ADHS und Lesen

Gerade gelesen auf Psychology Today über ADHS und Fähigkeit, Neigung, Abneigung, Aneignung und Übung hinsichtlich dem Lesen: <LINK_TEXT text=„Index of Blogs | Psychology Today UK … eading?amp“>In Defense of Reading | Psychology Today United Kingdom</LINK_TEXT>

einfach lesen, wen es interessiert…

Der Effekt von Computerspielen etc. auf die Dopaminausschüttung ist sehr schön beschrieben und erklärt, warum Kinder nach und nach aufhören, richtig zu spielen und letztendlich auch viel weniger lesen, sobald sie solche Spiele kennenlernen.

Das ist ein ganz schwieriges (aber spannendes) Thema, das mich schon länger beschäftigt.

Man muss da m. E. deutlich unterscheiden zwischen (Achtung, laienhaft…) verschiedenen Ebenen und Anforderungen.
Lesen ist ja eine Kulturtechnik, die sich entlang einer physiologischen Norm entwickelt. Menschen mit ADHS weichen aber von dieser Norm ab.

Ebenen und Anforderungen:

  • der Abstraktionsvorgang des Lesens, also die Umsetzung von zunächst bedeutungslosen abstrakten Zeichen in eine Vorstellungswelt - da kann Lesen durch nichts ersetzt werden. Die Schwelle, die hier eingezogen ist, ist zum einen die Schwelle des mühelosen Entzifferns der Zeichen auf Basis eines allgemein verfügbaren Vokabulars ABER auch: das Kontrollieren der Augenbewegungen. Und das ist wichtig, wenn man das in Bezug zu ADHS setzt. Das Dopamin ist da noch überhaupt nicht im Spiel. Wie man an dem Artikel sieht, ist das Thema aber noch nicht wirklich auf dem Schirm.

Die Schwelle und damit der Aufwand, den sie betreiben müssen um einen Benefit aus dem Lesen zu erhalten ist für viele Menschen mit ADHS erhöht
a) über die abweichende Blicksteuerung (andere Sakkaden) und b) die fehlende Motivation mangels … all der feinen Stöffchen von denen wir hier immer sprechen.
kompensiert wird das durch Phantasie und Neugier.

  • je anspruchsvoller die Literatur, desto mehr „Training“ braucht es, das Vokabular erweitert sich - aber darüber hinaus, auch die Komplexität der Konstruktion, also die Semantik (?).

  • auf einer noch „höheren“ Ebene: abstrakte Zeichen bezeichnen abstrakte Sachverhalte, wie das z.B. im Bereich der Wissenschaft, wenn zur Entzifferung über das reine Lesen spezielle Kenntnisse oder ein neues Vokabular nötig sind, um die Zeichen zu interpretieren. Meist ist die Semantik ebenfalls deutlich komplexer. Wenn man schon auf Basis der Grundfunktionalität scheitert hat man einen deutlich höheren Aufwand, das heißt: man ist nicht nur weniger motiviert (woran ich übrigens ohnehin zweifel) sondern man braucht MEHR Motivation als die Norm, auf die die Technik des Lesens ausgerichtet ist.

Das Problem ist, dass Menschen mit ADHS oft schon auf der scheinbar einfachsten Stufe scheitern.
Der Artikel stellt in den Raum, dass Menschen mit ADHS mehr Lesen sollen weil sie damit die Aufmerksamkeit trainieren.
Das halte ich für grundfalsch.
Auf die Weise erreicht man höchstens, dass Kinder mit ADHS überhaupt nicht mehr lesen wollen. WEIL sie vernünftig abwägen, wie das Menschen nun mal machen und Aufwand und Nutzen gegenüberstellen. Zu dem höheren Aufwand kommen eben dann noch negative Erfahrungen von Zwang und Drill dazu… brrrrr…

Menschen mit ADHS und Leseschwierigkeit brauchen ein gutes, fundiertes Lesetraining - schon zu Beginn ihrer Lesesozialisation.
Denn - und das kann ich aus eigener Erfahrung sagen - GERADE wenn sie als Kind viel aber falsch lesen lernen, scheitern sie dann auf den höheren Stufen.
Ich fände es interessant, wie es wäre, wenn man bei allen Kindern zunächst die Augenfunktion testet und ihnen Lesen dann auf einer individuellen Basis gleich richtig beibringt.

Computerspiele können auch Welten erschließen - wenn sie denn intelligent sind. Und mittlerweile gibt es viele intelligente Spiele.
Oftmals kommen sie der Funktionalität von Menschen mit ADHS näher - das könnte man auch wertschätzen und darauf aufbauen.

Ja das mit den Augenbewegungen, den Sakkaden ist das Eine - es gibt aber noch viele andere visuelle Faktoren, ob mit oder ohne ADHS, die das Lesen - und übrigens auch Rechnen - erschweren können. Das kann man super anschaulich erklärt und für ADHSler gut aufbereitet im Buch „Fehler muss man sehen“ von der auf dieses Thema spezialisierten Ärztin Dr. Heike Schuhmacher nachlesen.

Leider ist es scheinbar Glückssache, ob ein Orthoptist die Problematik messen kann oder überhaupt etwas davon weiß.

Ich war mit meinem Sohn bei zweien und wir sind mit denen keinen Zentimeter weiter gekommen!

Frau Dr Schuhmacher hat in den USA ein medizinisches Diplom in „Optometrie“ erworben. Sie konnte meinen Sohn dann helfen.

Danke für den Tipp!
Ja, einen Termin mit einer Optometrikerin hatte ich einmal - aber dann doch aus Zeitgründen abgesagt.
„Funktionsoptometrie“ ist da das Stichwort.

…aber ich weiß nicht, ob das nicht letztlich auch alle Orthoptisten behaupten zu tun…?

Angesichts von Lehrvideos auf Youtube die viel plastischer und eben auch zusätzlich akustisch und bildlich sind, muss man sagen, dass das Voranschreiten der Zivilisation, technisch, gesellschaftlich etc. eben nicht nur Nachteile, sondern auch Vorteile und Nachteilsausgleiche für Personen aus dem ADHS-Spektrum bietet.

Ich zum Beispiel bin sehr interessiert, was Geschichte, vor allem Antike, Mittelalter, frühe Neuzeit angeht… mir die Schlacht am Talas auf Youtube als Arte Doku anzuschauen (die Schlacht am Talas im heutigen Usbekistan zwischen Chinesen und dem Kalifat um 751 hat die Bekehrung der Türken zum Islam eingeleitet, ohne dass kein Istanbul mit Minaretten sozusagen) - YouTube ist viel anschaulicher und einprägsamer. Wenn so was thematisch so wie so nicht interessiert, der wird auch da nichts mitnehmen, aber mir dasselbe auf Wikipedia durchzulesen zum Beispiel ist deutlich weniger einprägsam.

Komisch, mir geht es genau anders herum.

Ich lese lieber, weil das strukturierter ist. Längere Texte drucke ich aus [size=50](natürlich papiersparend mit doppelseitigem Druck und auf recyceltem Papier, und wenn es großgedruckt ist auch im Broschürenmodus).[/size]

Youtube-Videos, wo etwas erklärt wird, mag ich nicht und misstraue ihnen grundsätzlich. Wenn in einem Forum (nicht nur in diesem) ein Video verlinkt wird, gucke ich mir das fast nie an. Eben weil ich dazu neige, abzuschweifen und die Struktur nicht durchschaue.

Ich bin allerdings ein Hörfunk-Junkie und höre viel Deutschlandfunk u. ä., auch Hörspiele und (Klassik-)Musiksendungen höre ich regelmäßig.

halte ich für grundfalsch.
Auf die Weise erreicht man höchstens, dass Kinder mit ADHS überhaupt nicht mehr lesen wollen. WEIL sie vernünftig abwägen, wie das Menschen nun mal machen und Aufwand und Nutzen gegenüberstellen. Zu dem höheren Aufwand kommen eben dann noch negative Erfahrungen von Zwang und Drill dazu… brrrrr.

Endlich!!! Endlich sagt das jemand anderes!!! Das predige ich seit unsere große Tochter, heute 23, in der Grundschule war und habe das immer anhand meiner Erfahrungen gerechtfertigt. Denn als Kind hab ich Lesen gehasst! Heute aber kann ich an einem Nachmittag die dicksten Bücher verschlingen. Es ist eine Entwicklungssache - meiner Meinung nach. Genau so wie das Verständnis für viele bescheuerte Themen, die unsere Kinder in der Schule lernen sollen, die sie aber noch gar nicht verstehen können, weil sie sie einfach noch nicht so weit sind!
Das ist dann aber glaub ich fast ein neues Thema…

Was wären denn zB solche Computerspiele, die gut für die visuelle Wahrnehmung, Augenbewegungen, indirektes Lesetraining wären.


Das ist ein Aspekt und kann sicherlich eintreten. Darauf würde ich mich nicht verlassen. Dazu müsstest Du ja im Vorhinein wissen, dass sich das im Nachhinein auswächst.
Ich konnte mit 5 lesen - habe Lesenlernen in der Schule gehasst - habe über Jahre alles verschlungen, was mir vor die Flinte kam.
Aber ich habe „falsch“ lesen gelernt, viel selbst dazuinterpretiert, „auf Abenteuer“ gelesen (dh. alles was langweilig war übersprungen). Damit konnte ich in der Oberstufe nicht „angemessen“ lesen. Ein Aspekt von Underachievement.

Bezogen auf meine Ursprungsgedanken wären die für das Lesetraining.

Welterschließung und Vergrößerung des Vokabulars kann dann vergnüglich und entspannt und en passant mithilfe visueller oder auditiver Medien erfolgen, bis man mit dem Lesen soweit ist.
Ab einem bestimmten Punkt kommt man halt ohne lineares Lesen auf recht hohem Niveau bei der „Welterschließung“ nicht weiter…

Das ist ein bisschen so, wie wenn man während der Schulzeit ins Ausland umzieht … auch da kann es Sinn machen, Mathematik oder Physik ersteinmal auch in der Muttersprache zu lernen um den Anschluss nicht zu verlieren…