Was richten Eltern mit ihrer starken Orientierung nach Leistung bei ihren ADHS Kindern an? Welche Langzeitfolgen hat solch eine Erziehung?

Hallo alle zusammen,

Ich wüsste gern was für Auswirkungen eine Erziehung die sich nur an Leistung orientiert auf das Kind mit adhs hat…

Wer kann dazu was sagen?

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Hallo complicated,

speziell mit Bezug zu ADHS kann ich mich nicht äussern. Aber aus meiner Sicht ist das nicht relevant, da die selben Probleme auftauchen wie bei Kindern ohne ADxS.

Eine Diskrepanz zwischen erwarteter und erbrachter Leistung erzeugt in der Regel Konflikte. Soweit erzähle ich dir vermutlich nichts Neues. Da ADHS oft dazu führt, dass Betroffene ihr tatsächlich vorhandenes, aber wegen ADHS nicht zugängliches Potential nicht ausschöpfen, könnten Eltern durchaus versucht sein, noch mehr Druck zu machen. Und Druck, sag ich mit ADS aus Erfahrung, führt eher zu schlechter als guter Leistung.

Ein Teufelskreis? Kann, muss aber nicht.

Nun, Eltern können leistungsorientiert sein, dies dem Kind auch weitergeben wollen UND achtsam ihr Kind unterstützen. Eben damit es sein vorhandenes Potential erreichen kann.

Eine starke Orientierung nach Leistung ist nicht per se falsch. Unsere Gesellschaft ist leistungsorientiert konstruiert, daran können wir nichts ändern. Kinder - mit oder ohne ADHS - möchten teilweise aus sich selber gut sein, besser, das Beste gar. Je nach Interesse im Fussball, beim Tanzen, in Physik oder einer Fremdsprache. Was daran wäre schlecht oder falsch? Wir alle lieben Heldinnen und Helden, schauen auf zu den Stars in Sport, Film und Kunst. Dort kommt man aber nur hin, wenn man besser ist als der Rest. Viel besser. Also wirklich viel, viel besser.

Vielleicht geht es bei deiner Frage weniger um mögliche Folgen einer leistungsorientierten Erziehung, sondern eher darum, dass du den Eindruck hast, das Kind mit ADHS bekäme keine oder nicht die richtige Unterstützung?

Versuch doch mal in einem ersten Schritt genau zu beschreiben, was du beobachtest, ohne es zu bewerten. Wirklich nur das, was du beim Kind siehst. Versuch eine Liste zu führen, die genau gleich viele gute wie nicht gute Punkte enthält. Lass unbedingt jegliche Überlegungen weg, warum das so sein und was es für das Kind in Zukunft bedeuten könnte. Nur das Hier und Jetzt. Nur was du beobachtest.

Ein solches „Journal“ ist die Grundlage für weitere Überlegungen und Antworten, ob und wie dem Kind zu helfen ist.

Viel Erfolg!
Felix

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • bei mir hat die Fixierung auf eine akademische Laufbahn (Leistung also im Sinne von Ausbildung) dazu geführt, dass ich etwas studiert habe, was mir einigermaßen liegt, in dem ich mich aber nie heimisch gefühlt habe. Ich hab dann vor zwei Jahren eine Ausbildung gemacht, die ich schon nach dem Abi machen wollte und gelange langsam aber sicher in den Bereich, der mir wirklich liegt und mich motiviert
  • wenn Leistung heißt, so zu sein wie andere neurotypische Kinder, kann das dazu führen, dass das Kind sich andersartig und falsch fühlt, weil es vermeintlich einfache Dinge, wie keine Sachen zu verlieren, Termine pünktlich wahrzunehmen, auf Kleinigkeiten nicht hochemotional zu reagieren etc., nicht hinkriegt
  • wenn Eltern mit dem Kind im Gespräch sind und im Einklang mit dem Wesen und dem Streben des Kindes Leistung fördern und nicht fordern, dann kann das bestimmt auch toll sein → wobei ich mir nicht sicher bin, ab welchem Alter ein Kind beurteilen kann, dass es sich in eine bestimmte Richtung entwickeln will und inwieweit die Vorstellungen der Eltern doch auch einen größeren Einfluss haben (ich hab da mal eine Doku über ein sehr begabtes Tischtennistalent gesehen, bei der ich mich das gefragt habe)

Fragst du aus eigener Erfahrung heraus?

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Da fällt mir auf Anhieb Narzissmus ein.
Extreme Leistungsbezogenheit als maßgeblicher Erziehungsmaßstab ist ein Merkmal, das narzisstische Prägungen bewirken kann. Insbesondere wenn eine eher kühle emotionale Elternbeziehung dazukommt.

Vielleicht geht das auch andersherum:
Wer narzisstische Züge hat, fühlt sich eben supersafe, wenn er der Beste ist.

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Für meine Eltern war meine schulische Leistung und hier vor allem der Zeitraum 05. bis 13. Klasse sehr wichtig. Da ich erst lange nach der Schulzeit diagnostiziert wurde, war die Schulzeit sehr anstrengend für mich. Immer wieder Vorwürfe von meinen Eltern, dass ich meine Zeit ausschließlich mit Videospielen verbringen würde anstatt zu lernen. Und immer wieder der Satz: „Du kannst es doch, wenn du möchtest“ , „Du kannst eigentlich viel mehr“. Mein „Glück“ war, dass ich es auch ohne großes Lernen halbwegs durch die Oberstufe geschafft habe und mit einem mittelmäßigen Abitur abgeschlossen habe. Das hat meine Eltern zunächst sehr stolz gemacht. Seitdem muss ich mir aber immer wieder anhören „Viel hast du aber damals nicht für die Schule gemacht“. Da ich nach dem Abitur absolut keine Ambitionen hatte irgendetwas berufliches zu machen, wurde ich von meinen Eltern dazu gedrängt eine Ausbildung oder ein duales Studium in einem sicheren Bürojob zu machen. Auf meine Interessen wurde keine Rücksicht genommen. Da ich natürlich wollte, dass meine Eltern aufhören mich mit dem Thema Jobsuche zu nerven und um mich schnellstmöglich wieder Videospielen widmen zu können, habe ich mich auf ein duales Studium in einem sicheren Bürojob beworben. Tatsächlich habe ich die Stelle auch erhalten und habe mich schon wie in der Schulzeit, halbwegs durchs Studium gemogelt, sodass ich dann auch einen mittelmäßigen Bachelor-Abschluss erhalten habe. Die ersten Jahre im Job war ich sehr unglücklich und habe viele Fehler gemacht. Das hat dann im letzten Jahr zu einem Zusammenbruch geführt, auf Grund dessen ich mich in psychiatrische Behandlung begeben habe. Erst durch die Diagnose habe ich wirklich gelernt mit den Fehlern umzugehen und auf Grund der Medikation mit Elvanse fällt mir heute vieles leichter auf der Arbeit. Ich habe mir im siebten Jahr nach dem Studium eine Stelle gesucht, die zu mir passt und auch wenn es nicht mein Traumjjob ist, bin ich aktuell glücklich. Es hat jetzt ca. 10 Jahre nach der Schulzeit gedauert, bis ich den richtigen Job für mich gefunden habe und ich nehme es meinen Eltern immer noch etwas übel, dass sie mich damals so gedrängt haben. Insgesamt ist das Verhältnis zu meinen Eltern distanziert. Ich habe immer noch das Gefühl, dass meine Eltern mir ihren Stempel aufdrücken möchten und mich nicht so akzeptieren wie ich bin. Aber das ist wohl das Problem vieler Eltern.
Langzeitfolgen bei mir: - Jahrelange Suche nach dem richtigen Job, späte Diagnostik, distanziertes Verhältnis zu meinen Eltern

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Das mit dem Drängen ist blöd.

Ich wünsche aber jedem AD(H)S-Kind, dass es so einen Schulabschluss schafft, dass es hinterher beruflich das machen kann, wad es wirklich interessiert. Denn AD(H)S ist durch kaum etwas besser im Schach zu halten als durch ein bestehendes wirkliches Interesse.

Das blöde ist halt:

  • Schule ist sehr sehr fremdbestimmt. Das läuft komplett konträr zu AD(H)S.
  • Ausbildung/Studium kann man sich schon aussuchen (wenn es reicht), da wird es besser.
  • Beruf kann man sich dann noch mal mehr und genauer aussuchen, was interessiert - wenn man vorher die richtigen Voraussetzungen geschafft/geschaffen hat.

Ich meine, dass manche Betroffene ein Leben lang daran leiden, damals nicht (von ihren Eltern) wohlmeinend durch dir schwierige Schulzeit geschubst worden zu sein.
Wobei es aber einen riesigen Unterschied macht, aus welchem Motiv heraus das geschah/geschieht.

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@Flitzer:

Ich kann mich in vielen Aspekten deiner Erzählung wiederfinden. Vieles war bei mir auch so.
Ganz gut durch die Schule gekommen ohne viel Lernen. Im Studium auch, was manchmal hieß „Vier gewinnt“. :wink:
Super, dass du jetzt deinen Job gefunden hast, mit dem du glücklich bist. Das ist klasse!
Deinen Groll und die Distanziertheit zu deinen Eltern kann ich auch total nachvollziehen. Das geht mir ähnlich. Wenn ich mit anderen Menschen, die Eltern sind, rede, reagiere ich da auch manchmal über, wenn die sich Gedanken darüber machen, was aus ihren Kindern werden soll und was doch wohl gut ist für sie. Geht dir das ähnlich?
Wenn du das beantworten magst: Sind deine Eltern auch (teilweise) neurodivers?
Bei meinen ist das definitiv so und ich denke, dass ihre Erfahrungen vielleicht auch dazu beigetragen haben, dass sie mich in bestimmte Richtungen schoben.

Ich denke, Leistungsorientierung ohne Rücksicht darauf, was das Kind will - das bekommt den meisten Kindern schlecht, egal ob ADHS oder nicht.

Ich meine damit natürlich vor Allem die eher gruselige Form davon – wie @Felixyz betont hat, geht es ja auch anders. Aber Dinge wie:

  • Ordnung und Disziplin aufzwingen, die nicht dem Denken des Kindes entsprechen,
  • Schimpfen und Strafen, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden (möglichst noch, ohne vorher die Erwartungen richtig zu kommunizieren),
  • eine Kultur des „nie gut genug“

… damit kriegt Ihr so ziemlich jeden kaputt. Erst recht natürlich ein Kind, das sich alle Mühe gibt, es den Eltern recht zu machen, daran aus Gründen, die es nicht kontrollieren und oft nicht mal verstehen kann, scheitert und das dann auch noch vorgeworfen kriegt.

In irgendeinem Podcast habe ich mal einen Forscher (Namen leider vergessen) gehört, der Prokrastination nicht an ADHS oder anderen diagnostizierbaren Geisteszuständen festgemacht hat, sondern vor Allem an einer solchen Erziehung mit Eltern, die nur fordern und nie fördern, denen man es nie recht machen konnte. Nachvollziehbar – Prokrastination ist das Vermeiden einer Tätigkeit, die für uns mit Angst oder Leiden besetzt ist. Und bei solcher Erziehung dürfte das auf fast jede produktive Tätigkeit zutreffen.

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Hmmm, da bin ich mir nicht so sicher, ob dies Prokrastination fördert oder steigert. In meinem Elternhaus wurde antiautoritär erzogen. Das bedeutete im Alltag, dass wir die einzigen Kinder ohne feste Regeln waren. Strukturen gab es von außen, DDR + katholische Enklave. Die anderen Kinder mussten immer 18 Uhr zu Hause sein und ich stand allein auf dem Feld.

Mein Vater förderte mich ohne Worte, dh er kam in mein Zimmer, legte ein Buch hin und ging. Ich war eine Leseratte, insofern hat er mich prima angefüttert. Wenn wir mit dem Auto fuhren, haben wir mehrstimmig gesungen. Am Sonntag weckte er uns mit klassischer Musik und beim Mittagessen wurde immer viel erzählt. Beim Wandern war immer Zeit fürs Zeigen der Natur. Im Buchregal standen Bildbände (zBsp Hieronymos Bosch), Lexika und Fachliteratur (ich habe mir gerne die Bilder angesehen). Es gab also geistiges Futter ohne Ende.

Arbeiten im Haushalt musste ich kaum machen, selbst das Zimmer musste ich nur selten aufräumen. Man könnte dies als ideale Kindheit mit ADxS betrachten. Schulisch hatte ich ja keine Probleme. Forderungen gab es keine. Natürlich hat er sich gewünscht, dass ich studiere. Hab ich nicht gemacht, auch gut.

Prokrastination ist ein großes Problem für mich, eben weil ich mich zu Hause NIE mit unangenehmen Dingen befassen musste. Irgendjemand kümmert sich schon…

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Und etwas vom schlimmsten überhaupt neben allen voran körperlicher Gewalt und Missbrauch ist die Vernachlässigung etwas vom schlimmsten was Eltern ihren Kindern antun können.

Aus meiner Erfahrung denke ich, dass es zu einer seltsamen Aufspaltung der eigenen Attribute kommt.
„Du bist doch eigentlich so schlau“
Weil ja immer erwartet wurde, dass ich eigentlich super smart bin, war es umso frustrierender, wenn es dann an den kleinen formalen Dingen scheiterte.
Dann wieder tröstend gemeinte Aufwertung: „Vielleicht bist du nur unterfordert“
Aber ich war ja dennoch unfähig. Und das an den Stellen, die andere mit links gemeistert haben. Hefter für die Schule führen zum Beispiel. Da haben alle noch mal die Note aufgebessert mit den sorgfältigen Inhaltsverzeichnissen und schnörkeligen Überschriften. Bei mir Kraut und Rüben. Dafür eine gute Note in der Klausur.
Was macht man mit der Summe dieser Dinge?
Ich habe meine schludrigen ADHS-Anteile zu Hassen gelernt und verzweifelt an einem unereichbaren Selbstbild festgehalten. Anstatt die Bedürfnisse, die sich aus der Gesamtheit ergeben, zu erkennen und zu befrieden.
Ursprung des Impostersyndroms war das allemal.
„Wenn du willst, dann kannst du doch“
Aber am Ende des Tages kann ich es halt irgendwie doch nicht. Auch, wenn es mir zugetraut wird.
Die Überforderung lag jeher in den kleinen Dingen und nicht in den Großen und ich wünschte, ich wär damit nicht so sehr allein gelassen worden.

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