Hallo zusammen,
nach sehr langer Zeit melde ich mich hier im Forum wieder zu Wort. Aktuell befinde ich mich in der Autismus Diagnostik. Und das lässt mich an „allem“ zweifeln. (Zugegeben, das ist auch leider nicht besonders schwer)
Ein großes Problem von mir ist, auch abgesehen von Diagnostik, dass mein Gehirn irgendwie komisch mit Erinnerungen umgeht. Es ist als läge darüber ein Vorhang, der immer blickdichter wird, je weiter die Zeit weg ist. Und als ob es generell funktioniert wie ein Sieb.
An meine Kindheit kann ich mich praktisch gar nicht erinnern. Die Erinnerungen die ich glaube zu haben, sind eher nur eine Momentaufnahme, wie ein Bild, und auch alle in Verbindung mit Fotos die ich oft genug gesehen, oder Geschichten die ich oft genug erlebt habe, weshalb es wohl eher konstruierte Erinnerungen sein werden als echte.
Bei meiner Jugend ist es sehr ähnlich. Da gibt es aber manchmal Momente, in denen unter den richtigen Umständen („oh, das habe ich auch erlebt“, allerdings muss es oftmals spezifisch genug sein) plötzlich etwas aufploppt, was sich allerdings auch mehr nach einer Information anfühlt als nach einer Erinnerung.
Und so wird es je näher es an „heute“ kommt, eben immer etwas mehr, auf dass ich Zugriff habe. Trotzdem aber eben auch nicht durch willentliches Erinnern. Und auch da ist es wieder so, dass nur das was oft genug von mir oder anderen wiedergegeben wurde, willentlich abgerufen werden kann, aber auch eher als bloße Information.
So in etwa ist es auch mit Informationen, die ich so im Laufe meines Lebens aufgesaugt habe. Ich kann sie wenn überhaupt nur wiedergegeben, wenn genug Wiederholungen da waren oder sie durch die richtigen Trigger aufploppen. Ansonsten bleibt nur das Fazit hängen.
Auch habe ich dadurch kein wirkliches Gefühl für meine Autobiografie, erlebe immer wieder wie viel ich durcheinander bringe. Und ich kann mich nicht mit früheren Versionen von mir identifizieren, weil ich mich durch diese nicht kohärent anfühlende Vergangenheit nicht damit verbunden fühle, oder nur sehr selten.
Das hilft mir natürlich weder im Alltag, noch im diagnostischen Prozess.
Zumal ich mich auch schon sehr lange mit „Menschen“ im Sinne von „wie funktionieren Menschen“ auseinander setze. Also Psychologie, Muster, Nervensystem, Philosophie etc. Und mir daher auch bewusst bin wie das Gehirn uns austricksen kann, um uns im wahrsten Sinne des Wortes nicht an innerer Dissonanz verrückt werden zu lassen.
Um zum Punkt zu kommen, ich weiß weder ob ich meinen Erinnerungen und meiner Wahrnehmung überhaupt trauen kann. Oder von anderen.
Mein Leben ist irgendwie schon früh aus den Fugen geraten, und ich habe diverse Themen von denen ich denke dass sie eine Rolle spielen könnten.
Und eigentlich halte ich mich auch für einen Menschen, der sich selbst hinterfragt. Selbstverständlich habe ich wie jeder Mensch „blinde Flecken“, die mir nicht auffallen solange es mir niemand spiegelt.
Doch jetzt zweifle ich an „allem“. Wenn ich mir über etwa 3 Jahre schon so sicher war dass ich autistisch sein könnte, dass ich mich zur Diagnostik angemeldet habe, und das sich als falsch herausstellt… Nach all der Zeit die ich in Recherche gesteckt habe, bevor ich mir überhaupt selbst erlaubt habe es in Betracht zu ziehen, geschweige denn anderen davon zu erzählen.
Denn ich habe das Gefühl dass es darauf hinauslaufen wird. Und ich weiß nicht ob ich dann noch irgendwas als Teil von mir akzeptieren kann, was nicht absolut sicher ist. Trotz Diagnose würde dazu auch das ADHS zählen. Vielleicht laufe ich die ganze Zeit nur vor der Wahrheit weg?
Mir wurde immer wieder gesagt, dass ich Psychotherapie machen soll, seit meiner Jugend. Und das habe ich auch. Im Laufe der Zeit wurde es weniger und ich hatte auch nicht das Gefühl dass es je einen großen Effekt hatte. Aber egal wohin ich mich wende, in der Hoffnung auf Hilfe, ich bekomme immer diese Antwort. Meine chronischen gesundheitlichen Beschwerden, meine Schwierigkeiten im Alltag klar zu kommen, im „Erwachsen Sein“, egal weshalb. Es ist immer „machen Sie Psychotherapie“. Und was, wenn sie einfach Recht haben und ich mich bloß verrenne?
Ich meine, ich bin mir bewusst darüber dass es durchaus Themen gibt die ich aufzuarbeiten habe. Und dass ich mich davor auch manchmal drücke, weil ich nicht das Gefühl habe dass ich damit „die Wurzel allen Übels“ angehe. Was nicht bedeuten soll dass es nicht auf allen Ebenen Effekte auf mich haben würde. Aber ich habe das Gefühl dass ich ein strukturelleres Problem habe. Ach keine Ahnung. Ehrlich. Ich bin so durcheinander und müde vom Kämpfen.
Es ist alles viel komplexer als es mir überhaupt möglich wäre zu erklären, und ich glaube dass ich einfach immer mehr müde davon werde mich ständig erklären und rechtfertigen zu müssen.
Gleichzeitig ist es aber so, dass ich wirklich dringend Unterstützung bräuchte.
Die erste Einschätzung nach dem Termin bei der Diagnostik hat mich so erschüttert, dass ich zwei Reaktionen gleichzeitig hatte:
- „Ich werde WIEDER nicht richtig gesehen. Man sieht wieder nicht das ganze Bild. Wie immer läuft es darauf hinaus dass ich einfach noch nicht genug an mir gearbeitet habe.“ Und wie ich noch weiter an mir arbeiten und verbessern soll, wenn ich ja schon mit basic tasks kämpfe, keine Ahnung.
- (Getriggert von der ersten Reaktion) „Okay. Wenn das nicht stimmt, dann kann ich überhaupt nichts mehr trauen. Back to basics. Ich schmeiße alles über Bord. Die Suche nach Hilfe, in welcher Art auch immer, kostet mich nur Kraft die ich nicht habe und treibt mich nur weiter rein. Weg damit. Alles auf Null“
Jetzt kann ich natürlich auch wieder etwas differenzierter darüber nachdenken. Und trotzdem ist da gerade das Bedürfnis, einfach aufzugeben, in der Hoffnung irgendwie „zu mir finden zu können“.
Um ehrlich zu sein weiß ich auch nicht so richtig was ich mit diesem Post hier überhaupt erreichen will. Vermutlich einfach mal loswerden.
Dieses Bedürfnis alles zu analysieren plagt mich weiterhin, aber jedes Mal komme ich dahin zurück dass es ohnehin keinen Sinn hat, weil ich nicht weiß was echt ist und was nicht.
Auf der einen Seite fühlt es sich ein bisschen befreiend an, auf der anderen Seite braucht es nunmal „Label“, um Unterstützung zu bekommen und um sich nicht ständig erklären zu müssen, wo mein Gehirn ja dann auch jedes Mal auf blank geht.