Danke für deine Antwort. Ich denke, im Grunde wollen wir das Gleiche.
Wird leider oft genug dann doch getan bzw. durch Gruppenzugehörigkeit impliziert. Selbst wenn es nicht so gemeint ist, kann es ganz schnell als etwas Persönliches aufgefasst werden, auch wenn man so abstrakt drüber spricht.
Vielleicht liegt es einfach an diesen Wörtern. Diese Begriffe sind für mich untrennbar geworden von den politischen und medialen Turbulenzen der letzten fünf bis sieben Jahre, schrillem Hashtag-Aktivismus und natürlich der Gegenbewegung von rechts, und das ist keine positive Assoziation.
Klar, du weißt das, und ich weiß das. Ich gehe aber davon aus, dass nur ein kleiner Teil der Menschen diese Begriffe wirklich in dieser Reinen analytischen Form verwenden. Überhaupt formal-operationales Denken ist etwas, das längst nicht jeder Mensch kann.
Ein Problem, das per Definition nicht gelöst werden kann, eine Konstruktion, die per Definition nicht repariert werden kann (zumindest nicht durch das Individuum). Das macht es für mich demotivierend.
Früher habe ich an die Erbsünde geglaubt. Das ist ein ähnliches abstraktes „nicht-reparierbar“-Konzept über den Konkreten Sünden bzw. Fehlverhalten. Im Grunde hatte ich eine toxische Beziehung mit Gott, der mir immer wieder sagt: „Sei dir deiner Sündigkeit bewusst und bereue, setze dich mit deiner Unzulänglichkeit auseinander.“ Das übertönt mit der Zeit völlig die konkreten Aspekte, nimmt immer mehr Kontrolle über dich ein bis hin zu Zwangshandlungen im Extremfall. Heute bin ich Atheistin und setze mich genau dort ganz konkret für Gerechtigkeit ein, wo ich konkrete ungerechtigkeit sehe.
Auf jeden Fall. Betroffene sollten ihre eigenen Probleme und Schwierigkeiten am besten kennen und für sich selbst sprechen können. Das ist im Behindertenbereich nach wie vor ein großes Problem (Fürsorgemodell), dass sehr häufig Nichtbetroffene für dich sprechen.
Beim Artikulieren der Probleme würde ich aber immer ganz konkret, anschaulich und greifbar bleiben und wäre mit diesen Theoriekonzepten sehr zurückhaltend. Außerdem haben Betroffene nicht automatisch die besten Lösungsvorschläge, insb. im technischen Bereich. ![]()
- Manchmal habe ich das Thema „Einschränkungen und Barrieren“ schon durch dieses Bild beschrieben: „Du hast ein niedrigeres Tempolimit als die anderen, und gleichzeitig musst du längere Umwege fahren, weil überall Autobahnen mit einem zu hohen Mindesttempo sind.“ Tempolimit ist in Deutschland ein emotionales Thema.
- Ich führe manchmal Praxistests als Screencast durch, wo ich eine Website, Onlineshop oder etwas in der Richtung zu nutzen versuche. Da können die Leute hautnah zuschauen, ob und wie mühsam das ist, mir beim Fluchen zuhören und was noch so dazu gehört. Ich erkläre dann nebenbei auch, was der technische Fehler war und wie er behoben werden kann.
Die haben zumindest bei mir früher schon durch Benennen konkreter Missstände sehr viel Awareness erreicht, als ich von Begriffen wie Homophobie noch nie was gehört hatte.
- „Wir wollen heiraten können, wen wir wollen.“
- „Wir wollen uns selbstverständlich zeigen dürfen, ohne dafür verächtlich gemacht zu werden.“
- „Hört auf, uns immer mit Krankheiten oder P*d*philie in Verbindung zu setzen!“
- Und vieles mehr natürlich
Und mal ehrlich: Homosexuelle zu inkludieren verlangt eigentlich keine oder wenige praktisch-technischen Anpassungen. Homosexuell zu sein bedeutet kaum intrinsischen Leidensdruck oder Unterstützungsbedarf, außer vielleicht bei Themen wie Kinderwunsch. Der größte Teil der Probleme sind die Bretter vor den Köpfen. Als „Hete“ muss ich dabei ja kaum etwas tun, außer homosexuellen Menschen als Teil der Gesellschaft mit selbstverständlicher Akzeptanz zu begegnen. Da war es vielleicht genau richtig, sich ein bisschen ins Scheinwerferlicht zu drängen und sich zu zeigen, damit Gewöhnung einsetzt und infolgedessen echte Akzeptanz. Ihr gehört einfach dazu und das ist gut so. ![]()
Wieder viel zu lang geworden … Wie gesagt, im Prinzip wollen wir das Gleiche. Hoffentlich schaffen wir den Bogen wieder zurück zu den Neurodivergenzen. Hidden Disabilities sind ja eine besondere Herausforderung, weil sich da so vieles im Subjektiven abspielt.