ADHS Kind trotz fehlender Auffälligkeit in Aufmerksamkeitstests?

Hallo zusammen,

ich lese schon lange hier mit und möchte zunächst einmal Danke sagen für eure Offenheit, die vielen hilfreichen Erfahrungsberichte und Tipps.

Wir sehen bei unseren drei Kindern (und beim Vater) Auffälligkeiten, die auf AD(H)S hinweisen und haben einen steigenden Leidensdruck in der Familie. Daher hatten wir Diagnostik-Termine bei einer angesehenen Psychologin mit Erfahrung im Bereich ADHS vereinbart und sind jetzt mit dem ersten Kind (9) durch. Die Fragebögen von Schule und uns sprechen für ADHS und er zeigte wohl auch einzelne Anzeichen für ADHS während der Testung. Allerdings sprechen die Ergebnisse aus den objektiven Aufmerksamkeitstests (die morgens um 8 / 9 durchgeführt wurden) dagegen. Er konnte sich die Stunde jeweils gut konzentrieren und war nicht zwischendurch gedanklich abwesend. Auch beim IQ-Test vor 2 Jahren bei einem anderen Kinderpsychologen konnte er sich durchgehend gut konzentrieren. Dort wurde eine Rechtschreibstörung diagnostiziert.
Für die Psychologin ist eine ADHS-Diagnose damit ausgeschlossen. Die Fragebögen und Erzählungen von uns Eltern seien subjektiv und reichten allein nicht für eine Diagnose.

ADHS-Symptome:

  • von Geburt an verträumt
  • tut sich zu Hause und in der Schule schwer, Aufgaben zu beginnen und zu Ende zu bringen
  • zu Hause impulsiv, nach vielen Reizen überdreht und teils aggressiv
  • immer auf der Suche nach Süßigkeiten, Koffein oder Medien
  • schiebt alles vor sich her
  • Wahrnehmungsauffälligkeiten (Lebensmittel, die er isst, stark eingeschränkt, am liebsten immer in kurzer Hose und barfuss unterwegs, …)
  • laut Fremdbewertungstest von uns 27 von 43 Symptomen, 9 von 9 im Bereich Unaufmerksamkeit (DSM 5)

Wie schätzt ihr das ein? Hat hier jemand für sich oder seine Kinder eine Diagnose und profitiert von Medikamenten, obwohl er die Aufmerksamkeitstests erfolgreich durchführen konnte? Habe ich mich da in etwas verrannt und es gibt tatsächlich andere Gründe für die ADHS-Symptomatik? Visuelle und auditive Wahrnehmungsstörungen, Über- oder Unterbegabung wurden schon ausgeschlossen. Einzelne Anzeichen für ASS sind zwar auch da, aber nicht wirklich ausgeprägt.

Wir haben in nächster Zeit noch einen Termin bei einem Kinderpsychiater, eigentlich angedacht für Medikation, aber jetzt müssen wir ihn wohl umwidmen, um erstmal eine Ursache für die Probleme zu finden.

Danke fürs Lesen und Teilen eurer Gedanken dazu

Hallo…:slightly_smiling_face:

Naja, wenn Dein Kind bei der Testung motiviert genug ist, dann schweift es da nicht ab.
Das ist ja DIE Krux, wenn Leistungsforderung als positive Challenge erlebt wird, dann ist das mit der Konzentration kein Problem.
Was uns Spaß macht, können wir :slightly_smiling_face:. Die Konzentrationsfähigkeit ist nur nicht steuerbar. Daher ist es sooo schwer, bei Sachen konzentriert zu bleiben, die einen tendenziell langweilen.

Hier im Forum gibt es haufenweise ADHSler die in IQ-Tests super Ergebnisse erzielt haben. Wäre Konzentration
an sich das Problem und nicht ihre Steuerbarkeit, dann müssten die Ergebnisse anders ausfallen.

Im IQ-Test war mein Sohn auch nicht auffällig. Fakt ist aber, dass er ein fettes (!) ADHS hat.

Natürlich sind die Fragebögen subjektiv. Deshalb werdet ja auch nicht nur Ihr um Auskunft gebeten, sondern auch die Schule.

Die Situation in der Schule ist zu dem sehr aussagekräftig: viele, viele ablenkende Stressoren und generell viel mehr Reize als in einer Eins-Zu-Eins-Situation in einer psychologischen Praxis, plus: hier müssen lauter langweilige Dinge gemacht werden, Bedürfnisse zurückgestellt, soziale Interaktionen gemeistert werden… ganz anderer Schwierigkeitsgrad.

Da Euer Kind in der Schule auffällt und sein Weg damit steinig ist, würde ich mir unbedingt eine Zweitmeinung einholen !
Liebe Grüße🙂

P.S. Den Termin beim Kinderpsychiater würde ich wahrnehmen. Das klingt schon alles SEHR nach ADHS!!
Besprecht die Diagnostik mit ihm. Er kann ja durchaus auch eine andere Diagnose als die Psychologin stellen.

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Hallo @foxcatbee ,

Erfahrungen diesbezüglich nicht, doch ich habe hier, aber auch im Leben mit anderen Diagnosen so gegangen. Es kann sein, daß sie es anders auslegt und/oder bewertet, daß sie die Regeln strenger auslegt. Das kann auch mit ihren Erfahrungen zusammenhängen.

Habt ihr mal versucht ggf selbsttests zu machen. Da gibt es ja einige. Und dann wenn die positiv sind auch mit der Kinderpsychaterin besprechen.

Oder einfach schauen, ob man unkommentiert (nichts von der Ersttestung sagen) einen neuen Test als Zweitmeinung machen. Das wird nicht zentral registriert nur in der jeweiligen Praxis.

Es könnte sein wie ich das bei meiner Testung erfahren hatte viele in Grenzbereichen, die als solches weder einfach noch leicht als ADHS/ADS bestimmbar sind, teils wohl als eher nicht eingestuft werden, dann aber später wegen der Probleme dann doch als ADHS/ADS positiv getestet werden. Daher wie gesagt nicht aufgeben und Zweitmeinung, nur weil jemand erfahren sein soll, heißt das nicht, daß er nicht irrt oder fehl einschätzt oder es als nicht schwerwiegend genugt ansieht

Ich frage mich echt wie jemand mit Expertise für ADHS nicht wissen kann, das Konzentration in bestimmten Situationen sehr wohl funktioniert. Vermutlich wollte dein Kind es auch noch besonders gut machen und war hochmotiviert. Manchmal reicht schon ein nettes Gegenüber und die passende Umgebung.
Wenn Konzentration bei ADHS „nie“ vorhanden wäre, dann wäre aus uns allen doch gar nichts geworden.
Das ist doch das wo wir besonders drunter leiden , die Unbeständigkeit unser Konzentration von Dauerhyperfokus bis Konzentration schon verloren auf dem Lokus.
Mir wollte man ADHS auch schon aberkennen , weil ich in Einzelgesprächen zu konzentriert und zu wenig unruhig war. :crazy_face:
Würde auf jeden Fall eine Zweitmeinung einholen oder das noch mal bei der Psychologin thematisieren.

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Hallo,

bitte lasst euch nicht beeindrucken. Die Psychologin hat von ADHS offensichtlich nichts verstanden. Auch hat sie eine seltsame Auffassung von subjektiv und objektiv.

Zweite Möglichkeit, sie weiß was sie tut, aber möchte ADHS wenn möglich nicht diagnostizieren und sucht einen Vorwand.

ADHS ist keine Konzentrationsschwäche, die immer gleich ist. Viele ADHS-ler können sich in bestimmten Situationen ausgezeichnet konzentrieren. Aber sie können nicht oder nur sehr begrenzt lenken, wann sie es können und wann nicht.

Der Test war für deinen Jungen wohl sehr spannend und er war in dem Moment gut drauf.

Entscheidend ist die Symptomatik im Alltag, das heißt die Beschreibungen der Eltern und Lehrerinnen in den Fragebögen sind viel objektiver als eine Testung in einer zufälligen Umgebung zu einem zufälligen Zeitpunkt.

Du hast dich nicht verrannt, sondern die Psychologin erzählt fachlich Falsches.

Den Termin beim Kinderpsychiater nehmt auf jeden Fall wahr und verlangt von der Psychologin einen detaillierten Bericht mit allen Einzelergebnissen. Ein erfahrener Kinderpsychiater kann diese dann anders bewerten, er wird der Testung viel weniger Beachtung schenken als den Fragebogenergebnissen. Denn der Fehler ist hier ja offensichtlich. Wenn ihr Glück habt, wird dann doch sofort etwas aus der Medikamentenverordnung.

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Hallo,
Mein Sohn hat auch mit 9 die Diagnostik durchlaufen und ADHS wurde nicht diagnostiziert. Da hieß es, dass er durchaus einige Kriterien erfüllt, aber es für die Diagnose nicht reicht. (Der Psychiater hatte noch einen anderen Verdacht, der sich dann auch bestätigt hat).

Bei den Tests war mein Sohn auch total konzentriert. War halt „voll dabei“, weil es ihm Spaß gemacht hat.

Wir waren uns beim ADHS auch unsicher und die andere Diagnose hat schon vieles erklärt. Jetzt ist mein Sohn 14 und zeigt viel deutlichere ADHS-Symptome als noch mit 9. Nachdem ich nun meine Diagnose habe, werden wir ihn wohl auch nochmal testen lassen.

Also noch eine Stimme für: Geht zu dem Psychiater. Vielleicht sieht er das ja anders als die Psychologin.

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Danke euch allen für eure Ermutigung. Wir nehmen den Termin beim Kinderpsychiater auf jeden Fall wahr und hoffen, dass unser Erleben im Alltag da mehr zählt. Drückt uns die Daumen!

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Hey, magst du berichten, wie es gelaufen und weitergegangen ist? Wir stehen nämlich gerade vor fast genau demselben Problem.

Hey, leider geht es erst Mitte Juli weiter, aber dann berichte ich gern. Beim Ersttermin meinte die Kinderpsychiaterin, es gebe prinzipiell die Möglichkeit, eine Verdachtsdiagnose über die Gabe von Stimulanzien abzusichern. Sie würde unseren Sohn aber gern erst besser kennenlernen und hat uns nochmal Fragebögen für uns und die Lehrer mitgegeben. Ich hatte bei ihr grundsätzlich ein gutes Gefühl und kann nachvollziehen, dass sie sich selbst ein Bild machen will. Es bleibt bei uns natürlich die Sorge, dass er im Einzelgespräch unauffällig ist und selbst alles herunterspielt, um bei jemandem außerhalb der Familie gut dazustehen, aber mehr als mit ihm darüber sprechen bleibt mir wohl nicht.
Jetzt heißt es also wieder warten und hoffen.

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Wir hatten beim Psychologen und der Neurologin jeweils zwei Abklärungstermine einen am Morgen und einen am Nachmittag, jeweils einen Teil in meiner Anwesenheit einen ohne. Auch hatte er einen beweglichen Stuhl bekommen für die Tests. Ich hatte das Gefühl, dass die Tests nur ein Teil der Abklärung waren und seine Reaktion auf die verschiedenen Settings der andere, zumindest haben sich die Ärzte dadurch ein ziemlich gutes Bild von Verhalten meines Sohnes machen können. Wäre er nur morgens im 1:1 Setting getestet worden, wäre die Diagnose längst nicht so klar oder überhaupt fraglich gewesen.
Ich würde unbedingt eine Zweitmeinung einholen, alle Anzeichen, welche du beschreibst kenne ich von meinem Sohn auch genauso, das muss natürlich nichts heissen und kann auch etwas anderes sein.

Vielen Dank für deine Rückmeldung! Ein Nachmittagstermin hätte bei uns bestimmt auch geholfen, dass die Probleme sichtbar werden. Das ist leider bei den Psychologen, bei denen wir bisher waren, nicht als Teil der Diagnostik vorgesehen.

Unser Sohn hatte im Vorschulalter eine Zeit lang Ergotherapie, immer mittags kurz nach dem Kindergarten. Der letzte Termin war wegen der Ferien früh morgens. Im Elterngespräch war die Ergotherapeutin ganz begeistert, wie gut die Therapie angeschlagen hätte :sweat_smile:. Schön wär’s gewesen, aber verändert hatte sich leider nichts. Nur durfte sie ihn das erste mal erleben, bevor er von anderen Reizen überflutet war.