Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität

Hi.

Ich bin mir sicher, dass dies schon des öfteren gefragt wurde, aber ich konnte irgendwie keinen Beitrag finden. Deshalb mach ich nochmal einen.

Meine Frage: Wie genau äußert sich eigentlich genau die Unaufmersamkeit und Hyperaktivität bei ADHS und generell bei euch?

Man liest ja oft das klischeehafte mit, man ist komplett weg durchgehend oder rum rennen etc. Aber geht es da nicht auch subtiler?

Ich bin bald in einem Diagnostik-Verfahren und würde gerne noch etwas mehr lernen und einordnen.

Ich weiß nicht nämlich auch nicht ob es das auch ist, aber ich kann mal meine Erfahrungen dazu aufschreiben: Ich bin meist nicht komplett oder lange weg sondern, gerade in Gesprächen oder bei langem Zuhören, ist es eher wie ständiges Mikro-Abschweifen oder kurzes Aussetzen. Wobei mir dabei dennoch die Möglichkeit vesteht den Zusammenhang zu rekonstruieren und meist alles zu verstehen. Ich starre ebenfalls manchmal für 1-2 Minuten Löcher in die Luft beim Nachdenken, manchmal länger, und das auch manchmal in unpassenden Situationen wie Schulunterricht. Ich bin nicht immer jemand der viel redet, sondern eher ruhiger bin, auch wenn es manchmal trotzdem mehr ist. Gleichzeitig habe ich aber auch nur situativ und nicht konstant ein gedankliches Rasen, weshalb ich auch manchmal doch aktiv zur Ruhe kommen kann. Allerdings habe ich vorallem bei Vorträgen oder im Unterricht, etc. häufig das Bedürfnis aufzustehen und wippe extrem schnell mit dem Bein wenn ich bei Konzentration auf eine Aufgabe unterbrochen werde oder etwas sagen will aber es nicht kann. Außerdem habe ich schon mein Leben lang Spannungskopfschmerzen in Konzentrationssituationen bei denen Konzentration erwartet wird oder in zwischenmenschlichen Kontakten, die fast sofort verschwinden sobald ich allein bin. Außerdem muss ich bei vielem aktiv meine Aufmerksamkeit darauf richten und halten. Ich bin auch manchmal ein ziemlicher “Ja-Sager”. Und wenn ich zuhause alleine bin, bin ich fast konstant am Laufen oder Wiederaufstehen, denken, Summen, sonst was machen, während ich in Situationen mit egal wem automatisch eher ruhiger bin.

Ich frage nämlich, weil ich trotz dessen oft “da”bin oder irgendwie doch zuhören kann und es eher eine Anstrengung als ein Unvermögen ist und weil ich trotz dessen eine “starke Symptomatik” im ADxS.org Test habe mit 31.

Fällt das unter die Unaufmersamkeit und Hyperaktivität? Weil so klassisch ist das jetzt nicht oder?

Und wie ist es bei euch?

Freue mich auf Antworten :slightly_smiling_face:

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Edit: Und weil ich anscheinend 8 von 9 unaufmerksamkeits Symptome und 9 von 9 Hyperaktivitäts symptome laut DSM 5 i diesem Test haben soll.

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Hallo @Mikando , erstmal wünsch ich dir eine angenehme Diagnostik mit für dich passenden Ergebnissen :sun_with_face:

Unaufmerksamkeit erlebe ich bei mir so: Im Bereich Gespräche/Zuhören drifte ich oft gedanklich ab, achte zu sehr darauf, wie mein Gegenüber etwa sagt, achte auf Mimik und Gestik und tue dies besonders auch bei mir selbst. Ich achte auf Augenkontakt, weil mir dieser schwer fällt und ich ihn gleichzeitig gefühlt oft zu lange halte. All das plus Gedankengänge zum Gesagten, lässt mich dem Gespräch schwer folgen.

In lauter Umgebung ist es dann das abgelenkt sein zb vom Nachbartisch im Restaurant oder von Menschen, die vorbeigehen. Ich achte auf alles, während mein Gegenüber mit mir redet. Das lässt mich oft Infos meiner Freundinnen vergessen oder nicht abspeichern, während die andere zb beim nächsten Treffen danach fragt etc :woozy_face:

Dann würde ich dazu zählen, dass ich auf der Arbeit Dinge vergesse, die ich nicht aufschreibe. Weil ich eher zu viel im Kopf habe und alles wichtig finde, also eher ZU aufmerksam (wie in den anderen Bereichen auch).

Bei Filmen etc kann ich mir Namen nie merken und habe oft Einzelheiten nach kurzer Zeit bereits vergessen. Daher sage ich immer, einmal ist keinmal :grinning_face_with_smiling_eyes:

Das fällt mir so direkt dazu ein.

Hyperaktivität zeigt sich ganz viel innerlich. Mein Kopf ist durchgehend aktiv, führt Gespräche aus vergangenen Zeiten oder bevorstehenden. Ich bemerke Dinge, die ich sehe und dazu entstehen Gedankengänge. Ich spreche innerlich oft das Gesagte aus Filmen nochmal nach. Meist ist noch irgendein Lied dabei und alles iwie gleichzeitig.

Außerdem kaue ich auf meinen Lippen und den Wangeninnenseiten, ich pule fast ununterbrochen an meiner Nagelhaut, wenn meine Hände nichts zu tun haben. Ich wechsle oft die Sitzposition, sitze gerne auch mal auf dem Boden. Ich wackle mit dem Fuß, dem Bein. Ich spiele mit den Haaren. Wenn ich iwo stehe, zb Bushaltestelle, wackle ich mit den Knien. Ich hasse telefonieren und wenn es doch sein muss, wackel ich auch oder gehe auf und ab. Jetzt gerade zb liege ich auf dem Sofa, habe die Beine angezogen und lasse meine Knie gegeneinander hauen und in den Denkpausen pule ich linker Hand an Daumen und Zeigefinger :full_moon_face:

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Und: einen entspannten Couchtag kann ich nur machen, wenn ich zwischendurch Haushalt oder nebenbei irgendwas anderes mache. Nur auf der Couch liegen geht gar nicht, was ich heute wieder mal merke. Habe Rätselheft angefangen zu machen, Lego Blumen zusammenbauen, auf Matte am Boden Dehnen und natürlich Handy.

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Das abgelenkt sein kenne ich auch nur zu gut in Umgebungen draußen. Ich muss da unfassbar viel energie rein stecken gleichzeitig wirklich zuhören zu können und auch das herum laufen beim Telefonieren mach ich immer, genauso wie beim Zähneputzen und eigentlich fast allem. Augenkontakt fällt mir auch ziemlich schwer. Es lenkt mich ab, bricht meine Konzentration und ich muss es auch immer aktiv steuern, damit ich natürlicher gucke. Außerdem fühlt sich direkter Augenkontakt auch ziemlich unangenehm oder manchmal sogar wirklich schmerzhaft an. Allerdings hab ich einen akzeptablen Kompromiss gefunden der weder anderen auffällt (zumindest wurde ich noch nicht darauf angesprochen), noch zu unangenehm ist. Ich gucke dann einfach auf Nasenspitze, - rücken, oder - wurzel. Das funktioniert eigentlich ziemlich gut und oft mittlerweile sogar recht automatisch.

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Genau das ist dann der Punkt: die Energie, die draufgeht, um zu funktionieren und von anderen dann zu hören (die meine Wohnung und privaten Alltag nicht erleben live und natürlich nicht in mich reinschauen können) “aber du kommst doch klar” ..

Das mit dem Blick auf die Nasenwurzel habe ich auch schonmal gehört, bisher aber nicht probiert :grinning_face_with_smiling_eyes::folded_hands:t2:

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Hallo @Mikando :heart: , schön das Du Dich getraut hast ein neues Thema zu eröffnen in dem es um Dein persönliches Anliegen geht.
Jetzt gerade habe ich leider nicht genügend Zeit um Dir eine respektable Antwort auf Deine wichtigen Fragen zu geben, melde mich aber gerne noch mal.
Aber was ich Dir jetzt gleich, heisst ziemlich spontan schon mal schreiben kann ist das ich mich mit dem was Du geschrieben hast identifizieren kann, heisst das ich glaube Übereinstimmungen zwischen uns beiden erkannt zu haben.
Ich selbst habe die ADHS Diagnose „mit dem H“, aber im Grunde habe ich eigentlich alle Symptome.
P.s.
Allerdings habe ich mich persönlich, je länger je mehr ich mich mit mir selbst auseinandergesetzt habe, auch schon des öfteren gefragt, ob ich eventuell eine sogenannte Doppel Diagnose haben könnte, heisst nebst ADHS auch „überlappend“, autistische Züge an mir haben könnte.

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Ja… Als ich meinen Verdacht geäußert habe wurde ich nicht wirklich ernst genommen, da ich von außen ja auch funktional gewirkt habe und einen Schnitt von 2,2 im Jahreszeugnis hatte. Da kann doch nichts sein….

Naja. Hab auch schon oft gehört, wenn ich meiner Lehrerin erzählt habe, dass ich eigentlich nicht so bin wie hier und zuhause manchmal auch aktiver bin, hat die mich nur angeguckt und gesagt: “Was? Du? Ne, du bist hier doch immer so ruhig. “ Ja, sonst würde ich vielleicht nicht so gute mündliche Noten bekommen :sweat_smile:.

Probier es gern mal aus. Es ist jetzt nicht unbedingt angenehm für mich aber zumindest okay und es stört meine Konzentration viel weniger bis gar nicht. Also vielleicht funktioniert es bei dir ja auch. Habe bis vor ein paar Jahren auch angefangen zu starren, als ich gemerkt habe, dass die Menschen sich ja aktiv in die Augen gucken. War erstmal ein Lernprozess immer wieder weg zugucken, natürlich zu wirken, andere zu beobachten etc. Irgendwann hat sich das unbewusst so eingestellt mit der Nase und naja es passt irgendwie. Hab auch gemerkt, dass mein Gegenüber immer nervös geworden ist, wenn man mit mir gesprochen hat weil ich so gestarrt habe😅.

Gerne. Interessiert mich definitiv.

Ja, kommt ja anscheinend auch häufig vor. Ich bin ursprünglich eigentlich eher auf adhs bei mir gekommen, bis mir eine Beratungslehrerin gesagt hatte, dass sich einiges bei mir eher oder ebenfalls nach Autismus anstatt nach adhs anhört. Muss einfach mal gucken was dann der Psychiater sagt, ob da sonst noch was oder überhaupt was ist.

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Hey @Mikando , ja und wie gesagt, ich melde mich sehr gerne noch mal in Deinem Thema, und werde mir dann auch sehr gerne genügend Zeit nehmen um Dir zu antworten, oder Dir auch Quasi zum Vergleich zwischen unseren beiden Ähnlichkeiten, welche ich persönlich jedenfalls jetzt gerade „vermute“, versuchen will so gut wie es mir möglich ist Deine Fragen zu beantworten, und natürlich in der Hoffnung das Dir das vielleicht, und hoffentlich, auf Deinem eigenen Weg weiter hilft.
Von daher bis bald. :people_hugging:

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War erstmal ein Lernprozess immer wieder weg zugucken, natürlich zu wirken, andere zu beobachten etc.

Oh mein Gott, ich finde es immer sooo beruhigend zu hören, dass andere Menschen sich auch so verhalten. Mir ist auch erst durch die Diagnostik und durch das viele Lesen über ADHS und Autismus aufgefallen, was ich alles während eines Gesprächs beobachte und was ich tue, um angepasst zu wirken und was ich mir oft verkneife, auszusprechen, was in meinem Kopf aufploppt, während der andere redet.

Schon irgendwie spannend.

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Hey,

also bei mir war der Klassische Zappelphillipp eher in der Kindheit im Schulalltag ein Thema.
Der Grund dafür lag aber bei weitem nicht nur darin, dass ich zu viel Energie hatte, sondern eher darin, dass ich massiv gelangweilt war.

Die motorische Unruhe, äußert sich seit früher Kindheit darin, dass ich ständig mit den Beinen oder den Fingern in Bewegung bin, weniger aufstehen sondern nie richtig stillsitzend.
Am meisten merkt man es wohl beim Sprechen, mir wird ständig gesagt, man verstehe nichts, da ich wirklich sehr schnell Spreche.
Die Impulsivität, äußert sich am meisten in Gesprächen, ich muss mich echt zusammenreißen, nicht ständig ins Wort zu fallen.

Im Bereich der Aufmerksamkeit ist es bei mir so, dass ich mich nur richtig gut Konzentrieren kann wenn ich es Spannend finde.
Von daher war es in der Schule auch schwer, ich hatte bei allem was mich interessierte exzellente Noten, beim Rest war es dann ganz übel schlecht.
Ein extremer Kontrast, dass Ganze in jedem Fach.

Beim Starren im Gespräch, habe ich irgendwann angefangen, bewusst andere Punkte im Raum zu suchen, bis es dann ganz von allein passte. Meist merke ich nun wenn man mir in die Augen guckt und erwidere dies dann mit Blickkontakt.
Dass folgen im Gesprächen, wurde über die Jahre auch immer besser, damals kostete es mich immens viel Energie am Ball zu bleiben, ständig musste ich kognitiv dagegen anarbeiten nicht ständig abzuschweifen.

Seit der Medikation, ist vieles erheblich einfacher geworden, und ich kann die meisten dinge nun noch bewusster steuern, so braucht es weniger Energie um damit fertig zu werden.
Die Konzentration ist nun lenkbar geworden, ich kann inzwischen sehr gut stundenlang an Themen arbeiten, die mich nicht ganz so sehr interessieren, aber eben wichtig sind.
Sozialverträglicher, wurde ich damit auch, ich rede inzwischen ein gutes Stück langsamer, wenn auch immer noch schnell, ich falle nicht mehr ins Wort. Es wurde nochmal deutlich leichter am Ball zu bleiben bei Gesprächen.

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