Alles ist wichtiger als Essen oder Trinken

Hallo zusammen,

Diesmal geht es um unseren Mini (7). Diagnose hat er keine, aber ich gehe sehr stark von einer ADHS aus.

Die Sache mit dem “Alles ist wichtiger” als Essen oder Trinken zieht sich schon lange bei ihm, vor allem das mit dem Trinken. Jetzt in den Sommerferien fällt mir auf, dass auch das Essen immer schwieriger wird. Ihn überhaupt überzeugen zu können, etwas zu essen oder auch Essen, dass er immer mochte, wird plötzlich verweigert. Lange sitzen bleiben beim Essen geht sowieso kaum, leider ist mein Mann da sehr strikt und deswegen kracht es auch immer öfter.

Habt ihr Ideen / Tipps, wie man da den Druck rausnehmen könnte?

Was würdest du einer Freundin in der gleichen Familiensituation raten? :slight_smile:

Das weiß ich ja eben nicht. Ich bin wirklich ratlos..ich weiß, dass Druck das falsche ist. Aber wie das ganze angehen?

Ich kenne kein Kind das lange am Tisch sitzen bleiben kann und finde das völlig normal.

Was isst euer Mini denn so über den Tag verteilt?

Geht es dir um die Menge, oder darum dass er das essen soll was “auf den Tisch kommt”?

Zwang beim Essen finde ich persönlich schrecklich. Und ich habe auch nie erlebt, dass das zum Erfolg geführt hat.

Ich bin mir auch sehr sicher, dass kein Kind am gedeckten Tisch verhungert :wink:

Meine Tochter isst zum Beispiel kein gekochtes Gemüse. Aber sie liebt rohes Gemüse. Dann gibt es eben Rohkost für sie. Das macht mir ja auch nicht mehr Arbeit beim Kochen.

Vielleicht magst du nochmals genauer schildern was deine Sorgen sind?

1 „Gefällt mir“

Gemeinsam am Tisch sitzen finde ich wichtig, da hat dein Mann recht aber ich würde die Zeit stark eingrenzen und die kurze gute Phase belobigen . Vielleicht auch spielerisch die Zeit erhöhen.

Vielleicht fehlen ihm auch die Übergänge vom Beenden einer Spielphase und dann in die Essensphase .

Kann er vielleicht beim Vorbereiten der Mahlzeit helfen , oder eine Verantwortung für etwas bekommen?

Wichtig ist, dass er Essen nicht mit Konflikt und was negativem verbindet .
Ich fand es als Kind so schrecklich der Sache nicht gerecht zu werden und immer der Ärger am Tisch wegen mir und immer dieser aufpassende böse Blick meines Vaters .:pleading_face:

Ihr müsst es eurem Sohn nach und nach beibringen und nicht erwarten, dass er es zu können hat.
Dazu kommt dass er ja kein Zeitgefühl hat und Erwachsene ja auch noch nach Lust und Laune die Essenszeit ausdehnen können und parallel erwarten dass das Kind es aushält.
Inhaltlich ihm auch ausreichend Gesprächsraum geben, damit es nicht langweilig ist.

Ich vergesse auch zu essen und kann in bestimmten Essensituationen auch noch heute am liebsten flüchten.

Es kann aber auch sein, das eure Essensituation inc Essensgeräusche ihn überfordert. Schmatzen, schlürfen, lautes Kauen, laute Geschirrgeräusche sind für mich wirklich schrecklich und ich könnte den Tisch umschmeißen.
Das sind Dinge, die z.B unter Medikation besser werden.

Versuche in den Momenten wo er isst das viel Energie in der Nahrung steckt.

Fürs Essen eine interessante Tätigkeit beenden müssen ist für mich manchmal als ob die Welt davon untergeht und es nervt mich so sehr. :sweat_smile:

3 „Gefällt mir“

Es geht mir tatsächlich um die Menge!

Das, was du schreibst, das könnte schon auf ihn zutreffen. Ich hab bei ihm einfach ein wenig Sorgen, weil er eben so wenig ist. Im Gegensatz zu seinem Bruder, den man eher bremsen muss.

warum verweigert er Essen?

Will er stattdessen nur süßes oder Leckerchen oder was ißt er überhaupt?

Wie sieht es mit Joghurts und Quark aus? Geht das ggf. Milch?

Ihm schmeckt nix, er sei satt, .. gibt die diversen Gründe.

Süßes und Softgetränke gehen immer. Mal hatte er ne Phase, da hat er nur Apfelmus mit Müsli gegessen, dann nur Weißbrot mit Olivenöl und Salz, dann nur Toast mit Debreziner. Es sind immer die Extremata.

Bekommt er stimulanzien?

Nein. Er hat auch bisher keine Diagnose.

Es war schon ein riesen Kampf mit meinem Mann, dass wir beim Großen die Diagnostik machen lassen, dander psychosomatische Probleme hat. Und die Medis fangen wir unter großer Skepsis seitens meines Mannes grad beim Großen an.

Dann ist es aber schwierig mit dem Essen, wenn er dann wohl keinen Hunger hat.

Habt ihr schonmal Psychlogischer Hilfe überdacht ggf. ne qualifizierte Ernährungsberatung bei einer Ökotrofologin oder Ernährungsmedizinerin in Erwägung gezogen? ?

Weil das ist dann schon hart

Letztlich muss jeder für sich schauen, zum Essen zwingen kann man niemanden. Tipps sind daher eigentlich kaum möglich.

Mit 7 Jahren ist es natürlich auch krasses Autonomiebestreben, die Kinder merken auch, dass es was mit uns macht, wenn sie nicht essen.

Mein Kleiner (Diagnose Emotionale Störung, inzwischen tippe ich auf PDA oder/und ADHS) ist auch ein extrem picky Eater. Lange am Tisch sitzen geht auch gar nicht.

Geräusche sind auch schwierig.

Grade wenn Kinder das Essen vergessen, ist mir wichtig, das Vorzuleben.

Lange sitzen, Ellbogen vom Tisch, den ganzen Regelkram haben wir schon sehr früh über Bord geworfen.

Die Kinder kamen daher erst zum Tisch, wenn alles fertig war, das hat die Dauer kurz gehalten.

An einem Stuhl haben wir ein Gummiband, damit kann er “spielen” mit den Füßen (Idee von Caroline von St. Ange).

Das hat gut geholfen und ist “unauffällig".

Inzwischen geht es besser, da wird geholfen beim Kochen und Tischdecken.

Interessiert sich dein Kind vielleicht fürs Kochen? Vielleicht schmeckt es ihm besser wenn er mit einkaufen geht und mit aussucht (Obst- und Gemüseabteilung) und/oder zubereitet.

2 „Gefällt mir“

Ich denke, dass man auf die Erwartungshaltung schauen könnte, bzgl was wird gegessen und wann bzw wie wird gegessen.

Phasenweise immer das gleiche essen. Ja mei, wenn Nährstoffe in das Kind kommen… So lange sich die Phasen abwechseln und immer mal wieder was anderes ins Kind kommt, sollte das grob in Ordnung sein.

(Ich kenne das, mal gibt es massenweise Müsli, mal kiloweise Schinkenbrot, aktuell ist Tomate-Mozzarella voll der Hit.)

Wie soll gegessen werden. Am Familientisch mit Randbedingungen A, B und C? Das ist vielleicht gerade zu viel Anspruch. Vielleicht isst er besser ohne den Anspruch an Verhalten und Konversation. Ich habe auch schon oft einen Teller Essen auf dem Tisch stehen lassen, der dann bei passender Gelegenheit leergegessen worden ist.

(Ich kenne eine Familie, da sitzen oft alle mit Kopfhörern und eigener Musik am Abendessen, damit die Stimmung nicht eskaliert. Für viele unvorstellbar, für sie passt es.)

Vielleicht kann sich dein Mann auf ein zeitlich begrenztes “Experiment” einlassen, wo er seine Ansprüche zurückschraubt. Wenn es in dieser Zeit eine Änderung/ Verbesserung gibt → super, irgendwie so weitermachen. Wenn nicht, zurück auf Start und was anderes betrachten.

2 „Gefällt mir“

Ich selber habe immer wieder Phasen, wo ich nur ein bestimmtes Lebensmittel/Gericht essen kann.
Als ich Kind war hatte meine Mutti eine Gaststätte mit Imbiss. Einen Sommer lang habe ich jeden Tag Currywurst gegessen und bin dabei Runden um den Birnbaum gelaufen, bis das Gras weg war. Wunder mich, dass ich damals keine Diagnostik hatte :laughing:

Ich bin noch heute eine „schwierige Esserin“ und schrabbel immer mal wieder am Untergewicht, ABER ich weiß, dass das Phasen sind. Je nach Lebensphase, äußeren und inneren Einflüssen, habe ich da mehr oder weniger Probleme. Emotionaler Stress ist am Schlimmsten für mein Essverhalten.
Zwang wäre genau der falsche Weg. Das geht nur mit Geduld und Nachsicht.
Bei schwierigem Essverhalten gilt nur eins:
Jedes Essen ist besser als kein Essen!

Ich kann die Sorgen deines Mannes verstehen und wahrscheinlich hat er generell Angst vor dem Anderssein. Das ist aber etwas, was er in den Griff bekommen muss. Andernfalls projiziert er diese Ängste auf seine Kinder und schlimmstenfalls erreicht er genau das Gegenteil. Im Falle eures Sohnes eine Essstörung.

Mein Mann meinte auch mal, dass ich wohl eine Essstörung habe. Aber nein, das ist es nicht. Ich liebe Essen. Ich KANN einfach in manchen Zeiten nichts anderes als XY essen. Manchmal kann ich Konsistenzen nicht ertragen, manchmal kann ich mich für nichts entscheiden oder begeistern. Manchmal ist es mir zu anstrengend. Mal passt der Zeitpunkt nicht, mal bin ich voll im Hyperfokus, mal bemerke ich meinen Hunger schlicht nicht. Manchmal gehen nur Trinkmahlzeiten.
Und wenn diese Phase rum ist gibt es zweimal täglich volle Teller und ich hole wieder auf.

Das Beste, was meine Eltern damals tun konnten war, das Thema einfach zu ignorieren und mir das zu Essen zu geben, was ich haben wollte. Zusätzlich haben sie mir immer auch weiteres Essen angeboten, aber nie als Zwang! Immer nur als Option. Es war auch immer etwas da, falls ich doch Hunger bekam. Es war auch total ok, mal während des Spielens zu essen, mal beim Fernsehens, als Ausnahme unter dem Tisch oder, total verrückt, mal Nudeln mit den Fingern, oder zusammen mit der Katze auf der Treppe. Ich habe diese Erinnerungen als glückliche Kindheitserinnerungen abgespeichert.
Ich kann mich allerdings Null an all die gemeinsamen Essen am Tisch erinnern. Das scheint für mich als Kind sehr unspektakulär und unwichtig gewesen zu sein. Glückliche Familienerinnerungen entstanden immer an anderer Stelle, nie am Esstisch. Dort kam es wohl eher zu unangenehmen Gesprächen, Pflichtgedöns, Langeweile usw. Da fehlte mir einfach die Aktivierung, was auch bis heute so ist. Essen allein ist einfach extrem unterstimulierend für mich. Mein Stiefvater, den ich ab dem Jugendalter hatte, bestand auf diese gemeinsamen Mahlzeiten und das war eher keine Zeit für gesunden Bindungsaufbau. Ich bin froh, dass das für mich als jüngeres Kind noch nicht galt und mir da die Freiheit gelassen wurde schon irgendwie zu wissen, was ich gerade brauche.
Ich habe aber trotzdem gelernt am Tisch zu essen und sitzen zu bleiben. Sobald wir außer Haus waren wusste ich, wie man sich benimmt.

Ich bin auch trotzdem, oder gerade WEGEN dieser lockeren Haltung, groß geworden. Wie gesagt, Bindung entstand an anderer Stelle. Oder eben genau durch das Ermöglichen der Freiheit. Ich durfte in dieser Beziehung sein, wie ich war. Das war ok. Alles andere hätte sowieso nicht funktioniert.

Manchmal muss man seine Werte und Regeln hinterfragen. Wer hat sie gemacht und uns gesagt, dass wir sie einzuhalten haben? Warum sollen sie wichtig sein? Sind sie das wirklich? Welchen Sinn haben sie eigentlich und wem nützen sie? Schaden sie uns vielleicht sogar, weil sie einfach nicht zu uns passen? Was würde wohl passieren, wenn wir neue Werte und Regeln etablieren, die mehr zu uns passen? Anarchie, Chaos und gesellschaftliches Scheitern? Oder vielleicht doch Zufriedenheit, Glück, Entspannung, Verbundenheit und gegenseitige Wertschätzung und Akzeptanz?

Dein Sohn wird groß werden. Wenn er in irgendeiner Form neurodivergent ist, dann wird dieses Essverhalten wohl zum Paket dazu gehören. Erziehung wird daran kaum etwas ändern können. Wenn er am Tisch zu wenig isst, dann lasst ihn wo anders essen. Hauptsache, er isst.

7 „Gefällt mir“

Hallo @stehaufmama ! :waving_hand:

Vorweg, ich fühle mit dir! Essen + Kinder kann einen in die Verzweiflung treiben, und dafür müssen sie wahrscheinlich nicht mal Neurodivergent sein. Ich will mir gar nicht ausmalen wie das für dich mit zwei so konträren Essern ist!

Ist er untergewichtig? Hat die Kinderärztin/der Kinderarzt auch Sorgen geäußert?

Falls nicht, würde ich es entspannter angehen…

Unser Sohn (fast 11, mit ADHS-Diagnose) ist auch ein “Extrem-Wenig-Esser” und isst und trinkt nicht mal Süßes wenn er keinen Hunger hat, und den hat er leider nicht oft. Manche Konsistenzen bereiten ihm einfach Schwierigkeiten, die vermeide ich natürlich in der Essensplanung. (Dafür probiert er alles aus, liebt Sushi, Muscheln, Steak, Gemüse, und vieles das “typische” Kinder meist nicht wollen… aber von allem nur wenig.) Und wenn er isst, im Schneckentempo, dass man daneben verzweifelt.

Bei uns war die Essenssituation (quasi von Geburt weg) auch immer angespannt, mal besser, mal schlechter. (Den Satz: “Weniger reden, mehr essen!” haben mein Mann und ich bestimmt tausende Male schon gesagt. :sweat_smile: )

Unsere Kinderärztin hat mir sehr früh den Satz gesagt, “ein gesundes Kind verhungert nicht”, und solange er nicht untergewichtig ist, sollen wir ihn essen lassen was und wie er will… (bei unserem sicher einfacher weil er auch keine Unmengen an Süßkram isst und abwechslungsreicher isst als die meisten Erwachsenen). Wir haben dadurch auch gemerkt, dass er ein sehr intuitiver Esser ist :star_struck: und er das, was er/sein Körper gerade braucht vermehrt isst. (z.B. vor einem Wachstumsschub isst er immer total viel Fleisch und Milchprodukte)

Wir schrammen nun seit Jahren am Untergewicht vorbei, aber wir zwingen ihn zu nichts mehr (friendly reminder gibt es dennoch häufig). Meist isst er nur Mittags und Abends, in den Ferien/Urlaub manchmal auch schon Vormittags. In der Schule hat er sowieso keine Zeit für so profane Tätigkeiten. :woman_facepalming:

(Bezüglich Trinken “nötigen” wir ihn schon zu drei x 0,5 Liter Wasser am Tag, da er an manchen Tagen sonst gar nichts trinken würde.)

Ich kann dir leider auch keine “Standardlösung” anbieten, aber bei uns hat sich gezeigt, desto entspannter mein Mann und ich sind, desto besser funktionieren bei uns die Mahlzeiten. Und seit wir ihn machen lassen wie er will, haben wir viel über und mit ihm gelernt.

Und natürlich wird es besser desto älter sie werden! :sweat_smile:

Ich wünsche dir ganz viel Kraft und halte durch! :waving_hand:

2 „Gefällt mir“

Nein, darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Aber danke für den Anstoß!

Wow, danke für deine ehrlichen und ausführlichen Worte!

Ich bin mir sicher, dass er groß werden wird. Das Hauptproblem ist glaube ich wirklich mein Mann mit seiner Einstellung. Er will das Thema Neurodiversität im Zusammenhang mit uns als Familie nicht näher besprechen, will die Kinder so nehmen, wie sie sind, hat aber dann doch ständig was dran auszusetzen. Seufz…

2 „Gefällt mir“

Ich kann das sehr gut verstehen :disappointed_face:
Ich selbst habe als Mutti auch vieles falsch gemacht, weil ich unbedingt wollte, dass meine Kinder „normal“ sind. Normal im Sinne von gut integriert, erfolgreich, glücklich.
Dabei habe ich sehr vieles erwartet, was „man so macht“.
Ich habe dabei gar nicht gemerkt, dass das ganz gegensätzlich zu dem war, was ich selbst als junges Kind erfahren durfte.
Ich wusste als Mutti nicht, welchen Weg ich einschlagen sollte. Ich habe mich an Ratgeber gehalten und an das, was die Gesellschaft offensichtlich von mir und meinen Kindern erwartet. Ich wollte alles richtig machen.

Gerade mit meinem Sohn muss ich da viel aufarbeiten. Ich war eine strenge und wenig verständnisvolle Mutter. Ich habe viel geschimpft und viel erwartet. Aus Angst, mein Sohn könnte im Leben scheitern.

Heute habe ich selbst meine Diagnose. Wir alle in der Familie haben mindestens eine davon; alles im Bereich ADHS und ASS.
Mein Sohn kann jetzt als junger Erwachsener endlich anfangen, seine ADS (und vielleicht auch etwas ASS) anzunehmen. Er lernt leider erst jetzt, was genau die Diagnose für ihn bedeutet und wie er damit umgehen kann. Mein Unwissen damals hat dazu geführt, dass er seine Diagnose abgelehnt und die Augen davor verschlossen hat. Er wollte meinen Ansprüchen genügen und „normal“ sein. Leider war das Ergebnis, dass er sich nicht damit befasst hat und keine Lösungen für seine Probleme suchen wollte. Er hatte ja „keine Probleme“.

Es tut mir heute unfassbar leid, dass ich damals so krampfhaft versuchte, das Kind in Ordnung zu bringen. Aber eben mit den falschen Methoden. Ich hätte mehr Wissen zu Neurodivergenz gebraucht, mehr Begleitung durch Fachkräfte. Ich hätte von meiner eigene Neurodivergenz wissen müssen. Jemand hätte mir sagen müssen, dass es eine große erbliche Komponente gibt.
Ich hätte meinem Sohn schon damals viel besser helfen können, wenn ich sein Sein vollends akzeptiert hätte. Denn seine guten Seiten habe ich durchaus gesehen, aber nie mit der Diagnose in Verbindung gebracht. Nicht als zwei Seiten der selben Medaille. Stattdessen habe ich das Positive als Maß genommen und von ihm erwartet, in allen Bereichen diese Leistungen erbringen zu können. „Du kannst das doch hier auch, warum nicht in dem anderen Bereich? Streng dich mehr an, ich sehe doch, dass es geht!“
Nein, es ging eben nicht. Und um mich nicht zu enttäuschen, hat sich mein Sohn oft in sich selbst zurück gezogen und eben verdrängt und versteckt, wenn etwas nicht ging.

Heute weiß ich viel mehr. Meine Tochter wächst ganz anders auf. Mit viel mehr Verständnis und Unterstützung. Davon profitiert auch mein Sohn. Er spürt, dass ich mich verändert habe. Und auf einmal kann auch er sich öffnen und sich mit seiner Diagnose auseinandersetzen. Er nimmt sein Leben jetzt selbst in die Hand und kümmert sich jetzt um therapeutische Behandlung. Er erkennt jetzt, dass seine Art zu sein nicht unbedingt falsch ist, aber dass er Unterstützung benötigt. Und erst jetzt kann er wirklich an den Problemen arbeiten, die er hat. Und nun kommt er auch mehr und mehr zu mir, wenn er Hilfe benötigt. Denn er bekommt von mir endlich die Unterstützung, die er braucht. Nicht mehr nur Vorwürfe und neurotypische Tipps und Erwartungshaltungen.

Vielleicht kannst du deinen Mann mit meinen Erfahrungen erreichen. Ich glaube, ihn verstehen zu können. Sein momentaner Weg ist aber leider nicht der Richtige.
Es ist, als wolle er einen im Wind wachsenden Baum gerade nach oben wachsen lassen. Das macht ihn aber angreifbar. Er muss sich biegen, gegen den Wind, schief, aber stark und wehrhaft. Unsere Bäume stehen nun mal nicht auf einer windgeschützten, geraden Wiese. Sie wachsen auf Klippen und in Tälern, auf Bergspitzen und wilden Hängen. Sie sind Bonsais, die man behutsam formen muss. Keine perfekt geraden Parkbäume. Das sind wir doch selber nicht.
Wir Eltern brauchen Geduld mit uns und mit ihnen. Den Blick dafür, was sie sind und wie wir sie sorgsam aufziehen können, ganz nach ihrer Art.
Dafür benötigt es erstmal die Akzeptanz dafür, dass es nun mal kleine Bonsais in anspruchsvoller Umgebung sind. Aber wenn man das einmal verstanden hat, wir alles leichter.

5 „Gefällt mir“

Liebe Hobbyhopper!

So vieles was du im Forum schreibst geht mir sehr ähnlich. Aber du kannst es viel besser in Worte fassen und schreibst mir oft direkt aus dem Herzen.

Ich danke dir für deine einfühlsamen Worte und deine Gabe die Dinge zu benennen und auf den Punkt zu bringen.

Ich danke dir auch für das Teilen deiner Familiengeschichten, den Erfahrungen mit deinen Kindern, da ich da schon sehr oft sehr profitiert habe.

Danke :heart:

5 „Gefällt mir“