Wie war eure Kindheit bzw. Verhältnis zu euren Eltern?

Liebe Aniula

Erst einmal möchte ich dir danken für deinen Mut und deine Offenheit, hier deine momentane Situation darzustellen. Das Leben mit einem ADHS-Kind oder ADHS-Kindern kann unglaublich herausfordernd sein und einem sowas von an seine Grenzen und darüber hinausbringen, dass man sich als schlimmste Mutter auf der Welt fühlt. Und wie du leider hier teilweise auch gerade erleben musst, wissen andere besser, wie man es machen sollte und was man auf keinen Fall machen sollte - und am Ende ist man noch verunsicherter als vorher und zweifelt noch mehr an sich selber.

Ich beschäftige mich seit Langem intensiv mit ADHS (bei mir selber, bei meinen Kindern und in der Schule als Schulische Heilpädagogin) und entdecke immer wieder neue Aspekte, lerne neue Herangehensweisen, merke, wo ich neurotypisch an eine Sache herangehen wollte, was aber mit neurodivergenten Menschen nun mal nicht funktioniert. Je länger ich mich damit beschäftige, umso mehr merke ich, dass unsere gesellschaftlichen Ansprüche nicht neurodivergenzfreundlich sind und wir nun mal neurodivergent bleiben, egal in welche Schablone wir uns oder unsere Kinder reindrücken wollen. Und daher brauchen wir: Wissen, Wissen, Wissen. Und: Verständnis, Verständnis, Verständnis.

So, um nun auf den Punkt zu kommen: Wenn du Zeit und Kraft findest, dann informiere dich breit über ADHS, darüber, wie ein solches Hirn funktioniert und was eben leider nicht funktioniert (auch bspw. ein ADHS-Coaching, ADHS-Familiencoaching, Eltern-Selbsthilfegruppen können dich dabei unterstützen). Damit werden sich nicht alle Probleme lösen und es wird herausfordernd bleiben. Aber mit mehr Wissen und mehr Verständnis, warum etwas nicht geht, kannst du vielleicht einen kleinen Puffer einbauen, gewisse kleine Dinge mit etwas mehr Gelassenheit nehmen und vielleicht am wichtigsten: dich stärken, dass die Art, wie dein Sohn sich verhält, nicht an deiner Erziehung liegt, sondern an den Verdrahtungen in seinem Gehirn.

Das Themas"Lügen” bei ADHSlern ist übrigens sehr spannend. Das “ADHS-Lügen” ist nämlich meist kein pathologisches Lügen (also mit böswilliger Absicht). Das Problem ist, dass wir ADHSler sehr vergesslich sind und auch ganz häufig soziale Situationen gar nicht komplett und “richtig” wahrnehmen und einschätzen können. Und weil das so ist - welches Kind ist sich dessen schon bewusst? - “erfinden” sie oder “legen sich die Geschichte zurecht”. Abgesehen davon läuft bei Kindern - und ADHS-Kindern ganz extrem - alles über Beziehung. Das ADHS-Kind macht also alles, damit es sicher nicht schlecht da steht oder einen Fehler oder Missgeschick zugeben muss, aus Angst, dass man es nachher weniger gern haben oder gar nicht mehr gern haben könnte. Fazit: es “lügt”. Und dann hätten wir noch das schwache Selbstwertgefühl, das uns noch zusätzlich das Leben schwer macht. Also tun wir alles, damit unser Selbstwertgefühl nicht noch mehr in den Keller saust. Und um dem Ganzen noch augenzwinkernd etwas Positives abzugewinnen: es spricht wohl für die Intelligenz deines Sohnes, dass er schon sehr früh “zu lügen” angefangen hat.

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Ich wünsche dir viel Kraft.

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Danke für die Einblicke @CirillaVonCintra und Danke an @Aniula und alle die unsere Abwege in das Thema nicht so zufriedene Kinder alter Eltern ertragen haben.

Aufgrund eines Vorfalls in meiner frühen Schulzeit litt ich im Kinder- und Jugendalter unter großen Ängsten und Zwängen. Ich versuchte, eine Maskerade aufrechtzuerhalten und mit Humor und Albernheiten durchs Leben zu kommen. Das Verhältnis zu meinen Eltern war okay. Klar gab es manchmal Konflikte und manches liegt mir heute noch wie ein schwerer Stein im Magen, doch im Großen und Ganzen bin ich zufrieden mit ihnen.