Diagnose "im Alter"?

Hallo,

ich wende mich hier an das Forum, weil ich Rat suche.

Zu meiner Person: Ich bin 48 Jahre alt, verheiratet, 3 Kinder und leide seit meiner Kindheit an Depressionen und Zwängen.

Vor zehn Jahren kam mir der Gedanke, dass da neben meinem bekannten Diagnosen noch etwas ist, was bisher nicht beleuchtet wurde.

Es deutet meines Erachtens manches darauf hin, dass ich an ADHS leide.

Ich würde das gerne testen lassen, habe aber gelesen, dass dies bei Erwachsenen wohl nicht so einfach sei.

Was ratet Ihr mir ?

Danke.

Grüße Ralf

Hi @Mowgli
ich hab Anfang des Jahres meine ADHS Disagnose mit 52 Jahren erhalten… zum Glück.
mach in jedem Fall die Diagnose. Vermutlich hast du ja bereits einen Psychiater/Neurologen. Sprich den in jedem Fall an, evtl hat er ja selbst eine Möglichkeit zusammen mit einem Psychologen die Diagnose zu stellen. Ansonsten mach dich schlau welche stellen in deiner Gegend die Diagnose machen können und telefonier die ab um einen (oder mehrere) Termine zu bekommen. Das ist zwar anstrengend, kann auch sein das du erstmal termine für in einem Jahr bekommst, aber letztendlich ebhältst du am ende den frühesten Termin den du ergatterst und kannst dann ja die anderen wieder absagen.
Der Test bei Erwachsenen ist der gleiche, egal ob du 21 oder 50 Jahre alt bist.
LG
Hagbard

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Bei mir wurde es Ende letzten Jahres diagnostiziert. Zu dem Zeitpunkt 32…

Du wirst einige Tests machen müssen und (vermutlich) sofern vorhanden Grundschulzeugnisse vorlegen dürfen.

Aber ganz ehrlich: Lass dich testen!
Mir hat es persönlich sehr viel gegeben dass ich nun endlich antworten auf so viele Fragen habe :wink:

Ach ja, nur als Tipp:
Mach dir schon mal Notizen.
Schreib alles auf was du für dich persönlich mit ADHS bei deinem Verhalten und empfinden in Verbindung bringst.

Und lass dir Zeit damit.
Schreib immer wieder was auf was dir auffällt.

War bei meiner Diagnose nur hilfreich :slight_smile:

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@Hagbard und @ZappelPhilipp:

Danke für Eure Beiträge.
Von wem ging denn in Euren Fällen die Initiative zur Testung aus ?

Ich habe da etwas die Befürchtung, wenn ich eine Verdachtsdiagnose mit zum Psychiater bringe, dass der das eher kritisch einordnet. („Herr Doktor ich weiß aus dem Internet wo meine Kopfschmerzen herkommen - ich habe einen Hirntumor.“)

Hinzukommt, dass bspw. meine Grundschulzeugnisse durchweg gut sind. Ich nehme an – Achtung Klischee ! – dass die Tester insb. die Betragensnoten anschauen. Da hatte ich auch immer „gut“.

Grüße Ralf

Du wirst vermutlich lachen…
Aber wie bei so manch anderen hier liegt der Grund in meiner Partnerschaft.

Meine Freundin hat mich so lange getreten bis ich das Thema angegangen bin.
Zum Glück!

Die Therapeutin die mit mir die mehrtägigen Tests durchgeführt hat war dem ganzen auch nicht so abgeneigt auch wenn sie anfangs etwas skeptisch war.

Und es geht nicht so sehr um die Noten sondern eher um den Fließtext in den Zeugnissen :wink:

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Hi und Willkommen!
Hab mich in den 30ern eigeninitiativ testen lassen (mit Überweisung vom Psychiater und nicht geringfügigem Selbstbehalt) und keine Grundschulzeugnisse mehr gehabt.
Es gibt immer Wege. Zu alt bist du auf keinen Fall und nachdem du schon seit 10 Jahren überlegst… bin ich da ganz der Meinung der anderen: Lass dich testen! :slight_smile:

Lieber Mowgli,
Ich werde im Herbst 49 und habe kürzlich meinen ersten Diagnoseversuch gehabt. Ich klaube mal das Wichtigste zusammen, was ich im Herbst beim 2. Versuch besser mache:
Jetzt führe ich ein Notizbuch, in welchem ich alle möglichen Symptome sammle. Zusätzlich momentane Alltagssituationen, in welchen ADHS beeinträchtigt. Des weiteren bitte ich meinen Partner das auch zu tun und mir ehrliches Feedback zu geben. Mittlerweile sind ca 10 A5 Seiten zusammengekommen.
Kindheit: versuche Dich an Erlebnisse aus Deiner Kindheit zu erinnern bzw Leute zu fragen, die das noch wissen. Bei meiner Diagnostik wurde nur ab 8 Jahre gefragt. Besonders auffällig war ich aber als Klein- und Kindergartenkind. In der DDR aufgewachsen mit 15 Mitschülern zeigen meine Zeugnisse nichts auffälliges. Alle mit sozialistischer Auszeichnung :sunglasses:. Meine Eltern haben immer über die guten Kopfnoten gelacht: Ordung 2, Haha! FLEIß 1, Schenkelklopfer! Mitarbeit 2…:rofl:
Das hat nichts geholfen, allerdings existieren Abitur- und Ausbildungszeugnis nur noch je als 1 Kopie. Der Rest ist mal im feuchten Keller vergammelt. Das werde ich im Herbst bei Diagnostik No2 erwähnen, es wurde nur nach den Grundschulzeugnissen gefragt.
Ich habe auch motorische Probleme: das spielte kaum eine Rolle. Ticks, Stürze, Stottern etc ist doch normal. Mach eine Liste, meine ist länger als gedacht.
Dann wurde nach Themen aufgesplittet, zBsp Unruhe oder Konzentration, bereite dazu jeweils was vor. Es wird jeweils zu heute und zu Kindheit gefragt.

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Die Initiative ging letzendlich von mir aus. Mein Psychiater hatte im Dezmber mal im Nebensatz erwähnt „da könnte mann auch an ADHS denken“… das hat bei mir einen Hyperfokus ausgelöst als ich das mal gegoogelt hab und mich sowas von wiedererkannt hab :wink:
leider hat er 1 monat später beim nächsten Termin als ich ihn drauf angesprochen hatte gesagt „nein, das habe ich verworfen, sonst hätte sich ihre Frau ja definitiv schon von Ihnen getrennt nach 20 Jahren.“ (WTF!!)
da hab ich meine vorbereitete Symptomliste etc rausgeholt und gesagt. „Das sehe ich aber anders“… konnt ihn zum Glück überzeugen :wink:

Aber ehrlich, du brauchst meist keine Überweisung oder so wenn du in einer PIA oder beim Spezialisten eine Diagnose machen willst. Sag was dich darauf bringt, und komm so mit ihm/ihr ins Gespräch, dann werden sie dir schon die richtigen Fragen stellen.
Eigene Verdachtsdiagnose ist in so einem Fall absolut OK.
Und falls deine Zeugnisse in der Grundschule nicht auffällig sind, lad dir mal den WURS-K Fragebogen und bitte Eltern, ältere Geschwister o.ä. darum den mal auszufüllen. evtl kommt darüber ja die erforderliche Bestätigung das es schon als Kind da war.

In meinem Fall ging es auch von mir aus, nachdem mein Sohn diagnostiziert wurde. Ich habe vorher nie an ADHS gedacht. Ich habe auch mein Kind nicht darin gesehen und deshalb nach Fachliteratur gesucht. Da wurden auch typische Schwierigkeiten im Alter aufgeführt, die wie eine Beschreibung meiner selbst waren. Zudem sind extrem viele Ähnlichkeiten zu meinem Sohn (also ich als Kind). Das habe ich bei meiner Neurologin thematisiert und sie unterstützt mich und findet das auch sehr naheliegend. Zudem hat mein erwachsener Sohn ähnliche Schwierigkeiten und einen anderen Vater.

Kann es sinnvoll sein, eine Liste wie diese hier durchzugehen und anzukreuzen was auf mich zutrifft ?
Und diese Liste dann dem Arzt geben, ergänzt um eigene Wahrnehmungen.

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Diese Liste sieht zwar ganz nett aus aber ich denke dass es besser ist wenn du es in weitestgehend eigenen Worten aufschreibst (evtl / sofern möglich mit Beispielen)

Zumal ich davon ausgehe dass nicht alle deine Probleme auf dieser Liste stehen :wink:

Hab’s damals handschriftlich auf einem Block gemacht.
War praktikablen wenn mir wieder was eingefallen ist.

Zumindest für das Gedanken sammeln würde ich dir diese Vorgehensweise empfehlen. Kurz vor dem Termin kannst du es ja noch zwecks Lesbarkeit digitalisieren;)

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Stimme dir absolut zu lieber @ZappelPhilipp!

Ich wurde komplett nach Beispielen aus dem Leben gefragt. Ich habe damals die Symptome quasi anhand von Praxisbeispielen erklärt.

Das ist mir super leicht gefallen, da hab ich gesprudelt wie ein Wasserfall :smile:

Aber besser natürlich, man bereitet sich vor! Falls man durcheinander kommt.
Insoweit würde ich genau deinen Tipp beherzigen :sunny: :orange_heart:

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Das werde ich auch machen.

Ich weiß nur nicht immer, welche Situationen und Schwierigkeiten mit ADHS in Verbindung stehen könnten.

Wenn ich bspw. beim Gehen mit dem Fuß umknicke, hat das vermutlich nichts mit ADHS zu tun.
Wenn aber Unachtsamkeit und Ablenkung mit ursächlich waren, dann vielleicht.

@Lupine: Wenn Du oben von einem „Diagnoseversuch“ schreibst, bedeutet dies, dass die Diagnose abgebrochen wurde ?

Wenn dir das Umknicken öfter passiert kann das eher ein Hinweis auf hypermobile Gelenke sein :wink:

Hej Mowgli,
Die Diagnose wurde durchgeführt, ich habe aber nicht die Diagnose ADHS bekommen, bin aber davon überzeugt ADS zu haben, wie mein Sohn. Deshalb habe ich bei einem anderen Psychologen einen neuen Termin, allerdings muss ich diesmal selber bezahlen.
Das Umknicken mit dem Fuß habe ich auch, aber nur in besonderen Situationen. Das letzte mal vor 2 Jahren in einer Kegelbahn, Leute + Krach + Lichter, das beziehe ich auf ADHS und nicht hypermobile Gelenke. Stolpern passiert gerne bei Gesprächen + Laufen.8
Was sind ADHS Situationen bei mir? Gereiztheit und Angespanntheit an Orten mit vielen Eindrücken, zBsp Läden mit Musik. Dann verliere ich die Orientierung und kann ziemlich gestresst und pampig werden. Letztens im Biergarten ist mein Sohn nicht in der Nähe geblieben und die Dame am Getränkestand hat meinen Stress serviert bekommen.
Erschöpfung, meine Arbeit gut zu erfüllen, fordert alle Reserven. Meist schlafe ich danach und kann kaum für mein Kind da sein. Er möchte Computerspielen? Fein, da habe ich meine Ruhe bzw kann auf dem Tablet Serien suchten oder daddeln.
Zeit Management, ich habe noch eine Stunde Zeit bis zum Termin, ach da kann ich noch in Ruhe was machen, ich brauche doch nur 20min bis dahin…am Ende ist es ein Stress noch pünktlich zu sein. Mein Handy und Portmonnaie und Schlüssel und Brille und Unterlagen und der Bus fährt mir vor der Nase weg. Arzt, Friseur müssen warten.
Ungeduld, mein Partner isst noch und ich fange an um ihn herum alles abzuräumen, was er nicht mehr braucht. Ebenso unterbreche ich schnell, wenn ich mir seine Erzählungen nicht anhören kann/will: „das hast du schon erzählt :roll_eyes:
Ich falle anderen ständig ins Wort. Das ist auf Arbeit besonders doof. Deshalb schreibe ich mir alle Anliegen auf. Denn wenn ich nicht ins Wort falle, vergesse ich meist, was ich wollte.
Ich laufe beim Warten im Kreis oder wenn ich die Orientierung verloren habe.
Ich kann Emotionen schlecht steuern. Früher war ich immer extrem verliebt und es konnte Jahre dauern, mich aus diesen Gefühlen zu lösen (auch wenn gar keine beidseitige Interaktion war) Das ist auch mit Wut so. Ich breche Beziehungen radikal ab, wenn eine Schwelle überschritten ist. Zudem habe ich ein emotionales Gedächtnis, ich kann mich sofort in emotionale Zustände zurück versetzen.
Bei Stress und Überforderung kann ich komplett austicken, zum Glück werde ich nicht mehr gewalttätig. Dann ist um mich herum alles gleißend weiß und ich brülle und kreische herum. Diesen Zustand habe ich nur sehr selten, aber danach bin ich krank und möchte vom Erdboden verschwinden.
Noch etwas: ich, ich, ich, ich…das nervt mich selbst. Kaum Raum für andere.

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Also das Umknicken von Fussgelenken ist mir auch schon passiert, klar kann das in Verbindung mit Adhs vielleicht öfter passieren als ohne.
Aber trotzdem wäre das Umknicken von Fussgelenken jetzt nicht das erste das ich sagen würde, würde mich jemand fragen: „was sind die typischen Symptome von Adhs?“. :wink::joy:

Ich habe damalas eine Liste erstellt mit Beispielen wo ich das in menem aktuellen und bisherigen Leben gesehen habe. Ohne die Liste würde ich vermutlich heute noch ausschließlich auf Depression und Angst/Panikstörung behandelt werden.
Das hilft dir ungemein im Arztgespräch bei der Diagnose, und auch dir selbst um dir klar zu werden.
Also wie @ZappelPhilipp es schrieb. Nicht nur in der Liste ankreuzen, sondern mach deine eigene. Evtl sortiert nach den „Kategorien“ von ADHS Symptomen… also bspw. Exekutive Dysfunktion, Konzentration,Impulsivität; Motorische Unruhe, Zeitgefühl, Sozialverhalten,…

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@Lupine:
Hattest Du mittlerweile Deinen zweiten Testtermin ?

Ich habe Deinen Ausführungen entnommen, dass die Diagnose beim ersten Test nicht gestellt wurde.

Was würde sich für Dich ändern, wenn jemand die Diagnose ADHS stellen würde ?

Sind dann Therapien leichter und spezifischer möglich?

@Hagbard:
„Ohne die Liste würde ich vermutlich heute noch ausschließlich auf Depression und Angst/Panikstörung behandelt werden.“

Was hat sich an der Therapie durch die Diagnose geändert?

@Mowgli
Gestern hatte ich das Erstgespräch. Das lief schon ganz anders als beim ADHS Zentrum. Mir wurden gute Fragen gestellt, die auch eine gewisse Erfahrung zeigten. Zudem habe ich mich ernst genommen gefühlt. Ich schaue also positiv gestimmt auf die folgenden Termine.
Was würde sich für mich ändern?
A) ich komme von den Vermutungen weg und kann zielgerichtet agieren. Wenn Depressionen als Folge betrachtet wird, kann therapeutisch anders vorgegangen werden
B) die medikamentöse Unterstützung ist mit Diagnose einfacher (und günstiger)
C) ich bin in unserer Familie die Erstdiagnose. Bei meinem Sohn kann das ja auch väterlicherseits stammen. Ich sehe aber die mannigfachen Probleme der Kinder meiner Geschwister und familiäre Häufung von Depression und Erschöpfung. Selbst mein Arztbruder kann in mir kein AD(H)S erkennen. Er hat aber ein anderes Fach. Mit meiner Diagnose kann ich also Blickwinkel ändern und im besten Falle etlichen Nichten und Neffen und deren Kindern eine Erklärung bieten. Bislang sind wir „nur“ Spätentwickler mit genetischer Disposition für Depression.

Ich habe drei Geschwister. Bei zweien bin ich mir sehr sicher, dass sie auch betroffen sind. In unserem Fall überwiegt mE ADS, deshalb ist das für andere unauffällig. Das Eigenbrötlerische mit Rückzugstendenz, entweder freundlich oder gepaart mit Rechthaberei und sozial aneckend, kaum enge Freunde. Chaotisch oder penibel ordentlich. Eine Messiperson gab es auch schon. Hyperaktiv ist kaum einer. Mein Cousin ist ganz klar ADHSler (leicht hyperaktiv +leichtes Tourette+starker Raucher) und langzeit arbeitslos. Mein Vater und meine Tante ordne ich klar ADS zu. Deren Vater konnte in politisch schwierigen Zeiten seine Klappe nicht halten(politische Witze) und musste deshalb in den Knast. Zudem war er starker Raucher und hat im Straßenverkehr eigene Regeln gehabt. Gegenüber seinen Kindern war er gewalttätig. Meine Mutter war emotional impulsiv, ist als Kind Raufereien nicht aus dem Weg gegangen, hatte das Gefühl, irgendwie überall geradeso durchgerutscht zu sein, ohne es zu verdienen. Sie war ständig unterwegs, hatte Affären, konnte nicht mit Geld umgehen usw
Alles in allem sind wir bunt, interessant, kreativ, depressiv und etwas durchgeknallt :sunglasses: ADHS?