Venlafaxin absetzen - Erfahrungsbericht (Achtung, sehr lang!)

Da das Antidepressivum Venlafaxin/Efectin immer wieder auch zur Behandlung von AD(H)S verschrieben wird (auch bei mir), möchte ich mal meine (Vorsicht, laange!) Bilanz ziehen nach dem 5., letztendlich (hoffentlich) erfolgreichen Absetzversuch, einfach, weil ich anderen die Hölle ersparen möchte, durch die ich jahrelang gegangen bin.

Ich schicke voraus: Bevor ihr Venlafaxin nehmt, seid euch dessen bewusst, dass ihr das so einfach nicht wieder loswerdet! Viele gehen beim Absetzen echt durch die Hölle und vor allem nach längerer Einnahme ist das ein Prozess, der sich über Jahre ziehen kann! Darauf weisen die Fachärzte beim Verschreiben viel zu selten hin. Ich persönlich warne ausdrücklich vor dem Medikament und bin immer noch wütend, dass es so leichtfertig verschrieben wird und man beim Absetzen derart im Regen stehen gelassen wird.

Ich bekam es vor ca. 20 Jahren(!) nach einer persönlichen Krise mit Verdacht auf ADS verschrieben. Hat auch lange Zeit gut gewirkt, allerdings bemerkte ich, wie abhängig ich davon war. Hatte ich am Wochenende mal kein Medikament daheim, weil z. B. Rezept einlösen vergessen (hey, ich bin ADSlerin…), litt ich wie ein Hund unter den Absetzerscheinungen. Ich kam mir streckenweise vor wie ein Junkie.

Etwa vor 8 Jahren meinte ich dann, Venla in einem Ruck absetzen zu müssen - bitte nicht nachmachen, das kann lebensgefährlich sein! Ich hatte nach 2 Tagen einen cold turkey, den ich meinen Feinden nicht wünsche, mit Brain zaps, so eine Art Stromschläge im Gehirn bei jeder Bewegung, Übelkeit bis zum Erbrechen, zeitweise stand ich vollkommen neben mir, nach zwei Tagen brach ich die Aktion vollkommen erschöpft ab.

Also nochmal, aber langsamer und mit ärztlicher Begleitung. Die Empfehlung des Arztes war Ausschleichen mit Reduktion im Zeitraum von jeweils 3 Wochen von 150 mg auf 75, dann auf 37,5 dann 0, also die in den Leitfäden empfohlene Ausschleichmethode. Gleich vorweg: hat nicht funktioniert. Beim Schritt von 37,5 auf 0 war Schluss, gleich am ersten Tag ohne Venla war mir kotzübel mit den gewohnten, echt fiesen Absetzerscheinungen.

Vor dem dritten Versuch las ich mich auf diversen Foren gründlich ein. Ich nahm mir ein Jahr Zeit und reduzierte mit der Kügelchenmethode langsam von 75 bis auf 10 mg. Ich öffnete also die Kapsel, zählte jeden Tag geduldig die Kügelchen darin und reduzierte alle 6 Wochen in gaanz kleinen Schritten. Ich dachte beim letzten Schritt von 7 mg auf 0 bereits, ich hätte es geschafft. Wenig Brain zaps, Übelkeit hielt sich in Grenzen und emotional halbwegs im Lot. Das hielt auch ca. 2 Wochen an, dann kam die Phase der Gliederschmerzen. Ich wachte eines Tages mit einem grippeartigen Ziehen in den Gelenken auf und fühlte mich wie eine 80jährige Frau. Jede Bewegung schmerzte in allen Gelenken. Emotional fühlte ich mich elend und verzweifelt. Das zog sich über mehrere Wochen. Ich brachte das zunächst gar nicht in Verbindung mit dem Absetzen, bis ich auf einen Artikel stieß, der genau diese Symptome beschrieb. Meine damalige Ärztin tat das recht schnell ab und gab mir das Gefühl, ich bilde mir das alles ein. Sie diagnostizierte einen”Rückfall” und dosierte mich gleich wieder auf 75 mg ein, ich gab mich geschlagen. Als ich den Begriff ”Entzugserscheinungen “ erwähnte, wies sie mich vollkommen entrüstet zurecht, dass es bei Antidepressiva keinen Entzug gebe. Na, sie musste es ja wissen…

Vor 4 Jahren bekam ich dann bei einem anderen Arzt nach ausführlicher Testung auch endlich meine ADS-Diagnose und mir wurde Atomoxetin (Atofab) verschrieben, gemeinsam mit Venla. Ging eine Weile ganz gut, allerdings machte mich das immer aggressiver und unrunder - eine der Nebenwirkungen von Atofab, wie ich später las.

Meinen vierten Versuch, Venla abzusetzen, wieder mit der Kügelchenmethode, brach ich deswegen bei 37,5 mg ab, immerhin musste ich in meinem Beruf funktionieren.

Letztes Jahr wechselte ich von Atofab mit Umwegen über Ritalin und Medikinet zu Elvanse, 50 mg. Mit Hilfe dieses wirklich segensreichen Medikaments und meiner sehr verständnisvollen neuen Ärztin habe ich es jetzt auf 0 geschafft. Elvanse, so habe ich den Eindruck, mildert - zumindest bei mir - die Absetzerscheinungen erheblich ab, vor allem die Gliederschmerzen lassen sich wesentlich besser aushalten. Seit 3 Wochen Venlafaxin-frei, die Gliederschmerzen am Morgen werden immer weniger und sind weg, sobald ich Elvanse eingenommen habe, keine (!) Brain zaps, keine Übelkeit, emotional zu Beginn eine Achterbahnfahrt, nach einmaliger Wiedereindosierung von Venla auf 7 mg aushaltbar und seitdem ganz ohne Venla wieder in meiner Mitte.

Halleluja! Ich feiere das Ende meiner 20jährigen Geschichte mit Venlafaxin/Efectin nach dem 5. Absetzversuch und kann gar nicht sagen, wie glücklich ich darüber bin!

Mein dringender Rat als Betroffene an alle, bei denen eine Verschreibung von Venlafaxin/Efectin/Trevilor im Raum steht: Bitte überlegt euch das dreimal, bevor ihr euch drauf einlässt! Löchert euren Facharzt und holt euch eine Zweitmeinung ein! Wenn es eine andere Möglichkeit gibt, wählt diese!

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Ich hab ein Jahr gebraucht bis ich das durch hatte. Ich hatte auch Venlafaxin genommen. Und das weniger als ein Jahr.

Ich hab die Kapseln geöffnet und die Kügelchen einzeln rausgenommen. Also sehr langsam ausgeschlichen und dennoch starke Beschwerden gehabt. Ich war zu der Zeit zum Glück arbeitslos.
Ich sitze lieber heulend den ganzen tag in der Bude oder weise mich ein als das nochmal mitmachen zu müssen.

Die Brainzapps sind auch eklig lange geblieben. Ich konnte dadurch auch kein Autofahren etc.
Und auch diese Übelkeit, Kopfschmerzen, ständige Grippegefühl, Gliederschmerzen und ewig müde. Ich hab gefühlt ein Jahr im Bett gelegen.

Citalopram war dagegen ein Kinderspiel.

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@babaluna11

Vielen Dank für den sehr ausführlichen Erfahrungsbericht.

Wenn ich recht verstehe, hast du den ersten Versuch, das Medikament abzusetzen nach 12 Jahren gemacht?

Ich habe mit Venlafaxin nur sehr kurz experimentiert, es wegen irre starkem Schwitzen schon bei 37,5mg schon nach recht kurzer Zeit wieder verworfen. Die berühmten Brain Zaps hatte ich beim Absetzen auch schon nach der kurzen Zeit.

Glückwunsch jedenfalls, dass du es endlich wieder los bist! :slight_smile:

Von dieser Kügelchenmethode (vermutlich diese alle 4 Wochen 10% Regel was gerne verbreitet wird?) ist absolut abzuraten, die stammt ursprünglich aus dem ADFD Forum auf dem absolut wissenschaftlicher Nonsens verbreitet wird und die Entzugsmethode von jahrelanger, schwerer Benzodiazepin-Abhängigkeit auf Antidepressiva übertragen wird.

Das macht neurobiologisch aber absolut keinen Sinn, da Antidepressiva nicht abhängig machen und daher auch kein Entzug entsteht. Bei Antidepressiva baut der Körper Rezeptoren ab, bei abhängig machenden Wirkstoffen entstehen Neue. Das macht einen absoluten Unterschied was im Körper vor sich geht, wenn man die jeweilige Substanz weglässt.

Ein Laie (bin selbst kein Fachmann) setzt aber für Beides das Wort Entzug ein, während Ärzte von Absetzerscheinungen bei ADs reden. Deswegen wird ein Entzug auch immer abgestritten, Absetzerscheinungen nicht.

Bei der Kügelchenmethode macht man nichts Anderes, als sich in einen Dauerzustand mit schwachen Absetzerscheinungen zu bringen. Dabei macht es mehr Sinn, so wie vom Arzt verordnet runterzudosieren und somit einen schnelleren wenn auch härteren Weg zu gehen.

Vom Körper gesehen gibt es bei Antidepressiva keine Gefahr, dass etwas lebensgefährliches passieren könnte (es ist da eher die Psyche, wenn die Depression zu stark wird bis sich das Gehirn wieder umgestellt hat, die suizidale Gedanken auslösen kann…meist werden Antidepressiva auch zu früh abgesetzt obwohl die Depression nicht vorbei ist) weswegen man da einen schnellen Weg gehen kann, bei Möglichkeit am Besten stationär.

Bei Benzodiazepinen hingegen herrscht ein Risiko von Krampfanfällen die ansich tödlich enden können oder man sich beim Krampfanfall tödlich verletzt. Man kann da zwar mit Antiepileptika gegenlenken, trotzdem bleibt ein Risiko weswegen dort unbedingt langsam entzogen werden muss, sollte man den Entzug ambulant machen. Es empfiehlt sich auch auf Grund des Suchtdrucks und Rückfallrisikos ihn immer langsam zu machen. Das Risiko hat man bei ADs nicht. (Nein, den Druck ADs wieder zu nehmen weil die Absetzerscheinungen zu arg sind ist kein Suchtdruck und somit auch kein Rückfall im medizinischen Sinne).

Stationär kann man Benzos auf Grund der stetigen Verfügbarkeit von medizinischer Versorgung auch schneller entziehen, wird aber meist eher aus Kostengründen gemacht. Ein Benzoentzug kann je nach Dauer und Dosis Monate bis Jahre gehen, das wäre absolut nicht finanzierbar und die Kapazität wäre dafür gar nicht vorhanden.

Ich hoffe das erklärt für einen Laien verständlich, wieso die Ärzte das bei ADs so machen und das auch vollkommen in Ordnung so ist. Was das Absetzen deutlich vereinfacht, aber in Deutschland kaum bekannt ist, ist die Efexor-Prozac-Bridge.

Dabei nimmt man 2 Wochen lang zusätzlich zu Venlafaxin Fluoxetin ein und setzt dann das Venlafaxin ab (manche setzen es auch direkt ab, um das Risiko eines Serotonin-Syndroms zu vermeiden). Daraufhin wird dann das Fluoxetin langsam abgesetzt. Fluoxetin baut sich extrem langsam im Körper ab (Halbwertszeit 4-6 Tage) und somit hat der Körper deutlich mehr Zeit sich umzugewöhnen als es bei Venlafaxin der Fall ist. Das verringert die Absetzerscheinung um Einiges und macht es wesentlich erträglicher.

Kamen die Absetzerscheinungen sofort oder erst nach ein paar Wochen ?

Und kamen deine Depressionen wieder ?

Unterschiedlich. Als ich noch hochdosiert war, brauchte es gerade mal einen Tag ohne Medikament und ich hatte die ärgsten Brainzaps. Gegen Ende des Absetzens, als ich zuletzt gerade mal 7 mg nahm, hielt ich eine Abstinenz für mehrere Tage durch und dachte bereits, ich wäre durch. Es verging etwas mehr als eine Woche, dann schmerzten wieder alle Gelenke. Mit Elvanse wurde das wieder besser.

Ich habe am 19.12.25 quasi meine letzte Dosis genommen (abgesehen von einer einmaligen Wiedereindosierung von 7 mg als “Notfallprogramm” wegen Gliederschmerzen und Brainzaps). Ich habe bemerkt, dass die Gliederschmerzen immer wieder in Wellen unterschiedlicher Intensität kommen, aber die Schmerzen werden kontinuierlich weniger.

Crazy, wie unterschiedlich die Absetzphänomene sind.

Ich bin circa im November von 150mg Venlafaxin auf 75mg runtergegangen. Ich wurde definitiv erstmal unruhiger und habe das ganze mit Pregabalin abegefangen. Ansonsten könnte ich nur Grippeartige Symptome dem absetzen zu ordnen, aber selbst da bin ich mir unsicher. Richtige Brainzaps hatte ich, als ich mal zwei Tage bewusst, dass Venlafaxin weggelassen habe.