ADHS zusammen mit Hochbegabung?

Muß nicht sein wenn das Gymnasium a) der Wunsch ist b) grundsätzlich spannendere ggf. für ihn logisch abholendere RäThemen hat

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Ja, da wird man schon gelegentlich als snobistisch einsortiert. Ob man aufs Gym passt oder sogar auf eine Uni, sehe ich immer mehr als eine Frage der ergebnisoffenen Einstellung und des selbständigen Denkens an, statt der Intelligenz oder ADHS. Der Markt für „mittelmäßige Akademiker ohne praktische Kompetenz“ ist in vielen Bereichen schon ziemlich abgegrast. Und auf dem klassischen Bildungsweg mit Gym und Unistudium ist es so, dass du dir die praktischen Skills in weiten Teilen selber nebenher aneignen musst. Ausreichende.(nicht zwingend höchste) Intelligenz ist vielleicht eine notwendige oder zumindest sehr hilfreiche Bedingung, aber keine hinreichende.

Sehr entscheidend finde ich die Bereitschaft und Aufgeschlossenheit, in eine Sache Kraft und Durchhaltevermögen zu investieren, ohne vorher sicher zu wissen, was dabei für einen selbst herausspringt. Also wenn das eigene Urteil schon von Anfang an feststeht und man mit so einer Null-Bock-Haltung herangeht oder mit „Wofür brauch ich das denn?“ oder mit „Hier lern ich doch nix“, ist das keine nützliche Einstellung im akademischen Bereich, besonders in der Forschung. Solche gewissen Mentalitätsunterschiede in der Ergebnisoffenheit fallen mir schon bei Kindern auf. Dieses „sich auf verschiedene Sachen ernsthaft einlassen und beobachten, was es bringt“ sehe ich als sinnvolle Mentalität im höheren Bildungsbereich, sonst produzieren wir eine Flut an Krämerseelen mit akademischem Bildungsgrad. Wenn ich etwas nicht in ernst gemeint ausprobiere, kann ich auch nicht beurteilen, ob es mir etwas gebracht hat. Und bei den Durststrecken gehört es auch ein bisschen dazu, sich die mittels eigener Kreativität und Verspieltheit zu versüßen und nicht auf Bespaßung von außen zu warten.

Tut mir leid, aber speziell mein Mitgefühl mit „den armen intellektuell unterforderten Intelligenzlern“ hält sich doch in gewissen Grenzen. Falls ADHS mit im Spiel ist und das Kind emotional blockiert, ist da natürlich Unterstützung angebracht, völlig klar. Emotionale Entwicklung und Reife kann auch bei Hochbegabung etwas hinter den Gleichaltrigen zurückstehen, emotional könnte er also z.B. noch sieben Jahre alt sein, obwohl er schon bald neun ist.

@tamaracha
Genau zur akademischen Laufbahn gehört - wie schon erwähnt - viiiiel mehr als Intelligenz: 10% Inspiration 90% Transpiration.

Emotional/sozial ist mein Sohn meiner Meinung nach ca 6 Jahre alt.

Ich schiebe schon meinen neuronormalen Sohn durch die Schule. Bei ihm ist genug Disziplin, Leistungswille und ja vor allem eine Riesenmenge Selbstständigkeit vorhanden, dass es sich „lohnt“ ihn durch sein „Problemfach“ zu schieben. Wobei ich hier auch Hoffnung habe, dass er da noch besser reinwächst.

Der Kleine ist so anstrengend schulisch gesehen, dass ich dazu nicht bereit bin - da ist einfach zu wenig Substanz da. Sage ich ganz ehrlich. Aber vermutlich wird er es notenmäßig aus heutiger Sicht auch gar nicht schaffen und daher stellt sich eventuell die Frage nicht einmal.

Eine akademische Karriere ist mit dieser Schulentscheidung aber noch lange nicht „verbaut“, falls er sich doch noch entsprechend weiterentwickelt…

Ich muss jemanden von oben zustimmen mit dem „Chance“. Eine Chance ist es nach den eigenen Begabungen (das ist nicht 1:1 mit Intelligenz gelichzusetzen) gefördert zu werden - aber das sind alles schwierige Entscheidungen, die man als Eltern treffen muss.

Muss auch sagen beim ersten Kind ist das noch schwieriger, weil man gar nicht weiß, was auf einen zukommt. Seit meiner Schulzeit hat sich auch extrem viel geändert. Jetzt kommen die Kinder in die erste Klasse Gymnasium machen in einem Jahr in Englisch den Stoff, den in mindestens 2 Jahren gemacht haben - eher mehr sogar. Müssen 10 Fingersystem machen. Haben gleich in jedem Fach Referate (finde ich super, aber es ist einfach weit mehr gefordert insgesamt) und es wird echt knallhart gesiebt. Die ersten haben im ersten Semester aufgehört und echt viele Entscheidungsprüfungen schon zum Semesterzeugnis. Ich vermute, weil einfach zu viele, die nicht wirklich geeignet sind reingeschoben werden… Verstehe die Eltern aber auch, denn ich sage auch ehrlich, dass für mich das Gymnasium auch mein Ziel wäre… nur ich muss hier meine Meinung der Realität einfach anpassen. Hilft nix…

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Das ist krass.

Bist du in Österreich? Ab welche Klasse ist Gymnasium?

Meine Tochter hat Klasse 5 auf dem Gymnasium angefangen. Klasse 8 waren die ersten beiden Kinder, die wegen ungenügender Leistungen die Schule verlassen haben aus ihrer Klasse. Ganz anders.

In der 5. Schulstufe (nach 4 Jahren Volkschule) beginnt Gymnasium. Wir zählen aber anders und zählen nach der Volkschule wieder ab 1. :wink:

Daher ist mein Sohn 2. Klasse Gymnasium, was bei euch 6. Klasse bedeuten dürfte (6. Klasse Gymnasium ist bei uns Oberstufe und 10 Schulstufe :wink: ).

An sich heißt es, dass Gymnasium in Österreich einfach sein soll. Zumindest einfacher als in Bayern, sagen mir deutsche Bekannte. Kann da nicht mitreden, da kein Vergleich. Aber ja, hier hagelt es negative Noten von Anfang an und es wird gesiebt. War aber bei mir ähnlich. Man muss sich schon ranhalten… aber ehrlich gesagt, es ist halt Gymnasium, klar wird da was verlangt.

Ich habe es zu Anfang hier eher so erlebt, dass den Kindern Zeit gegeben wird, sich auf der neuen Schule zu orientieren, dass alle aus den verschiedenen Grundschulen auf einen Stand gebracht werden etc.

Bei meiner Großen (gleiche Schule) gab es den großen Schwund nach Klasse 6, aber das war auch Corona Hochsaison in 5 & 6.

Ja, es ist Gymnasium, aber keine Elite-Schmiede. Aber das ist bestimmt teils sehr unterschiedlich.

Also mich hat vor allem folgendes erstaunt:
Echt einige Entscheidungsprüfungen in „Nebenfächern“ (also wie z.B. Biologie) → war zu meiner Zeit quasi sehr ungewöhnlich, dass man da strauchelte
In Englisch wird echt die komplette Grammatik in den ersten beiden Jahren durchgenommen. Was ich mich erinnere, hatten wir weit mehr Zeit… Das geht so schnell, dass man sich ordentlich ranhalten muss. Und aus meiner Sicht ist teils wenig bis zu wenig Zeit, den Stoff zu festigen. Und mir kommt vor auch weit mehr Vokabeln von Beginn weg.

Vorteil ist schon, dass viel gerlernt wird, aber für alle, die straucheln schon hart.

Mein Sohn hat eine Lese-Rechtschreibschwäche. Da wird leider nicht wirklich Rücksicht genommen. O-Ton: „Das zählt ja nur etwa ein Drittel bei der Schularbeit. Also kann man es noch gut schaffen auch mit Rechtschreibfehlern und man muss da nichts extra berücksichtigen…“ - Sprich, man startet bei ca 66% und 16% bis zur negativen Note ist echt nicht mehr viel, wenn man es nicht so mit Sprachen hat…

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Das ist echt krass, unglaublich. Meine schulzeit war in den 2000ern, und wenn ich mich richtig erinnere, hatten wir zwar in den ersten zwei Gymnasialklassen (Unterstufe) viiiiel Grammatik und vokabeln in Englisch durchgenommen, aber definitiv nicht alles. Vergangenheitsformen wie Past Perfect oder Past Progressive, oder Spezialitäten wie Gerund kamen ein bisschen später. Die komplette Grammatik in zwei Jahren reinzuballern ergibt für mich gar keinen Sinn. In der Unterstufe würde ich viel mehr auf Wortschatz gehen. Zumal einige der Feinheiten gerade bei den Zeitformen auch nicht ganz leicht zu verstehen sind, also wann welche Zeitform genutzt werden soll. Das sind ja zwei Dinge, sie konstruieren zu können vs. sie richtig einzusetzen. Welcher Elfjährige hat denn bitte ein gutes Gefühl für Plusquamperfekt oder auch für Futur II?

Das mit dem Aussieben kenne ich sogar eher vom Studium her, hängt aber auch etwas vom Fach und der Uni ab. Eigentlich finde ich es fairer, das am Anfang zu machen und nicht erst später die Leute ins kalte Wasser zu werfen. In physik wird mitunter durch richtig schwere Prüfungen in den ersten Semestern den ganzen Musterschülern der Zahn gezogen, dass man weiterhin einsenschreibend auf dieser Welle der Makellosigkeit und Perfektion surfen wird. Diesen Anspruch muss man da aufgeben und kann froh sein, wenn man durch Transpiration und Inspiration noch ein Stückchen weiterkommt. In verschulten Studiengängen, wo eher der Kuschelkurs gefahren wird, ist Inspiration nahezu überflüssig bis hinderlich geworden, was ich sehr schlecht finde.

Man wird niemals perfekt oder fehlerfrei sein. Mit ADHS, RSD und Perfektionismus kann das sowohl Fluch als auch Segen sein. Einerseits kann es erleichtern, dass die Kluft zu den anderen nicht mehr so groß ist durch die hohe Messlatte, andererseits muss man aber psychisch mit eigenen Fehlern umgehen können.

ADHS Menschen sind - im richtigen Umfeld - absolut gut sozial integriert. Dann schätzt man zum Beispiel unsere Schlagfertigkeit und unseren Humor. Mit Sicherheit leichter in einer Sportgruppe.

ADHS, Autismus, Hochbegabung, Hypermobilität, Tic-Störung und Tourette (möglicherweise auch Restless Legs) hocken alle miteinander in einem Boot (Cluster). Man kann einzelnes haben oder eine Mischung.

Mein Mann hat die ersten 4, ich nur ADHS und Überbeweglichkeit mit vermutlich einem Schuss Autismus.

Je länger ich mich aber mit dem Thema auseinander setze, desto mehr habe ich das Gefühl, ADHS könnte womöglich einfach nur der bunte atypische Subtyp des Autismus sein

Diese These, dass ASS nur ein Subtyp von ADHS sei, finde ich ziemlich befremdlich. Soweit ich weiß, liegen ADHS und Autismus unterschiedliche neurologische Abweichungen zugrunde. Ganz vereinfacht:

  • ADHS: Physiologisch, Neurotransmittermangel an bestimmten Stellen
  • ASS: Anatomie, abweichende Struktur; weniger Verbindungen/Synapsen, dafür stabiler

Beide kommen leichter durch Umwelteinflüsse aus dem Tritt, aber wegen unterschiedlicher Ursachen. Es gab aber auch diese Studie mit den zwei Clustern von Autismusdiagnosen. Womöglich ist einer dieser Cluster verkapptes ADHS+Trauma oder etwas in der Richtung.

Traumafolgestörung würde ich sowieso nicht unterschätzen beim Thema Neurodivergenz. Hochbegabung macht einen ja auch nicht einfach so zum Weirdo, sondern das Bindungstrauma und die Einsamkeit, wenn das Umfeld fehlt, das einen als Kind begleiten und einem folgen könnte oder evtl. mental zurückholt, wenn man gedanklich „auf die schiefe Bahn geraten“ ist. Für mich wäre früher vieles einfacher gewesen, wenn ich adäquate Mentoren/Bezugspersonen gehabt hätte. Dann wäre aus dem doch deutlichen Schuss autistischer Züge ein wesentlich kleinerer geworden.

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Wenn, dann anders rum :wink:

Die Unterscheidung Physiologie / Anatomie macht für mich nicht soviel Sinn, denn die Physiologie hängt ja ganz im Allgemeinen von der Anatomie ab.

Darüberhinaus schildert die Expertin Brit Wilczek in ihrem Buch “Autismus, Trauma und Bewältigung” die Reizoffenheit autistischer Neugeborener, die durch den Sensory Overflow erst recht viele Synapsen entwickeln. Ihr zufolge entwickelt sich dann das “Tunnelige” im Verhalten des Autisten aus dem Bedürfnis, sich vor der eigenen Übervernetzung zu schützen.

Somit haben wir bei ASS und ADHS eine Reizoffenheit als Gemeinsamkeit. Und die Wissenschaft ist auch bei beiden Themen noch nicht auf der Zielgeraden.

Ups, da war ich zu schnell. :wink:

Hier ist der Beitrag, auf den ich mich wohl bezogen hatte. In einem dieser Threads ist das Thema evtl. besser aufgehoben als hier, damit wir das Thema des Fragestellers nicht komplett derailen. :wink: