Ja, diesen Vorwurf kenne ich auch.
Meine Standardantwort:"Ich mache meine Sache gerne gut. Schnelligkeit kommt mit der Routine".
Hatte auch erst vor 1-2 Monaten so eine Situation. Wurde schließlich so unerträglich, daß ich nachfolgenden Brief an meine Chefin verfaßte:
Betreff: Unsere Zusammenarbeit / Mein Arbeitsstil und gesundheitliche Grenzen
Hallo C.,ich schreibe dir diesen Brief, um Bezug auf unsere Zusammenarbeit und die Situation auf den Baustellen in den letzten Wochen und Monaten zu nehmen. Mein Gestriger Vorschlag du solltest mich kündigen, war ein Ausdruck tiefer Frustration. Wir reden aneinander vorbei, und mein Arbeitsstil scheint dich massiv zu triggern.
Ich möchte dir offen und sachlich erklären, warum ich so agiere, wie ich es tue, und welche schweren Konsequenzen dein Verhalten mittlerweile für meine Gesundheit hat. Mein Verhalten ist weder mangelnder Respekt noch Faulheit.
Ich bin hochqualifiziert: Ich habe vier Berufsabschlüsse, bin gelernter Industriemechaniker, Steinmetz/Bildhauer (20 Jahre Denkmalpflege), Betreuungskraft und Gärtner. Ich beherrsche mein Handwerk.
Allerdings funktioniert mein Körper und mein Nervensystem aufgrund medizinischer Diagnosen anders als bei anderen Menschen:
Der Vorwurf, ich arbeite „wie eine Schlaftablette“ / Mein als langsam wahrgenommenes Arbeiten: Durch mein ADHS (vorwiegend unaufmerksamer Typ) und das Klinefelter-Syndrom verarbeite ich Reize und Informationen anders. Ich brauche für die innere Strukturierung einer Aufgabe manchmal einen Moment länger. Ich arbeite nicht aus Unlust in einem gefühlten anderen Tempo, sondern ich arbeite konzentriert, bedacht und fehlerfrei. Schnelle, hektische Arbeitsabläufe oder ständige Korrekturen führen bei mir zu Fehlern.
Meine Bewegungen („staksig“): Das Klinefelter-Syndrom ist eine angeborene genetische Besonderheit, die unter anderem meine Motorik beeinflusst. Meine Bewegungsabläufe wirken dadurch manchmal unrund oder steif. Das ist eine körperliche Gegebenheit, die ich nicht ändern kann.
Umgang mit Kritik und Wutausbrüchen: Aufgrund einer komplexen PTBS (die aus ADHS und Klinefeltersyndrom resultiert), ist mein Nervensystem chronisch überaktiviert. Deine ständigen Wutausbrüche und die Dauerkritik versteht mein Gehirn als existenzielle Bedrohung.
Die konkreten Folgen für mich:
Dein Verhalten überschreitet meine gesundheitlichen Grenzen bei Weitem. Diese für mich als gefühlte Schikane erlebte Situation raubt mir seit Wochen den Nachtschlaf. Ich liege stundenlang im Bett und bin in tagelangen Grübelschleifen gefangen. Das drückt mich zunehmend in eine Depression. Was für mich jedoch am gefährlichsten ist: Dieser massive, chronische Stress erzeugt in mir nach 18 Jahren stabiler und harter Trockenheit wieder einen spürbaren Suchtdruck. Meine Abstinenz lasse ich mir von niemandem gefährden.
Ich habe in meinem Leben schwerste Krisen bewältigt, zuletzt den Verlust beider Eltern, bin seit 18 Jahren trocken, pünktlich und extrem erfahren. Ich möchte meine Arbeitskraft voll in den Betrieb einbringen. Weil die Situation hier für mich aber psychisch kaum noch tragbar ist, habe ich bereits begonnen, wieder Bewerbungen zu schreiben, um mich im Ernstfall selbst zu schützen.
Was ich für eine weitere Zusammenarbeit brauche:
Klare, sachliche Ansagen: Sagt mir präzise, was das Tagesziel ist, statt im Nachhinein oder unablässig während meiner Arbeit zu kritisieren.
Professionalität statt Emotionen: Kritik an meiner Arbeit nehme ich sachlich an. Lautstärke, Beleidigungen und Kritik an meiner Persönlichkeit oder meiner körperlichen Natur verbitte ich mir ab sofort.
Wenn du meine Denkweise „nicht verstehst“, ist das in Ordnung. Du musst meine Diagnosen nicht medizinisch verstehen, aber ich erwarte, dass sie als Realität akzeptiert werden. Ich kann mich nicht wie ein „neurotypischer Standard-Mann“ verhalten – das ist mir biologisch und neurologisch unmöglich.
Lass uns gerne in den nächsten Tagen kurz und in Ruhe zusammensetzen, um zu besprechen, ob eine professionelle und respektvolle Zusammenarbeit auf dieser Basis für dich denkbar ist.
Mit freundlichem Gruß
Das Gespräch fand statt und seitdem geht’s.
Zugegeben, ich arbeite seit Jahresbeginn wieder im Handwerk in einem 3 Personen Betrieb. Das ist natürlich etwas anders als in einer Schule. Aber die vergangenen 10 Jahre war ich in Senioreneinrichtungen beschäftigt und kenne (und hasse) diese ganzen Machtspiele zur Genüge.
Und da ich weiß, daß ich für diese ganzen Scharmützel überhaupt kein Talent habe, lasse ich mich auch nicht darauf ein. Entweder Zusammenarbeit oder Tschüß