Umgang mit dem Scheitern

Ich denke ihr kennt es hier alle…man bemüht sich, die Routinen laufen. Eine Zeitlang ist alles gut. Man denkt sich, hey, jetzt bekomm ich den Dreh raus. Hey, ich hab das ADS/ADHS ausgetrickst. Ich schaff das. Und dann…bumm…backslide. Aber sowas von.

MAn merkt eh schon eine Zeitlang, dass der Druck immer größer wird. Man denkt sich eh schon ein paar Mal, phu ich glaub ich brauch bald mal eine Pause.

Aber dann kommt hier noch eine Aufgabe dazu und da passiert noch was und dann ist das nächste Wochenende futsch an dem man doch eigentlich nur entspannen wollte und alles wird immer schneller und schneller und man soll reagieren und ist gereizt und alles zuviel und schon sind sie da, die Fehler.

Und die dann oft gleich so fatal, zwischenmenschlich oder auch in der Arbeit, dass man sich nicht denken kann „naja, halt passiert!“ sondern echt gleich auf einem Level von dem man weiß, DAS werd ich nicht mehr los.

Das macht so so müde. Dieses immer wieder reseten auf den Punkt wo man feststellt, nein, es geht eben nicht. Nein. Man kann es nicht beherrschen. Man kann nur damit leben so gut es halt geht, und die guten Zeiten genießen, da gibts ja auch viele. Aber die Talfahrt kommt. Immer und Immer und Immer wieder und das wird auch so bleiben.

Ich habe für mich noch keinen Umgang mit dem Scheitern gefunden. Ich bin immer noch jedesmal verzweifelt. Wird das irgendwann mal besser? Kann man das irgendwann mal akzeptieren?

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Ahoi,
ich habe einen Weg gefunden für mich damit klarzukommen.
In meiner Welt unterscheide ich zwischen Scheitern und Versagen.

Scheitern: Ein Ziel unter Zurhilfenahme der zur Verfügung stehenden Ressourcen und Wahrung der eigenen Werte (Etik, Gesundheit, Priorisierungen) nicht erreichen.

Versagen: Ein Ziel, trotz aller benötigten Ressourcen und dem Wissen wie man erfolgreich sein kann, nicht erreichen.

Ein Bergsteiger der vor dem Gipfel umdreht, weil ein Sturm aufkommt, hat niemals versagt. Er ist lediglich bei diesem Versuch gescheitert, lernt daraus und wird es wieder versuchen. Oder er bekommt die Einsicht das er mit seinen Möglichkeiten diesen Gipfel nie besteigen wird. Aber selbst dann hat er noch sein Leben und die Möglichkeit neue Ziele zu finden.

Ist so etwas wie mein Mantra. Funktioniert bei mir seit Jahren prima.
Vielleicht wechselst Du einmal die Perspektive und erkennst einen neuen Weg für Dich.

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Leider verstehe ich den Unterschied noch nicht ganz.

Kann auch an meinem ambivalenten Verhältnis zu Scheitern und Versagen liegen. Gerade zeitblinde (Ex) Workaholics können doch Ressourcen kaum realistisch einschätzen. In Deinem Bild vielleicht: Wenn der Bergsteiger sich eben die zweite Nacht bei Sturm noch zusammengerissen hätte, dann wäre der Gipfel schon noch drin gewesen.

Einerseits ist da ein Wissen, dass es „nicht anders ging“. Andererseits gleichzeitig doch der Selbstvorwurf des Versagens, weil es „einfach hätte anders gehen müssen“.

Inneres Bullshit Bingo. Jahrzehntelang internalisiertes „Wenn doch einfach nur… , dann …“ vielleicht. Vielleicht ist das aber auch selbstwertdienliche Verblendung. Keine Ahnung.

@nocturna07 In Grenzen hilfreich finde ich Tagebuchnotizen. Die sichern etwas ab gegen Vergangenheitsverklärung und unfaire Rückschau auf sich selbst. Wenn man festhält, dass ABC versucht wurde und wg XYZ trotzdem nicht geklappt hat, dann hat die überkritische Zukunftsversion des Selbst geringere Chancen.

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Ui, das schwierigste Thema, auf das ich hier im Forum bisher gestoßen bin. Auch ich breche immer wieder zusammen, weil ich übersehe/vergesse, die Reißleine zu ziehen. Und ja, das ist unbegreiflich anstrengend. Das Leben wird fragmentiert und zerstückelt. Zeitweise lebt man quasi mehrere Leben gleichzeitig, dann hat man als Ausgleich plötzlich gar keins. Bis es wieder von vorne beginnt.

Aber: Für mich haben sich im Laufe des Lebens zwei Dinge herauskristallisiert:

  1. Egal wie sehr man scheitert, man lernt immer etwas dazu. Nichts, was man macht, hat keinen Wert für das weitere Leben. Und wenn es nur eine winzige Kleinigkeit ist, die man gelernt hat und mitnimmt. In jedem Scheitern steckt so auch etwas Positives. Es ist ein wichtiges Element des Fortschritts.

  2. Ich spreche mit (echten) Freunden darüber. Was für einen selbst wie ein Scheitern aussieht, ist vielleicht von außen betrachtet gar keins.

Im deutschsprachigen Raum wird das Scheitern immer so negativ gesehen. „Fail again - fail better“ gefällt mir viel besser. Das verhindert, dass man aufgibt.

Wenn mich jemand auf meinen herum eiernden Lebensweg anspricht, sage ich nur noch: ich gehe halt gerne querfeldein. Da sieht man mehr interessante Dinge als auf der normalen geraden ausgetretenen Straße.

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Gerade das Relativieren mit Freunden/Familie funktioniert halt eigentlich gar nicht. Durch meine recht kantige Art, also auch dadurch dass ich meine Meinung vertrete ecke ich sehr oft an. Ich lebe zb in einem kleinen Ort wo sehr viel an „ländlicher Gesellschaftsstruktur“ herrscht, z.B. Rollenteilung etc. Ich passe da nicht rein, ich erlaube mir öffentliche Kritik an vielen Dingen - und dann lässt man mich aber auch spüren, dass ich unerwünscht bin.

Wir haben z.b. auch einen „Bekanntenkreis“, der sich halt über die Kinder mal ergeben hatte. Auch dort merke ich, wie ich anecke und wie man, wenn man sich was ausmachen kann ohne dass ich dabei bin, dass doch vorzieht.

Freunde hab ich praktisch gar keine, bis auf eine Freundin, die mich schon seit der Kindheit begleitet, und die wohnt sehr weit weg und hat halt grad kleine Kinder, der kann und will ich nicht immer alles aufladen.

Vom direkten Umfeld (Familie) bekomme ich oft sehr negative Rückmeldungen. Ich schwanke dann immer zwischen ja, sie haben recht dieses und jenes an mir und meinem Verhalten ist nicht in Ordnung und auf der anderen Seite traurig und sauer darüber zu sein, dass man mir gegenüber eigentlich nie mal ein bisschen Nachsicht hat, oder mal meine positiven Seiten sieht.

Wenn ich z.B. äußere, mir wird langsam wieder alles zu viel etc., kommen dann so SAchen wie „ja so gehts jedem“ „ich arbeite auch die ganze Zeit“ etc.

Das ist jetzt vermutlich alles ein bisschen verwirrend geschrieben, ich hab halt grad einfach wieder voll den Reset und bin grad wirklich voll verloren mit mir selbst. Und einsam. WEil ich halt nicht das Gefühl hab irgendwer in meinem Umfeld versucht auch nur mich zu verstehen, sondern ordnet mich eben als „anstrengend“ und „eine Belastung“ ein.

Und dann will ich aber auch wieder niemanden das vorwerfen, denn ADS hat nun mal den Ruf den es hat und man kann Leuten ja auch nicht vorwerfen, dass sie sich nicht ausführlich damit beschäftigen wenn es sie nicht betrifft.

Das alte Thema halt - Hast du z.b. Diabetes und brauchst Hilfe nimmt jeder Rücksicht. Fragst du mit ADS ADHS darum, kommt von „geht jedem mal so“ bis „du musst doch einfach nur…“ so ziemlich alles.

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Gar nicht verwirrend geschrieben! :adxs_trost:

Ich verstehe die Situation in vielerlei Hinsicht sehr gut. Und ich habe 30 Jahre gebraucht, um dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Anstregend, aber es hat sich rentiert.

Kantig und eckig :grin: Mein Vor-, Von- und Zuname. Ich sag allen beinhart ins Gesicht, was ich denke. Und ich denke fast immer anders als die meisten anderen. Unlängst wollte ich das einmal in einer Besprechung ändern, hab mich total zusammengerissen und war freundlich: Ha! Da hat man mir doch glatt vorgeworfen, ich nähme den Auftraggeber nicht ernst. :adxs_lach: Dann halt wieder Kratzbürste.

Ich hab auch nur zwei, drei Freundinnen, mit denen ich das besprechen kann. Mein Glück ist, dass ich immer wieder auf Menschen mit Neurodivergenzen und psychischen Problemen stoße - da versteht man einander schnell einmal besser. Außerdem hab ich einen Beruf, in dem man nur mit einer gewissen Sensibilität landet. Mein beruflicher Ausflug in die „normale“ Welt ist - zugegebenermaßen - auch kläglich gescheitert.

Mit der Familie, in die ich reingeboren wurde, rede ich kaum. Vollkommenes Unverständnis, obwohl einer sogar im medizinischen Bereich arbeitet. Meine Schwiegerfamilie inklusive Ehemann ist im Musik/Kunstbereich angesiedelt. Da schaut es schon wieder ganz anders aus.

Ich bin vor einem Jahr aufs Land gezogen. Da ich eine „Zuagraste Hauptstädterin“ bin, schauen mich sowieso alle deppert an. Aber auch hier wieder: Es gibt recht viel Kunst und Kultur in der Gegend, außerdem ist es ein Kurort, da findet man auch eher Menschen, die einem Verständnis entgegen bringen.

was ich neuerdings auch versuche: Das Thema ansprechen, solange es mir gut geht. Das belastet die Normalen weniger und sie verstehen es vielleicht eher? Vielleicht bringt das dann im Notfall mehr Verständnis?

Wie können wir dich hier trösten und dir Mut und Kraft geben? Soviel im Leben ist Zufall, welche Menschen man wann trifft etc. Es muß doch irgendwen mit einer gewissen Sensibilität in deiner Nähe geben, der dir einfach nur zuhört ohne blöde Ratschläge zu geben? Hast du einen Therapeuten? (Aber ich weiß, der kostet wieder Geld und man muß auch erst den richtigen finden) Gibt es eine Selbsthilfegruppe in deiner Nähe? Oder irgendwelche Kreativgruppen, wo man vielleicht eher auf offene Ohren stößt?

Vielleicht trauen sich andere in deinem Umfeld auch nur nicht über ähnliche Probleme zu sprechen, weil sie selbst Angst vor dem Anecken haben? Ich jab im letzten Jahr schon drei Menschen hier am Land kennengelernt, die ähnlich kämpfen, aber wohl nicht darüber geredet hätten, wenn ich es nicht getan hätte.

Vielleicht sollten wir ein eigenes (Auffang-)netzwerk aufbauen, das sich über den deutschsprachigen Raum zieht, wo man immer jemanden in der Nähe hat, um zu reden? Also nicht virtuell, sondern physisch-analog? Es gibt da draußen so viele andere mit dem gleichen Themenkreis….

Oje, jetzt bin ich aber ausgeufert…. Bitte um Verzeihung an alle Mitlesenden!

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Ja, kein Einspruch. Ich habe das Bullshit Bingo so verinnerlicht, dass ich es mir selbst aktuell wieder in jeder wachen Minute erzähle.

Gleichzeitig: Mit Abzügen des Spektrums geht es eben anderen tatsächlich auch so. So hart das für uns ist bei (gefühlt und/oder ganz real) höherem Leidensdruck.

Und gleichzeitig 2: Wenn man von unserer Wahrnehmungswelt die Rejection Sensitivity Zusätze abzieht, nähert sich die Situation vielleicht noch weiter an?

Ich habe jedenfalls die große Sorge, es durch Rejection Sensitivity und selbsterfüllende Prophezeiung erst recht zu einem Teufelskreis zu machen.

Dann produzieren nicht so sehr die Ecken und Kanten die Ablehnung, sondern die Erwartung, wegen der Ecken und Kanten abgelehnt zu werden und dann wieder im Kreis.

Dass wir uns hier gegenseitig weiter erzählen, dass alle anderen böses Bullshit Bingo mit uns spielen, hilft uns da draußen eben auch nicht weiter. Das merkt man spätestens, wenn hier drinnen gerade mal niemand Zeit hat oder auch was Gedankenloses schreibt. Riskante Parallelwelt, aus meiner Erfahrung.

Ich habe allerdings auch gelesen, dass man sich beim Gefühl, im Kreis zu gehen, vorstellen sollen, man bewege sich spiralförmig auf einer Wendeltreppe. Eben möglichst Laufrichtung nach oben… Im Sinne von Vorwärtsscheitern?

Tut mir Leid. Vielleicht ist das alles unqualifiziert und wenig hilfreich. Dann aber wegen zu großer eigener Nähe zum Thema.

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