CO₂, Gehirndurchblutung und ADHS – wer hat Erfahrungen?

Hallo zusammen,

es gibt einen wichtigen, aber kaum diskutierten Zusammenhang: Schon gering erhöhte CO₂-Werte in der Luft verändern die Gehirndurchblutung. Das ist medizinisch nachgewiesen. CO₂ sorgt über den sogenannten Bohr-Effekt dafür, dass Sauerstoff leichter aus dem Blut ins Gewebe abgegeben wird. Gleichzeitig erweitert es die Gefäße und steigert so die Durchblutung – auch im Gehirn.

Dazu kommt ein dringender Verdacht: CO₂ könnte das „Default Mode Network“ (DMN) im Gehirn fördern. Dieses Netzwerk ist zentral für innere Ruhe, Selbstwahrnehmung und emotionale Regulation. Genau dort haben viele ADHS-Betroffene Schwierigkeiten – das DMN ist bei ihnen oft unteraktiv oder schlecht eingebunden.

Meine Frage an das Forum:

Habt ihr beobachtet, dass eure Kinder in CO₂-reichen Situationen (z. B. im Auto, in kleinen Räumen, beim Einschlafen im Schlafzimmer) entspannter werden? Also nicht unruhiger, sondern im Gegenteil ruhiger, weniger getrieben, vielleicht sogar zentrierter?

Mich interessiert sehr, ob ihr solche Erfahrungen kennt oder schon mal Beobachtet habt.

Über jede Rückmeldung freue ich mich wirklich – vielen Dank schon jetzt fürs Teilen eurer Beobachtungen!

Liebe Grüße

Also ich weiß von mir, dass ich z.B. im vollen warmen Bus schnell müde werde. Dann sehne ich mich nach frischer Luft. Denn nach kurzer Zeit setzt Hirnnebel ein.

Zu viel CO2 in der Luft ist ungesund. Ich wüsste nicht, dass höhere CO2 Konzentration außen die Durchblutung im Hirn fördern würde. Da würde mich doch mal die Quelle interessieren.

1 „Gefällt mir“

Also hier steht schon, dass die Durchblutung erhöht ist. Aber nicht die Versorgung mit O2. Es dient dem beschleunigten Abtransport des CO2.

Danke für deine Nachfrage, – ich erkläre das gern im Detail.

1. Grundsätzliches zu CO₂ im Körper

CO₂ ist kein Giftgas im engeren Sinn, sondern ein normaler Bestandteil der Atemluft und des Stoffwechsels. Unser Körper reguliert den CO₂-Partialdruck im Blut sehr fein, weil er direkt die Durchblutung und den pH-Wert beeinflusst. Schon kleine Schwankungen im Bereich 35–45 mmHg (normaler arterieller pCO₂) verändern die Gefäßweite im Gehirn.

  • Mehr CO₂ im Blut → Gefäße erweitern sich → stärkere Durchblutung.

  • Zusätzlich tritt der Bohr-Effekt ein: Bei höherem CO₂ (und niedrigerem pH) gibt das Hämoglobin Sauerstoff leichter ab. Das bedeutet: die Organe – insbesondere das Gehirn – bekommen tatsächlich mehr nutzbaren Sauerstoff, ohne dass der O₂-Gehalt im Blut selbst steigt.

Diese Effekte sind in der Medizin seit langem bekannt. In der Neurologie nutzt man z. B. den „CO₂-Reaktivitätstest“, um die Gefäßantwort des Gehirns zu prüfen.


2. CO₂-Konzentrationen im Alltag

In der Außenluft haben wir heute etwa 420 ppm CO₂.

  • In Klassenzimmern, Büros, Autos oder Schlafzimmern sind Werte von 1.000–2.000 ppm sehr häufig, manchmal auch 3.000–4.000 ppm.

  • Ab deutlich über ca. 5.000 ppm beginnt die klassische „Gesundheitsgefährdung“.

  • Das heißt: die typischen Werte, die wir in Innenräumen antreffen, sind zwar erhöht, aber weit entfernt von toxischen Bereichen.


3. Zusammenhang mit dem Gehirn und ADHS

Das Gehirn ist extrem durchblutungsabhängig. Ein spezielles Netzwerk ist hier besonders interessant: das Default Mode Network (DMN).

  • Das DMN ist in Ruhe aktiv und unterstützt Selbstwahrnehmung, innere Stabilität, Tagträumen, emotionale Regulation.

  • Bei Aufgaben schaltet es normalerweise herunter, um Platz für exekutive Netzwerke zu machen.

  • Bei ADHS zeigen viele Studien:

    • Zu geringe Aktivität in Ruhe → innere Unruhe, Probleme beim „Herunterkommen“.

    • Unvollständiges Abschalten bei Aufgaben → ständige Störung durch „Mind-Wandering“.

    • Insgesamt: ein instabiles, dysreguliertes Netzwerk.

Fazit:

  • Das DMN liegt in Regionen, die stark durchblutungsabhängig sind (mPFC, PCC, Hippocampus).

  • Wenn CO₂ steigt, verbessern sich dort Durchblutung und O₂-Freisetzung.

  • Dadurch könnte das DMN kurzfristig stabiler werden – und Betroffene erleben eine paradoxe Beruhigung. Default Mode Network – Wikipedia


4. Beobachtungen im Alltag

Viele berichten, dass Kinder oder Erwachsene in „stickigen“ Situationen (Auto, kleine Zimmer, Einschlafphase im Schlafzimmer) nicht nur müde, sondern auch entspannter, ruhiger oder sogar ausgeglichener wirken.

Und genau hier passt auch deine Beobachtung: Dass man sich in stickiger Luft müde fühlt, ist keine „Vergiftung“, sondern eine normale Folge. CO₂ erweitert die Gefäße, das Gehirn wird stärker durchblutet, der Stoffwechsel schaltet in den Ruhemodus – und Müdigkeit setzt ein. Das ist physiologisch gesehen ein Signal für Entspannung und Übergang in den Ruhemodus. Für ADHS-Kinder, die oft Probleme haben, überhaupt zur Ruhe zu kommen, könnte genau das ein Vorteil sein.

Umgekehrt stimmt auch:

  • Zu hohe CO₂-Werte (über ca. 2.500 ppm) beeinträchtigen exekutive Funktionen – Entscheidungsfähigkeit, komplexes Problemlösen, schnelle Reaktionen. Das zeigen Studien von Satish et al. (2012, 2016).

5. Bedeutung für ADHS

Wenn ADHS mit einer DMN-Schwäche verbunden ist, dann könnte CO₂ genau dort ansetzen, wo das Problem liegt:

  • In Ruhe mehr Stabilität, weniger Getriebenheit.

  • Beim Einschlafen leichterer Übergang in Ruhephasen.

  • In gewissen Umgebungen mehr innere Regulation.

Das heißt nicht, dass CO₂ ein „Medikament“ ist oder ADHS heilt – aber es könnte eine unterschätzte Variable sein, die erklärt, warum Kinder und Erwachsene auf Raumluft so unterschiedlich reagieren.


6. Fazit

  • CO₂ steigert die Hirndurchblutung und erleichtert die Sauerstoffabgabe – das ist medizinisch gesichert.

  • Das DMN ist bei ADHS oft geschwächt.

  • Moderat erhöhte CO₂-Werte könnten das DMN kurzfristig stützen und so paradoxerweise Ruhe fördern.

  • Zu hohe Werte dagegen verschlechtern die Leistung – Müdigkeit, Hirnnebel, Kopfschmerzen.

Darum ist es spannend, im Alltag genau hinzusehen: Werden ADHS-Kinder in stickiger Luft unruhiger oder ruhiger? Das könnte ein entscheidender Hinweis sein.

Mich würde sehr interessieren, welche Beobachtungen ihr dazu gemacht habt – jede Rückmeldung hilft, das Bild klarer zu machen. Vielen Dank!

Mir ist noch nicht ganz klar, wieso es hier speziell um Kinder geht.

Das tut es nicht. Ich ging nur davon aus, das ein Großteile der Forumsteilnehmer hier Eltern sind und für ihre Kinder regergieren. Also darf sich sehr gerne jeder hier angesprochen fühlen.

:adxs_noidea:

Dann empfehle ich, mal ein bisschen im Forum zu lesen, damit Du überhaupt weißt, welche Zielgruppe Du gerade angeschrieben hast.

Mich würde interessieren, welche Motivation Deiner Frage zugrunde liegt.
Bist Du Elternteil eines betroffenen Kindes? Selbst betroffen? Hast Du berufliches Interesse?

Ja Verzeihung. Ich habe selbst seit 55 Jahren ADS und beschäftige mich eben genau deshalb seit Jahren intensiv mit unserem Gehirn. Das Thema CO₂ und Durchblutung ist mir dabei immer wieder begegnet und ich habe selbst sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Ich frage hier aus ernsthafter Neugier und weil es mir ernst ist und ich wirklich verstehen möchte, ob andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Mir ist klar, dass jeder unterschiedlich reagiert – genau das interessiert mich. Manche berichten von Müdigkeit, andere vielleicht von Ruhe oder sogar besserem Einschlafen. Für mich wäre spannend, ob ihr solche Unterschiede auch kennt.

Viele therapieren sich selbst mit Zigaretten. Nur so als Tipp zum Ausprobieren. Eine Zigarette hat 40.000 pmm CO2. Bei mir hat ein umfunktionierter Soda Stream genausogut funktioniert…

Das ADHSler, insbesondere undiagnostizierte, sich selbst mit Nikotin, Alkohol etc. selbst therapieren, ist den meisten hier bekannt.

Wieso Du aktiv zum Rauchen aufforderst, erschließt sich mir allerdings nicht. Rauchen ist so dermaßen ungesund. Du solltest nicht zur Anwendung von Drogen raten.

1 „Gefällt mir“

https://adhs-forum.adxs.org/t/no2-und-adhs-symptome/1599

hier gabs mal irgendwas mit gasen oder so, falls es hilft. richtig lüften soll wohl helfen oder sowas. :man_shrugging:
ich hab da aber ein bisschen rumgeärgert. :grin:

ci hglaub die vertreiben auch lüfter, keine ahnung ist lang her.

Funktionierender Link:

Und nein, Andreas war da vielleicht ein wenig schräg unterwegs, aber keineswegs im Eigeninteresse. Kein Vertrieb von Produkten oder sowas.

Es gab ja diesen Link, der geht aber nicht mehr und ich meine mich zu entsinnen, dass ich dann irgendwann auf irgendwas mit Firma und Luftreinigung oder ähnliches gestoßen bin, ich denke ich wollte irgendwas finden… hatte dass dann so in meinem Kopf abgespeichert.

Tut mir Leid auch wenns mir schwer fällt komplett davon überzeugt zu sein mich dafür zu entschuldigen. Ich bin manchmal wie ein bekloppter und sehe dann nur schlechtes in den Menschen, obwohl gar nichts davon vorhanden ist.

Das war Mist.

Glaube eher weniger das mehr Sauerstoff oder was auch immer bei ADHS helfen soll. Es gibt leider Menschen die alles glauben was ihnen vorgesetzt wird.

Ich war 2,5 Jahre im ehrenamtlichen Katastrophenschutz und weiß daß wir bei Hyperventilation passende Atmungsbeutel hatten damit die Leute praktisch ihr eigenes CO2 einatmen und dadurch sich entspannen.

Kann mir aber nicht vorstellen das es bei ADHS hilft… da braucht es schon andere Ansätze und Medizin..

Gleich kommt der nächste um die Ecke mit Esst mehr Fisch und bla bla und dann wird alles gut

1 „Gefällt mir“

Das liegt daran, dass man beim hyperventilien zu viel CO2 abatmet, einen gewissen Anteil braucht man aber im Körper.
Wofür, habe ich grade vergessen, muss ich noch mal nachschauen

Ich hab dazu etwas recherchiert, weil ich häufig hyperventiliere (Stresssymptom) und mich deshalb viel mit Atemtechniken und Vagusnerv Stimulation beschäftige.
Nachtrag:

Sauerstoffmangel ist ein sehr zentraler Ursachenpfad für ADHS.

  • In der Schwangerschaft: Gestose
  • bei der Geburt: Hypoxie durch Geburtskomplikationen
  • Frühgeborene durch unausgebildete Lunge
  • Schlafbezogene Atmungsstörungen (Schnarchen Schlafapnoe)

Bei Hyperkapnie (z.B. Atemwegserkrankungen oder schlecht belüftete Räume) bessern sich die Adhs ähnlichen Symptome nach Behandlung der Hyperkapnie.

Spannend – aber es ist eher umgekehrt.
Viele dieser Symptome entstehen, wenn man zu wenig CO₂ im Blut hat (z. B. durch zu viel Frischluft oder flache Atmung).
Wenn der CO₂-Wert wieder normal ist, beruhigt sich das Nervensystem automatisch.

1 „Gefällt mir“

Ja genau – das passt zusammen.
CO₂ steuert ja genau diesen Mechanismus: Es regelt, wie viel Sauerstoff im Gehirn überhaupt ankommt.
Über den Bohr-Effekt sorgt CO₂ dafür, dass Hämoglobin den Sauerstoff im Gewebe auch abgibt.
Wenn CO₂ fehlt (Hypokapnie), bleibt der Sauerstoff im Blut gebunden – das Gehirn bekommt dann trotz hoher O₂-Sättigung zu wenig.

danke

Das wenn ich zu viel CO2 im Blut habe, ich nicht verwirrt werde?

Nur wenn du’s übertreibst :wink:
Ein bisschen mehr CO₂ tut dir eher gut: Es erweitert die Hirngefäße, verbessert die Sauerstoffabgabe und beruhigt das Nervensystem.
Erst wenn’s wirklich viel wird – also über ca. 1 % CO₂ in der Luft (≈ 10.000 ppm) – meldet sich dein Körper automatisch.
Dann bekommst du das ganz natürliche Bedürfnis, rauszugehen oder tiefer zu atmen.

Das ist kein Schaden, sondern ein eingebauter Schutzmechanismus.
Dein Atemzentrum im Hirnstamm regelt das blitzschnell – darum ist „zu viel CO₂“ im Alltag praktisch unmöglich.

1 „Gefällt mir“