Warum funktioniere ich unter Deadlines perfekt, aber breche bei freier Zeit komplett ein?

Dieses Muster wiederholt sich bei mir seit Jahren und langsam habe ich das Gefühl, dass es etwas Tieferes darüber aussagt, wie ich funktioniere.

Während stressiger Wochen bei der Arbeit, wenn mein Kalender voller Meetings, Deliverables und klarer Deadlines ist, funktioniere ich wie eine Maschine. Ich stehe früh auf, trainiere vor der Arbeit, esse ordentlich und denke nicht lange nach. Alles fühlt sich strukturiert und automatisch an. Selbst nach langen Tagen schaffe ich es noch, Dinge voranzubringen, weil es keinen Raum zum Grübeln gibt. Der nächste Schritt ist immer klar.

Aber gib mir einen einzigen freien Samstag und alles fällt auseinander. Ich wache mit ehrgeizigen Plänen auf: an meinem Side-Projekt arbeiten, meine Fitness verbessern, lesen, aufräumen, mein Leben voranbringen. Und trotzdem ist es plötzlich 15 Uhr und ich habe nichts Bedeutendes geschafft. Ich entspanne mich nicht einmal richtig. Ich treibe einfach so vor mich hin, checke ständig mein Handy, „plane“ Dinge und sage mir, dass ich gleich anfange.

Das Merkwürdige ist, dass ich nicht glaube, dass es Faulheit ist. Wenn jemand anderes meine Zeit strukturiert, liefere ich ab. Wenn die Struktur verschwindet, verschwindet auch meine Disziplin.

Mir ist noch etwas aufgefallen: Bei der Arbeit sind Aufgaben immer in kleine, konkrete Schritte aufgeteilt. Schick diese E-Mail. Bereite diese Präsentation vor. Nimm an diesem Meeting teil. Der nächste Schritt ist klar.

Zu Hause sind meine Ziele dagegen abstrakt. „Komm in Form.“ „Baue etwas auf.“ „Verbessere dein Leben.“ Es gibt keinen klar definierten nächsten Schritt, also beginnt mein Gehirn endlos zu verhandeln.

Vielleicht ist das Problem gar nicht die freie Zeit. Vielleicht ist das Problem, dass große persönliche Ziele zu vage sind und selbst strukturierte Tage verlangen, dass man den nächsten kleinen Schritt jedes Mal selbst definiert.

Geht es noch jemandem so, dass es nicht an Ambition fehlt, sondern daran, dass die Ziele nicht in schmerzhaft klare, kleine Schritte zerlegt sind?

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Hallo Feltriner,

ich persönlich kenne das was du da beschreibst ziemlich gut und ich würde dir gerne meine Erfahrung dazu berichten wie ich momentan damit umgehe und was mir einigermaßen geholfen hat. Für mich klingt das nach zu viel Struktur und zu viel Ordnung und Ideen an den freien Tagen. Ich habe mir auch immer so viel versucht zurecht zu legen das ich so viele Pläne hatte und auch nichts umsetzen konnte. Meiner Meinung nach ist das ein schmaler Grad zwischen guter und zu viel Planung. Ich habe mir mittlerweile versucht weniger Ziele zu setzen und wenn ich zu viele Sachen im Kopf habe hat es bei mir geholfen ein Bad zu nehmen. Irgendwas tun wo du entspannen und runter fahren kannst, denn dann melden sich deine Bedürfnisse. Mit Bedürfnissen meine ich, was du gerade auch wirklich tun möchtest. Ich hab damals nur prokrastiniert und nichts getan und habe mich dann geärgert. Wenn ich mich unproduktiv fühle Versuche ich eine Kleinigkeit im Haushalt zu machen und dann was kreatives zu tun wenn mir danach ist. Auch ein kleines Stück spazieren gehen und dazu vielleicht Musik kann gut klappen. Da kamen mir immer Ideen und die Bedürfnisse an denen ich mich orientiert habe. Auch so etwas wie einfach Mal entspannen und rumliegen kann ein Bedürfnis sein, gerade wenn die Woche Recht voll war und das ist vollkommen in Ordnung.

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Willkömmchen :adxs_wink:

Davon wirst du hier noch öfter lesen.
Auch drüben im Kompendium auf adxs.org gibts dazu einige Erklärungen zu finden.

Diese KI Zusammenfassung enthält meiner Meinung nach die wichtigsten plausiblen Hintergründe, wie die beschriebenen Muster mit ADHS zusammenhängen.

Einordnung: Wie passt dieses Muster zu ADHS?

Dieses Muster passt sehr gut zu typischen Funktionsproblemen bei ADHS im Erwachsenenalter.

Es spricht deutlich weniger für fehlende Ambition oder „Faulheit“ als für eine Störung der Selbststeuerung unter Bedingungen mit wenig äußerer Struktur.

Der zentrale Punkt ist:

  • Viele Menschen mit ADHS funktionieren relativ gut, wenn Anforderungen von außen klar, dringlich, konkret und in kleine Schritte zerlegt sind.

  • Sie geraten eher dort ins Stocken, wo sie Ziele selbst strukturieren, priorisieren, in Teilaufgaben zerlegen und ohne unmittelbaren äußeren Druck beginnen müssen.

Das wird fachlich eher als Problem der exekutiven Kontrolle, Zielsteuerung und Motivationsregulation verstanden als ein mangelnder Wille.


Warum Arbeit oft besser funktioniert als freie Zeit

Dass Menschen mit ADHS unter Druck oder in stark getakteten Kontexten zeitweise sehr leistungsfähig funktionieren, ist keineswegs untypisch.

ADHS ist keine einfache Aufmerksamkeitsminderung, sondern eher eine Dysregulation von Aufmerksamkeit, Motivation und Handlungssteuerung.

Wenn eine Situation viel externe Struktur bietet, etwa:

  • Deadlines

  • Meetings

  • klare Erwartungen

  • soziale Verbindlichkeit

  • unmittelbare Konsequenzen

dann wird der „nächste Schritt“ gewissermaßen von außen geliefert.

Dadurch sinkt der Bedarf an innerer Selbstorganisation.

Genau diese äußeren Gerüste kompensieren bei vielen Betroffenen einen Teil der Schwierigkeiten in Selbststeuerung und Zielmanagement.

Ein stressiger, eng getakteter Arbeitstag kann daher paradoxerweise leichter zu bewältigen sein als ein freier Tag.

Denn freie Zeit verlangt sehr viel Eigensteuerung:

  • selbst priorisieren

  • selbst starten

  • selbst entscheiden

  • selbst dabeibleiben

  • selbst zwischen mehreren Möglichkeiten wählen

Gerade diese intern erzeugte Struktur ist bei ADHS häufig instabil.


Die Rolle der exekutiven Funktionen

Neurologisch lässt sich das vor allem über exekutive Funktionen erklären.

Damit sind Steuerungsfunktionen gemeint, die zielgerichtetes Verhalten ermöglichen, zum Beispiel:

  • Planung

  • Priorisierung

  • Arbeitsgedächtnis

  • Inhibition irrelevanter Impulse

  • Handlungsinitiierung

  • Aufrechterhaltung von Verhalten

  • Wechsel zwischen Aufgaben

Bei ADHS sind diese Funktionen nicht grundsätzlich „ausgeschaltet“, sondern oft situationsabhängig unzuverlässig.

Deshalb kann jemand in einem hochstrukturierten Kontext sehr leistungsfähig wirken und in offenen, selbstorganisierten Situationen stark einbrechen.

Das wirkt von außen widersprüchlich, ist neuropsychologisch aber sehr plausibel.

Die betroffene Person kann dann durchaus kompetent, intelligent und motiviert sein, hat aber Schwierigkeiten, diese Fähigkeiten ohne äußere Leitplanken konsistent in Handlung zu übersetzen.


Warum vage Ziele das Problem verschärfen könnten

Ein sehr wichtiger Punkt ist, dass große persönliche Ziele oft zu abstrakt sind.

Beispiele dafür sind:

  • „Komm in Form“

  • „Baue etwas auf“

  • „Verbessere dein Leben“

  • „Arbeite an deinem Side-Projekt“

Solche Ziele sind emotional bedeutsam, aber handlungspsychologisch unscharf.

Das Gehirn muss daraus erst selbst einen konkreten nächsten Schritt ableiten.

Genau diese Übersetzungsleistung ist bei ADHS häufig störanfällig.

Ein Ziel wie „Bereite diese Präsentation vor“ ist deutlich leichter als „Bring dein Leben voran“, weil es:

  • enger definiert ist

  • einen klaren Kontext hat

  • meist einen sichtbaren Startpunkt enthält

  • eine klarere Rückmeldung liefert

Bei offenen Zielen entsteht dagegen oft endloses inneres Verhandeln:

  • Womit fange ich an?

  • Was ist heute am wichtigsten?

  • Welcher Schritt wäre überhaupt sinnvoll?

  • Reicht die Zeit dafür?

  • Sollte ich erst noch etwas anderes machen?

  • Muss ich das vorher noch planen?

Dieses permanente innere Aushandeln kostet kognitive Energie und blockiert den Übergang vom Vorsatz zur tatsächlichen Handlung.


Handlungsinitiierung: Warum man „eigentlich will“, aber nicht anfängt

Ein zentraler Mechanismus ist die gestörte Handlungsinitiierung.

Viele Betroffene erleben nicht das Problem, dass sie ein Ziel nicht verstehen oder nicht erreichen wollen.

Das Problem liegt vielmehr in der Schwelle zwischen Absicht und Beginn.

Subjektiv fühlt sich das oft so an:

  • „Ich weiß genau, was ich tun sollte.“

  • „Ich will es auch tun.“

  • „Ich fange gleich an.“

  • „Warum mache ich es trotzdem nicht?“

Dieses „gleich fange ich an“ ist bei ADHS oft kein bloßes Hinauszögern aus Bequemlichkeit, sondern Ausdruck einer Starthemmung.

Das Gehirn bleibt in einer Vorbereitungs-, Bewertungs- oder Planungsphase hängen, ohne zuverlässig in die Handlung zu kippen.

Deshalb verbringen manche Menschen mit ADHS Stunden damit:

  • über Aufgaben nachzudenken

  • sich mental vorzubereiten

  • Listen zu machen

  • Pläne zu optimieren

  • Alternativen abzuwägen

ohne dass daraus echte Umsetzung entsteht.

Von außen wirkt das passiv.

Innen ist es oft ein Zustand hoher, aber ineffektiv gebundener kognitiver Aktivität.


Warum das Handy und kleine Ablenkungen so leicht gewinnen

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Belohnungsverarbeitung.

Bei ADHS wirken unmittelbare, klare und häufige Rückmeldungen oft stärker verhaltenssteuernd als entfernte, abstrakte oder verzögerte Belohnungen.

Freie Zeit ist oft voller Tätigkeiten, die langfristig sinnvoll sind, aber kurzfristig wenig spürbare Belohnung liefern:

  • lesen

  • trainieren

  • aufräumen

  • an einem Projekt bauen

  • administrative Dinge erledigen

Das Smartphone liefert dagegen sofort:

  • Reizwechsel

  • Neuigkeit

  • kleine Belohnungssignale

  • Ablenkung ohne Einstiegshürde

  • schnelle emotionale Regulation

Dadurch gewinnt oft das Verhalten mit der niedrigsten Aktivierungsschwelle und der schnellsten Rückmeldung gegen das Verhalten mit dem höheren Langzeitnutzen.

Das bedeutet nicht, dass Betroffenen das Wichtige egal wäre.

Es bedeutet, dass das Nervensystem im Moment der Entscheidung stärker auf sofort verfügbare Reize reagiert als auf abstrakte Fernziele.


Warum freie Tage oft nicht erholsam sind

Viele Betroffene berichten ein typisches Muster:

  • Sie leisten wenig.

  • Sie entspannen sich aber auch nicht wirklich.

  • Der Tag vergeht in einer Art Schwebezustand.

Das ist typisch für einen Zustand von ungerichteter Aktivierung.

Man ist nicht wirklich im Erholungsmodus, aber auch nicht in produktiver Zielverfolgung.

Stattdessen entsteht oft ein Hin-und-her zwischen:

  • Planen

  • schlechtem Gewissen

  • Ablenkung

  • erneutem Planen

  • Selbstvorwürfen

  • weiterem Aufschub

Dieser Zustand ist psychisch oft anstrengender als ein voller Arbeitstag, weil er keine klare Richtung hat.

Man ist beschäftigt, aber nicht wirksam.

Man ist angespannt, aber nicht fokussiert.

Man hat frei, aber erlebt die freie Zeit nicht als frei.


Default Mode Network und mentales Abdriften

Auch auf Netzwerkebene des Gehirns gibt es eine plausible Erklärung.

Vereinfacht gesagt gibt es Hirnnetzwerke, die stärker aktiv sind, wenn man nach innen gerichtet denkt, abschweift, plant, erinnert oder innerlich assoziiert.

Bei ADHS ist der Wechsel zwischen aufgabenbezogener Fokussierung und innerem Abschweifen oft weniger stabil.

Subjektiv kann sich das äußern als:

  • Wegdriften

  • im Kopf schon alles durchdenken, ohne zu handeln

  • ständiges inneres Simulieren statt Beginnen

  • Gedankenschleifen

  • Wechsel zwischen Absichten, Fantasien, Ideen und Mikroablenkungen

Unter äußerer Struktur wird dieses Problem oft teilweise überdeckt.

In offenen Situationen mit viel Selbststeuerung wird es dagegen deutlich sichtbarer.


Prospektives Gedächtnis und Selbstorganisation

Eine weitere wichtige Ebene ist das prospektive Gedächtnis.

Damit ist die Fähigkeit gemeint, eine Absicht zum richtigen Zeitpunkt wieder zu aktivieren und umzusetzen.

An freien Tagen existieren oft viele lose Absichten gleichzeitig:

  • Ich wollte noch trainieren.

  • Ich wollte aufräumen.

  • Ich wollte lesen.

  • Ich wollte an meinem Projekt arbeiten.

  • Ich wollte mich um wichtige Dinge kümmern.

Ohne klare äußere Hinweisreize bleiben solche Vorhaben häufig in einer Art mentalem Wartezustand.

Sie sind nicht vergessen im klassischen Sinn.

Sie werden aber nicht wirksam in Handlung übersetzt.

Zusätzlich kommt bei ADHS oft eine erschwerte Zeitorganisation hinzu.

Zeit wird dann nicht als klar gegliederte Struktur erlebt, sondern eher als schwer greifbare, zerfließende Ressource.

Dadurch kann ein ganzer Tag vergehen, ohne dass rechtzeitig ein inneres Stoppsignal oder Startsignal entsteht.


Warum das nicht für Faulheit spricht

Das geschilderte Muster spricht nicht primär für moralische Undiszipliniertheit.

Es spricht eher dafür, dass viele ADHS Betroffene stark von externer Struktur profitieren und bei selbststrukturierter, abstrakter, langfristiger Zielverfolgung exekutive Mehrbelastung erleben.

Faulheit würde eher bedeuten:

  • kein echtes Interesse

  • kein inneres Ziel

  • kein Leiden an der Untätigkeit

  • keine wiederkehrende Frustration über das eigene Muster

Hier zeigt sich aber meist das Gegenteil:

  • Es gibt Ambition.

  • Es gibt Ziele.

  • Es gibt Einsicht.

  • Es gibt Frustration.

  • Es gibt wiederholte Versuche.

Genau das spricht eher für ein Umsetzungsproblem als für fehlende Motivation im groben Sinn.


Differenzialdiagnostische Einordnung

Trotzdem ist das Muster nicht ausschließlich ADHS-spezifisch.

Ähnliche Phänomene können auch auftreten bei:

  • Depressionen

  • Angststörungen

  • Erschöpfung

  • Schlafmangel

  • Burnout

  • Perfektionismus

  • überhöhten Selbstansprüchen

  • Vermeidungsverhalten

Im ADHS-Kontext ist aber besonders typisch, dass die Leistungsfähigkeit stark von äußerer Struktur, Klarheit, Dringlichkeit und konkreten Einzelschritten abhängt.

Gerade die Kombination aus:

  • hohem Potenzial

  • guter Funktion unter Druck

  • Einbruch bei offener Selbststeuerung

  • innerem Verhandeln

  • Aufschieben trotz echtem Wollen

passt sehr gut zu ADHS.


Die eigentliche Kernproblematik in einem Satz

Die Kernaussage lässt sich neuropsychologisch sehr präzise zusammenfassen:

  • Das Problem ist oft nicht fehlendes Wollen, sondern die fehlende Umwandlung eines abstrakten Ziels in einen eindeutig auslösbaren, kleinen, sofort beginnbaren nächsten Schritt.

Bei ADHS ist genau diese Übersetzungsleistung besonders störanfällig.

Deshalb können Menschen mit ADHS in hochstrukturierten Umgebungen erstaunlich effizient und in freien, unstrukturierten Kontexten gleichzeitig blockiert wirken.

Diese beiden Zustände widersprechen sich nicht.

Sie sind zwei verschiedene Ausdrucksformen derselben Störung der Selbststeuerung.


Praktische Schlussfolgerung aus neurologischer Sicht

Aus neurologischer und verhaltenspsychologischer Sicht braucht eine solche Person meist nicht einfach „mehr Disziplin“, sondern mehr externalisierte Struktur.

Hilfreich sind vor allem:

  • möglichst kleine Handlungseinheiten

  • eindeutig definierte Startschritte

  • sichtbare Reihenfolgen

  • geringe Entscheidungslast

  • kurze Rückmeldeschleifen

  • klare Zeitfenster

  • konkrete Auslösereize

Anders gesagt:

  • Nicht das große Ziel steuert das Verhalten, sondern der konkret verfügbare nächste Mini-Schritt.

Dieses Muster entspricht also keinem Charakterproblem, sondern einem für ADHS typischen Zusammenspiel aus Strukturabhängigkeit, Initiierungsstörung, Zielabstraktheit und motivationaler Dysregulation.


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Interessant. In der KI-Zusammenfassung wird es den exekutiven Funktionen zugeschrieben. Die sind bei Autismus auch nicht ganz auf der Höhe. Das Problem kenne ich daher sehr gut. Mir hilft auch externe Struktur für Dinge, die ich nicht freiwillig gern mache, die also nicht sofort positiv sind, z.B. Sport machen, aufräumen. Ich treffe Verabredungen zum Sport. Für das Aufräumen gibt mir eine Haushaltshilfe einen Impuls.
Diese externe Struktur macht mir durch den Druck aber auch Stress. Ich muss feststellen, dass es mit Medikament einfacher ist, Dinge anzufangen, und damit habe ich auch weniger Stress.
Kleine Schritte können auch helfen, z.B. wenn ich rausgehen will, kann es helfen, mir nur den ersten Schritt vorzunehmen, also z.B. andere Hose anziehen, und der Rest ergibt sich dann, wenn ich erstmal angefangen habe.

Da es zwischen den Störungsbildern bei ADHS / ASS einige Überschneidungen gibt, wäre es eigentlich nicht verwunderlich :slight_smile:

U.a. auf der einen Seite das Bedürfnis nach Struktur und Ordnung → auf der anderen Seite Chaos (z.B. im privaten Bereich, während es beruflich gut funktioniert).

Ich habe da solche und solche Tage.
Mal helfen kleine Strategien, mal nicht.

An schlechteren Tagen kann ich mir eine Aufgabe in Teilaufgaben herunterbrechen und weiß auch, dass ich jetzt „nur noch“ mit dem ersten Schritt anfangen muss und es sich dann von alleine erübrigt, sobald ich einmal ins Tun gekommen bin… aber dann sitze ich da und fange eben einfach nicht an.

Dann kann ich mir auch vornehmen „Jetzt zählst du laut bis 5, stehst auf, fängst an und denkst nicht mehr drüber nach - verlass dich darauf, dass es nach dem Start fast automatisch läuft!“.

Aber dann zähle ich bis 5 und mein Hirn denkt sich bloß:

„Mhnööö. Du hast mir gar nichts zu sagen :adxs_zunge:

Manchmal muss ich das dann akzeptieren, statt mit mir zu kämpfen :man_shrugging: letzteres ist da meist eher kontraproduktiv.
Dann bockt die Kiste da oben erst recht.

Das sind dann eigentlich aber auch nur solche Aufgaben, die zwar notwendig wären, sie zu erledigen, aber dann scheinbar auch wieder nicht genug Druck erzeugen.

Also kein absolutes „das muss jetzt“, wie es bei anderen Aufgaben mit Deadlines der Fall wäre.

Wie beim Haushalt z.B., da in der Regel kein Besuch kommt.

Klingelt es aber gleich, dass morgen früh Handwerker in die Bude müssen, siehste hier aber einen wuseln. Dann ist Druck da → Zündung → :rocket:

Dann wird ratzfatz im Kopf ein Schlachtplan entworfen und losgelegt.

Naja, vielleicht auch erstmal noch n’ Käffchen, denn eine detaillierte Planung ist ja auch wichtig, nä? :adxs_grins:

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Bei mir ist das dummerweise an Arbeit ein echtes Problem. Da gibt es keine echte Struktur, nur vage Deadlines und viele spontane Aufgaben die nur ablenken. Ich habe heute wieder mal volle 6 Stunden versucht mit irgendwas anzufangen…naja, ich habe immerhin zwei Videos von Prof. Zimpel über Neurodivergenz angesehen…das war nur leider nicht die Aufgabe…

Wenn dann ein Anruf kommt, springe ich sofort drauf an. Das klappt auf Anhieb. Aber ich habe Aufgaben die ich schon 1 1/2 Jahre vor mir herschiebe… Da es niemanden interessiert, werde ich das wohl auch in ‘26 nicht machen… So gibt es aber auch kaum Erfolgserlebnisse, die Motivation sinkt ins bodenlose und irgendwann wird der große Knall kommen. Davor habe ich Angst und die behindert mich nur noch mehr.

Momentan sehe ich da keinen Ausweg. Ich mache mich selbst dafür fertig und bin dann geschafft als hätte ich schwer gearbeitet… So geht es jedenfalls nicht weiter! Aber wie dann??

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Hallo Volpertinger,

diese Situation ist verständlicherweise total belastend!
Weil soviel im Kopf als „unerledigt“ herumschwirrt und/oder auf irgendwelchen T-Do-Listen böse auf dich herabstarrt und du ES EINFACH NICHT GEBACKEN KRIEGST. :face_with_spiral_eyes:
Ich kenne dieses SCH… Gefühl.

Was mir geholfen hat:

  • mir eingestehen, dass ich gerade ein Problem habe, was ich mit Los-reiß -dich-zusammen nicht lösen kann

  • Ehrlich hinschauen wie mein Energielevel ist: bin ich überlastet? Habe ich mich übernommen? Hat sich meine mentale Verfassung signifikant verschlechtert?

  • Wenn ich merke, dass ich eigentlich schon lange drüber bin und deshalb soviel vor mir herschiebe → Krankschreiben lassen und erstmal runterfahren

  • Wenn ich merke, dass ich zu viele unangenehme Aufgaben prokrastiniert habe, die sich nun um mich auftürmen —> mit einer Vertrauensperson ALLE anstehenden Aufgaben auflisten und priorisieren. Ganz wichtig, die Versatzstücke von überall und den Kopfnebel knallhart ins Licht zerren und „den Monstern“ ins Gesicht schauen. Hierbei wird auch deutlich, was ich alles in meiner Wahrnehmung als viel schwieriger/umfangreicher/wichtiger einschätze, als es tatsächlich ist.

  • Proaktiv meinen Vorgesetzten kurze Rückmeldung darüber geben, was ich zu wann aufarbeiten will und was ich (wg. Priorisierung) weiter nach hinten schieben oder im Team mit einer anderen KollegIn erledigen möchte. Dieser Schritt ist für mich ganz wichtig, weil ChefIn ggfs. abwinken kann, dass das Projekt doch nicht mehr wichtig ist oder sich die Anforderungen geändert haben. Gerade wenn etwas ohne Nachfrage über ein Jahr bei dir rumschimmeln kann, wage ich die Wichtigkeit dessen in Frage zu stellen…

  • Im Wochenkalender ZEITLICH BEGRENZTE Timeslots eintragen (max. 2h am Stück), in denen ich die Aufgaben abarbeite. Denn die normale Arbeit will ja auch erledigt werden. Und ich will einen Hyperfokus mit anschließendem Energieloch vermeiden.

Ich wünsche Dir einen guten Weg raus aus dieser Situation :four_leaf_clover:

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Mir geht es genau so. Unter Deadlines übernimmt plötzlich eine Art „Autopilot“. Der nächste Schritt ist klar, die Prioritäten sind gesetzt und man muss nicht mehr entscheiden, ob man anfängt. Bei freier Zeit dagegen muss das Gehirn alles selbst machen: Ziel definieren, nächsten Schritt festlegen, entscheiden wann man anfängt, sich selbst kontrollieren. Das ist überraschend viel mentale Last.

Ich habe irgendwann gemerkt, dass der schwierigste Moment gar nicht die Arbeit selbst ist, sondern die paar Minuten davor, wenn das Gehirn anfängt zu verhandeln („gleich“, „nur kurz aufs Handy schauen“, „erst noch einen Kaffee“). Wenn der nächste Schritt aber schon vorher klar definiert ist, fällt das Anfangen plötzlich viel leichter.

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Was ich immer wieder Schwierig finde anhand dieser kleinen Schritte und der Planung dahinter ist: Man muss sich ja trotzdem erst Mal hinsetzen und einen Plan ausarbeiten, das finde ich persönlich manchmal wirklich kompliziert. Allein den Tag planen, priosierien Zeiten einschätzen bzw diese Blöcke zuteilen. Das mit dem Hyperfokus finde ich sehr nachvollziehbar, damit habe ich auch schon oft meine Erfahrung gemacht. Aber wenn es um so etwas geht kann ich mich selten aufraffen das so gut zu planen. Habt ihr da noch Ideen wie es einfacher sein kann sich diese Pläne zu legen und auch dran zu halten?

Goblin Tools wäre eine App, die Aufgaben in Teilaufgaben herunterbricht.

https://adhs-forum.adxs.org/t/hilfreiche-apps-bei-adhs/9813/87

Solltest du die App Tiimo verwenden, die kann das auch.

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Ich darf mir nicht zu viel vornehmen, am besten nur eine, maximal zwei, unangenehme Aufgaben am Tag. Ansonsten versuchen, Routine einkehren zu lassen (dann muss man nicht jedes Mal neu planen), aber das ist schwierig gerade bei unangenehmen Aufgaben.

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