Hat sich hier jemand schon mal in Predictive Coding Modelle eingearbeitet?
Falls ja, wie hilfreich fandet ihr das? Habt ihr links zu Infomaterial oder Studien/Papers?
Finde das Modell zumindest bei Autismus semi-hilfreich (Höherbewertung von bottom-up Informationen im Vergleich zur “Normal”bevölkerung, schwächere globale top-down Modelle, dadurch downstream höhere Irritationen und unsicherheitsminimierendes Verhalten.), bei ADHS sehe ich bisher noch keinen Mehrwert, lasse mich aber gerne eines besseren belehren.
Falls Leute nicht damit vertraut sind:
Link auf die englische Wikipedia.
Schweizer Blog, gute Einführung zum Autismus Modell beim Predictive Coding.
Zum ADHS Modell beim Predictive Coding hab ich nicht wirklich was hilfreiches gefunden, nur Papers wie das folgende, die nach ChatGPT klingen🙃:
spannend zu lesen, interessiert doch eh nur keine sau wie belastend das für solche menschen ist.
mein kind brauch routinen und vorhersehbarkeit, sonst flippt es einfach aus. simple as that. diese grundlage ist nicht all zu schwer zu verstehen. dann verändert sich das hirn und passt sich an mit glück in eine einigermaßen erträglichen richtung oder eben nicht. man kann die richtung auch versuchen zu erzwingen aber das geht meist schief.
hätte mna halt EINFACH x generationen vorher mit anfangen sollen und nicht erst die erkenntnis im 21jhr löffeln.
wie sollen ausflipper ausflippern helfen… hat wohl vielleicht was mit epigenetik zu tun keine hanung bin nicht so im thema drin, ich mach mir die welt gerade ziemlich einfach.
Vor einiger Zeit hatte ich mich mal mit Predictive Processing befasst, das war aber mehr ein transdisziplinäres Projekt aus der Grundlagenforschung, kognitive Neurowissenschaften und Philosophie). Vielleicht ist das aber auch etwas ganz anderes, nur mit ähnlichem Namen. Es auf Autismus anzuwenden finde ich spannend, ist mir bisher noch nicht bekannt gewesen. Soweit ich weiß, war das Modell im Rahmen dieser Forschung durchaus erfolgreich, von daher könnte es auch an dieser Stelle nützlich sein.
Nur kurz zum Verständnis: Idee bei PP ist, dass das Gehirn zuerst eine Vorhersage über gleich Wahrzunehmendes trifft und dann abgleicht und sozusagen bayesianisch durch Angleichung lernt. Bei traditionellen ansätzen ist zuerst die Wahrnehmung da und daraus bauen wir ein Vorhersagemodell. Bei PP ist das umgekehrt, das ist das Neuartige daran. Bayesianische Statistik funktioniert ja auch so, dass man mit einer Vorhersage startet, die völlig „im Wald“ liegen kann, dem Prior. Dann wird schrittweise Information eingeholt und das Modell verbessert bzw. der Prior angepasst.
Wissenschaftlich hochinteressant fand ich dort den gemeinsamen Ansatz einer sehr klaren Aufgabentrennung zwischen empirischen und Geisteswissenschaften:
GW leiten aus den Prämissen des PP-Modells stringent Hypothesen ab,
Empirische Forschung versucht, diese Hypothesen experimentell zu untersuchen.
Die Ergebnisse werden an die GW zurückgespielt und bei Widersprüchen müssen die Modellprämissen korrigiert werden.
Ich fand das Projekt super, weil Wissenschaft beides braucht: Ideengeneratoren und Aussortierer (Papierkorb).
Ich weiß jetzt nicht so genau, ob du mehr nach Vielversprechendheit für Selbsthilfe suchst, oder mehr im wissenschaftlichen Sinne. Mumpitz ist das jedenfalls nicht, wenn auch noch so jung, dass erst noch eine Generation an Fachleuten damit aufwachsen muss.
Achtsamkeit wäre auch ein Phänomen, das sich im Lichte von Predictive Processing betrachten lässt. PP ist ja eigentlich nur ein mathematisch-statistischer Rahmen, den du auf alle Prozesse drauflegen kannst, die im Bewusstsein stattfinden. Eine Art denkschablone, die einiges evtl. eleganter ausdrücken kann als bisherige Ansätze.
Bei Achtsamkeit würde ich jetzt spontan sagen, dass man dabei absichtlich sein Vorhersagemodell auf unscharf stellt, um bei unterschiedlichsten Eindrücken nicht überrascht zu sein, alles als passend aufzunehmen. In der Statistik würde man sagen, die Vorhersagen aus diesem Modell haben einen sehr breiten Fehlerbalken, im Ingenieurswesen heißt das vermutlich Toleranz. Mit schmalem Fehlerbalken gelten schon kleine Abweichungem vom erwarteten Reiz als Widerspruch zum Modell. Alltagsbeispiel:
Breiterer Fehlerbalken: „Zwischen 12:00 Mittag und 18:00 Abend komme ich nach Hause.“
Schmalerer Fehlerbalken: „Zwischen 18:00 und 18:05 komme ich nach HAuse.“
Zu PP und ADHS könnte ich mir vielleicht vorstellen, dass mit ADHS dieser Loop von Vorhersage, Feedback und Modellanpassung zwar läuft, aber langsamer. Vielleicht ein bisschen wie bei einem Video mit zu langsamer Framerate. Man holt sich pro Zeiteinheit seltener Updates bzw. Modellanpassung, dadurch geraten die Anpassungen abrupter und man ist häufiger überrascht. Wenn dieser Kreislauf schneller ist, hochfrequenter, kannst du kleinschrittigere und feinere Anpassungen vornehmen, das läuft dann viel smoother.
Das war jetzt eine Runde gebrainstormt, hoffentlich einigermaßen nachvollziehbar.
Ich kann in dem Zusammenhang das Buch: „Autismus und das prädiktive Gehirn: Absolutes Denken in einer relativen Welt“ von Peter Vermeulen sehr empfehlen.
Hat zwar nix mit ADHS zu tun, hat mir aber für mein Verständnis in Bezug auf meinen Sohn echt weitergeholfen.
Kapitel 3, Seite 93:
„Ihre Schwierigkeit, die sensorischen Erwartungen flexibel auf den sensorischen Input abzustimmen, ist der Hauptgrund dafür, dass es Menschen mit Autismus schwerer fällt, sich an Reize zu gewöhnen, und dass viele autistische Menschen unter Reizüberflutung leiden: Ihr Gehirn befindet sich in einem ständigen Alarmzustand, weil es die Unvorhersehbarkeit der Welt zu ernst nimmt. Infolgedessen reagiert es systematisch zu stark auf Vorhersagefehler. Zufällige Ausnahmen und im jeweiligen Kontext irrelevante Unterschiede werden überbewertet und führen zu einer unnötigen Aktualisierung der hirneigenen Modelle von der Welt. Dies wiederum führt zu Modellen, die für die meisten Situationen zu spezifisch sind, sodass die Zahl der Vorhersagefehler weiter zunimmt, was zu einer immer stärkeren Überstimulation führt. Das nachstehende Diagramm veranschaulicht diesen Teufelskreis, dem Menschen mit Autismus jeden Tag ausgesetzt sind.“
daher haben viele menschen wie ich, oft, immer alles mögliche dabei, von sonnenbrille, ohrstöpsel, papier, stift bis hin zu einem pflaster, am besten alles doppelt und dreifach, je nach vorliegendem allgemeinen stresslevel, um auf jede eventualität im draußen vorbereitet zu sein, als kompensation.
kontroll verlust bedeutet chaos und was dann im kopf passiert, gleicht einer notabschaltung eines atomkraftwerks, nur kann man das außen nicht durchgehen kontrollieren, ist unmöglich, dass machts ja so beschissen.
edit: das mit der bushaltestelle weiter oben ( artikel), was die mutter bei ihrem von autismus betroffenen sohn beschreibt, kenne ich gut, ging mir auch so eine zeitlang als sich der mist „akzentuiert“ hatte.