Ich beobachte, dass die Studienlage immer bessere Belege dafür findet, dass Autismus-Spektrum-Störungen ohne intellektuelle und sprachliche Entwicklungsstörung in einer engen Beziehung zu ADHS stehen. Nun könnte man zwar einerseits daraus schließen, dass Autisten ein größeres Risiko haben eine komorbide ADHS zu entwickeln, aber auch, dass ADHS deutlich mehr, evtl. größere Risiken für die psychische Entwicklung eines Menschen, haben kann, als die üblichen bekannten Risiken?
Als Diskussionsgrundlage habe ich diese sehr aktuelle Studie gefunden.
Die neue GWAS-Studie (Genome-wide association study) der Universität Cambridge: Polygenic and developmental profiles of autism differ by age at diagnosis | Nature , kommt zu dem Ergebnis, dass späte Autismus-Spektrum-Diagnosen genetisch stärker mit ADHS Kohorten korrelieren, aber nur mäßig mit frühkindlichem Autismus.
„The results of this study indicate that earlier- and laterdiagnosed autism are associated with different developmental trajectories, and are only moderately genetically correlated with each other.“
Hierbei wurden große Datensätze von früh diagnostizierten Kindern im Alter von 0-7 Jahre (frühkindlicher Autismus) und später diagnostizierten Kindern im Alter von 9-22 Jahren (Asperger-Syndrom) verglichen. Laut den Autoren ist die Studie die erste Gen-Studie, die das Alter bei der Diagnosestellung berücksichtigte und somit zum auch erstmals einheitlichere Ergebnisse liefert.
Das Ergebnis: Die genetische Korrelation mit ADHS nimmt mit zunehmendem Durchschnittsalter bei der Diagnosestellung zu.
Zusammenfassend kann man sagen, dass späte Autismus-Diagnosen stärker mit ADHS, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) und Daten von Kindesmisshandlung korrelierten, als bei frühkindlichem Autismus.
Frühe Diagnosen korrelierten mehr mit einem geringen Wortschatz und verzögerter motorischer Entwicklung.
Sowohl früh- als auch spät-diagnostizierte Gruppen zeigten größere Überlappungen mit Angststörungen.
Wie würdet ihr die Ergebnisse interpretieren?
1. Bekommen die später diagnostizierten Kinder nur deshalb später eine ASS-Diagnose, weil die externalisierenden Symptome der ADHS die darunterliegende Autismus-Spektrum-Störung überdecken?
2. Sind späte Autismus-Diagnosen, die etwa mit dem Asperger-Syndrom übereinstimmen, gar kein Bestandteil des Autismus-Spektrums, sondern Teil eines ADHS-Spektrums?
3. Beweist die Studie, dass ADHS als Grundstörung völlig unterschätzt wird und führen ständige nervliche Überspannungen wegen der ADHS, Konflikte, Reizüberflutung, pädagogische Verfehlungen und viele weitere Risiken zu einer Persönlichkeitsstruktur, zu einem Verhalten, das fälschlicherweise für eine Variante von Autismus gehalten wird?
4. Oder habt ihr eine ganz andere Meinung und das ist alles “Quatsch”?