Hallo alle. Erstmal vielen Dank für eure Antworten, das hat mir schon geholfen zu verstehen, dass es euch auch so geht. Ich war am Ende der Selbsthilfegruppe so mutig und habe angesprochen, dass ich gerne mehr gesagt hätte, aber mich zurückgehalten habe.
Dann Versuche ich es Mal (unmaskiert)
Ich bin 40 Jahre alt und bin mein gesamtes Leben, seitdem Tod meiner lieben Oma mit Depressionen diagnostiziert worden. Zusätzlich hat ein traumatisches Erlebnis im Verwandtschaftskontext nicht gerade geholfen mein Selbstwertgefühl zu heben.
Nach aussen hin habe ich immer gelächelt und war für alle da, obwohl ich innerlich gar nicht so freundlich. Aber nur zu einer Person, nämlich mir. Ich habe mich wirklich innerlich gar nicht gut behandelt.
Ich habe immer gedacht: Wenn nur jemand rausreden, wie ich wirklich bin. Wie schlimm ich wirklich bin.
Es hat mich bis in mein Erwachsenenleben verfolgt. Irgendwann in den letzten Jahren habe ich auf den Punkt gebracht: Ich bin es nicht wert.
Ich habe versucht nach den neurotypisvhrn, oder wie ich damals dachte „normalen“ Spielregeln zu spielen. Sei nett, halt dich zurück, warte erst bis alle anderen geredet haben, lass deine spontanen Einfälle weg…usw.
Den inneren Kritiker habe ich als meinen dunklen Partner akzeptiert und er gab mir bei jedem kleinsten sozialen Fehltritt wochenlang Futter für Negatives.
Einmal habe ich meinen Chef auf dem Flur die Hand ganz offiziell gegeben. Obwohl ich den Job gerade bekommen hatte und ihn schon öfters gesehen hatte. Ich stand innerlich vor Scham in Flammen und hatte die nächsten Tage immer wieder damit zu tun. Solche Beispiele gab es Zuhauf.
Durch diese Fehltritte hatte ich Angst. Dass jemand rausfindet, wie jämmerlich ich war.
Zudem nahm ich typische Verhaltensweisen von mir gar nicht mehr wahr, vor allem das Vergessen von Gegenständen in der Bahn oder dem Vergessen von Dingen, die nicht vor mir lagen. Ich war halt so.
Und ich war vor allem eins: Alleine. Alleine in meinem Kopf mit einer negativen Stimme, die nur darauf lauerte mein niedriges Selbstwertgefühl mit Negativem zu füttern.
Aber ich bin kreativ und habe kreative Sachen gemocht. Seitdem ich denken kann, Versuche ich ein Buch fertig zu schreiben, mittlerweile verstehe ich warum das nicht klappen will. Seit 30 Jahren.
Im Jahr 2022 habe ich Schilddrüsenkrrbs bekommen. Das ist ein Thema für sich, aber durch das Überstehen dieser Krankheit habe ich eine psychotherapeutische Betreuung gebraucht. Zwar wurde ich durch das Überleben etwas lockerer, aber der innere Kritiker würde nicht mitrausoperiert. Im erwachsenen Alter war er auch eher leider, denn ich hatte ihn schon verinnerlicht.
Im Rahmen der Therapie berichtete ich meinem Therapeut, dass ich Probleme mit Nachverfolgen von Sachen habe. Aufgrund dieses minimalen Satzes schaute er mich und meinte"Haben Sie sich Mal auf ADHS getestet?" Nein, das war ein Thema mit dem ich gar nichts anfangen konnte und dachte es wäre was für das Kindesalter.
In der nächsten Sitzung sollte der Fragebogen durchgegangen, ich habe aber vorher natürlich mit maximalen Hyperfokus sehr viel über ADHS gelesen. Egal was ich zuerst gelesen und gesehen hatte, ich saß davor und dachte „Warum schreiben die eigentlich über mich“ ,oder „Das Problem haben auch andere“ Aber der Gedanke hat mich emotional nicht erreicht. Wir machten den Test. Witzig war auf die Frage: Sind sie manchmal abgelenkt und können Gesprächen nicht folgen? Antwortete ich mit „Was haben sie gesagt“.
Am Ende hatte ich zu 90 Prozent eine bestätigte ADS Diagnose. Seitdem habe ich mich durch alles durchgelesen und es ist wie eine Sucht, nochmal den nächsten Ratgeber durchzugehen.
Mein innerer Kritiker übrigens wollte es dauernd verleugnen mit „Du hast keine ADHS - du bist es nicht wert.“
Es ist jetzt zwei Monate später weiter in mein Gehirn eingedrungen und dieser Selbsthilfegruppentermin war der lebendige Knackpunkt. Vor mir saßen digital 10 Bastis und die hatten alle dieselben Probleme.
Am Schluss der Sitzung sagte ich: „Ich bin froh nicht mehr allein damit zu sein.“
Das Bild was mich am meisten dabei traurig gemacht hat, war dieser kleine Junge. Ich. Der sich selber quälte sein Kinder und Jugendzeit über und alleine da saß mit einer dunklen Seite, die dabei half mich alleine zu fühlen. Der kleine Junge tut mir jetzt immer noch leid, denn er wusste nicht, dass es eigentlich ein biochemisches Problem war und nicht, dass er es nicht wert war.
Ich habe zwei Söhne und wenn ich mir vorstelle, dass einer dasselbe durchmacht, kann ich mich mit Weinen nicht zurückhalten.
Ich habe gelernt, dass nicht die Vergesslichkeit das Schlimmste für mich, sondern die Zurückweisungsempfindlichkeit. Hatte ich es früher gewusst, wäre mein Leben wahrscheinlich gleich verlaufen, aber ich hatte gewusst wer mit mir alleine als kleiner Junge da sitzt.
Ich Versuche jetzt zu verstehen wer ich wirklich bin und wo ich meine Maske senken kann. Vielleicht ist das hier ein Anfang. Danke für eure Offenheit.