Was macht man eigentlich so in der Ergotherapie?

Hallöchen!

Meine Diagnose ist noch recht jung, entsprechend finde ich mich gerade ein bisschen in meiner „neuen Welt“ ein. In der Schar der verordneten Therapien war unter anderem Ergo dabei, also habe ich da einen Termin gemacht. Die Dame am Telefon war auch soweit nett, hat mir ein bisschen was erzählt von dem was sie so tun. O-Ton: „alles, was im Alltag Schwierigkeiten bereitet versuchen wir zu verbessern“. Das finde ich allerdings schon arg weit gefasst. Die Deutsche Therapeutenauskunft hat ein paar konkrete Beispiele, aber ich brauche nichts davon, außer das mit der Tagesstrukturierung. Wobei ich tatsächlich Hilfe bräuchte wären so Dinge wie der Umgang mit Reizen und Impulsen, laut Diagnose auch mit meinem Selbstbild.
Bin ich da in der Ergotherapie überhaupt richtig?
Und weiß jemand, wie genau dann dort gearbeitet wird? Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass es nicht-medikamentöse Wege gibt, mein Hirn weniger Reizempfänglich zu machen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was da mit mir in einer Sitzung gemacht wird. Ist das primär reden? Irgendwelche Übungen?

Ich würde mich sehr über Erfahrunsgberichte freuen, vor Allem von Menschen, die ihre Therapie auch erst als Erwachsene begonnen haben.

Liebe Grüße! :bouquet:

Moin @Glen

Prinzipiell wird bei ADHS’lern Verhaltenstherapie empfohlen.

Einfach um die von dir benannten Probleme bei bspw alltäglichen Dingen anzugehen.

Zusätzlich wird, je nach Ausprägung, die Einnahme von Medikamenten (Präparate mit LDX oder MPH haben sich als am wirksamsten erwiesen) empfohlen.

Inwieweit dir da eine Ergotherapie helfen soll kann ich dir beim besten Willen nicht sagen.

Aus eigener Erfahrung wird da im Schwerpunkt Feinmotorik oder räumliches Denken und so trainiert…

Wenn jemand andere Erfahrungen gemacht hat bitte raus damit :wink:

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Nicht nur. Mit den Kindern werden Konzentrationsübungen gemacht, Kommunikation und Gefühle besprochen. Könnte bei Erwachsenen ähnlich aussehen.

Ergotherapie bei meinen Kindern: Körperspannung steigern, Balance üben, Stifthaltung trainieren und die Fein- und Grobmotorik verbessern :woman_shrugging:t2:.

Bei anderen in der Praxis mitbekommen: Mundmotorik, Hand-Augen-Koordination trainieren und Orientierungsübungen für blinde Kinder.

Sonst guck dir die Praxis und die Therapeutin einfach an, wenn du die Therapieziele und -methoden nicht sinnvoll findest, kann dich ja niemand zwingen.

Ich habe vor einer Weile Ergotherapie gemacht, wir waren vier oder fünf Leute, jeder ein etwas anderes Handicap. Wir haben mehr oder weniger anspruchsvoll gebastelt und gewerkelt. Mit mir hat der Therapeut zum Beispiel geübt, wie ich relativ schnell eine Entscheidung treffe und dann auch dabei bleibe und nicht gleich wieder was anderes anfange, auch mal was fertig mache, auch wenn das Ergebnis nicht perfekt sein wird, also, dass ich das aushalte. Und das war anstrengend, ich hätte am liebsten jedesmal in den Sack gehauen. Mir hat es letztendlich geholfen, bis heute.

Also Ergotherapie ist für mich das Konzept des nicht fokussierten Trainings deines Verhaltens durch soziales Feedback. Also im Grunde während du bastelst, spielst, musizierst, kochst mit anderen. Sammelst du halt kontrolliertes Feedback. Das ist in erster Linie mal gut um nach z.B. Zusammenbruch oder Tief wieder Mut zu fassen und negativen Glaubenssätzen (ala Ich kann das nicht, Ich bin xy usw.) einen greif- und erfahrbaren Gegenbeweis entgegenzustellen.

Die nehme ich schon, und ich habe auch diverse Gespräche mit Therapeuten vereinbart. Bisher war noch niemand passendes dabei, aber ich arbeite dran :slight_smile:

Kommunikation und Gefühle Besprechen würde ich gut finden, das ist eine meiner größeren Schwächen. Nur stellt sich da für mich die Frage, was dann (Verhaltens-)Therapie von Ergotherapie unterscheidet. Vermutlich sind die Grenzen da dann fließend.

Ja, das klingt auch für mich sinnvoll. Kommt auf meinen „Wunschzettel“ den ich für die Therapeutin anfertigen sollte.

Das wäre mein Albtraum :smiley: Ich hasse Gruppen und Gruppenarbeiten, die sind einfach immer laut und unorganisiert und am Ende ist das Ergebnis kacke :sweat_smile:
Wobei daran zu arbeiten sicherlich auch nicht die schlechteste Idee wäre.

Das stimmt. Ich habe nur eine lange Geschichte mit angefangenen Dingen die ich nie zu Ende gebracht habe, und hätte irgendwie gerne, dass das halt einfach klappt.
Ich weiß zwar auch, dass gerade Therapie einfach verdammt persönliche Arbeit ist und man einiges Versuchen darf, bis etwas passendes dabei war, es fühlt sich aber trotzdem so an, als würde das dann auf dem riesen Haufen landen auf dem draufsteht „Glen kann nichts und erst recht nichts fertig bringen“.

Mein Sohn hat beides gemacht.
Bei der Verhaltenstherapie wurden 3 Ziele gesetzt und daraufhin gearbeitet, bzw. besprochen.

Bei der ergo war es eher von allem ein Bisschen mit mehr praktischen Aufgaben.

Letzendlich hat beides nichts gebracht. Er war aber auch erst 8. Ich kann mir vorstellen, dass man als Erwachsener die Theorie besser umsetzen kann.

Der Vollständigkeit halber möchte ich nach meinem zweiten Termin in der Ergotherapie meine Frage selbst beantworten und ein wenig Werbung machen.

Also, was mache ich da?
Zu Anfang habe ich eine Liste mit Problemen erstellt. Dafür habe ich eine Woche lang alle Schwierigkeiten aufgeschrieben und den adxs Selbsttest gemacht, auf dessen Ergebnis ich die Symptome markiert habe, die mich besonders stören. Diese Listen gehen wir jetzt nach und nach durch und arbeiten ab, wie man sie lösen könnte.
Zum Beispiel zahle ich oft Rechnungen nicht, weil sie irgendwie verloren gehen. Wir verfolgen dann den Weg der Rechnung ab Briefkasten und schauen, wo genau die Rechnung verschwindet. Dann überlegen wir uns Taktiken, das zu vermeiden. Meist habe ich am Ende zwei bis drei Lösungswege und teste bis zum nächsten mal, ob einer davon funktioniert oder ob ein neues Problem auftritt.
Meine Ergotherapeutin hat viel Ahnung von ADHS, deswegen erklärt sie mir oft auch, welche körperlichen Ursachen das Problem hat, und kennt auch Tipps, wie man sich da ein bisschen pushen kann, z.B. durch geziehlt gesetzte Schmerzreize, Koffein oder Verknüpfungen wie Putzen + Musik.

Und das hilft?
Ja! Klar, das Konzept klingt denkbar einfach. Problem identifizieren, ein bisschen brainstormen, Problem gelöst. Aber bei meiner Therapeutin ist so viel Erfahrung und Hintergrundwissen vorhanden, ich wäre im Leben nicht so effektiv, und dabei schreibe ich mir schon recht gute Problemlösungsfähigkeiten zu. Sie weiß außerdem genau, was valide Ansätze sind und was ich gar nicht erst versuchen brauche (Stichwort: einfach mehr anstrengen). Und: Ich fühle mich dort absolut verstanden und angenommen. Es hat etwas sehr heilendes, über meine Probleme zu sprechen und die Antwort ist „Ja, sie können das nicht, und ich kann ihnen auch sagen warum.“ statt „Dann musst du dich mehr anstrengen!/ Ach, das fällt allen schwer, und die können es doch auch!/ Vielleicht ist studieren dann einfach nichts für dich.“.

Also, sollte hier jemand mit seinen Alltagsproblemen hadern, sich nicht organisieren können, vielleicht gibt es ja auch nur ein einzelnes Problem, das aber irgendwie nicht kleiner werden will… probiert es doch mal aus. Mir hilft es gerade sehr.

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Meine hat mir gerade erst wieder erklärt , dass sie bei mir keine ADS Merkmale sieht…
Kurz nachdem ich gesagt habe, dass ich nach Ablauf meiner Therapieabrechnung über das Tiroler Modell, die Therapie gern bei ihr über die Standardkassenabrechnung fortsetzen will. Mir kommt vor Sie will mich dringend loswerden …

Wenn das kein eindeutiges Anzeichen für ADHS ist… du bist einfach zu anstrengend… :laughing:

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Tut mir leid, dass deine Therapeutin so reagiert hat. Vielleicht ist sie einfach auf emotionaler Ebene nicht unbedingt dein Match? Ist auf jeden Fall sehr unprofessionell, die Diagnose so plump in Frage zu stellen.

Aber wenn du die Behandlung gerne weiterführen möchtest, scheint sie ja zu wirken? Magst du erzählen, was ihr so tut und was dir am besten hilft?

Unprofessionell auch, aber da zeigte die Ergotherapeutin meiner Ansicht nach, dass sie von ADHS absolut keine Ahnung hat und solche Patienten nur des Geldes wegen annimmt. :woozy_face:

@Glen

Deine Ergotherapie klingt toll. Wie ging es bei dir weiter? Ich wünsche mir auch unbedingt Hilfe.

Hier nochmal auch ein großer Fan Bericht für Ergotherapie!

Ergotherapie ist das, was mir einmal in der Woche konkret extrem weiterhilft. Zusätzlich ist es Recht einfach auf Rezept zu erhalten( es gibt einen Selbstkostenanteil) vom Hausarzt,Psychotherapeuten oder Psychiater. Wenn man das regelmäßig bekommen möchte, können die Verordnungen unter diesen Ärzten aufgeteilt werden, aber auch mit nur einem Arzt kommt man Recht lange im Jahr damit aus. Wichtig ist die Formulierung darauf, so dass Einzelergo gemacht wird bzw je nachdem, was gebraucht wird.

Es ist so so so hilfreich und perfekt ergänzend zur Psychotherapie. Bei mir würden am Anfang sehr viele Alltagsdinge besprochen, strukturiert. Mit Feeback, warum Plan XY nicht klappen kann, weil. Oder ganz konkret:Wie schaffe ich es xy zu machen? Und dann arbeiten die sehr genau und individuell. Was nicht funktioniert wird ausgetauscht und rumprobieren und das mit einer Engelsgeduld. Ich konnte dort erstmalig lernen, was mir etwas hilft, was mir gut tut, etc.

Mittlerweile geht es eher darum mehr mit Emotionen lernen umzugehen und auch da, was unterstützend in MEINEM Alltag helfen kann. Zusätzlich denkt einfach immer jemand mit und hat das Gesamtkonstonstrukt im Kopf und weißt nett daraufhin, dass das jetzt Mal wieder totaler Murks ist 7 Baustellen gleichzeitig anzufangen. Und die kennen sich einfach wirklich gut mit Menschen aus, die im Alltag überfordert sind.
Achso…vorausgesetzt man achtet darauf, dass sich jemand mit psychischen Diagnosen auskennt und arbeitet.

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