echte Selbstakzeptanz vs. pseudo-narzisstische Abwehr

Neuer Thread zur besseren thematischen Abgrenzung, wie angekündigt:

Kannst Du das ein bisschen erklären, bitte? Wie lässt sich das eine vom anderen unterscheiden? (Vielleicht sogar in einem neuen Thread, damit wir nicht Tirol belagern damit.)

Ich habe kürzlich ein ganz gutes YouTube-Video über „toxic positivity“, „fake action“ Optimierungswahn, usw. gelesen und fühlte mich angesprochen.
Hier der Link: The Toxic World of Self Help: Hustle Culture, Toxic Positivity, Addiction, and Fake Gurus. - YouTube

Gerade, wenn man sich mit inneren Anteilen beschäftigt, diskutiert der innere Motivationsredner dann aber schnell mit dem inneren Zyniker, der sich über die inneren Gänseblümchen am Wegesrand weiter schlapplachen will. Und das Selbst steht daneben und weiß nun gar nix mehr.

Und wenn zB die Differenzierung darin zu suchen ist, ob man seine Dinge wirklich besser auf die Reihe kriegt oder sich nur im faktisch fortbestehenden Leerlauf besser fühlt (so nur das Video; ich will nicht unterstellen, dass Du das auch so siehst!), ist das nicht erst recht seltsam, dass sich wahre Selbstakzeptanz am besseren Wirkungsgrad ablesen lassen soll?

Was versteht ihr zwei denn genau unter pseudonarzisstischer Abwehr? Nur zu meinem Verständnis… :slight_smile:

Ich bin bei der Unterscheidung noch am Anfang. In der Wahrnehmung hat diese dunkle Schwester der echten Selbstakzeptanz so eine Attitude von „‚Immerhin scheint die Sonne‘ / Klassenclown / heitere Animateurin des Inneren Robinson Club“. Meistens hinterlässt sie einen Kater, um den sich dann andere kümmern dürfen. Bis zum nächsten Mal.

Ich erkenne sie bislang aber erst im Rückblick. (Und Verzeihung: Ich kann es gerade nur in so blumigen Bildern, noch nicht besser fassbar.)

Ok, ich versuchs mal.
Diese „pseudonarzisstische Abwehr“ (handgestricktes Konstrukt…) entspricht in etwa der „narzisstischen Auslenkung“ als Reaktion auf ADHS - ist eigentlich ein maximales Selbst-Verlorensein:
Die Wahrnehmung, dass man anders ist, kann nicht eingeordnet werden.
Daher wird das Anderssein hochstilisiert und überhöht. Meist (verständlicherweise) gefördert von den Eltern: „Die sind doch alle nur neidisch!“
In einem ADHS-Haushalt ist das oft nicht wahrnehmbar, weil alle so sind, da ist dann „Anders“ die Norm.

Dazu kommt die Abwehr jeglicher Kritik, da sind wir bei RS, eben auch um diese Verletzung des Nicht-Dazu-Gehörens abzuwehren. Weil Kränkung uns - mangels eines soliden Fremdbilds - deutlich stärker verunsichert als andere. Aber auch, weil Eltern das Leid spüren und entsprechend reagieren. Kann man ihnen nicht verdenken, habe ich auch gemacht.
Meist brauchen ADHS-Kinder ja auch mehr Lob, da ihnen ja die Selbst-Sicherheit fehlt.
Die belobten „Leistungen“ werden dann auf die Spitze getrieben - dahinter steckt aber nicht immer der Spaß an der Sache sondern die Sucht nach Lob, nach Selbstbestärkung, weil das Gefühl für sich selbst nicht vorhanden ist.
Das ist fast wie eine Sucht - oder besser: es ist eine Eigentherapie wie das Rauchen: da fehlt ja etwas, das man von außen, allerdings dysfunktional, hinzufügt.
Da kommt dann auch der Klassenclown zum Vorschein: man zieht dann halt den Schuh an, der einem hingestellt wird.
Allerdings fand ich die Rolle immer angenehm…

Selbst-sicher kann man ja nur sein, wenn man sich selbst wahrnimmt. Und zwar aus sich selbst heraus, nicht nur (möglichst positiv) gespiegelt durch die Umwelt.
Dazu braucht es eine Wahrnehmung über Sinne, das Wissen über sich selbst und eigene Stärken und Schwächen (was ja immer ein Lern- und Erfahrungsprozess ist, mit dem wir ja auch immer so unsere Probleme haben…)
Dazu gehört auch eine Wahrnehmung der eigenen Grenzen. Nur wenn ich die kenne, kann ich auf ihrer Einhaltung bestehen…
Und Wahrnehmung, Selbst-Sicherheit ist eben auch ein Aufmerksamkeitsding.

Und da liegt m.E. der Hase im Pfeffer: Wenn ich immer nur im „Außen“ bin - mich selbst nur aus einer Außensicht betrachte, gespiegelt durch die Umwelt, auf die ich höchst angewiesen bin, dann geht diese In-Sich-Sein verloren.
Oder war nie da.
Verstärkt wird das durch die ständige Korrektur von außen, die einen nicht sich-selbst sein lässt. (Interessant - fällt mir gerade auf: die Biografie von Birger Sellin: „Ich will kein inmich mehr sein“ - die andere Seite des Spektrums… )
Umso mehr das Bedürfnis, einem von außen erwünschten Ideal zu entsprechen. Das klappt ja oft sehr gut… daher sicherlich auch das Streben nach außergewöhnlichen Leistungen.
Auf die Weise landet man dann bei Berufen, die nicht zu einem passen, bei PartnerInnen, die einem nicht guttun etc.

Für mich kann ich sagen: ich habe nie in mir gelebt. Hatte aber ein Gefühl dafür, dass da „jemand“ ist, der sich so gar nicht wohlfühlt. Das da was nicht passt. Ich konnte nicht unterscheiden was Fremdsicht ist („du bist ja so kreativ“ - bin ich tatsächlich nicht, nur ein ADHS-Quatschkopf).
Erst nach Zusammenbruch, Therapie - Diagnose und Psychoedukation kam langsam das Gefühl, mit mir in Deckung zu sein, kongruent zu sein.
Dabei hatte ich vorher nicht das Gefühl, mich nicht selbst zu mögen. Erst jetzt wird mir klar, dass ich mich gar nicht selbst mögen konnte - weil ich mich selbst nicht kannte.
Entdecke mich als genussvollen Sesselpupser und Ärmelschonerträger… eine etwas andere Art der Selbstoptimierung. Aber der Narzisst, der mich vorantreibt, ist immer noch in mir. Naja, ich bin ja auch schon ein bisschen … toll :lol: :lol:


Das kenne ich - das fühlt sich schlecht an.
Habe ich heute häufig, wenn ich in alte Rollen verfalle.

Auch und gerade, weil Du kein Lob von außen mehr brauchst: Oh ja.

Shit, so weit seid ihr schon? :oops:

Die echte Selbstakzeptanz lässt ausrichten: Es ist kein Wettbewerb. :slight_smile:

Na, theoretisch halt :oops: :mrgreen: - aber es fühlt sich ganz gut an.

Aber immerhin noch so selbstunsicher, dass mich das:

irgendwie jetzt komplett verunsichert :oops: :lol:

Das Rad der Wiedergeburt geht ja immerhin von 7 Reinkarnationen aus…

aber ich möchte hier doch mal eine Lanze für den Klassenclown brechen.
Nie könnte auch je nur ein Mensch diese Rolle übernehmen, wenn nicht echter Humor, echter Witz, echte Komik und nicht die Kombinationsfähigkeit vorhanden wäre eben passend was zu bringen.

Er ist doch nicht nur „krankhaft“ der Klassenklown und wahrlich nicht die krankhafste Komponente von ADHS

Ok wenn man nur noch den Clown meint bringen zu müssen und man nichts anderes mehr im Kopf hat…ja dann ok.

Doch wie oft schießt es auch einfach so aus einem heraus.

Hallo worüber sollen denn Lehrer und Mitschüler dann noch lachen , wenn wir voll hochkompensiert brav sind oder für jeden Witz zu spät durch Medikinet.

Wir dürfen nicht vergessen , jede Gruppe hat seine Rollen.
Es gibt den Streber, den Petzer, den leisen , den Sportler etc… ppp… alle Rollen müssen bedient sein so geht Gruppe und wir wurden zum Clown weil wir es eben auch können und konnten.

Ich möchte den Clown in mir nicht missen ,
Ich habe ihn auch noch unter MPH , nur „20“ Sprüche weniger und bekomme mehr mit

und wenn wir hier manchmal nicht so rumclownen würden , ja hallo gäääääääähnnnn :wink:

Nichts oder wenig gegen Klassenclowns. (Ohnehin ja: nichts Wirksames. :wink:) Jedenfalls in der Selbstironie-Spielart, die durch Mitlachen verbinden, statt durch Auslachen ausgrenzen will.

Aber was Du so gut beschrieben hast, @Nelumba_Nucifera: Das ist ein Vollzeitjob - und zwar im Außendienst. Die Pointe nach der Steilvorlage ist immer harte Arbeit.

Und im Inneren Team ist es m.E. genauso: Jede Regung wird beobachtet, kommentiert, mit Humor verzuckergusst. Kostet alles Energie, die anderswo abgezogen wird.

Und man fragt sich, was das soll. Wovon lenken die großen Schuhe und die blöde Blume am Hut ab? (Im Zirkus fand ich Clowns auch immer einen langweiligen Pausenfüller zwischen den Raubtiernummern.)

Mit Selbstakzeptanz, die bei mir meistens eher still und rezeptiv daherkommt, hat der Clown jedenfalls nicht viel am blöd beblümten Hut.

Jemand hat im Forum mal „Bei Dir“ von Kummer als ADxS-Hymne vorgeschlagen. Das dortige „Ich kann kaum laufen, aber sieh mal, wie ich tanz’“ fasst es für mich gut zusammen. Ankommen ist laufend - oder von mir aus auch sesselpupsend, @Hibbelanna - eben doch manchmal leichter als im Kreis tanzend.


Wer redet denn von krankhaft?? Das wäre ja nochmal schöner…

Es geht hier ja eigentlich nur darum, die Rolle zu finden, die zu einem passt - und nicht die, die man nur einnimmt um dazuzugehören.
Das sind sozusagen zwei verschiedene Clowns…

Ich hau gerne mal einen raus - aber mir gehen diese Entzückensbekundungen von wegen, das sei mal wieder soo originell - eben tyyyypisch Anna und so, ganz fürchterlich auf den Senkel.
Das macht doch echt nur Spaß, wenn jemand zurückclownt - so wie hier - oder ehrlich lacht … Dann ist das wie eine Verständigungsebene.
Übrigens hat sich das bei mir nicht wesentlich durch die Medikation geändert, außer dass ich es eher mal unter Kontrolle habe um den oben genannten Situationen zu entgehen.

Hat man denn andere Wahl als sich selbst zu akzeptieren? Ich will und werde nicht mehr versuchen mich wegen Andere ändern zu wollen. Mein Benehmen ja vielleicht, mein Inneres nein.
Kritik kränkt mich überhaupt nicht, entweder bringt mich diese weiter oder ich hacke sie als idiotisch ab.
Was @Addy_Haller im anderen Thread sagt kann ich voll zustimmen, nämlich dass andere um mich herum zu funktionieren müssen. Hasse negative Gefühle oder Ähnliches von anderen Menschen, das kränkt mich enorm.
Ich kann mich auch wehren, leider gehe ich da meistens ziemlich weit. Provoziere enorm und werde wirklich gemein. Daher warte ich für eine Weile bis ich verstehe, ob mir tatsächlich unrecht getan wird und ob es sich überhaupt lohnt.

Nochmal zum Clownthema,

vielleicht bin ich da auch sensibler, weil es vor allem in der Familie ein wundes Thema war.

Da es ja früher die Diagnsoe ADHS noch nicht gab wurde eben meine Clownerei dahin gedeutet , dass ich es nur mache um Aufmerksamkeit zu bekommen.

An der ein oder anderen Stelle bestimmt mal so, aber nicht die Regel

aber mich hat diese These auch oft getroffen, weil selbst so oft verwirr oder überrascht über das was ich da mal wieder sagte oder fabrizierte.

Pokerface war das andere was man mir thereapeutisch andichtete , weil ich Gefühle nicht so zeigen konnte.
Ja ich hatte auch ein Pokerface, aber eben doch nicht nur.

Also wenn all das was in einem lebendig ist auch noch psychologisiert wird dann ist das auch nicht sonderlich hilfreich, weil wer oder was ist man dann ?
Wenn man überlegt 30 Jahre Später voll ausgenockt ein stille Maus in der Reha, meint man an meiner Lebendigkeit arbeiten zu :o müssen, dann werde ich langsam wieder lebendig, meint man man hätte einen neuen Wesenzug in mit entdeckt oder freigelegt :roll: :lol:

Meist lachen die Leute mit mir, manchmal sind sie auch genervt, manchmal, …der kann nur von Nelumba kommen
Ich bin schon ein Kasper, aber der bin ich für mich alleine zu Hause auch, kann mich über schräge Gedanken selber Schrottlachen, mir was lustigs ausdenken für mich allein oder verwirre meinen Freund mit irgendwelchen Zeugs. Selbst wenn ich Tage lange alleine in der Natur abtauche gibt es irgendwann irgendwo was zu lachen für mich.

Es ist ein Wesenszug von mir so bin ich , es ist nicht nur Kompensation und Schutz, dass muss man für sich ja auch klar kriegen.

Ich weiß noch erste große Dienstbesprechung unter MPH, gefühlt 49 Sprüche verließen nicht meinen Mund, war echt Stolz drauf .
Spruch 50 konnte ich nicht bei mir halten und die Leute lagen vor lachen unter dem Tisch.

Das schlimmste für mich und meine Kollegen und Freunde war, als ich im Zuge des BurnOuts plötzlich nicht mehr lachen konnte und nix mehr von mir kam.

Ich merke schon das ich ohne MPH in so einer Dienstbesprechung mich mehr zügeln muss, aber da ich es auch mit MPH nicht zu 100% hinbekomme, habe ich auch noch mal mehr klargekommen, dass ich einfach auch so bin.
Es ist auch nich nur anstrengend gibt mir in bestimmten Situationen auch Energie und anderen auch.

Also sorry ihr Lieben wenn der Clown mir in den falschen Hals gerutscht ist, das ist meine alte Wunde , ich weiß ja was ihr eigentlich meint.

Vielen Dank, dass Du Dich so stark machst für unsere Clowns. Vielleicht lassen wir die am besten eine Gewerkschaft gründen und ernennen Dich zur verdienten Ehrenvorsitzenden.

Ich werde mal darauf achten, wie viel Clown-Energie zum Selbst zurückfließt. Das habe ich zuletzt in der Tat etwas ausgeblendet im Bemühen, das Kostüm jedenfalls nicht mehr reflexhaft anzuziehen, weil es am vertrautesten ist. Da hängt noch viel anderes im Fundus, auch die Selbstakzeptanz. Um die Vermeidung von Verwechslung und Automatismen ging es ja primär.

Sich Zurückhaltung aufzuerlegen, insb. im Verhältnis 49 : 1, fände ich schade. Ich glaube auch nicht, dass sich das Clown-Potenzial unter Medis zwingend reduziert. Ist bei mir auch nicht so. Im Gegenteil.

Nochmal: nichts gegen Clowns.

Da Problem mit dem Clownthema ist doch, wenn man auf diese Rolle reduziert und weniger ernst genommen wird als andere Wäre das nicht so, wäre es mMn auch kein Problem.

Im Kontext Selbstakzeptanz scheint mir auch wichtig, sich selbst nicht darauf zu reduzieren, auch nicht aus Versehen.

So nach dem Motto: Wenn ich sonst schon nix hinbekomme - mir bleibt ja immer noch die Clownsrolle?

Nein, viel freundlicher: Wenn ich Clown bin, lachen alle immer so nett. Dann bin ich doch Clown.

Ist auch nichts gegen zu sagen, aber mein Clown spült nicht gern ab, kümmert sich ungern um Buchhaltung, meint, er braucht eigentlich keinen Schlaf und das können wir alles noch in einer Nachtschicht erledigen… Er hat keine Reserven für diese Alltagsniederungen. Er ist ja auch nicht Buchhalter, sondern Clown von Beruf oder - etwas säkularer - Animateur und Motivationsredner.

Wäre aus meiner Sicht kein Unterschied: ein Glückskeks zusätzlich für wahrgenommene Selbstwirksamkeit.