Fehlgeleiteter Aufwand
Man kann sich im Namen der Barrierefreiheit einen Heidenaufwand machen, der ggf. nutzlos bis kontraproduktiv ist. Meistens ist das sicher lieb gemeint oder ein Versuch, die einschüchternden Richtlinien zu befolgen. Aber es hat Ausmaße angenommen, sodass ich ohne uBlock Origin kaum noch surfen kann. Außerdem ist es schade, weil die Energie in andere Baustellen gesteckt werden könnte, von denen es mehr als genug gibt.
Bildbeschriftungen
Man sollte sich immer klar machen, dass ein Bild in Sekundenbruchteilen erfasst wird und seine Wirkung ausübt, ein Screenreader muss die ganze Beschriftung aber vorlesen. Als Faustregel gilt: Bitte nicht länger als 150 Zeichen, so kurz wie möglich. Beim ÖRR und generell im Medienbereich wird diese regel nur selten eingehalten.
Tipp: Wer das irgendwie hinbekommt, kann einmal das laden von Bildern im Browser komplett abschalten, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Heute ist das leider schwieriger geworden. Bildbeschriftungen sind platzhalter, keine vollständigen Beschreibungen.
Ein typisches Beispiel, wo so etwas besonders ablenkend und nervig ist, sind Artikelteaser. So ein Teaser besteht normalerweise aus einem Bild und einem Titel.
Das ist die Bildbeschriftung (Alternativtext):
Das Bild zeigt wie an der Brücke an der Bornholmer Straße große Menschenmassen versuchen, einen Blick auf Bundeskanzlerin Angela Merkel, den ehemaligen Sowjetpräsidenten Michail Gorbatschow und den ehemaligen polnischen Solidaritätsführer Lech Walesa zum 20. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 2009 in Berlin zu werfen. Die drei Anführer sollten die Brücke und den darunter liegenden Bahnhof besuchen, weil dort 1989 die Wachen den ersten Grenzübergang öffneten und den Ostberlinern erlaubten, ungehindert nach Westberlin zu gehen.
Das sind 546 Zeichen. Die Formel „Das Bild zeigt wie“ kann man sich sparen, dann werden es 528 Zeichen, immer noch viel zu lang. Inhaltlich würde ich mal tippen, dass dieser Text mehr Informationen und historische Hintergrundbildung enthält als die „normalen“ Leser von sich aus mitbringen würden. Das muss ein Alternativtext nicht leisten. Im Gegenteil, das drumherum verschleiert den Kern: das Ereignis zum 20. Jahrestag des Mauerfalls in Berlin. Das wären 51 Zeichen. Echt jetzt, ich musste mindestens dreimal lesen, um alles aufzudröseln und meine Beschriftung ist sicher nicht perfekt.
Hier im konkreten Fall ist es nicht nur ein Alternativtext, sondern auch ein Tooltip, den sich Sehende anschauen können. Das entspricht eher einer einblendbaren Caption oder Beschreibung, nicht einer Beschriftung oder Label. Das ist ein Unterschied.
- Beschriftung: an einem Gegenstand sofort sichtbar/wahrnehmbar
- Beschreibung: erst durch aktives Fokussieren wahrnehmbar
Ob der text oben zumindest eine gute Beschreibung (Caption) ist, wäre noch eine ganz andere Frage.
Technischer Einschub
Eine einfache Kompromisslösung ist, dem Bild sowohl ein alt-Attribut mit einer kurzen Beschriftung als auch ein title-Attribut mit der ausführlichen Beschreibung zu geben. Dann liest der Screenreader den kurzen text vor und wartet kurz mit dem langen, das gibt einem zumindest kurz Zeit um schnell weiterzugehen. Im CMS gäbe es dann halt immer zwei texte pro Bild zu managen: Beschriftung und Beschreibung.
Auf der Artikelseite selbst würde ich das so umsetzen. Bei den Teaser-Karten würde ich aber sagen: konsequent ausblenden mit leerem alt-Attribut. Im Template würde sich das ja so einrichten lassen.
Generative KI wird auch zum Beschreiben von Bildern eingesetzt. gerade da werden die Texte viel zu ausführlich und verfehlen den Kern, weil die KI keinen kulturellen Bezug hat. Solche Texte automatisiert zu generieren erzielt verdammt schlechte Trefferquoten, es geht kaum ohne richtig mitzudenken.
Wenn man diesen Aufwand nicht leisten kann, z.B. weil es so massenhaft viele Bilder sind, ist die bessere Lösung, das Bild für Screenreader und Browser ohne Grafik komplett auszublenden (leeres Alt-Attribut setzen). Das ist ok, solang das Bild keine wichtigen Zusatzinformationen beiträgt, also wenn ohne das Bild nicht wirklich etwas fehlt.
Manchmal werde ich gefragt, wie man Bilder für mich gut beschreiben könnte. Ehrlich gesagt würde ich oft aber am liebsten schreien: „Gar nicht!“, weil ich mit viel zu vielen schlechten Bildbeschreibungen zugespamt werde. Die Menschen sollten sich wieder mehr auf gute Bilder konzentrieren, dann sehen wir weiter.
Zusätzliches Ärgernis bei Teasern ist, dass das Bild über dem Titel ist und die Beschreibung mir immer vor dem Titel vorgelesen wird. Da bekommt man ja wahnsinnig Lust aufs Lesen.
Technischer Einschub
Man kann die Reihenfolge in HTML umdrehen (erst Titel, dann Bild) und die darstellung mit CSS wieder umdrehen; etwas gefummel und für anspruchsvolle Designer mit übergroßem Ego nicht rundweg zufriedenstellend, geht aber.
Tut mir leid, aber auf Designer (nicht entwickler) schiebe ich zunehmend Frust. Für UX spielen die eigenen ästhetischen Vorstellungen eine weit geringere Rolle als in der Kunst. Gelb auf weiß sieht vielleicht individuell aus, ist aber schwer zu lesen.
Wie auch immer: ubLock Origin rettet mich mal wieder, weil ich damit gezielt die Bilder auf solchen Seiten komplett ausblenden kann.
Kennzeichnung von Sprache
Auf Websites kann man von Text die sprache mit angeben. Die Idee ist, dass screenreader automatisch auf eine Sprachausgabe umschaltet, die die jeweilige Sprache spricht. Manche Leute kennzeichnen aber auch Lehnwörter und Fremdwörter, was völlig an der Idee vorbei geht. Sprachausgabe, die ständig switcht, kann sehr nervig sein. Daher kann man z.B. auch bei Markennamen darauf verzichten. Keine Angst, auch wenn die Aussprache manchmal weird klingt, wissen Leute i.d.R., was gemeint ist.
Bei längeren Passagen, die wirklich in einer Fremdsprache geschrieben sind, ist es legitim. Witz des Tages: Fast alle blinden deaktivieren aber das Feature der automatischen Sprachumschaltung. Schließlich weiß man meistens selber schon, ob man gerade eine englische oder ukrainische seite besucht und kann eine entsprechende Stimme selbst einstellen. Immerhin lässt es sich deaktivieren, sonst müsste man auch noch mit uBlock die lang-Attribute wegmachen.