Hallo ihr Lieben,
ich bin ganz neu hier und habe direkt einen sehr langen Beitrag, da ich versuchen will alles so gut wie möglich zu schildern. Ich danke im Voraus für jeden, der sich die Zeit nimmt das zu lesen.
Ich bin eine 29-jährige Frau. Ich habe immer gedacht, dass ich kein ADHS habe, weil die typischen Symptome bei mir nicht vorhanden waren. ADHS bei Erwachsenen und spezifisch bei Frauen scheint ja auch immer noch nicht so bekannt und gut erforscht zu sein.
Nun habe ich einige Beiträge über ADHS bei Frauen gelesen, in denen ich mich so wiedergefunden habe und frage mich nun, ob es doch zutrifft. Denn ich habe meine ganze Jugend und mein Erwachsenenalter immer wieder mit Ängsten und Depressionen gekämpft aber auch in guten Phasen, in denen sonst alles in Ordnung ist, besteht immer ein Leidensdruck, den ich bisher nie richtig einordnen konnte. Ich habe es immer beschrieben mit innerer Unruhe oder Druck, dass ich große Probleme habe zu entspannen, weil mir immer 1000 Dinge durch den Kopf gehen.
Ich bin im Kopf immer schon bei der nächsten Sache oder irgendwelchen To-do’s und habe deshalb oft Probleme richtig präsent zu sein. Ich fühle mich immer wieder so erschöpft und ausgelaugt, will 1000 Dinge tun und schaffe gar nicht so wenig aber für mich nie genug, weil ich so viele Interessen, Hobbys und Anliegen habe neben Studium, Job, Beziehung und Katze.
Ich habe gelesen, dass Frauen mit ADHS das Chaos im Kopf oft mit Ordnung und Struktur überkompensieren. So ist es auch bei mir, nach außen wirke ich total strukturiert und geordnet aber in meinem Kopf ist absolutes Chaos. Typische Fragen oder Symptome die auf Unpünktlichkeit, das Vergessen von Terminen, Chaos und fehlende Struktur zielen, habe ich bei mir eben nie gesehen, weil ich mir über die Jahre ein System aufgebaut hab, welches genau das verhindert.
Es ist zum Beispiel auch so, dass ich sehr empfindlich bin und ich die Ordnung um mich herum brauche, um das Chaos im Kopf auszugleichen. Sobald es unordentlich wird, kann ich mich auf nichts mehr konzentrieren (Konzentration ist generell ok aber eher schwierig, aber bei wichtigen Aufgaben oder Interessen auch stundenlang möglich), bin total abgelenkt und ich habe das Gefühl ich muss erst im Außen Ordnung schaffen und mir dann alle Gedanken aufschreiben um wieder halbwegs klar denken und handeln zu können.
Ich bin sehr geordnet und strukturiert. Aber das bin ich, weil ich sonst nicht funktionieren würde und mich über die Jahre immer mehr gezwungen oder Strategien entwickelt habe, um durchs Leben zu kommen. Bei so vielen Dingen die zu tun und an die zu denken ist, würde ich das einfach nicht hinbekommen, wenn ich mir nicht alles aufschreiben und zeitlich einplanen würde. Wenn der Plan dann nicht aufgeht, weil irgendwas länger dauert oder dazwischenkommt, dann bedeutet das für mich schnell extremen Stress und Überforderung. Genau so wenn viele verschiedene Dinge anstehen, nur der Gedanke daran macht mich extrem gestresst und unruhig. Ich habe das Gefühl Pausen zu brauchen, um alles zu verarbeiten und runterzukommen und mich auf etwas Neues einstellen zu können.
Ich habe viel Kraft und Mühe aufgewandt, um aus Depression und Arbeitsunfähigkeit in meinen frühen 20ern rauszukommen, habe Abitur nachgeholt und studiere jetzt und bin damit auch glücklich. Aber es kostet so viel Kraft das hinzubekommen. Und für vieles, was mir auch sehr wichtig ist, bleibt keine Zeit und Kraft mehr.
Ich mache dann immer mich fertig, denke irgendwas stimmt nicht mit mir. Ich frage mich, warum ich die Dinge nicht so hinbekomme wie ich sie plane oder mir vorstelle und frage mich warum ich nicht mal runterkommen und „normal“ sein kann.
Da ich verschiedene Beschwerden wie Migräne, Kopfschmerzen, chronische Rückenschmerzen, Endometriose und wiederkehrende Depressionen habe, kommt noch dazu dass ich viel Zeit aufwenden muss für Arzttermine und mich um meinen Körper und meine Seele zu kümmern. Das mache ich auch, ich tue wirklich viel aber das nimmt natürlich auch noch mal Zeit aus dem Tag (Arzttermine, Meditation, Rückenübungen, Sport, Protokolle etc.) und führt dann, obwohl diese Dinge an sich ja alles gut tun und auch wichtig für mich sind, zu noch mehr Überforderung.
Mein Kopf ist einfach ständig so voll, dass ich nicht weiß wohin mit meinen Gedanken, deshalb habe ich auch so so viele Listen mit Erinnerungen und To-do’s. Ohne die würde ich nicht klarkommen, zumindest denke ich das. Die Folge ist aber auch, dass ich null spontan bin und das Gefühl habe, nie Zeit zu haben, weil ich ja im Voraus immer schon genau plane was ich wann machen muss oder will. Ich würde so gern mehr „im Fluss“ leben und versuche es immer wieder aber es gelingt mir einfach nicht.
Es ist so anstrengend.
Ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass das in meiner Kindheit so war oder ich da einen Leidensdruck empfunden habe. Ich kann es nicht mehr genau sagen, aber in meiner Jugend und frühen 20ern ist es durchaus möglich, dass es mir auch so ging, ich das aber nicht so stark wahrgenommen habe wie jetzt (vielleicht auch weil ich noch nicht so viel Verantwortung und Lebensanforderungen hatte) und so überfordert war, dass ich mit Depressionen, Ängsten, Konsum und Rückzug reagiert habe, weil mich alles gestresst hat.
Was etwas hilft, aus dem Gedankenchaos rauszukommen, ist Cannabis. Ich rauche mehrmals die Woche, mache aber bewusst Pausen und versuche sehr intentional zu kiffen. Ich will mich dafür auch nicht rechtfertigen, denn ich schaffe es nun schon eine ganze Weile mit Pausen und hauptsächlich abends zum entspannen zu kiffen und es tut mir gut. Klar, es hat seine Schattenseiten, dessen bin ich mir bewusst. Aber wenn ich so viel für meine Gesundheit tue aber nie das Gefühl habe mal entspannen zu können, dann ist mir das egal, bzw. dann nehme ich es quasi als Nebenwirkungen eines „Medikaments“ in Kauf.
Derzeit nehme ich Bupropion gegen meine Depressionen. Ich hatte vor einer ganzen Weile wieder eine ziemlich depressive Phase wo nicht mehr viel ging, wurde erst mit Venlafaxin behandelt, was wirklich gut gegen die Depression geholfen hat. Wegen starkem Schwitzen und Schweißausbrüchen habe ich dann auch Bupropion gewechselt. Ich habe das Gefühl, dass ich auch damit ganz gut klarkomme.
Langfristig will ich es aber eigentlich im Frühjahr absetzen. Habe mich auch Jahre dagegen gewehrt (wieder) Antidepressiva zu nehmen aber dann wollte ich es wenigstens noch mal probieren. Die Pille nehme ich wegen meiner Endometriose auch noch und würde langfristig eigentlich gern von allem weg. Fühlt sich besser an, andererseits versuche ich auch zu akzeptieren, dass ich krank bin und diese Medis eben vielleicht einfach brauche und das ok ist. Ich mache viel für Gesundheit und Stressmanagement und diese Dinge helfen auch kurzfristig. Aber dieser Zustand mit dem Chaos im Kopf ist dauerhaft.
Ich habe online gesehen, dass meine Psychiaterin auch ADHS Diagnostik macht und überlege, sie im neuen Jahr darauf anzusprechen. Ich weiß nicht, wie gut das Wissen von Psychiatern schon über ADHS bei erwachsenen Frauen ist aber ich habe Angst, dass sie vielleicht sehr schnell sagt, dass ich kein ADHS habe. Es ist ja auch nur eine mögliche Erklärung, die mir nach dem was ich gelesen habe, naheliegend erscheint. Eine Diagnose würde mir zumindest dabei helfen, nicht mehr die ganze Zeit zu denken, dass ich irgendwas falsch mache und etwas Frustration nehmen. Ich bin auch schon sehr lange in Therapie, wegen meiner Depressionen. Das ist aber auch schon sehr lange eigentlich nur noch eine begleitende Gesprächstherapie um ein Mal im Monat aktuelle Probleme und Entwicklungen zu besprechen.
Ich bin kein Fan von der Vorstellung, (noch ein) starkes Medikament nehmen zu müssen und frage mich, ob eine Diagnose dann überhaupt sinnvoll oder nötig ist.
Das war jetzt ganz schön viel, aber vielleicht hat jemand ähnliche Erfahrungen oder einen Rat für mich.