles, aber offenbar genug, gemischt mit neuem Kram, der Aufmerksamkeit braucht, einen Überblick habe ich dann auch nicht, aber immerhin geht was, ich bin aktiv, kann Dinge ein bisschen Vorbereiten, in mehreren Tagen denken, bin zwar am hasseln, aber es geht mir ganz gut dabei, denn am Horizont schimmert still und leise die Hoffnung, dass irgendwann vielleicht ein etwas stabileres Leben möglich sein könnte, dass ich irgendwann vielleicht ja doch mal Fuß fassen werde auf dieser Welt und meinen Platz in ihr beanspruchen werde, gekommen, um zu bleiben, denn wenn es heute möglich war, etwas zu Gestalten, kann das auch morgen möglich sein.
Weil ich diese Möglichkeit nicht leugnen kann, kann ich etwas Hoffnung spüren. Es ist mir egal, wie lange es dauert, im Ertragen bin ich erprobt, wenn sich nur mal substanziell was tun würde.

Wenn man aber durch diese Phasen nur oft genug durchgegangen ist, weiß man, dass die Hoffnung jedes mal am Horizont schimmern wird, genau dort, am Horizont, aber nie in greifbarer Nähe. Es bleibt ein frommer Wunsch. Ich werde den Launen eines blinden, tauben und stummen Zufallsgotts bis ans Lebensende ausgeliefert sein. Ich weiß zwar nicht, wie man ein Leben ohne grundlegende Planungsfähigkeiten leben kann, aber ich muss es wohl probieren. Das bedeutet, dass dann am Ende ein Leben gelebt wurde, zusammengestückelt aus einer großen Ansammlung von Zufallsentscheidungen und geduldig akzeptierten Verfalls. Ich werde es vermutlich nicht MEIN Leben nennen, aber es war immerhin eins, und das ist ja auch ok.

Einordnung:

große Trauer, weil schon so lange und so oft ein für mich ganz relevanter Wert verletzt wird: Selbstbestimmung. So viele Jahre alltäglich von 100 Ideen 98 wegblocken mit dem Gedanken „das machst du eh nicht“, keinen Einfluss darauf haben, welche 2 der 100 Wirklichkeit werden und wann. Meine Selbstwirksamkeitserwartung ist in schlechten Phasen Null, baut sich in besseren Phasen ein bisschen auf, um verlässlich wieder auf Null runter zu crashen. Ich durfte nie lernen, dass ich mich auf mich verlassen kann, es gab viel zu viele Gegenbeispiele. Ich habe kein VERTRAUEN darin, dass irgendein Ansatz nach so vielen Misserfolgserfahrungen ja doch alles noch einmal drehen könnte und sowas wie Selbstbestimmung real werden könnte. Dadurch …

- große Trauer, dass gewisse Lebensträume höchstwahrscheinlich für die Tonne sind. Radikale Selbstakzeptanz sozusagen. Seit ich das Gefühl habe, dass mir mir was nicht stimmt, existierte auch eine Form von Widerstandskraft, die sagt „das ist alles nicht normal, irgendwann findest du heraus, was los ist, und das Leben, wie du es dir vorstellst, wird irgendwann möglich sein“, a.k.a. der Hoffnungsschimmer am Horizont. Jetzt weiß ich, dass es ADHS ist. Eine Krankheit, die nie weg geht. Es gibt gute Medikamente, und sie erleichtern den Alltag etwas, aber nur in bestimmten Bereichen, und meine Erfahrung bis jetzt lässt nicht darauf schließen, dass sie grundlegend etwas ändern könnten. Ich BIN so, mein Hirn IST so, und auch, wenn ich von dieser Widerstandskraft (bzw. dem Willen und Glauben, „gesund“ werden zu können) profitiert habe, ist sie mir nicht mehr hilfreich, weil ich nicht gewinnen kann, wenn ich gegen mich selbst kämpfe.

Ich weiß doch bis heute nicht, was ICH will. So viele Entscheidungen in meinem Leben habe ich nicht bewusst getroffen, weil ich lediglich gemacht hatte, was naheliegend war. Eigentlich dachte ich, Berufsmusiker werden zu wollen. Die Aufnahmeprüfung zu schaffen war aber sehr unrealistisch, weil ich (natürlich!) nicht 6 Stunden täglich üben konnte. Was habe ich mich gequält, bis ich mir das eingestehen konnte. Wegen meines Onkels habe ich mich dann an der PH eingeschrieben, Lehramt, damit halt irgendwas geht, und so einer bin ich jetzt. Hätten meine Eltern kein Klavier im Haus gehabt, wäre ich wohl auch kein Musiker geworden. Ich kann mein Leben anschauen und wenn ich mich frage, was davon ICH geplant, entschieden und durchgezogen habe, gibt es nicht so viel. Jetzt sagt jeder, wie falsch das ist, (Frau geheiratet, Kind bekommen, Hund angeschafft, etc.), aber es geht hier nicht darum, was „rational“ korrekt ist. Meine Leben sieht schon eine Weile von außen beneidenswert gut aus. Das hilft alles nicht, wenn ich es nicht fühlen kann. Da ist eine ungetröstete tiefe Trauer darüber, dass so viel Lebenszeit von einem Autopiloten gelebt wurde und Angst davor, dass ich in meinem eigenen Leben gar nicht stattfinde.

Deswegen suche ich doch dauernd neue Tätigkeiten, neue Projekte. Ich spüre mich in meinem eigenen Leben nicht inmitten von Menschen, (Eltern, Kernfamilie, Freunde, Band, Kollegen…), die – man glaubt es nicht – auf etwas Lust haben (Therme besuchen, ins Kino gehen, ein Hobby starten…) und das dann …machen!!! Also her mit den Projektideen, bei denen Sichtbares entsteht, Stempel schnitzen, Möbel bauen, Schmuck aus Ton machen, sich vorstellen, wie toll das sein wird, wenn sowas fertig wird, mir beweisen, dass ich Selbstwirksamkeit habe und sie fürs nächste Ding erwarten darf, für ein paar selige Momente, bis ich „heute keine Zeit/Ruhe dafür habe und es morgen weitermache“, es also von nun an rumliegt und mich wochenlang anschreit

„HAHA VERARSCHT DU KANNST N I C H T S ZU ENDE BRINGEN“.

Ich kann kaum in Worte fassen, wie tief mich das verletzt.

Status quo:

Der Glaube daran, dass es bestimmt mal besser wird, hat mir Jahrzehnte lang den Treibstoff geliefert, nach dem Hinfallen wieder aufzustehen, wobei „aufstehen“ konkret bedeutet: sich aus rationaler Überlegung heraus dazu zwingen zu müssen.

Ohne diesen Glauben fehlt mir der Treibstoff, und ich bin in meinem Leben noch nie so unwillig gewesen, mich zu zwingen. Es ist sowieso nicht meine Entscheidung, ob ich gerade beschissener Autopilot-NPC bin oder getriebener Highperformer, wieso soll ich mich dann so unter Druck setzen?

Wissen ist Macht und führt zu radikaler Selbstakzeptanz. Ich weiß, dass ich ADHS habe und ich weiß, dass ich nie das Maß an Selbstbestimmung erreichen werde, das ich mir immer als nötig ausgemalt hatte. Und was ist so schlimm daran, es nie zu erreichen? Dann sind halt Dinge nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe:

- Ich werde nie mit dem Rauchen aufhören

- Ich werde nie ein eigenes Haus haben

- Ich werde nie finanziell entspannt sein

- Ich werde nie die Holzwerkstatt haben, von der ich manchmal träume

- Ich werde meine analogen und digitalen Bilder nie ordnen, nie schöne Fotobücher daraus machen.

Dann IST das so. Ein totes Pferd kann man nicht reiten. Der Autopilot ist auch nur im Vergleich mit dem Highperformer so beschissen. Was passiert denn wirklich Schlimmes? Ich bin ein freundlicher, rücksichtsvoller Mensch, ich kriege anscheinend das Nötigste hin. Schlimm ist, wenn ich mich zwingen muss (z.B. Korrekturen/Termine machen), aber das war schon immer schlimm, und wenn ich das akzeptiere, ist es keine Verschlechterung, VIEL schlimmer ist diese konstante Sehnsucht, so viel mehr leisten zu wollen, und die ist obsolet geworden.

Zum letzten mal so richtig Feuer gefangen (Hoffnung) habe ich bei der letzten Sitzung beim Therapeuten Simon. SMART-Ziele! Die formulieren, lernen, sie umzusetzen, sie abhaken, der Selbstwirksamkeitserwartung einen Beweis nach dem anderen liefern, auf Hürden stoßen, Bewegung spüren, Veränderung spüren, VERTRAUEN SPÜREN, dass es doch noch einen Weg gibt, den sogar ich gehen kann.

Jetzt, in diesem Moment: nein danke.
Ich wollte von Simon anfangs wissen, was ich erwarten kann bzgl. Therapieerfolg, und wir kamen auf den Vergleich mit der Gluten-Intoleranz. Die habe ich bis heute, und von gelegentlichen Missstimmungen abgesehen (auf dem Weihnachtsmarkt, in manchen Restaurants) macht sie mir keinen Kummer. Der ganze Haushalt ist auf meine Diät eingestellt, es gibt Schlimmeres.
Der Vergleich hinkt, weil ein wichtiges Element fehlt: mit ca. 21 Jahren war ich UNFASSBAR traurig, dass ich die Intoleranz habe und nie wieder loswerde. Ich hatte mich gewehrt, es trotzdem probiert, war gescheitert und weiß noch genau, wie ich schließlich Frieden damit machte. Wie schließt man Frieden mit seinem ADHS? Indem man akzeptiert, dass man es hat, mit all seinen sehr konkreten Auswirkungen auf mein Leben, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Ich finde Trost in dem Gedanken, dass ich mich von der Erwartung an ein Leben mit mehr Vertrauen in mich selbst verabschieden kann. Betrachte ich mein Leben isoliert, also ganz bewusst ohne den Vergleich mit diesem Über-Johannes, ist es doch ok und im Grunde nicht verbesserungsbedürftig. Ich kann gefühlt sogar noch mehr locker lassen.

Es entspannt mich, wenn ich im Gespräch mit Kollegen und Freunden nichts mehr beweisen muss, wenn ich sagen kann „das mache ich eh nicht“, ohne Schuld zu spüren. Ich habe jahrelang sehr hart trainiert, das Mindeste zu schaffen, da ist es nur recht und billig, wenn ich heute auch nicht mehr als das Mindeste tue.

Es macht mich moralisch zu keinem schlechteren Menschen, wenn ich nie den Geburtstags-Dauerkalender fertigstelle, den ich vor über 10 Jahren begonnen hatte, weil ich dauernd Geburtstage vergesse. Es ist eine schöne Vorstellung: Jeder Monat zeigt kleine Fotos der Personen, die Geburtstag haben und wann sie geboren sind. Es könnte eine Sammlung aller Menschen werden, die uns wichtig sind.
Von dieser Idee weiß aber niemand außer mir, und von den vielen anderen auch nicht. Niemand hat je diese fantastische Welt in meiner Vorstellung gesehen, weshalb auch niemand erwarten könnte, dass etwas davon Realität wird.
Nach außen wird man vermutlich wenig merken, dass ich diese verschissene Wunsch-Parallelwelt in die Tonne getreten habe.

Eins noch:

Dank Simon überlege ich präziser, warum ich dieses seltsame Verhältnis zum Kiffen habe. Das Hauptgefühl, das ich nüchtern nicht regulieren kann, ist die Trauer über den Zustand meines Lebens als Teil-Zeit-NPC und die Angst, dass das für immer so sein wird. Jedes gefühlte und jedes echte Scheitern sind Nadelstiche in die immer gleiche Wunde.
Kiffen reduziert den Druck, meinem Traum-Ich zu entsprechen, allein schon deshalb, weil mein Traum-Ich ja Nichtraucher ist und nur gelegentlich und kontrolliert kifft. Ich nehme auch weniger wahr, was ich alles noch zu tun hätte, kann leichter sagen „das wird schon, musste dich jetzt nicht drum kümmern“. Es hilft mir auch, mal auf alles zu Scheißen. Nüchtern ist immer alles abartig wichtig, nüchtern bin ich „in der Spur“ und unter Bewertung meiner Performance auf dem Weg zum großen Ziel. Nüchtern kann ich da nicht aussteigen.

Zum Status quo gehört also auch, dass ich seit der letzten Sitzung bei Simon täglich kiffe, als Standard und unabhängig vom Erreichen von SMART-Zielen. Ich krümel mir morgens ins die Balkonzigarette ein kleines bisschen rein, rauche als erstes, wenn ich heimkomme und moderiere den Konsum über die Rechnung „Autofahren minus 1-2 Stunden = Kiffen“. Für die Mädels und den Hund bin ich emotional anwesend, beteilige mich am Alltag, es fällt mir leichter, mit meiner Frau zu quatschen und zu lachen, mit ihr spazieren zu gehen. Ohne den Antrieb, einem Ideal-Johannes entsprechen zu müssen, habe ich zurzeit auch keine Veranlassung, daran etwas zu ändern.

Ausblick:

Aus dem Bauch heraus würde ich sagen: laufen lassen und zulassen, dass ich wie vernagelt davon überzeugt bin, dass sich nie was ändern wird. Runterfahren, treiben lassen, mitnehmen, was schön ist, regeln, was geregelt werden muss. Offen sein für den Austausch mit meiner Frau und mit Simon. Schauen, welche Verantwortung als Ehemann, Vater, Herrchen, Lehrer und Bandmitglied übrigbleibt und die wahrnehmen.
Sonst: Ethik, Moral, Scheißegal.

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Hallo,

also erst einmal verschriftlichst du ganz gut die Trauerphase, die auf die Diagnose folgt. Die hatte ich auch.

Bei mir war es die Trauer darüber, 37 Jahre ohne Diagnose unter meinem Potenzial gelebt zu haben. Die gibt es nicht mehr zurück. Und sich viele Jahre immer Vorwürfe gemacht zu haben. Neben den Vorwürfen von außen, aber die von innen geben noch mal einen drauf. Ich könnte ja, wenn ich wollte. Also bin ich selbst schuld, weil ich bin faul und undiszipliniert bin, ich versaue mir mein Leben selbst.

Plötzlich die Erkenntnis: Ich konnte objektiv nicht wegen der Botenstoffe in meinem Gehirn. Ich bin gar nicht schuld.

Du hast also ein beneidenswert gutes Leben. Von außen, wie du sagst.

Du schreibst, die Medikamente ändern nichts grundlegend. Meine Erfahrung ist eine andere.

Sie machen mich nicht zu einem strukturierten Supermann. Die Wohnung und der Schreibtisch sind immer noch chaotisch. Aber sie geben mir mehr Gelassenheit. Das war eine Überraschung, weil das hatte mir vorher niemand gesagt. Ich muss mich nicht mehr über jeden Scheiß aufregen und von jeder unbedachten Äußerung meiner Mitmenschen angegriffen fühlen. Das tut richtig gut.

Und ich denke, die Medikamente, zusammen vielleicht mit gut tuenden Mitmenschen - wie ist das mit deiner Frau? Oder dein Therapeut? können dir helfen, das was da ist und wie du beschreibst nur von außen beneidenswert, dankbar zu genießen. Das wünsche ich dir jedenfalls.

Steht das auf eurer Therapie-Zielliste? Falls nicht, frag doch mal nach.

Der Glaube, es wird mal besser, war jedenfalls vor deiner Diagnose eine Illusion. Nach der Diagnose wird es jedenfalls nicht schlechter als wenn du die Diagnose nicht bekommen hättest.

Ob man sich finanziell entspannt fühlen kann, hat mit dem realen Vermögen wenig zu tun. Wir leben in einem Land mit einem durchaus lückenhaften, aber dennoch ansehnlichen sozialen Netz. Bürgergeld und Grundsicherung gibt es und sind sogar durch das Grundgesetz geschützt, auch wenn die Dinge immer mal wieder umbenannt und eingeschränkt werden.

Es gibt Leute (ich nicht), die seit Jahren nur davon leben und finanziell entspannt sind. Und andere haben Hunderttausende in irgendwelchen Anlagen und haben ständige Angst vor dem Finanzkollaps.

Holzwerkstatt, Geburtstagsalbum, Haus, keine Ahnung, ob du das demnächst erstaunlicherweise doch haben wirst.

Aber mit einem würde ich mich an deiner Stelle auf keinen Fall zufrieden geben: Von Tabak abhängig zu sein. Wäre das Frei sein vom Rauchen nicht ein Ziel, das sich lohnt? Du würdest gesunde Lebensjahre bekommen und viel Geld sparen, also mehrere Fliegen mit einer Klappe. Was sagt dein Simon dazu?

Nikotin ist ein Stimulans, das heißt du könntest das, was das Nikotin dir gibt, durch ADHS-Medikamente ersetzen. Und wenn das nicht klappt, könntest du immerhin auf E-Zigaretten umsteigen und dir so weiter die gleiche Menge Nikotin zuführen und (wie es heißt) 95 % der Gesundheitsschäden verhüten. Okay, dann klappt das mit dem Geld sparen nicht, die E-Zigaretten sind auch teuer, aber sie bringen dich nicht so schnell ins Grab. Bagatellisiere es nicht, es kann 20 Jahre oder mehr ausmachen, für dein Kind ein Riesenunterschied, wie lange es dich hat.

Ich bin auch manchmal in Trauerarbeit. Wir haben sogar ein (sehr schönes) Haus, aber das ist inzwischen so verräumt, dass wir es nicht mehr schaffen, Besucher rein zu lassen. Also in mein Büro (abgetrennt vom Wohnteil) schon, in die Wohnung nicht. Ich hoffe dass es mir gelingt, ein guter Vater zu sein, meinem 13-jährigen zu ermöglichen, Freunde einzuladen, kann ich ihm leider nicht bieten.

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Klingt nach ADHS verstärkter Midlife Crisis beim ersten drüberfliegen sorry, wenn ich einfach mal so frech ein Thema in den Raum werfe
Ja, Midlifecrisis zumindest kenne ich auch, ganz gut sogar und schon ein Weilchen…

Kernthema sind natürlich die eigenen tollen Erwartungen und dass immer enger werden des „Korridors des Möglichen“ - wenn man jung ist wird er schleichend und unbemerkt enger, irgendwann spürt und merkt man es eben immer mehr, dann ist es ganz offensichtlich und unübersehbar…
Dinge liegen langsam immer mehr hinter einem statt vor einem - all dies kann/wird teilweise eher ein Gefühl sein, als Faktum, aber an der Knabberei ändert das nun mal wenig…
Naja, und mal ehrlich - vieles ist ja in der Fantasie wahnsinnig toll, weil es sich der Realität nicht stellen musste. Wäre es aber echt so super, was würde einem abhalten? Ich bin eh schon etwas weiter und mich ödet so vieles an, weil es mir im großen „Kreislauf des Lebens“ oft so sinnlos erscheint (bei mir ist ein großer Schuss Anhedonie im Spiel)
Vielleicht legt man seinen Blick auch auf die völlig falschen Ziele, kann sein dass man sich den richtigen (noch) nicht stellen will.

Lese später evt. den Text und schreibe dir dann konkret mehr. :wink:

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Für mich, als ebenfalls Spätdiagnosizierte hört sich das nach einer natürlichen Reaktion nach einem Verlust an.

Die Trauerphasen nach einem Verlust verlaufen individuell, werden aber oft in vier bis fünf Phasen unterteilt:

  1. Nicht-Wahrhaben-Wollen (Schock)
  2. aufbrechende Emotionen (Wut/Suche)
  3. Depression/tiefste Trauer und schließlich
  4. die Akzeptanz/Neuorientierung

Diese Phasen verlaufen selten linear und dienen der schrittweisen Verarbeitung des Schmerzes.

Nimm dir die Zeit zum trauern, die du brauchst. Das ist okay. Du bist okay. Trauern ist wichtig. Du bist wichtig.

Viel Kraft :four_leaf_clover:

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Diese Gedanken hatte ich so ähnlich bei der Asperger-Diagnose. Ich dachte vorher auch immer, es könnte eine Zeit geben, wo ich normal bin und mein Leben normal ist, ich muss nur noch Dinge lernen, und dann kam die Diagnose, und es war endgültig. Ich dachte auch, dass alles, was ich bisher für mich entschieden hatte, vielleicht doch gar nicht meine freie Entscheidung war, sondern durch die Diagnose verursacht, also aufgezwungen, kein freier Wille. Vor allem in Bezug auf eine intime Beziehung, denn ich dachte vorher, ich hätte mich frei dazu entschieden, Single zu sein, und nach der Diagnose dachte ich, mein Leben hätte ja völlig anders verlaufen können, wenn ich nicht Autist wäre, und die Entscheidung, Single zu sein, war keine freie Entscheidung.

Ja, das ist so. Aber ich denke inzwischen, dass eine Diagnose auch zur eigenen Person dazugehört so wie jeder andere Charakterzug, und dann ist man eben so. Leute, die keine Diagnose haben, haben trotzdem auch ihre Charakterzüge, die sie Entscheidungen so treffen lassen, wie sie sie getroffen haben. Man kann nicht sagen, dieser Charakterzug gehört nicht zu mir, und so kann man auch nicht sagen, diese Diagnose gehört nicht zu mir. So kannst du also auch nicht sagen, der Autopilot wärst nicht du, oder dass du andere Entscheidungen getroffen hättest.
Es braucht aber ein bisschen Zeit, bis man das akzeptieren kann, bis also die Diagnose ein Teil vom Selbst ist.

Was Medikamente betrifft, können die unter Umständen schon was ändern, wenn es gut läuft. Seit ich letztes Jahr damit angefangen habe, habe ich zumindest ein bisschen mehr Hoffnung, weil ich ab und zu die Erfahrung machen konnte, dass ich doch etwas geschafft habe, was ich vorher nicht geschafft habe, auch wenn das nicht perfekt ist und nicht alle Probleme plötzlich weg sind. Aber die Stimmung hat sich verändert. Das Wintertief ist auch weniger stark ausgefallen dieses Jahr. Müde bin ich trotzdem noch oft.

Generell finde ich wichtig, dass man jemanden hat, mit dem man über alles reden kann, z.B. Partner, Freunde, oder auch Therapeuten oder sonstige Personen. Es ist auch eine Erkenntnis, dass man mit einer Diagnose nicht mehr ganz so allein ist wie vorher, weil man ja nun auch etwas hat, womit man anderen etwas erklären kann, wo man vorher keine Erklärungen hatte. Wäre natürlich schön, wenn man besonders in der Familie und im Freundeskreis damit auf Verständnis stoßen würde. Es kann aber auch dauern, bis manche Einsichten beim Umfeld durchdringen und manche kapieren es auch gar nie. Du musst aber deine Trauer z.B. nicht in dich hineinfressen, du könntest vielleicht auch mit deiner Frau darüber reden.

Rauchen und Kiffen aufhören würde ich auch zuerst angehen. Kiffen macht oft antriebslos und müde, und das hilft einem nicht, Dinge anzugehen. Klar, zuerst braucht man Hoffnung, dass ein Ziel überhaupt erreichbar ist, ohne Hoffnung geht es nicht. (Ich dachte immer, der Spruch „die Hoffnung stirbt zuletzt“ ist falsch herum, eigentlich müsste es heißen „die Hoffnung stirbt zuerst“, denn wenn keine Hoffnung mehr da ist, geht auch sonst nichts mehr.) Aber probier mal die Medikamente, such dir Leute zum reden oder auch sonstige Unterstützung und lass ein bisschen Zeit vergehen, sei gnädig mit dir, dann wird die Hoffnung wahrscheinlich zurückkommen.

Ich kenne über ein Forum einen Lehrer, der Assistenz am Arbeitsplatz beantragt hat. Details weiß ich da nicht, aber wenn man z.B. Organisationsprobleme am Arbeitsplatz hätte, könnte man da wohl Assistenz unter Umständen bekommen. Ich gehe nur davon aus, dass die Antragstellung wahrscheinlich aufwendig ist, und vielleicht will man auch am Arbeitsplatz nicht jedem seine Schwierigkeiten offenlegen. Für zu Hause sind Haushaltshilfen ein Segen. In der Familie kann es vielleicht helfen, genaue Absprachen zu treffen, wer was übernimmt (z.B. den Hund füttern, mit ihm rausgehen, oder Einkaufen oder putzen, kochen). Sind die Kinder schon älter, kann man sie einbeziehen, und sie können einen Teil der Aufgaben übernehmen. Brauchst du eine Auszeit wäre eine psychosomatische Reha eine Möglichkeit.

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Eine ähnliche Art von Trauer über einen diagnosebedingten Verlust kenne ich auch, stecke sogar noch im Prozess. Bei mir hat das hauptsächlich mit meinen verschiedenen Behinderungen zu tun, meine neurologischen Eigenheiten verstärken eher sogar die Kluft. Die Diagnosen als solche sind mir jedoch bekannt, seit ich denken kann.

Nach meinem Abitur habe ich gedacht, dass ich ein „normales“ Mitglied der Gesellschaft werde sein können: Arbeiten, Aufstieg, Erfolg, Selbstverwirklichung, solche Dinge eben.. In meiner Familie bin ich die Erste mit Abitur und Studium, das hat zusätzlich einen gewissen Erwartungsdruck erzeugt. Außerdem bin ich jemand, der nicht nur nehmen will, sondern auch zurückgeben. Die spezielle Förderschule, auf der ich war, hat das auch eher bestärkt und suggeriert. Über alternative Lebensmodelle oder Herausforderungen, die uns erwarten werden, wurde nie gesprochen.

Erst nach und nach ist mir immer mehr klar geworden, dass mein Nix aus allem zusammen mich zwingt, mir andere Ziele zu suchen und auf bestimmte Ziele zu verzichten. Ich lebe wie 2/3 der Blinden vom Sozialstaat, meine anderen Probleme verschlechtern meine Chancen eher noch. Gleichzeitig lässt meine Intelligenz und Offenheit für Neues mich schmerzhaft die Potentiale sehen, die ich nicht erreichen kann.

An der Akzeptanz muss ich immer noch arbeiten. Mein Partner gibt sich Mühe, aber so richtig verständlich ist es für ihn nicht, dass ich deswegen trauere. Er sieht das eher pragmatisch, wir stehen finanziell zusammen nicht so schlecht, unser Lebensstil ist auch eher bescheiden, er liebt mich, also von daher besteht da eigentlich kein großes Problem. Dennoch ist da Trauer um eine schleichend verlöschende Hoffnung.

Eine Lösung für das problem kann ich nicht anbieten, aber ein Stück weit kann ich es verstehen, dass Diagnosen Trauer auslösen, wenn erst mal diese Phase des „Nicht wahr haben wollens“ vorbei ist.

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Lieber Johannes,

ich habe das sehr interessiert gelesen, weil selbst auch spätdiagnostiziert. Und es tut mir sehr leid, dass du momentan in einem so traurigen Loch steckst.

Wenn ich das richtig verstehe, nimmst du bisher keine Medikamente und nutzt Kiffen und Rauchen zur (schädlichen) Selbstmedikation? Wenn dem so ist, finde ich, du solltest das baldmöglichst ändern.

Ich selbst bin 55, bin seit eineinhalb Jahren recht sicher, dass ich ADHS habe und seit ganz kurzem erst diagnostiziert, weil ich so lange auf den Psychiatertermin warten musste. Vielleicht interessieren dich ein paar Gedanken aus meiner Warte dazu oder das eine oder andere kann bei dir etwas anstoßen?

Achtung, hier wird’s auch lang! :wink: :zany_face: :grinning_face_with_smiling_eyes:

Obwohl ich mit mehr Glück als Verstand auch finanziell und beruflich ganz gut dastehe (hätte auch ganz anders ausgehen können), ging es mir doch sehr lange Zeit sehr schlecht. Zeitweise so schlimm, dass ich es nur gerade so noch geschafft habe, mit sauberen Klamotten (frag nicht nach Aussehen) halbwegs pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. Das war’s aber auch. Ich bin zu Hause derart im Chaos versunken, dass ich niemanden mehr zu mir eingeladen habe. Wenn der Schornsteinfeger kam, habe ich in Panik in einer mehrstündigen Aktion den einsehbaren Bereich oberflächlich in Ordnung gebracht. Vor dem Dreck hat mir selbst geekelt. In der schlimmsten Zeit dachte ich: Wie gut, dass wir irgendwann sterben und dieses unendlich anstrengende Leben nicht auch noch unendlich dauert. Sonst könnte ich das nicht ertragen und müsste selbst ein Ende setzen.
Für Partner und Kind hat es in meinem Leben leider nicht gereicht.

Um 40 herum begann für mich eine Zeit der Veränderung. Es ging nicht linear und nicht schnell. Emotional war es sehr anstrengend, wirklich sehr. Sehr sehr. Oft dachte ich, der Schmerz reißt mich auseinander.
Damals habe ich meine ganzen Schwierigkeiten und Unfähigkeiten auf meine anhaltend schwierige Familiengeschichte zurückgeführt. (Wenn man bedenkt, dass ADHS erblich ist, war das vielleicht nicht einmal komplett falsch. Unter dem Aspekt betrachte ich gerade einiges noch einmal neu.)

Dank zeitweiser guter geistlicher Begleitung, die fast schon therapeutisch war, dank meines Glaubens und mit viel Zeit habe ich nach und nach gelernt, dass ich gut bin, auch wenn ich vieles nicht so kann wie andere (anscheinend). Ich habe gelernt zu akzeptieren, dass nicht können keine Charakterschwäche ist. Dass ich wertvoll bin in Gottes Augen (und allmählich auch in meinen eigenen), auch wenn ich meine eigenen Ansprüche und eine Reiher allgemeiner sozialer Erwartungen nicht erfüllen kann.

Meine 40er Jahre waren in mancher Hinsicht wie eine zweite Pubertät, wo ich mich noch mal ganz neu anschauen, neu finden und frisch zusammensetzen durfte.
Es ging nicht schnell und es ging nicht leicht, aber es hat sich absolut gelohnt.
Vielen Menschen scheint das in diesem Alter so zu gehen. Möglicherweise bist du auch gerade in dieser Phase? Altes anschauen, neu bewerten, manches lassen, neue Ziele setzen, weitergehen.

So war ich dann in der Lage, das schwierige und lange Sterben bzw. die Zeit davor erst bei meiner Mutter und später bei meinem Vaters zu managen und zu begleiten. Für andere konnte ich im Krisenmodus, was mir für mich selbst so schwer gefallen ist (auch typisch ADHS), war danach aber jeweils mit meinen Kräften am Ende. Aber ich kann sehen, wie viel ich in dieser Zeit geleistet habe, organisatorisch und emotional. Das war auch noch mal ein neues Erwachsenwerden.

Ach ja, und ich habe irgendwann das Ringen mit meiner Esssucht wieder aufnehmen können und bin dadurch den neu entdeckten Diabetes wieder losgeworden.

Und als ich vor eineinhalb Jahren endlich begriffen habe, was eigentlich mit mir los ist, hatte ich schon gelernt, mich so zu akzeptieren. Also weitgehend. :wink: Trotzdem habe ich mich mit der Arbeit und ein paar anderen Aufgaben noch ziemlich gequält.

  • Aber alles, was ich an Lästigem lassen konnte, habe ich in den letzten Jahren gelassen oder outgesourct.
  • Ich habe gelernt, möglichst wenig gegen mich selbst anzukämpfen und möglich viele Tricks zu finden, wie ich mich selbst überlisten oder Hemmschwellen tieferlegen konnte.
  • Wie ich mir guttun kann.
  • Was ich eigentlich gar nicht brauche oder will.
  • Wie ich mich selbst für jeden kleinen Fortschritt loben kann.
  • Welche Monster gar nicht so furchtbar sind, wie ich immer dachte, vielleicht sogar fast handzahm.
  • Dadurch habe ich weniger unnötige Kraft vergeudet.
  • Ich habe gelernt zu sehen, was ich auch wiederum alles kann. Was ich alles trotz meiner Defizite erreicht und geschafft habe!
  • Und dass ich inzwischen sogar Kraft und Fähigkeiten für ein Ehrenamt habe, in dem ich anderen helfen kann und daran selbst weiter wachse.

Und, ganz ehrlich, wenn man die Messlatte nicht fälschlich hochlegt und wirklich hinschaut, sieht man eine Menge. Du auch!

Als ich dann ADHS als (noch nur persönliche) nachvollziehbare Erklärung hatte, war ich erst unendlich erleichtert und habe vor Erleichterung immer wieder geweint. Nach einiger Zeit kam auch noch einmal eine kleine Phase der Trauer, oder vielleicht eher Wehmut. Was hätte ich mir mit diesem Wissen alles an Kummer, Verzweiflung und Selbstvorwürfen erspart? Was hätte ich vielleicht beruflich und privat erreichen können, wäre ich schon als Teenager diagnostiziert und behandelt statt beschämt und beschuldigt worden? Zum Glück war diese Phase nicht besonders lang und nicht besonders schwer, wahrscheinlich, weil ich mit meiner Akzeptanz schon einigermaßen fortgeschritten war.

Heute lebe ich in einer halbwegs sortierten und relativ sauberen Wohnung.
Ich habe im Beruf Wege gefunden, mit meinen Schwächen und Tiefzeiten umzugehen und zu erkennen, dass ich unterm Strich eine ordentliche, vielleicht sogar gute Leistung erbringe.

Demnächst werde ich nach fast 30 Jahren, wo ich das nicht geschafft habe, endlich umziehen. Ich bin so froh! Und ja, ich schiebe auch Panik vor allem, was da auf mich zukommt, aber es ist entschieden und unterschrieben. Der Stress bringt mich ins Handeln und ich weiß rational, dass ich das am Ende irgendwie schaffen werde, auch wenn es hektisch und anstrengend wird und ich es mir jetzt noch kaum vorstellen kann.

Und da ich jetzt endlich auch eine offizielle Diagnose habe, nehme ich seit gestern Medikamente, und die ersten Effekte lassen mich hoffen, dass die Medikation mir das Leben weiter leichter machen wird.

Unsere Entwicklung als Menschen ist nie zu Ende, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Auch mit ADHS nicht. Wir können uns bis zum Schluss immer weiter entwickeln und weiter reifen und lernen, wenn wir das wollen. Immer!

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ok, habe den Text jetzt komplett gelesen.

Nun, ich bleibe bei meinem obigen Posting plus einer jetzt echt provokanten Anmerkung:
Übernimm die Verantwortung für dein Leben und deine Entscheidungen.

„das ist mir alles so passiert“… mal ehrlich, du bist erwachsen. Das waren tagtägliche Entscheidungen und du triffst diese Entscheidung noch immer.
Von so Kinkleritzchen (sorry), wie den Kalender und Co solltest du dich innerlich verabschieden und dich befreien.
Ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen, wie befreiend es ist solche UFOs (Unfinished Objects) einfach endlich in die Tonne zu treten. Klar braucht es den Moment der Energie, aber das Gefühl ist unbeschreiblich und dann ist das blöde Ding endlich weg.

Befreie dich!

Aber keine Sorge, Selbstmitleid ist ok und gehört dazu… dann wieder vorwärts.

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Hallo,

das wissen wir nicht, er schreibt:

Wie viel Erfahrung er gemacht hat, sagt er nicht. Auch nicht ob er jemals eine lückenlose richtige Dosierung von morgens bis abends an 7 Tagen/Woche ausprobiert hat. Und ob Cannabis eventuell die Wirkung der ADHS-Medikamente beeinträchtigt hat?

Ich finde ja schon, dass es grundlegend etwas ändert. Nicht dass die Bude plötzlich ordentlich ist, aber etwas mehr Durchblick und vor allem mehr Verträglichkeit gegenüber meiner Familie und auch mir selbst bringt es schon.

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Ein Hallo an Falschparker und die anderen, erstmal herzlichen Dank für eure Gedanken, es ist hilfreich, die eigenen Erfahrungen durch andere Augen zu sehen und von euren Trauererfahrungen zu lesen.

Zu mir möchte ich kurz was ergänzen, aber nur der Vollständigkeit halber.

  • Es geht mir gut! Die Trauer ist durchlebt, der Strahle-Johannes macht keinen Sinn mehr und ich trage ganz viel unnötige Last nicht mehr mit mir herum.
  • Ich wollte gezielt diesen Moment verschriftlichen, wie er war, inklusive dieser extrem trotzigen Antihaltung für JEDE Form von Entwicklung. In Echt gehts natürlich weiter, das ist mir klar. Und das ist auch gut/ok so.
  • Ich habe lange gute Erfahrungen gemacht mit Medikinet und Elvanse, bin aktuell auf 40mg Elvanse 1-0-0. Mit Medis kann ich besser/länger an einer Sache bleiben, ich bin insgesamt ruhiger, weniger Bienenschwarm im Kopf.
  • Rauchen und Kiffen hat für manche eine Rolle gespielt, was ich verstehen kann. Klar lass ich das irgendwann mal bleiben, sollte ich doch mal die Chance sehen, da was dran zu ändern. ADHS und Drogen ist auch ein wichtiges Thema, ich fänds aber schön, wenn es hier weiter um Trauer geht, bzw. um das, was euch dazu einfällt.
  • Ich krieg die Strichpunkte nicht weg. Egal. :upside_down_face:
  • Danke nochmal!
  • Johannes
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Trauer verstehe ich… ich muss mich auch von manchem verabschieden. Wie gesagt, ich nenne das Midlife crisis - zumindest bei mir :wink:

Bei Drogen (inklusive Alk :wink: ) bin ich echt eine Spaßbremse. Aber ich täte schon alleine aufhören, weil ich nicht finde, dass das als Vater jetzt ein gutes Vorbild macht.
Und sorry, das Zeug stinkt dermaßen (ich selber rieche das Zeug im Freien mit Abstand bei „Konsumenten“…) - ich glaube nicht, dass du das vor deiner Tochter verheimlichen kannst. Tabak riecht auch nicht gut, aber der kann diesen Geruch niemals überdecken, finde ich…

Dir würde es auch echt gut tun, es einfach zu lassen.

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Hallo und :heart: Willkommen @Hansguckindieluft

Also zuerst mal möchte ich persönlich Dir hier jetzt ganz hochoffiziell dafür danken das Du Dich hier im Forum so ausführlich vorgestellt hast, und ausserdem unbedingt dafür wie perfekt Du wirklich alles was Dir wichtig ist, absolut hervorragend in wirklich sehr gut verständliche Worte gefasst hast.

Als zweites möchte ich persönlich Dir hier mein ganz persönliches Lob, aber vor allem eigentlich unbedingt meinen persönlichen Dank ausdrücken, dass Du den Beruf Lehrer ausgewählt hast.

Und drittens möchte ich Dir unbedingt mein vollstes Verständnis und Mitgefühl ausdrücken, und zwar zu allem was Du bis jetzt in Deinem Leben erlebt hast.

Doch bevor ich weiter etwas zu Deinem Thema hier schreiben kann, muss ich kurz eine Pause einlegen, und zwar weil ich mich ganz ehrlich gesagt erst einmal wieder sammeln muss, bevor ich Dir hier noch weiter schreibe.

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Ich kann mich hier nur anschließen auch wenn ich mich dabei erwischt habe, dass ich vieles im Text selbst sooo sehr fühle…

Ich bin gerade auf der Suche nach einer Therapeutischen Einrichtung und Struggle gerade im Band, Arbeit und Beziehungskontext….

ABER: ich bin seit September 25 rauchfrei und freue mich soo sehr auch wenn es eigentlich garnicht mein eigener Wunsch war aufzuhören. Es gibt immer wieder kleine oder größere Erfolgserlebnisse, die es total Wert sind zu feiern und sch einzugestehen, ich bin sicher auch in Johannes’ Leben!

Vielen Dank für Deinen Text Johannes! der hat in mir vieles bewegt!

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Hallo Johannes, vielen Dank für die Anregung über die Trauer und meinen Umgang damit. Ich bin Anja und seit ein paar Monaten erst mit dem Wissen von mir und AD(H)S ausgestattet. Nun schwanke ich immer mal wieder zwischen: „ich glaube es nicht wirklich und Trauer“. Meine Trauer mir anzuschauen und zu fühlen ist nicht immer einfach. Wenn ich mich innerlich stabil fühle und mich dann der Trauer zuwende, kann ich mich zu ihr setzten. Wie ich mich zu meinem Sohn setzte als er in schwierigen Situationen war. Ich habe ihm zugehört und nachgefragt, wenn nötig ihn getröstet oder mit ihm zusammen geschaut wie ich ihn unterstützen kann. Es tut mir gut wenn ich mich selbst so der Trauer zuwenden kann.

Und in den Momenten wo ich völlig überrollt bin von Trauer oder anderen Emotionen (Überforderung, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Resignation…), bitte ich Menschen in meinem Leben diese Position für einen Moment einzunehmen, bis ich wieder mehr Klarheit habe. Klarheit zum Beispiel darüber, dass ich nicht nur aus verpassten Chancen bestehe. Meine Trauer braucht immer mal wieder Raum und möchte gesehen, gehalten und bezeugt werden. Sie möchte ernst genommen werden und ich brauche liebevolle Begleitung dabei. Entweder von mir oder Menschen denen ich in diesen Momenten vertraue.

Für mich habe ich rausgefunden, dass ich wirklich jemanden brauche der dann bei mir ist und nicht mit seinen eigenen Ideen, Erfahrungen, Ratschlägen und oder Meinungen mir helfen möchte.

Vielen herzlichen Dank das ich mir das gerade nochmal klar machen konnte. Grüße Anja

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Hallo Johannes!
Darf ich mich danach erkundigen, wie Du LDX und Cannabis verträgst? Ich bin auch spätdiagnostiziert, habe mich mit Cannabis quasi selbst therapiert, weil es meine Beschwerden ein kleines Bisschen gelindert hat. Aber jetzt, da ich LDX nehme, verzichte ich auf Cannabis. Cannabis sorgt einfach für noch mehr Verwirrung, Vergesslichkeit im Kopf. Ist das bei Dir nicht so? Mein Psychiater hat mir auch abgeraten von diesem Mischkonsum. Gleichwohl würde ich hin und wieder mal auch ein bisschen THC zu mir nehmen wollen, weil es einfach so eine entspannende Wirkung hat. Wie sind Deine Erfahrungen? Danke für eine kurze Antwort.

Hallo @Hansguckindieluft , ich noch mal, und nur möglichst kurz, jedenfalls hoffe ich das mir das gelingt, besonders dahingehend das es mir gelingt, dass wichtigste was ich denke anzusprechen.

Jedenfalls, dass Du Trauer über Dein vergangenes Leben verspürst, dass kann ich wirklich und absolut nachvollziehen.

Auch ich hatte so eine Phase, und selbst heute überkommt mich gelegentlich noch so eine Phase, allerdings ganz ehrlich gesagt meistens nicht mehr allzu lange, und das weil solche Gedanken oder Gefühle zwar zuerst durchaus ihre Berechtigung haben, und man sich deshalb auch ehrlich, und absolut offen, mit seiner Vergangenheit auseinander setzen sollte.

Anderseits bringt es einem absolut nichts gutes, wenn man in einer ewigen Dauerschleife über die Vergangenheit stecken bleibt, sondern ganz im Gegenteil, bringt einem das Nachdenken über die Vergangenheit nur etwas, wenn man sich selbst gegenüber, aber auch anderen gegenüber, in allem was in der Vergangenheit war, absolut ehrlich ist, und dann danach, heisst nach seiner intensiven und sehr persönlichen Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit, einen Schlusstrich darunter zieht.

Allerdings muss man sich auch hier darüber im klaren sein, dass dies immer nur bis zu einem Grad wirklich möglich sein wird, denn ein Mensch kann wenn er/sie das wirklich will z.B. etwas, oder jemand verzeihen, aber vergessen, dass kann in Wirklichkeit wahrscheinlich kein einziger Mensch.

Und deshalb besteht die grösste Herausforderung im Leben eines jeden Menschen darin, dass er/sie sich jeden Tag, heisst immer wieder aufs neue, sich trotz „vielleicht seiner Vergebung“ die er/sie gegenüber sich selbst, oder gegenüber anderen „vielleicht walten lässt“, an jedem neuen Tag in seinem Leben immer und immer wieder, und deshalb ohne Ende, heisst eben jeden Tag, immer wieder aufs neue „auf die Probe gestellt wird“.

Doch bevor ich hier weiter ausschweife, möchte ich Dir hier, jetzt im Moment, zumindest zwei Dinge vorstellen, welche zumindest mir persönlich in meinem täglichen Leben mit meinem ADHS helfen, und das wenn auch nicht immer, oder jeden Tag, oder mit 100%iger Sicherheit, sondern ehr mal mehr, mal weniger, aber dennoch wenigstens in soweit, dass mein Leben durch diese Hilfestellungen nicht schlimmer geworden ist, sondern tatsächlich und wirklich, etwas leichter.

Jedenfalls möchte ich Dir unbedingt das Konzept des minimalistischen Lebensstil in Deinem privaten Haushalt empfehlen, sowie ausserdem ein tägliches Achtsamkeitstraining, oder je nach dem auch vielleicht nur „nach Bedarf“, was allerdings davon abhängig ist inwieweit man sich selbst bereits mit dem Thema Achtsamkeit auseinander gesetzt hat.
:heart: :people_hugging: :four_leaf_clover:

Lieber Johannes, Du hast so gut beschrieben, wie es mir in meinem Leben geht. Ersetze das Kiffen durch Bildschirmzeit mit Sehen von Filmen, Serien oder Podcasts und deine Familie durch einen undiagnostizierten ADHS-Mann und eine undiagnostizierte ADHS-Tochter in der Pubertät, deinen Beruf als Lehrer durch meinen Beruf als Psychotherapeutin, Deinen ursprünglichen Berufswunsch durch meinen Traum, Künstlerin zu sein - und Du beschreibst mein Leben.
Ich finde das Nicht-Erreichen von dem, was in meinem Kopf alles möglich ist, am schwersten zu ertragen. Und dass ich nicht früher gelernt habe, die richtigen, nein, überhaupt Prioritäten zu setzen. Mir wäre viel Leid erspart gewesen.

Ich bin 46 und mit 44 Jahren auch spät diagnostiziert worden und war in den letzten Jahren immer wieder sehr, sehr traurig. Zuletzt darüber, dass die Medikamente nicht so hilfreich sind, wie ich es mir erhofft hatte. Davor über all die nicht genutzten Möglichkeiten und die geplatzten Träume.

Trotz 1er Abi und Studienabschluss werde auch ich vermutlich nie ein eigenes Haus besitzen und mich immer mit dem Geld quälen.

Ich denke, es gehört zu unseren Herausforderungen zu lernen, mit dem Dazwischen eine Zufriedenheit zu entwickeln. Das Dazwischen zwischen gefühllosem Autopilot und erlebter Ödnis im Leben einerseits und dem Feuerwerk an Ideen, Projekten und Begeisterung andererseits.

Unterm Strich denke ich auch: es ist doch ok, wie wir es machen. Wir haben ein Leben, wir haben eine Familie, wir erleben Schönes, wir haben immer wieder Phasen der Lebendigkeit, wir kriegen immer wieder die Kurve kurz vorm Abgrund - und vor allem: es wird nie so richtig langweilig. Es ist trotz allem ein reich gefülltes Leben.

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