Zug ohne Bremse - Prokrastination ist weg

Ich wurde Anfang des Jahres mit ADHS (Mischtyp) diagnostiziert. Seitdem habe ich zunächst Medikinet Adult ausprobiert und die Dosis erhöht, habe aber gemerkt, dass die Wirkdauer für mich zu kurz ist. Deshalb bin ich inzwischen auf Methylphenidat-Hydrochlorid von Neuraxpharm umgestiegen und nehme aktuell 45 mg morgens. Damit komme ich grundsätzlich sehr gut durch den Tag.

Der Hauptgrund, warum ich mich überhaupt diagnostizieren lassen habe, war meine extreme Prokrastination. Sie hat mich wahnsinnig belastet. Ich habe mich ständig faul gefühlt und mich dafür fertiggemacht. Ich hatte so oft Situationen, in denen ich auf dem Sofa saß und mich innerlich angeschrien habe, endlich aufzustehen und etwas zu machen. Ich habe mich einfach permanent für faul gehalten.

Jetzt geht es mir allerdings in letzter Zeit schlechter als vorher, obwohl ich eigentlich das Gefühl habe, dass das Medikament gut wirkt. Im Moment bin ich einfach nur noch komplett k. o. Ich gehe jeden Abend völlig erschöpft ins Bett und habe versucht zu reflektieren, was eigentlich passiert ist.

Ich glaube, das Bild von einem Zug mit angezogener Handbremse beschreibt meine Situation ziemlich gut. Jahrelang habe ich gefühlt nie die Geschwindigkeit erreicht, die ich erreichen wollte. Ich musste immer Vollgas geben, nur um einigermaßen klarzukommen. Die Handbremse war dabei die Prokrastination.

Jetzt nehme ich das Medikament und die Handbremse ist weg.

Mein Zug fährt aber immer noch mit Vollgas. Egal, ob längst irgendwelche Warnleuchten angehen oder mein Körper signalisiert, dass es genug ist: Ich mache einfach weiter. Ich arbeite mich komplett k.o., gehe ständig über meine körperlichen Grenzen und bin abends völlig fertig. Ich war jetzt häufiger krank und hatte einmal eine Art Panikattacke/Nervenzusammenbruch.

Deshalb frage ich mich gerade, ob ich jahrelang einfach so sehr gelernt habe, mich anzutreiben und unter Druck zu setzen, dass jetzt nur die Prokrastination als Bremse weggefallen ist. Vielleicht war ich nie faul, sondern habe mich die ganze Zeit mit angezogener Handbremse vorwärtsgekämpft und jetzt wirkt derselbe innere Antreiber plötzlich ungehemmt.

Oder ist das vielleicht doch ein Zeichen dafür, dass ich überdosiert bin und eigentlich weniger nehmen müsste?

Ich bin da gerade wirklich unsicher und würde gerne hören, ob jemand von euch so etwas kennt. War das bei euch eher ein Thema der Medikation oder eher ein Thema, neue Strategien zu lernen, also bewusst Pausen zu machen, Grenzen wahrzunehmen und auf den eigenen Körper zu hören?

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Also jeder reagiert ja anders, das mal vorneweg.
Aber bei mir war es ein Zeichen von Überdosierung, ja. Ich hab ein Jahr lang Elvanse 40mg genommen und dachte, alles sei fein, ich bin ja so über motiviert. Na ja. Bis dann nach einem Jahr die Stimmung kippte und ich quasi einen Bourn-out hatte jetzt im Frühjahr. Mir wurde alles zu viel.
Mich hat dann jemand aus meinem ADHS STammtisch drauf gebracht, dass ich vielleicht die ganze Zeit schon zu viel nehme. Also bin ich auf 20mg runter und siehe da - mir gehts seit dem viel besser. Ich funktioniere Immer noch gut, aber nicht mehr so krass angetrieben wie ein Zug ohne Bremse, und ich fühle mich auch nicht mehr so erschöpft.
Also es könnte bei dir auch so sein.
Am besten mal mit dem Psychiater abklären, oder auch das Medikament nochmal wechseln.

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Sehr seltsam. Ein Effekt, den ich mir manchmal wünschte.

Denn bei mir schafft das Medikament die Voraussetzung, effektiv zu arbeiten. Daneben bin ich emotional ausgeglichener und weniger impulsiv.

Aber: Mich aufraffen muss ich leider selbst, und Aufgaben weiter vor mir herzuschieben, ist immer noch sehr verführerisch. Da brauche ich nichtmedikamentöse Strategien, ich muss mich immer noch sozusagen selbst überlisten.

Anders gesagt: Methylphenidat ist für mich ein absolutes Wundermittel. Aber kein Wundermittel gegen Prokrastination.

Vielleicht ist es bei dir umgekehrt? Du kannst mit Methylphenidat weit über deine physischen Grenzen malochen. Und du musst dir Strategien aneignen, es nicht zu tun.

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Das ist bei mir exakt gleich.

@Brunoschokoluno Ich habe beim Lesen auch gedacht, dass du möglicherweise etwas überdosiert bist, denn das klingt ja schon danach, dass es dich ziemlich aufputscht, und das sollte es ja eigentlich nicht.

Schläfst du denn gut damit und merkst du, dass du vielleicht auch körperlich etwas gestresster bist von der Dosis?

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Ich kenne das auch, dass die Handbremse fehlt.

Aber irgendwie auch nicht immer. Mal ist alles fein, mal geht gar nichts, und mal bin ich total drüber.

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@CirillaVonCintra @Falschparker

Danke für eure Antworten. :smiling_face:

Ich habe ja zum Glück bald Ferien und werde schauen, wie sich die jetzige Dosis äußert, wenn ich nicht unter dem Arbeitsdruck stehe. Da müsste ich ja wahrscheinlich schnell unterscheiden können, ob ich überdosiert bin? Ansonsten habe ich dann im August einen Termin und werde mal besprechen, wie es weitergeht. Vielleicht probiere ich auch Elvanse aus.

Mein Psychiater ist aber auch der Meinung, dass die Mediakation eigentlich nur auf der Antriebsebene funktioniert und alles andere nur daraus dann resultiert. Also dass Reizüberflutung z.B. durch die Medikation gar nicht besser werden kann. Hier lese ich ja häufig, dass sich das bei vielen auch verbessert hat. Das wäre für mich eine tolle Wirkung.

Ich dachte immer, ich sei faul und musste mich vor der Medikation einfach krass antreiben, um zu funktionieren (nach außen). Aber es war immer stressig. Jetzt ist die Prokastination weg und im Prinzip bin ich ein Workaholic geworden :face_with_peeking_eye:

Aber besser bin ich in meinem Job dadurch leider auch nicht geworden (bzw. merke ich, dass meine Anforderungen an mich immer noch unerreichbar für mich sind).

Ich schlafe super, zum Teil auch früher ein. Und ich kann auch erholen (wenn ich mir die Zeit zugestehe dann auch viel besser als vorher, weil ich sie mir zugestehe). Aber es ist auch meistens eben ein Erschöpfungsschlaf, weil mein Körper zu k.o. ist.

Es war aber einfach auch sehr heftig auf der Arbeit in den letzten Wochen. Da war ich emotional auch sehr belastet und zusätzlich kam noch der Zeugnisstress.

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Ich muss mal schauen, wie das ist, wenn ich jetzt viel freie Zeit habe. Ob ich dann auch noch so unter Strom bin.

Ich habe mir auch vorher eigentlich keine Pausen gegönnt, sondern war einfach nur schneller in der k.o. Pause wo nichts mehr ging oder in dieser Prokrastinationsstarre, die ja nichts mit Pause zu tun hat.

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Du kannst ja ausprobieren, wie die Wirkung mit einer Stufe geringerer Dosis ist.

Abgesehen davon frage ich mich immer, wie man mit einer Dosis Concerta/Kinecteen/Generikum auskommen kann - was die Wirkung am späten Nachmittag und Abend betrifft?

Wenn du nur 36 mg nimmst, aber dafür nachmittags noch eine weitere Dosis (eventuell unretardiert oder Ritalin Adult), ist es vermutlich ausgeglichener als bis zum frühen Nachmittag ganz viel und dann nichts mehr?

Ich nehme die 45 mg und damit komme ich den ganzen Tag zurecht. Das ist wohl eins, dass langsamer freigesetzt wird und die Wirkung entfaltet sich nach 4 Stunden erst vollständig, wirkt dann aber echt lange bis abends. Wohl ähnlich wie Concerta? Jedenfalls laut Psychiater. Mit Medikinet adult 20 mg musste ich nach vier Stunden nachnehmen 10 mg und die Wirkung war nachmittags weg. Deswegen habe ich gewechselt. Die Wirkung war da aber auch gut, nur eben zu kurz.

Ich glaube, das spielt echt eine große Rolle. Unser Job lädt ja auch dazu ein, sich zu überarbeiten, weil es kein festgelegtes Ende gibt und man auch immer ein bisschen eine Art Saisonarbeiter ist, gerade am Schuljahresende.

Wahrscheinlich hilft dir das MPH dann wirklich eher, sogar noch ein bisschen mehr über deine Grenze zu gehen und es lohnt sich, auch da noch mal an Strategien zu arbeiten und irgendwie den Punkt festzulegen, ab wann es gut genug ist und man mit gutem Gewissen aufhören darf.

(Was für tolle Ratschläge ich geben kann, die ich selbst noch nie umgesetzt bekommen habe :face_with_peeking_eye: :rofl: )

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Das Medikament scheint zu funktionieren.
Ob zu doll, kannst nur du selber einschätzen.

Hier müsste jetzt meiner Meinung nach eher Psychoedukation und Verhaltenstherapie ansetzen.

Hängst du den ganzen Arbeitstag wie so’n Hamster im Hyperfokus an der Arbeit, versorgst dich zwischendurch nicht gut und / oder legst keine regelmäßigen Pausen ein, dann brennst du langfristig verständlicherweise aus.

Medikation zur Eindämmung der Symptomatik ist die eine Sache. Sich über Jahr(e)zehnte angelernte ungesunde Verhaltensmuster abzugewöhnen, ist die andere Sache.

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Ja, das ist tatsächlich etwas, woran ich mit meiner Therapeutin gerade arbeite. Sie schafft es immer wieder, mir solche augenöffnenden Momente zu geben, in denen ich merke, dass ich in manchen Bereichen eine sehr ungesunde Einstellung habe.

Zum Beispiel schauen wir uns gerade an, welche Erwartungen ich in den einzelnen Lebensbereichen an mich habe und ob die überhaupt realistisch erfüllbar sind. Sie hat schon länger von Perfektionismus gesprochen und ich habe immer gesagt: “Nein, ich bin doch gar nicht perfektionistisch. Ich erreiche ja nicht mal meine Mindesterwartungen.”

Genau das hat sie dann auf die Idee gebracht, da genauer hinzuschauen. Im Moment sind deshalb Themen wie Grenzen setzen, auf meinen Körper hören, für meine eigenen Bedürfnisse einzustehen und besser für mich selbst zu sorgen ein großer Schwerpunkt in der Therapie.

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Stimmt, du bist ja auch Lehrerin, die Blume kam mir bekannt vor :smiling_face:

Und Tipps geben, die ich selbst nicht umsetzen kann, das kann ich auch gut :face_with_peeking_eye:

Man gesteht es sich selbst nur nicht zu manchmal. Mit anderen würde ich ja nie so hart ins Gericht gehen wie mit mir selbst.

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Da spielt ja auch eine Rolle, dass es einen großen Unterschied zwischen Wissen/Verstehen und Umsetzung gibt. Wir wissen wahrscheinlich alle, dass Perfektionismus nicht hilfreich ist. Wenn aber die Angst vor Fehlern und negativer Bewertung groß genug ist (was ja bei den meisten von uns wohl eher hinter dem Perfektionsmus steckt und gar nicht der Wunsch nach Perfektion an sich) und dazu dann noch die Verantwortung für Menschen kommt, dann ist der innere Antreiber leider trotzdem meist noch lauter als die Stimme der Vernunft :woozy_face:

Da braucht man glaube ich einfach sehr viel Geduld und wie bei dir (und mir auch) therapeutische Unterstützung, um da neue Wege gehen zu lernen…

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Das waren / sind u.a. auch Schwerpunkte in meiner KVT :adxs_grins:

Perfektionismus (vor allem im Beruf) nach und nach abzulegen, ist leider alles andere als leicht.

Es muss aber sein, weil genau dieser Sausackpillemannarsch im Alltag ein enormer Energiefresser ist.

Überhaupt ist Veränderung anstrengend, weil sich das Hirn zunächst mal partout dagegen wehrt und nicht aus der Komfortzone raus will. Das ist ein langwieriger Prozess.

Lohnt sich aber und sorgt dann allmählich eben auch dafür, dass am Ende eines Arbeitstages überhaupt noch freie Kapazitäten für andere / wichtigere Dinge da sind :crossed_fingers:t2:

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Das hört dich gut an. Mit wenn es witkt bin ich auch so grenzenlos perfektionist auch ald kompensation für all die Msle an denen ich echt nichts geschafft . ich werde es im herzen behalten

Halte uns gerne auf dem Laufenden, wie es dir gelingt, wie es dir in der Ferienzeit ergeht und ob du nochmal etwas an der Dosierung oder dem Präparat geändert hast. Alles Gute derweil.

Hallo, hier bin ich wieder – und ich habe tatsächlich ein paar Updates. :slightly_smiling_face:

Kurz nachdem ich hier geschrieben hatte, habe ich die Dosis etwas reduziert und dann 1,5 Tabletten à 27 mg genommen, also insgesamt 40,5 mg. Damit kam ich in den Ferien schon deutlich besser klar. Ich habe aber trotzdem noch gemerkt, dass ich teilweise etwas gereizt war.

Inzwischen bin ich auf Lisdexamphetamin umgestiegen. Mein Psychiater meinte auch, dass ich vermutlich selbst mit den 40,5 mg vorher noch etwas überdosiert/an der Grenze zur Überdosierung war. Aktuell nehme ich 30 mg Lisdexamphetamin von Ratiopharm (morgens direkt nach dem Aufstehen) und habe tatsächlich das Gefühl, insgesamt etwas ruhiger zu sein. Ich nehme es allerdings erst seit sechs Tagen, also noch nicht besonders lange.

Was mir sehr positiv auffällt: Ich bin deutlich gelassener und weniger impulsiv. Zum Beispiel kann ich mich bei Diskussionen inzwischen viel besser heraushalten, wenn ich merke, dass es eigentlich gar nichts bringt, mich einzuschalten. Dann kann ich tatsächlich einfach zuhören. Von außen sehe ich dabei wahrscheinlich manchmal fast ein bisschen „ruhiggestellt“ aus, aber innerlich bin ich überhaupt nicht weggetreten. Ich bin hellwach, verarbeite alles und denke mit – ich habe nur nicht mehr ständig diesen Impuls, sofort etwas sagen oder irgendwo reinplatzen zu müssen.

Und ehrlich gesagt finde ich genau diese Wirkung ziemlich angenehm. Ich kann viel besser abwägen: Ist es gerade wirklich wichtig, dass ich etwas sage? Muss ich mich da jetzt einmischen? Das fühlt sich für mich sehr viel entspannter an.

Was mich im Moment allerdings noch stört, ist mein Schlaf. Einschlafen kann ich eigentlich relativ schnell, wenn ich dann irgendwann ins Bett gehe. Allerdings bin ich abends oft noch ziemlich aktiv und gehe dadurch eher spät schlafen. Und wenn ich schlafe, ist der Schlaf momentan sehr unruhig – fast so, als wäre ich innerlich total aufgeregt.

Ich weiß noch nicht so richtig, ob das vom Lisdexamphetamin kommt, vom gerade wieder gestarteten Schuljahr mit den ganzen neuen Herausforderungen oder ob sich beides einfach gegenseitig verstärkt. Teilweise habe ich auch noch das Gefühl, dass selbst die 30 mg für mich vielleicht etwas zu viel sein könnten. Andererseits nehme ich das Medikament wie gesagt erst seit sechs Tagen, deshalb möchte ich erst einmal noch beobachten, ob sich das mit der Zeit einpendelt.

Aktuell habe ich auch nur die 30-mg-Kapseln. Ich habe aber schon öfter gelesen, dass man Lisdexamphetamin wohl in Wasser auflösen und die Dosis dadurch teilen kann. Vielleicht wäre das irgendwann eine Möglichkeit, falls ich tatsächlich etwas niedriger gehen möchte.

Insgesamt ist mein erster Eindruck von Lisdexamphetamin aber bisher ziemlich positiv – vor allem diese innere Ruhe bei gleichzeitig klarem Kopf finde ich gerade sehr angenehm. Jetzt bin ich gespannt, wie sich das in den nächsten Wochen noch entwickelt.

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