Tür 3: Der Sherlock Holmes von Seligenburg (Lesezeit: 7 bis 8 Minuten)
„Mario, die Super-Ratte? Ernsthaft?“ Paul hatte den großen Drucker am Empfang der Praxis nur benutzt, weil er von dem ständigen Papierstau in seinem eigenen Gerät schon den ganzen Tag genervt war. Aber was lag da noch für ein Ausdruck unter seinen letzten Druckaufträgen?
Seit die Praxis die Termin-Vergabe auf Doctolib umgestellt hatte, war seine Assistentin, Frau Meyerling, offenbar nicht mehr ausgelastet. Wenn sie jetzt oft so schnell und viel tippte, dass jeder in Hörweite sich im Vergleich unproduktiv und faul fühlte, waren das also gar nicht Mails oder die Quartalsabrechnung. Es sah aus wie ein heimlicher Groschenroman. Was war los? Hatte sie jetzt zu wenig soziale Ansprache? Oder Imaginational Overexcitability nach Dabrowski vielleicht? Paul hatte davon neulich in einem Online-Forum gelesen. Betroffene konnten sich ihren Tagträumen und Innenwelten nur sehr schwer entziehen. Eigentlich hatte er nichts gegen eine phantasiebegabte Mitarbeiterin. So jemand konnte sich vielleicht besser in die Perspektive der oft komplexen Patienten versetzen. Aber musste sie ausgerechnet seine ganze Familie zu Fanfiction-Protagonisten machen? Horror. Er hätte das Konvolut lieber nie gesehen, aber blätterte es dann doch durch.
Weit kam er allerdings nicht: Der Handy-Wecker riss Paul um 6 Uhr abrupt aus dieser Szene. Erst war er noch so müde, dass er das „Schlummern“ auf dem Screen kaum entziffern konnte, aber dann schnell im Alarm-Modus: nur noch 3 % Akku! Er hatte gestern nach der Super-Mario-Geschichte für Julia nicht mehr lange durchgehalten und vor dem Crash auf dem Sofa weder seine Tasche noch das Ladekabel aus dem Auto geholt.
Oder war das mit Rikes Anruf, dem Unfall und Seligenburg doch alles nur in seinem Kopf passiert, als er an seinem Schreibtisch mitten auf all den überfälligen Briefen und Berichten eingeschlafen war? Er wusste gerade nicht, welcher Teil real war und was er geträumt hatte. Wenigstens dieses Rätsel löste sich aber schnell. Nichts auf der Welt holt so effektiv in die Gegenwart wie … Rückenschmerzen. Das alte Sofa, das seine Eltern noch gekauft hatten, mochte ein Klassiker sein. Für Pauls mittelalte Knochen war es die Hölle. Wenn ihm alles weh tat, war das hier wohl: die Wirklichkeit.
Er konnte frühestens gegen Mittag wieder zu Rike und sie - falls es ihr einigermaßen ging - um eine Gebrauchsanleitung zu den Abkürzungen auf ihrem Whiteboard bitten. Hoffentlich erzählte sie nicht wieder was von Schneemännern. Das Symptom hatte Paul am meisten Angst gemacht. So oder so: Bis zu dem Besuch bei ihr war er noch auf sich gestellt. Welche US-Serie war das nochmal, in der ein älterer Geheimagent eine Wandtapete seiner bipolaren Kollegin entschlüsselt hatte? Egal, für Fiktion hatte er jetzt keine Zeit. Wofür standen OO und FG und der blaue Punkt und der grüne? Klang fast wie „die blaue Pille oder die rote“. Pillen! Klar: MPH40 und E. Darauf hätte er sofort kommen müssen. War eben spät gestern.
Geräuschvoll stand er vom Sofa auf. „Vielleicht sind Schmerzen Kerosin“ erinnerte er sich an eine Zeile aus Niklas‘ Spotify-Playlist. Die hatte Paul auf der Fahrt nach Seligenburg extra durchgehört für den Fall, dass er sich patenonkelig würde ranschmeißen müssen. Blöde Boomer-Idee. So einfach würde das hier nicht mehr sein, ahnte er inzwischen schon.
Kerosin brachte ihn auf Koffein. In der Küche suchte er nach Kaffee, aber ausgehend von der einzigen Packung, die er fand, gab es hier im Haus nur noch „Schamong koffeinfrei“. Er ahnte sogar, warum. Paul hatte Rike vor einer Weile mal den Wirkungskreislauf rund um Koffein und Dopamin erklärt („Koffein daher besser ganz weglassen, vor allem während der Eindosierung!). Aber damals konnte er ja nicht wissen, dass er jetzt selbst zum entzügigen Opfer seines eigenen Klugscheißens werden würde.
„So ist das mit Rat-Schlägen. Selbst schuld, Paul“ machte ihn sein innerer Kritiker runter. Diesen Persönlichkeitsanteil hatte Paul doch draußen im Auto lassen wollen - statt der Tasche und dem Ladekabel. „Nur noch 2 % Akku!“ kam da aber schon die nächste selbstkritische Ansage seiner inneren Default Mode-Stimme, die Paul jetzt mindestens so nervte wie gestern die Frau aus dem Navi.
Auch die Pizza-Kartons hielten nur noch Enttäuschung bereit. Niklas war nachts wohl doch nochmal aus seiner Höhle gekommen und hatte bloß verbrannte Kanten übriggelassen. Wenigstens konnte Paul dann Rike versichern, dass unter seiner Aufsicht niemand verhungert war. („Am Tagesbeginn unbedingt kleine Siege und Erfolge feiern! So bauen Sie Momentum auf!“ Zum inneren Team rund um den Kritiker hatte sich offenbar gerade noch Pauls innerer Coach gesellt. Drill Instructor gegen pseudoempathischen Walla-Walla-Zuspruch… Woran erinnerte ihn das bloß? Darüber musste er später nachdenken. Keine Zeit jetzt. Trotzdem ging sein innerer Soundtrack wieder los: „Meine Geister sind mein Team!“ Der Satz war aus demselben Track wie der mit dem Kerosin, wenn Paul sich richtig an die Playlist erinnerte. Rückenschmerzen plus Ohrwurm, lief ja wirklich alles überragend heute.)
Nächster Versuch auf seiner zunehmend verzweifelten Dopamin-Jagd: der Kühlschrank. Dessen Tür war voller Merkzettel und Magneten in sicher bedeutungsvollen Formen und Farben. Auf einigen stand >PLAN!! Das waren wohl Erinnerungsposten, die noch in die 2-Wochen-Übersicht übertragen werden mussten. Jugendfreizeit-Anmeldung für die nächsten Ferien, ein etwas dickeres Schreiben im Umschlag vom Amtsgericht (mit einem großen Urlaubssouvenir-Magneten der Freiheitsstatue angebracht) und diverse Flyer. Paul nahm sich vor, Rike bald zu fragen, was er davon alles angucken und vielleicht angehen sollte, an der Kühlschranktür und sonst so. Das würde aber sicher kein leichtes Gespräch.
Im Kühlschrank selbst fand er dann die beste Überraschung seit langem: Jemand war wohl gerade tief im Meal-Prep-Hyperfokus. Geschnittenes buntes Allerlei in Instagram-tauglichen Klarsicht-Boxen, appetitlich gestapelt wie bei Tetris. In Vorratsgläsern im oberen Fach stand etwas, das Paul an das Bircher-Müsli auf der Skifreizeit in der Jugendherberge 1994 erinnerte. Das mussten die Haferflocken sein, die Rike gestern in ihrem Mental Load Express Brain Dump erwähnt hatte.
Natürlich: OO – Overnight Oats! Das passte doch. Daher der Pfeil zu MPH40 in Niklas‘ Spalte. Medikinet, Retard-Funktion von ausreichender Nahrung abhängig, klar. Erst als Paul etwas zu stolz auf seine detektivischen Fähigkeiten die Kühlschranktür schloss, sah er Leni in der Küche stehen.
„Das E in Deinen Spalten steht für Elvanse, oder?“ Er hoffte, die Minuspunkte der Schneemann-Bemerkung von gestern etwas auszugleichen und wieder Vertrauen aufzubauen. Wirklich beeindruckt schien Leni aber nicht. Bevor sie antworten konnte, hörten sie beide schon ein Türschloss im Flur. Leni explodierte wieder: „Niklas, nein! Guck auf den Plan. Heute gehe ICH zuerst ins Bad! Drecksscheiße!“
Im Rennen rief sie Paul noch zu: „Wir müssen Julia wecken und ihr einen Zopf machen. Anjas Mutter kommt in einer halben Stunde und bringt die beiden zur Kita. Kannst Du fragen, ob sie nächste Woche für Mama einspringen und die Fahrten übernehmen kann?“
FG – Fahr-Gemeinschaft. Grüner Punkt – Anjas Mutter. Blauer Punkt mit ! stand dann wohl für Rike. Check. Check. Check. Dr. Paul Krampitz, einfach der Sherlock Holmes von Seligenburg!
Angetrieben von diesem „Erfolgserlebnis“, aber auch den andauernden Kerosin-Rückenschmerzen stellte Paul wie ein Jugendherbergsvater das riesige OO-Vorratsglas auf den Tisch, als kurz darauf Niklas in die Küche kam. Also war Leni noch schnell genug gewesen. („Kleine Siege! Auch im Team Momentum aufbauen! So entsteht Family Flow.“ Ist ja gut, innerer Coach. Leg Dich doch mal auf das Sofa, mach es Dir da unbequem und schweig‘ eine Weile. Ich muss hier in Ruhe etwas klären.)
„Guten Morgen, Niklas. Sag mal, nimmst Du Dein MPH selbst oder hat Rike das hier irgendwo und legt Dir das immer raus?“
Niklas schien von der Frage genervt, als er sich die OO-Haferflocken in eine Schüssel schaufelte. „Ich bin nicht mehr 5, Paul. Da verwechselst Du mich mit Julia.“
„Verstanden. Dann benimm Dich aber auch nicht wie ein Kleinkind. Ich will Deiner Mutter nachher sagen, dass wir hier alle einigermaßen klarkommen.“ Wenigstens das musste jetzt raus. Wie es ankam und wirkte, würde Paul dann sehen. Den Vortrag zu Reifeverzögerung und Suchtgefahren bei ADHS würde er Niklas besser mal später halten.
Jetzt erstmal ein Zopf für Julia und das in den nächsten 20 Minuten. Wie machte man einer verschlafenen 5-Jährigen einen Zopf? Gab es dazu ein YouTube-Tutorial? („Versuch‘ es gar nicht erst. Nur noch 1 % Akku!“ meldete sich der innere Kritiker.)
Da kam Paul die nächste Eingebung seines inneren Coaches: „Der Benjamin Franklin-Effekt!“ Das gut erforschte Phänomen, eine Person sympathischer zu finden, der man mit einem kleinen Gefallen geholfen hat. Es geht dabei um kognitive Dissonanz. Das Gehirn kämpft immer um eine logische Konsistenz zwischen Handlungen und Wahrnehmung und will deshalb denken: Wenn ich einer Person einen Gefallen tue, dann mag ich sie wohl. Er würde Niklas um Hilfe bitten!
„Niklas, kannst Du mir bitte schnell mal Dein IPhone-Ladekabel leihen?“ „Sorry, hab‘ Samsung. Frag doch Leni. Dann kommt sie auch schneller aus dem Bad.“