Wie seid ihr auf ASS + (ADHS) gekommen?

Wie seid ihr auf ASS gekommen ?

Seid ihr bereits als Kind diagnostiziert worden oder erst als Erwachsene ?

Wenn ihr ADHS habt: Braucht ihr auch deutlich weniger Stimulanzien ?

Als mein Sohn mit ADHS diagnostiziert wurde, habe ich mich so deutlich wiedererkannt, dass ich mir Hilfe gesucht habe. Ich wollte wissen, woher meine Depressionen kommen. Zum Glück habe ich schnell einen Psychiater gefunden, der mich ernst genommen hat. Die Tests waren eindeutig: ADHS-C. Als ich mich dann intensiv mit ADHS beschäftigt habe, und versucht habe mich in entsprechenden Beschreibungen wieder zu finden, wurde mir klar, dass da noch etwas fehlt. Ich habe auch echte Probleme in der sozialen Interaktion und dafür nicht alle “typischen” Verhaltensweisen für ADHS. Der Psychiater sagte mir glatt so etwas wie: Dass Sie Autist sind, habe ich schon bei unserem ersten Termin erkannt. …Uff. Ich nicht!

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Ahhh okay, kannst du mir näher erklären, was deine Autistischen Verhaltensweisen oder Probleme waren waren/sind ?

Ich entdecke immer neue Traits. Bisher habe ich ja alles wegmaskiert. Aber ich kann nicht mehr. Und so gaaanz langsam akzeptiere ich mich wie ich bin.

Gestern habe ich im Home-Office gearbeitet. Das hat mich geschlaucht weil ich mich ständig selbst abgelenkt habe. Als die Kinder dann nach Hause kamen und mich noch mehr gestresst haben, ging es in Richtung Overload. Mitten im gehen bin ich ganz perplex stehen geblieben. Ich habe mich dabei erwischt wie ich mit den Armen “geflattert” habe. Und als ich das unterbunden habe, ging gleich meine Faust zum Mund. So habe ich das noch nie zuvor wahrgenommen.

Bei mutmaßlich langweiligen Gruppenveranstaltungen grenze ich mich absichtlich aus damit ich nicht “unangemessen” agiere. Ich stehe abseits, vermeide Smalltalk und möchte einfach nur weg da.

Selbst bei Familienfeiern (wo ich ja alle kenne) nutze ich jede Gelegenheit um dem Trubel zu entkommen. Ich hole Getränke oder räume den Geschirrspüler ein…(immer schön nach MEINEM Schema!)

Insgesamt verhindert das jegliche “Kontaktaufnahme”. Aber ich falle wenigstens sonst nicht negativ auf.

Ich kann allerdings wirklich gut (nahezu perfekt) maskieren. …Und mache das vollkommen automatisch. Daher entdecke ich nun - wo ich den Grund kenne - immer neue, besondere Verhaltensweisen an mir. Ich habe k.A. ob ich das auch im Alltag so mache. Es hat mich zumindest noch nie jemand direkt darauf angesprochen.

Dank meinem ADHS bin ich in der Kommunikation spontan. Nicht unbedingt gut, aber nicht auffällig. Das hilft mir. Dadurch habe ich auch ständig neue Interessen und falle nicht als “Nerd” auf.

Es ist einfach viel zu kompliziert als dass ich es vernünftig ausformulieren könnte. Eine sichere Diagnose ist damit echt schwer zu stellen. Aber irgendwie muss ich mich wohl doch auffällig verhalten…

Ich muss dazu erwähnen, dass mein Psychiater diagnostizierter Asperger und HB ist. Ich denke, wir haben uns vom ersten Moment an verstanden. Er hat mich regelrecht durchschaut.

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Ahhh okay, das klingt spannend.

Ich Check Smalltalk nicht oder halte im blödesten falle einen Sachlichen Vortrag, was dazu führt das man mich komisch anguckt, aber stimmt schon Maskieren kann ich auch, umso mehr ich über die Person weiß umso einfacher ist es, anstrengend bleibts trotzdem.

Macht einen zu einem sehr guten Zuhörer, wenn die Energie da ist, ist sie aber eher selten und unter Medikation noch weniger. War grad Döner holen, renn ich direkt wieder raus damit ich Blos nicht reden muss. Ich weiß nicht mal wen man zuerst grüßt… wenn man den Raum betritt und ich geh da schon seit Jahren hin.

Aber so ein paar Skripte habe ich mir mittlerweile schon zurecht gelegt.

Edit: Geht mir mit meiner Familie im übrigen genauso.

Ahhh okay, also vorallem Schwierigkeiten mit sozialen Interaktionen ?

Welche Medikamente meinst du ? :sweat_smile:

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Schnellvanse

In welcher Dosierung nimmst du das ? Ich habe gelesen, dass Elvanse bei Komorbiden ASS niedrig schon reicht.

Meiner Wahrnehmung nach soviel dass ich vergangenes aufarbeiten, meine IchKopfkinder versorgen kann und nicht ständig wütend werde, variiert aber je nach Ich Zustand. Daher bin ich defintiv kein gutes Beispiel/ Vorbild wie man Medikamentiert. Ich darf aber bis zu 2x70mg LDX nehmen am Tag. Momentan nehme ich aber wieder nur einmal 70mg Morgens, höher ist mir im moment zu Gruselig und Ziel sollte ja runter sein, sag ich aber schon seit 3 Jahren…

Ich war in der ersten Klasse bei einer Psychologin und habe einen IQ-Test gemacht (genauer gesagt 2 über die Jahre). War sehr lange bei ihr in Behandlung. Während meines Studiums kamen dann komische Ängste vor Chemikalien, die ich vorher nie hatte. Als Kind habe ich mit Chemikalien experimentiert, mir auch mal Zeug über die Hände gekippt - nichts. Im Studium ging das dann auf einmal los und so weit, dass ich selbst vor Essigsäure Angst hatte. Da war ich dann in Behandlung bei ihrem Mann (selbe Praxis) und er vermutete, ich sei leicht aufmerksamkeitsgestört. Er hatte die Theorie, dass die Angst meine Aufmerksamkeitsstörung korrigiert, damit ich mit den Chemikalien sorgsam umgehe. Hat leider nicht viel gebracht. Komische Ängste hatte ich andauernd wegen irgendwelcher Themen und ich habe dann das Studium gewechselt zu etwas, wo der Hyperfokus praktischer war - was mit viel Mathe. Da hatte ich immer noch Labor, aber deutlich weniger. Er hat mich weiter begleitet und einen kombinierten IQ-Aufmerksamkeitstest gemacht. Ergebnis - meine Ergebnisse waren ziemliches Zickzack. Normal wäre, dass man kontinuierlich bis zu einem gewissen Punkt kommt und dann ist es zu schwer. Bei mir war es anders - leichte Aufgaben waren mal falsch, schwere mal gut. Das hat ihn dazu verleitet, zu argumentieren, dass stellenweise meine Aufmerksamkeit kurz weg war. Plus jahrelange Flüchtigkeitsfehler. Ich habe mit 4 Jahren angefangen zu lesen, konnte aber bis zur 10. Klasse keine fehlerfreien Diktate schreiben. Als Kind 21 Fehler auf 100 Worte und sowas. Das zog sich ewig durch. Alle meinten, ich solle mehr üben. Aber wenn ich 6 Stunden am Tag Mathe mache, sollte das ja wohl als Übung reichen. Nun ja, das zog sich durchs ganze Studium. Habe mich mal in einer Klausur verrechnet und alles nochmal gerechnet - in einem unglaublichen Tempo :slight_smile:

Im Ausland habe ich dann das erste Mal Antidepressiva bekommen gegen die ewigen Ängste. Die haben wirklich geholfen, hatten aber auch die bekannten Nebenwirkungen mit null Lust auf Sex. Von dopaminergen Substanzen (Bupropion, Nikotin) bin ich hingegen immer müde geworden. Am Ende meines Studiums stand dann das Thema ADHS nochmal zur Debatte. Der Kinderpsychologe von damals hat mir einen Kollegen empfohlen und die Diagnose war dann auch nach 45 Minuten fertig - kombinierter Typ ADHS. ASS wurde nie diagnostiziert, ist aber recht wahrscheinlich (soziale Probleme). Das erste Mal Medikamente gegen ADHS habe ich bekommen, als ich mit der Masterarbeit so gut wie durch war und dann meinen ersten Job angefangen habe. Methylphenidat hatte dieselben Macken wie Bupropion bei mir - etwas fokussierter, aber super depressiv und beschissene Laune. Aber das erste Mal Methylphenidat war seltsam. Mein Kopf war klar. Ich war das erste verdammte Mal wirklich in der Gegenwart. Ansonsten erreiche ich diesen Zustand nur nach 1h Sport bis zur Erschöpfung und auch dann nur kurz. Mathematik ist für mich Therapie - mein Hirn ist ausgelastet und schmeißt keine nervigen Bugs von wegen “wie sollte die Welt sein?” oder “Was läuft alles schief?”. Mit Formeln spielen lässt mich in Ruhe. Mit Zettel und Stift rechnen ist so eine alte Angewohnheit von mir - es ist vertraut und angenehm.

Dieses sehr schnelle Denken und Pattern Matching habe ich aber auch bei einigen meiner Professoren erlebt. Einige von denen wirken auch immer ein bisschen wie auf Speed :smiley: . Würde auch passen - für neue Ideen braucht es Kreativität und die ist ja ein Kernmerkmal von ADHS.

Verdammt, das könnte ich sein :slight_smile:

Ich bin gar nicht draufgekommen. Mein Psychiater ist drauf gekommen. Das wundert mich bis Heute. Denn normalerweise kommen Psychiater ja auf gar nichts. Also jedenfalls nicht auf etwas tatsächlich zutreffendes. Aber die Sache war relativ selbsterklärend: Nach jahrelanger Behandlung auf ADHS hatte ich kein besseres Sozialleben, sondern gar keines, tat ich mich nicht leichter im Job, sondern hatte gar keinen mehr usw. Da sich die Sachlage also in allen Belangen verschlechtert hatte, war die Vermutung nicht mehr allzu undriftig, dass dort noch etwas anderes im Busche liegt. War die ADHS-Diagnose einst befreiend gewesen, schmetterte mich die ASS Diagnose in den Staub, sodass ich mich jahrelang dagegen wehrte. Heute weiß ich auch warum. Denn indem Moment als ich sie schließlich akzeptierte (2022) ging es vollends in den Keller.

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Verstehe ich nicht ganz, warum?

diese Andeutungen lese ich immer mal wieder im Forum. Als ob man ein anderer wird nach der Diagnose, alles noch schwerer wird. Bei mir trifft eigentlich eher das Gegenteil zu, bin aber erst seit 2023 in Behandlung.

Vielleicht wäre das mal wichtig klar zu wissen für andere Betroffene. Damit ihnen nicht das gleiche passiert.

Ich war als Kind entwicklungsverzögert, habe aber damals keine Diagnose bekommen. Ich war ein extrem Frühchen und daher dauernd bei Ärzten und in Kliniken. Hatte Logopädie und Ergotherapie. Deswegen wurde ich auch später eingeschult weil ständig etwas war.

Lesen konnte ich schon früh. War immer eine Außenseiterin, hatte selten mal eine Freundin. Fühlte mich aber tatsächlich nie wirklich einsam. Ich mag es allein zu sein. Spezialinteressen haben mir immer gereicht. Hatte auch viel mit Impulsivität und Jähzorn zu kämpfen. Das ist erst nach der Pubertät etwas besser geworden. Naja das alles blieb so und dadurch hatte ich immer wieder Probleme.

Ironie und Sarkasmus sind schwierig bzw. verstehe ich nicht, mit meiner eigenen Gefühlswelt komme ich auch nicht immer gut klar. Soziale Interaktion ist immer schwer für mich. Habe mich immer angepasst und weiter angepasst und dadurch schon viele Burnouts gehabt.

Beim letzten Burnout habe ich mir Hilfe gesucht. Habe dann eine Asperger Diagnose bekommen. ADHS Verdacht besteht. Aktuell teste ich auf Anraten der Klinik Elvanse und bin gespannt wohin das noch so führt.

Nach der Diagnose fühlte ich mich irgendwie befreit weil ich so viel besser verstanden habe was los ist und konnte dadurch milder mit mir sein. Meine Traits wurden ausgeprägter. Ich hadere aber sehr mit meiner Impulsivität bzw. den teilweisen Ausrastern. Daher teste ich das Medikament auch gerade.

Ich vermute es liegt daran, dass man unter der Daueranspannung steht wegen dem Maskieren und dem sich dauernd anpassen. Das teilweise über Jahre/ Jahrzehnte. Wenn man lange nicht man selbst sein darf zweifelt man daran wer man dann ist und das kann eine Krise/ Zusammenbruch/ Depression auslösen. Ist natürlich bei jedem unterschiedlich.

Ich war danach zumindest immer ziemlich erschöpft und hatte auch eine Art Trauerphase weil ich mir die Frage gestellt habe was wäre gewesen wenn ich es schon früher gewusst hätte. Klar kann man die Vergangenheit nicht ändern, doch die Frage stellt man sich dann trotzdem. Das gehört auch alles zum Verarbeitungsprozess dazu.

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Für mich ist das eher wie eine Erklärung für all die lebenslangen Herausforderungen, Zusammenbrüche lagen bei mir schon regelmäßig vorher vor bis recht früh gar nichts mehr ging, ich wusste es nur nicht richtig einzuordnen, auch jetzt tu ich mir noch schwer damit. Naja und der ganze Trauma Müll sollte nun mal auch aufgearbeitet werden. Das ist eigentlich das aller schlimmste, vielleicht sogar genau der Punkt der mein Leben zusätzlich so Herausfordernd gemacht hat.

Dazu kommt das meine ADHS nicht gerade ohne zu sein scheint, dafür lerne ich aber mittlerweile, zwar immer noch umständlich aber coole Sachen. Wenn ich die dann noch zu ende machen würde und dran bleiben wär das natürlich Top… aber alles geht nun mal wirklich nicht.

Doch, alles geht. Wir sind bis hierher gekommen, den Rest schaffen wir auch noch!