Moin,
ich habe vor vier Jahren meine Diagnose erhalten und habe seit der Einnahme von Medikinet keine Depressionen mehr. Also wirklich: weg. Das war so nicht unbedingt eingeplant, nehme ich aber gern.
Was außerdem half: Umziehen und ein (!) neues Ziel.
Zu diesem Zeitpunkt war ich schon drei Jahre in Therapie und hatte trotzdem nicht so richtig das Gefühl, aus meiner Depression herauszukommen. Ich war eingebunden in viel zu viele ehrenamtliche Verpflichtungen, hatte eher so mittelprächtige Jobchancen und eine familiäre Situation, die mir zuverlässig den letzten Nerv raubte. Rückblickend eine interessante Ausgangslage für psychische Stabilität.
Also entschied ich mich zu einem radikalen (und teilweise sehr schmerzhaften) Cut und zog dorthin, wo andere Urlaub machen.
Kurz vor meinem Wegzug ließ ich dann endlich den Gedanken an mich ran, dass ich vielleicht doch auch ADHS haben könnte. Mein Vater hat es schließlich auch. Nach einer ca. zweiminütigen Recherche stellte ich überrascht fest: Das kann vererbt werden.
Tja. Hätte man auch mal früher googeln können.
In der neuen Heimat angekommen, machte ich einen Termin beim Psychiater und suchte etwa zwei Monate nach einer Psychologin. Ungefähr zeitgleich bekam ich dann bei beiden Termine. In der Zwischenzeit hatte ich dank Insta bereits einiges über ADHS gelernt – und vor allem erstaunlich oft gedacht: Moment mal. Das soll nicht bei allen Menschen so sein?!
Ich bekam die Diagnose und zunächst Off-Label Bupropion. Das nahm ich ein Jahr lang und mir ging es schon deutlich besser. Ich hatte endlich meine Schublade. Und ja, Schubladen sind eigentlich verpönt, aber meine war sehr praktisch: Plötzlich ergaben diverse Dinge Sinn, die vorher einfach unter „bin halt irgendwie so“ abgelegt worden waren.
Ich konnte gezielter an mir arbeiten, hatte plötzlich viel mehr Antrieb und fuhr beruflich einige Erfolge ein. Allerdings merkte ich auch, dass die antidepressive Wirkung des Medikaments etwas mit mir machte. Ich fühlte mich ziemlich abgeschnitten von meinem Körper. Also setzte ich es nach einem Jahr unter ärztlicher Aufsicht ab und bekam zunächst Ritalin adult. Nach einer Packung landete ich schließlich bei Medikinet retardiert (10-10-0 bzw. nach Bedarf).
Und dann passierte etwas, mit dem ich tatsächlich nicht gerechnet hatte:
Es lief.
Nicht alles. Nicht immer. Ich habe schließlich immer noch ADHS und bin nicht über Nacht zur menschgewordenen Excel-Tabelle mutiert.
Aber mit diesem Neuanfang habe ich unglaublich viele positive Erfahrungen gemacht. Und die haben mich enorm stabilisiert. Aus dem Teufelskreis wurde nach und nach eine Art Glücksrad: Positive Erfahrungen führten zu mehr Zutrauen, mehr Zutrauen zu neuen positiven Erfahrungen. Und wenn heute etwas schiefläuft, ist es eben etwas, das schiefgelaufen ist – und nicht mehr automatisch der Beweis dafür, dass ich grundsätzlich nichts auf die Reihe bekomme.
Was dabei vermutlich ebenfalls geholfen hat: Ich hatte die Chance, nicht mehr den alten Stempel „die Verpeilte“ zu tragen. Am neuen Ort kannte mich schließlich niemand. Keine alten Geschichten, keine festgefahrenen Rollen, kein „Ach, typisch“.
Ich konnte also gewissermaßen mit einem leeren Blatt anfangen.
Meine Freund:innen wissen, dass ich ADHS habe. Im beruflichen Umfeld habe ich es dagegen nicht erzählt. Und ausgerechnet dort gelte ich inzwischen als zuverlässig und geduldig.
Zuverlässig. Und geduldig.
Hallo? Was ist das bitte für eine Einschätzung?!
Natürlich bin ich weiterhin ich geblieben. Ich verlege Dinge, vergesse Dinge und mein Gehirn entwickelt gelegentlich eigene Prioritäten, über die es mich vorher nicht informiert. Aber ich konnte mein Bild nach außen ein bisschen stärker selbst mitgestalten – während ich dieses neue Bild von mir gleichzeitig überhaupt erst kennengelernt habe.
Und was soll ich sagen: Ich bin inzwischen seit drei Jahren fest an einer Schule. Niemand möchte, dass ich gehe – und, für meine bisherige Berufsbiografie fast noch erstaunlicher: Ich möchte selbst nicht mehr woanders hin. Aus „die Verpeilte“ wurde also offenbar „die zuverlässige Kollegin mit Zusatzaufgaben“.