Das ist mir zu pauschal und habe ich definitiv anders erlebt. Die meisten Konflikte die ich in der Kommunikation unter Autist:innen wahrnehme, sind die, bei denen die beiden hauptsächlich in neurotypischen Umgebungen unterwegs sind und deshalb die ganze Zeit neurotypische Kommunikation erwarten und deshalb versuchen beim jeweils andern zwischen den Zeilen zu lesen, und selbst auch immer wieder in neurotypische Kommunikationsmuster rutschen. Wenn sie sich erstmal gegenseitig vertrauen und wissen, dass der andere tatsächlich ausspricht, was er denkt und dies ebenfalls tun, einigen sie sich zwar nicht unbedingt auf eine Meinung, aber sie finden entweder einen Kompromiss oder gehen friedlich ihrer Wege..
Btw. ich bin Autisten und ich bin ziemlich gut darin Konflikte zu lösen, solange die Gegenseite auch nur im entferntesten Interesse an einer Konfliktlösung hat.
Ich habe zwei Kinder, die wie ich AuDHS haben (wobei mein eines Kind und ich beide zusätzlich PDA haben) und trotzdem sind wir trotz aller Konflikte ein echtes Team und meine Kinder haben keine Angst sich mit welchen Themen auch immer an mich zu wenden..
Zudem habe ich ein:e Autist:in im Freundeskreis und zwei weitere im Bekanntenkreis und mit zweien davon hatte ich wirklich echt schwierige Diskussion/Debatten/Situationen, aber während alle neurotypischen wahrscheinlich nie wieder ein Wort mit mir gewechselt hätten, ist dort immer wieder einer auf den anderen zugegangen (trotz aller Verletztheit und Angst vor weiteren Verletzungen) eben weil sie mit ein bisschen Abstand realisiert haben, dass das, was zum Konflikt geführt hat, nicht zu dem Bild passt, welches man von dem anderen hatte.. Und gerade dieses Unvermögen Widersprüchlichkeiten auszuhalten, hat dazu geführt, dass man nochmal nachfragt, wie der andere es gemeint hat oder was er verstanden hat und dadurch Missverständnisse wirklich klären konnte oder aber sich gegenseitig dabei unterstützt hat, dass eigene Verhalten zu reflektieren..
ADHS mit einer Krankheit zu vergleichen, ist anders wild.. Insbesondere weil sie schon ausgestorben wäre, WENN diese Krankheit generell von Geburt an bestehen würde… Aber da es das nicht (oder so gut wie nie) tut, können wir auch mal anders darauf gucken:
Krebs ist im Grunde genommen eine Mutationen bei Zellerneuerung… Andere Mutationen führen zu Selektionsvorteilen… Also im Grunde genommen ist die Fähigkeit zur Mutation eine, die summa summarum kein reiner Fluch ist..im Gegenteil - sie ist sogar überlebenswichtig im Hinblick auf die Evolution…
Ganz grundlegend argumentierst du in einem völlig veralteten Weltbild. ADHS oder auch ASS hat man nicht erst dann, wenn man stark davon eingeschränkt ist.. Und ganz sicher existiert es nicht erst seitdem jemand es als Diagnose irgendwohin geschrieben hat.. Ich mein, ich habe mein Leben lang ADHS gehabt auch wenn ich spätdiagnostiziert bin. Mein Mann wäre ohne mich und im Anschluss die Kinder vermutlich nie auf die Idee gekommene sich testen zu lassen, weil er gut genug „funktioniert“.. Auch sein Bruder und dessen Vater sind nie zusammen gebrochen, weil sie mit meiner Schwiegermutter und deren Mutter ein extrem unterstützendes Umfeld hatten und zudem von den gesellschaftlichen Rollenbildern profitiert haben.. Aber ich sehe, wie es in den Gehirnwindungen meiner Schwiegermutter klickt, wenn sie meine Kinder mit und ohne Medikation erlebt und sich dann an ihre Kinder früher zurück erinnert oder ihren Mann anguckt… Und auch mein Schwager strebt durch das, was ich und mein Mann berichten, mittlerweile die Diagnostik an.. Also, nein, nur weil Menschen einen Platz im Leben finden (oft auf Kosten ihrer körperlichen und/oder psychischen Gesundheit) heißt das nicht, dass sie es nicht haben. Es ist ein Spektrum! Ja, manche sind weniger beeinträchtigt und andere sind extrem davon beeinträchtigt, aber deshalb pauschal zu behaupte, dass nur wenig beeinträchtigt Menschen jetzt den Diskurs bestimmen, ist definitiv viel zu kurz gegriffen.. Ja, natürlich reden nur die darüber, die noch dazu in der Lage sind - so wie bei jeder anderen Beeinträchtigung (erworben oder angeboren) auch…
Und nach den Jahrzehnten der defizitorientierten Betrachtung (gesamtgesellschaftlich gesehen als auch bei der individuellen Verarbeitung der Diagnose) ist eine Phase normal und vermutlich sogar wichtig, in der ADHS ein bisschen zu positiv gesehen wird, aber danach kommt dann in aller Regel der Realismus…