Ich habe Angst ungewollt in verschiedene Rollen zu Schlüpfen und manchen davon machen mir sehr zu schaffen und tun auch anderen Menschen nicht so gut. Fühlt sich an wie Kontrollverlust.
Das kenne ich sehr gut. Ich bin in Gesprächen sehr häufig wie auf Autopilot gewesen, während ich mit einer Person gesprochen habe. Das war keine bewusste Entscheidung (mehr), sondern eine komplett selbstständige Rolle, die mein Kopf automatisch abgespielt hat. In meinem Fall war es Masking. Ich kann natürlich nicht beurteilen, ob das in deinem Fall ähnlich dem ist, was ich erlebt habe.
Es ging bei mir teilweise auch so weit, dass ich mich sehr anders in der Gegenwart von verschiedenen Menschen verhalten habe. Also je nach dem, wer mir da gegenüber stand, hatte ich eine eigens einstudierte Rolle. Mir tat das auf jeden Fall überhaupt nicht gut, und die andere Person hat nie/kaum meine reale Persönlichkeit erfahren.
Ich spreche in der Vergangenheit, weil ich diese Rollenmuster, für mich Masking, inzwischen ganz gut aufarbeiten konnte und deutlich näher bei mir selbst bin in den meisten Fällen.
Genau das! Angst beherrscht das Leben. Und das erste Mal wirklich zu realisieren, dass die eigene Realität (in meinem Fall allem aus dem Weg gehen und feste Routinen für die Sicherheit zu entwickeln, wo ich irgendeiner Sache nicht aus dem Weg gehen konnte) nicht normal ist, war ziemlich überfordernd. Und hat gleichzeitig so viel erklärt. Mir ist das hier im Forum passiert.
Daran scheitere ich bis heute. Was aber auch in vielen Fällen an der mangelnden Empathie/ dem Desinteresse der Anderen liegt.
Dein Beitrag hat gerade echt was in mir ausgelöst. ![]()
In Bezug auf Sicherheit und Routinen habe ich mal eine Frage an die autistischen Menschen unter euch. Vielleicht kann mir da jemand nochmal die Unterschiede verdeutlichen zu einer Angst, die bei ADHS eben auch vorliegen kann. Weiter oben wurde ja bereits einiges dazu gesagt.
Einen wichtigen Unterschied habe ich selbst festgestellt: die meisten Ängste hatte ich als Kind (noch) nicht. Im Gegenteil, ich war in meiner Kindheit relativ furchtlos, und habe beispielsweise neue Umgebungen im Urlaub sehr genossen. Allerdings im Beisein vertrauter Menschen, sprich der Familie, und innerhalb einer recht geschützten Umgebung, z.B. Hotel. Trotzdem möchte ich vermuten, dass sich auch da hätten zumindest Anzeichen von Angst bezüglich geändertem Alltag hätten zeigen müssen. Das ist nur ein Beispiel von einigen.
Im Erwachsenenalter habe ich dann Routinen entwickelt, die mir sehr viel Sicherheit geben, dass mein Alltag weiterhin funktioniert. Gleichzeitig bin ich bis heute unfähig einen Tagesablauf ohne visuelle Hilfe von Bildern, sehr viel Anstrengung bei der Zeiteinschätzung und auch hier visuellen Hilfen, zu planen. Ich muss Dinge immer gleich machen, weil ich sie gar nicht anders planen KANN. Weil eine Neuplanung so viel Energie kosten würde, dass es an den meisten Tagen einfach nicht leistbar ist. Das betrifft so vermeintliche Kleinigkeiten wie Entscheidungen, welches Essen ich mir koche: ich mache einfach täglich dasselbe Essen, damit ich jede Planung und Entscheidung umgehe. Und wegen der Sensorik, die freut sich auch. Gleichzeitig gibt mir dasselbe Essen einfach Sicherheit, weil es immer verlässlich ist und nicht einfach wie ein Kartenhaus wegbrechen kann, in dem es anders schmeckt.
Ähnliche Routinen entwickele ich auch für etwas größere Dinge, wie zum Beispiel Wege zu Orten, die ich regelmäßig besuche.
Die Angst beherrscht durchaus mein Leben, und ich versuche sie durch Routinen und Sicherheiten zu beherrschen. Gleichzeitig ist mein Gehirn scheinbar fast gar nicht in der Lage, irgendeine Art von Plan ohne Hilfe zu entwickeln, weshalb ich ganz oft schon Dinge abgesagt habe oder nicht gemacht habe, weil ich sie überhaupt nicht einschätzen konnte (zeitlich, die ganze Struktur etc.) Das ist definitiv ein Konflikt, der mein Leben im Griff hat. Ich möchte neue Dinge tun, kann sie aber wegen der Unfähigkeit zum Planen nicht tun, weil ich ohne Plan hilflos, ängstlich und überfordert bin.
Sind das nun Ängste, die ihr als autistische Menschen auch habt? Oder ganz anders?
Ich bin bisher nicht diagnostiziert mit ASS, vermute es aber. Planung im Alltag fällt mir auch sehr schwer, deshalb habe ich Routinen entwickelt, um wichtige Dinge unkompliziert erledigt zu bekommen bzw mache sie spontan umgehend.
Von den Routinen abweichen fällt mir schwer (weil dann auch die Planung herausfordernd wird) und Situationen, insbesondere außerhalb der vier Wände, die ich schlecht kontrollieren kann, schüchtern mich ein und es kostet mich mindestens Überwindung diese anzugehen.
Sorgen und Ängste halten mich durchaus auch davon an bestimmte Dinge zu tun. Wenn es zu viel Neues ist.
In der Tendenz war das schon immer so, aber als Kind und Jugendlicher war die Belastung insgesamt geringer bzw die Herausforderungungen im Alltag weniger anspruchsvoll, da ist das einfach noch nicht so aufgefallen.
Ich denke, dass es prinzipiell möglich ist, dass eine Entwicklung so ähnlich auch ohne ASS stattfinden kann, es kommt auf den Kontext an. Und Ängste können sich natürlich verselbstständigen.
In meinem Fall ist ASS naheliegend, da ein Kind diagnostiziert ist und ein Anderes hat es sehr wahrscheinlich auch.
Huhu! Nur zur Einordnung: ich habe (noch) keine Autismusdiagnose, meine Therapeutin und alle Selbsttests sind da bisher aber sehr eindeutig.
Das war bei mir schon immer das Gegenteil, mich nannte man früher auch gern „Bangbutz“
einzige Ausnahme war, wenn man mich zu etwas zwingen wollte, was ich aber nicht wollte. Dann war ich stur und standhaft.
Planen kann ich gut, das habe ich wahrscheinlich ebenso wie Pünktlichkeit von meiner sehr gut organisierten Mutter gelernt. Aber gleichzeitig versuche ich erst kurz vorher zu planen, weil ich sonst an nichts anderes denken kann. Auch auf der Arbeit, wo ich deutlich organisierter bin als im sonst recht chaotischen Alltag, schreibe ich mir minutiöse To-Do-Listen und arbeite diese dann SOFORT ab. Wenn ich dabei gestört oder unterbrochen werde, ist alles im Eimer und an dem Tag kriege ich nichts mehr gebacken.
Generell bin ich durch den Wind, wenn meine festen Routinen unterbrochen werden. Und die habe ich für fast alles.
Beim Thema Essen ticke ich ähnlich wie du, wenn mein Partner nicht wäre, würde ich zwischen maximal drei Mittagessen-Varianten wechseln, immer eine so lange, bis sie mir zu den Ohren rauskommt. Frühstück ist schon ewig dasselbe. Abendbrot sind derzeit zwei Varianten, die ich ertragen kann (und das auch schon seit zwei Jahren). Das sorgt dafür, dass ich da nicht auch noch planen oder überlegen muss.
Ich hatte mal einen Facharzttermin in einer Uniklinik. Den Weg ist mein Partner extra dreimal vorher mit mir gefahren (zweimal ist er gefahren, damit ich schauen konnte, einmal ich, er als Beifahrer, um mir Sicherheit zu geben). Weil die Ärztin um meine Eigenheiten wusste, hat sie einen bestimmten Parkplatz empfohlen (Parkhäuser traue ich mich nicht), wo ich dann zwar ein Stück hätte laufen müssen, aber wo „immer was frei ist“. Und als wir vorher hin gefahren sind, war der wirklich auch fast ganz leer, wir sind sogar extra unter Woche gefahren, damit das alles realistisch war. Als ich dann für meinen Termin hin wollte, war der Parkplatz überfüllt. Also bin ich unverrichteter Dinge heim gefahren und habe der Ärztin eine Mail geschrieben, dass ein Notfall dazwischen gekommen sei. Darüber habe ich mich so geschämt, dass ich das nicht mal meinem Partner erzählt habe. Und ich habe mir sogar eine andere Fachärztin gesucht, was viel Zeit in Anspruch genommen hat.
Geburtstage, auf die ich eingeladen war oder auch Arbeitsausflüge habe ich abgesagt, weil ich nicht wusste, wie da die Toilettensituation wäre, wegen der Musik, der Unklarheit, wie viele Leute da sein würden uem.
Einkaufen gehe ich nur in absoluten Ausnahmefällen und dann auch nur, wenn nicht viel los ist.
Danke euch beiden für die Schilderungen!
@NeuroMax ja, ich habe auch Routinen entwickelt, um Dinge besser erledigt zu bekommen. In meiner Kindheit haben das viel meine Eltern übernommen, wodurch es deutlich leichter war für mich.
In meiner Familie gibt es keine offiziellen Diagnosen, außer einer ADHS in der Kindheit bei einem Cousin. Ich vermute ein Geschwisterkind von mir hat mindestens ADHS. Aber da maße ich mir kein Urteil an.
@Evimon In der Tendenz finde ich mich in deinen Schilderungen wieder. Auch ich habe schon Termine abgebrochen, weil etwas plötzlich ganz anders lief als gedacht. Nur sind es bei mir Ausnahmen und oft konnte ich früher mich durch zwingen sozusagen. Das kann ich nach meinem Burnout nun nicht mehr. Und auch früher waren solche Dinge sehr anstrengend für mich. Also wie gesagt, in der Tendenz sehe ich mich da auch. Nur längst nicht deim Ausmaß, wie du es beschreibst. Ebenso in der Sache mit dem Planen und dem Abarbeiten der To-Do-Liste. Auch da finde ich mich wieder, aber eben „leichter“ betroffen.
Ich habe mich mit beidem intensiv beschäftigt. Für mich/Be mir selbst ist der Kernpunkt in der Unterscheidung:
-
ADHS: Soziale Probleme entstehen meist durch Impulsivität, Ablenkbarkeit oder unkontrolliertes Verhalten (z. B. dazwischenreden, ungeduldig). → Regeln werden verstanden, aber schlecht umgesetzt.
-
Asperger-Autismus: Soziale Probleme entstehen durch fehlendes intuitives Verständnis sozialer Signale (Mimik, Ironie, Nähe-Distanz) → Regeln werden oft nicht intuitiv erkannt, sondern müssen bewusst gelernt oder erfragt werden.
Kurz:
ADHS → Probleme durch Handlungskontrolle.
Asperger → Probleme durch Wahrnehmung/Verarbeitung sozialer Rahmen
ADHSler stören aktiv, Autisten stören passiv weil sie „sonderbar” sind bzw unbeteiligt wirken und von NT nicht gelesen werden können - undurchschaubar sind.
Personen mit purem ADHS können wie Nicht-ADHS-Personen im Vergleich zu Autisten leicht Kontakt knüpfen und erwartete soziale Regeln erfassen.
Soziale Regeln heißt: In Gruppen die Rollen der einzelnen Personen erfassen, Grenzen erkennen, eigene Rolle… der ADHSler ist erschöpft durch soziale Ereignisse, weil er sich anstrengt nicht „zu viel zu sein” während er gleichermaßen sich anstrengt aufmerksam zu bleiben. Das gilt in einem anderen Maß auch für Neurotypische.
Autisten erlernen das alles durch Beobachtung mit kognitiver Anstrengung. Es wird ein Katalog geöffnet und Muster abgeglichen. Auch wenn die kognitive Erfassung korrekt ist, herrscht eine gewisse Verunsicherung die durch negative Erfahrungen aufgebaut ist weil die kognitive Erfassung der sozialen Situation nicht korrekt war. Die teils verzögerten Reaktionen sind wegen der kognitiven und nicht intuitiven Verarbeitung wegen der auch eher mechanisch, auch wenn emotionale Vorgänge im Hintergrund ablaufen. Der Autist ist erschöpft, weil er prinzipiell reizoffen ist und dieses kognitive Erfassen anstrengend ist.
Probleme beim Unterscheiden können die bekannte Doppeldiagnose AuDHS, komplexe Trauma(ta) sowie soziale Ängste sein. Das alles kann aber auch in einer Person stecken und das Wesen sehr komplex prägen. Dazu baut jeder eine andere Fassade auf und zeigt mal mehr, mal weniger von sich. Intelligenz ist auch ein Thema:
Eine gewisse Intelligenz (insbesondere sprachlich und logisch) ermöglicht Autisten oft:
- soziale Muster schneller zu analysieren
- Fehler im erwarteten sozialen Verhalten zu erkennen und zu korrigieren
- Masking strategisch einzusetzen/Masking wegzulassen was Authentizität als Chance ergibt
Auf der Gegenseite:
- Masking bleibt kognitiv anstrengend, nicht intuitiv. Es ist eine präzise Simulation
- Es führt oft zu Überforderung, Identitätsproblemen, Burnout
- soziale Intelligenz ist meist nicht automatisch mit hohem IQ gekoppelt
Eine Intelligenz kann beim Kompensieren helfen, sie ersetzt aber nicht soziale Intuition. Dann handelt es sich meist um eine Kombination aus kristalliner Intelligenz („Studium der Menschen”), logisch-analytischer Intelligenz (Mustererkennung, Ursache/Folge), metakognitiver Fähigkeit (Selbsterfassung), sowie kompensatorischer Strategie mit bewusst erlerntem und eingesetztem Verhalten (in der Hoffnung dass es in den sozialen Rahmen passt).
Sehr viele Diagnostiker haben dann enorme Probleme die autistischen Marker zu sehen und schieben die Symptome auf soziale Ängste und Traumata zurück. Dazu meinen viele Diagnostiker auch, die Diagnose von den Antworten der Eltern abhängig zu machen. Für die ist gerne aber alles normal und unauffällig, weil sie die Diagnostik als Angriff auf sich selbst sehen. Da spielt das Ego der Eltern eine größere Rolle, als dem zu Diagnostizierenden zu unterstützen.
Ich habe seit Jahren diverse Bücher gelesen (mein Studium der Menschen) und Kommunikationsseminare besucht. Ich stand vor dem Spiegel und habe Mimik versucht zu lernen aber auch ein Lächeln für Fotos einstudiert. Ich bremse mich selbst um über meine Lieblingsthemen zu sprechen. Ich habe diverse Floskeln auf dem Band bereitstehen, bereite mich vor auf Small Talk und habe diverse sozial akzeptable Ausreden wenn ich weg muss oder irgendwo nicht teilnehmen möchte. Auch der Blickkontakt ist einstudiert. So falle ich anfangs gar nicht auf.
Aber: Bei Stress, Überreizung oder längerem Zusammensein bröckelt die Fassade und der kombinierte Autist und ADHSler kommt mehr und mehr durch. Die Überraschung ist daher groß und die Leute irritiert.
Ich gehe mit beiden Sachen von Anfang an offen um. Ich erkläre das mit der Fassade und was sie von mir nicht erwarten sollten und erzähle ergänzend positive Fähigkeiten. So können Nicht-Autisten kognitiv bei sich nachfassen, woher ihre emotionalen Ambivalenzen mir gegenüber stammen und bemühen sich nicht angegriffen zu fühlen. In der Arbeitswelt mache ich zwar Schulungen, Seminare und Vorträge, aber da habe ich mit internen Personen zu tun und bin „ranghöher”, was mir die Kommunikation vereinfacht. Über mir stehen deutlich weniger Personen.
Bei Auswärtigen (Behörden und anderen Institutionen) oder Vorstellungsgesprächen bleibe ich meiner Rolle. In „Rollen“ agiere ich funktional, nicht persönlich. Das schützt meine Energie und Klarheit. Das heißt nicht, dass ich mit direkten Arbeitskollegen und Chef genauso umgehe. Da bin ich einfach Ich. Bei Konflikten klären wir auch gerne Begriffe um nicht aneinander vorbeizureden.
Natürlich gibt es auch Kollegen die ein Problem mit mir haben. Mit denen habe ich nur vereinzelt kurzzeitigen „funktionalen” Kontakt.
Ich schreibe hier insbesondere aus eigener Erfahrung. Da alles ein Spektrum ist und jeder sowieso anders ist, soll das alles nicht verallgemeinernd klingen.
Ich danke dir für deine sehr nachvollziehbare Darstellung!
Innerhalb deiner Darstellung und Beschreibung der sozialen Situationen sehe ich mich mit meinen Problemen in beiden Spektren - ADHS und Autismus - eindeutig wieder. Ich versuche das mal aufzudröseln und zu beschreiben wo und wie.
Soziale Konflikte: die entstehen bei mir durch die Impulsivität, die fehlende Handlungskontrolle und fehlende emotionale Regulation - „zu viel“ sein, ganz typisch ADHS. Das ist jedenfalls die Oberfläche. Darunter entstehen bei mir soziale Konflikte durch hohes Ruhebedürfnis, durch totale Unsicherheit wie ich mich in sozialen Situationen verhalten soll und die Scham nach den Regeln einer Gruppe zu fragen. Es fühlt sich tatsächlich an als hätten alle eine Gebrauchsanweisung bekommen, nur ich muss erraten was los ist.
Letzteres geht durchaus, weil ich viel beobachte und mich im Zweifel an andere, sympathisch scheinende Menschen ranhänge und ihnen quasi folge wie ein Hund. Aber es ist immens anstrengend.
Mimik, Gestik: die verpasse ich allerdings vermehrt durch Ablenkung; alles drumherum ist viel interessanter als das Gesicht des Gesprächspartners. Und ich kann mich deutlich besser konzentrieren, wenn ich das Gesicht der Person nicht ansehe. Ich habe allerdings nie versucht Mimik und Gestik bewusst zu erlernen oder vorm Spiegel zu üben, wie du das beschreibst, sondern ich bin dann entweder komplett wahllos durch alle sozialen Kontakte gestolpert und habe mich durch Lächeln, Witze und Winken (die Pinguine lassen grüßen) irgendwie sympathisch gemacht. Oder ich habe soziale Kontakte gleich ganz vermieden. Ich KANN keine Mimik nachahmen, bei besten Willen nicht, wie ich in einer Laien-Theatergruppe beschämend deutlich gelernt habe. Ganz typisch ADHS sieht man mir mangels Inhibition auch jede winzige Gefühlsregung im Gesicht an. Gestikulieren kann ich sehr wild, aber einigermaßen unbestimmt und unkontrolliert.
Skripten von Small-Talk: da gilt im Grunde dasselbe wie bei Mimik und Gestik. Ich kann mich durch spontane Situationen mit witzigen Assoziationen und evtl. Späßen hangeln, aber das ist extrem ermüdend. Vorbereiten oder Planen oder auch Üben sind absolute Fehlanzeige. Ich kann mir kaum vorbereitete Sätze oder Floskeln merken, was wohl sicherlich am ADHS liegt.
Bei Stress ist die Fassade schnell weg, und ich werde panisch, ängstlich, nervös, und kann schließlich nicht mehr sprechen. Deshalb ziehe ich mich in der Regel lange vorher zurück, um alleine zu sein.
Die Offenheit - mit welcher Neurodivergenz auch immer - übe ich noch nach über dreißig Jahren maskieren und Scham über die eigenen Probleme.
Das Komplexe ist, dass sich ADHS und ASS gegenseitig verdecken, ergänzen, verstärken können, es kommt darauf an. Damit meine ich nicht, dass das beliebig ist und ein Baukasten mit dem sich jeder was bastelt. Eher, dass es wirklich schwierig ist, eines davon oder beides überhaupt zu erkennen. Für einen selbst und Experten.
Und das verunsichert natürlich noch mehr. Weil eben bestimmte Dinge im Alltag gehen, die nicht so recht zum Bild der isolierten Störung passen.
Ich finde den Vergleich mit dem Baukasten sogar ganz gut.
Man stelle sich einen Klemmbausteinkasten vor und zwei Personen erhalten die gleichen Bauteile und den gleich Bauauftrag („Baue ein Haus mit Spitzdach“), aber ohne eine Anleitung. Bei beiden Personen würde man aller Voraussicht nach das Haus erkennen, aber gebaut wären sie trotz gleicher Teile sicher total verschieden.
Was ich sagen will: die Symptome sind immer da, aber man muss sie im individuellen Leben dann schon suchen wie die vorgelegten Klemmbausteine im gebauten Haus.
Vielleicht wären dann ADHS und Autismus Bausteine aus zwei verschiedenen Bausets, die sehr individuell kombiniert werden
Mein Kopf ist heute wieder sehr fantasievoll unterwegs!
Stimmt. So ergibt das durchaus Sinn
.
Ich wollte bloß direkt den Vorwurf der Beliebigkeit direkt entkräften.
Ist nicht mein Thema, aber ich wollte dir trotzdem Danke für den Text sagen, denn da hat es einige Male bei mir klick gemacht! Daher: DANKE! ![]()
Wie superspannend, danke, dass du den Thread eröffnet hast! Ich hatte zuerst meine Autismus-Diagnose, erst danach kam sehr überraschend noch eine für ADHS on top. Ich dachte immer, dass ADHS auf mich nicht passt, weil viel zu ruhig, und verloren hab ich seit Langem nix mehr. Klar, ich wusste aber auch nicht viel darüber bis auf das, was einem so auf einer Seite in den Medien präsentiert wird, und das reicht ja bei Langem nicht, um alle ADHSler und ihre Eigenheiten zu beschreiben.
Ich fand erstaunlich, wie sehr ich mich (bzw wie ich der Welt begegne) unter Gabe von Stimulanzien verändert habe, seitdem zweifle auch ich an meiner Autismusdiagnose. Auf der anderen Seite bin ich auch nicht superentschlossen, wirklich rauszufinden, ob sie jetzt stimmt oder nicht. Mindestens autistische Traits hab ich, ob es jetzt für eine Diagnose in einer Uniklinik reichen würde, war mir von Anfang an eher egal. Aber der soziale Rückzug lässt stark nach unter Methylphenidat, auch wenn ich trotzdem nicht plötzlich super extrovertiert bin. Mittlerweile glaube ich, dass bei mir der Wunsch nach Isolation eher von der Überreizung kam. Zu laut, zu viel, zu schnell, das hat mich schon als Kind komplett überfordert. Bei mir wirkt Medikinet glücklicherweise reizoffenheitsmindernd. Und damit fallen viele meiner Ängste, die ich mir vorher anders erklärt habe, plötzlich weg: Ich kann mich mit Leuten unterhalten, weil ich ihren Gesprächen plötzlich folgen kann, ich kann rausgehen und bekomme keine Panik, da mich der Straßenlärm nicht mehr so fertigmacht, ich höre das nervige Blätterrascheln im Herbst nicht mehr, was mich sonst kirre gemacht hat etc. Also auch wieder Ängste, die von diversen PsychologInnen mit diversen Störungsbildern erklärt wurden, auf die dann irgendwann auch die Autismusdiagnose gepasst hat, aber was jetzt immer weniger Thema wird.
Das soll natürlich kein Ratschlag sein für dich oder andere, Medikamente zu nehmen, nur meine Erfahrung ![]()
Wie spannend einmal die andere Seite sozusagen - also erst Autismus und dann ADHS - zu lesen! (![]()
Ein Punkt, der mir in dem Zusammenhang nach dem Hören von zig Podcasts (fachliche und von Betroffenen) und Lesen in den sozialen Medien aufgefallen ist: ADHS wird medial deutlich weniger ernst genommen als Autismus und seine Tragweite außerhalb von Chaos in der Wohnung und Co. einfach nicht erfasst. Das ist natürlich nur eine anekdotische Evidenz und sagt nichts aus außer meiner personlichen Eindrücke.
Aber es ist eine Erklärung für mich, weshalb ich auf die Autismus-Fährte geraten bin. In meinem Leben - ob jetzt durch ADHS, Autismus oder beides ist da echt egal - gibt es extrem viel mehr Probleme als Schwierigkeiten mit dem Aufräumen oder impulsives Dazwischenreden bei Gesprächen. Und das ist aber das, wie ADHS medial meines persönlichen Eindrucks nach ausschließlich wahrgenommen wird. Damit konnte ich mich nie identifizieren, ähnlich wie du auch.
Vielleicht lohnt letzteres mal ein eigenes Thema im Forum, falls es das nicht schon gibt.
Im Übrigen habe ich mich jetzt fürs Erste entschlossen, die Autismus-Diagnose ganz egoistisch für mehr Unterstützung, die ich sowieso dringend brauche, zu nutzen. Ich hab in jedem Fall spezifische Merkmale aus dem Spektrum, nur dass es vielleicht/vermutlich ohne meine ganz am Anfang beschriebenen Übertreibungen nicht für eine Diagnose gereicht hätte. Also mal sehen wohin mich die Aufarbeitung der ganzen Diagnose-Geschichte noch führt.
Wichtig ist mir, dass ich niemandem ungerechtfertigt was wegnehme oder Autismus ungerechtfertigt „nutze“. Ich hoffe, das ist nicht der Fall und kommt auch nicht so an.
Hello hello, ich war schon lange nicht mehr hier online, aber dieser Thread ist genau mein Thema! ![]()
Und warum? Weil ich ADHS und eine Zwangsstörung habe und Autistin bin. Ich kenne also all diese Probleme. Aber natürlich nur aus meiner Perspektive, die natürlich allein aufgrund meiner Person, aber auch durch Autismus, von der anderer abweicht und nicht auf alle zutrifft.
Erschreck dich bitte nicht bei folgendem Satz.
Ich hasse Social Media für die Glorifizierung und mir gehen Menschen ( vornehmlich an der Uni) auf den Keks (/R), für die jede Diagnose wie ein Erfolg, eine Urkunde ist und die jede erdenkliche Krankheit, die gerade viel Ausmerksamkeit bekommt, bei sich selbst nicht nur vermuten sondern auch sagen, dass sie diese haben.
Mich stört die fehlende Einsicht, dass sie weniger Ahnung haben, als es ihnen lieb ist.
Umso bemerkenswerter finde ich es, dass du so reflektiert damit umgehst und dir selber eingestehst, dass du „autistisch sein wolltest“. Das ist emotional nicht einfach, dass du das auch noch mit uns teilst verdient umso mehr respekt!! ![]()
Ich glaube, dass sich viele „in den Autismus“ flüchten, um sich mental zu entlasten, weil es dann „einen Grund“ für alles gibt, was sie an sich nicht annehmen können. Einfach, weil es so vielleicht einfacher ist. Damit meine ich nicht, dass es bei allen bewusst passiert.
ADHS und Autismus gehen oft Hand in Hand. Dass heißt, sie können einander maskieren, verstärken oder mit einander verwechselt werden. Genau deswegen ist eine Diagnostik wichtig: wer nicht nur „Symptome“ behandeln will, sondern die „Ursache“ muss wissen, was dahinter steckt. Was meine ich damit?
Ein Beispiel:
Wenn ich an der Universität in einem Laborpraktikum mit dem Laborleiter gesprochen habe, habe ich kaum mitbekommen, was er gesagt hat, weil ich abgelenkt war.
Man könnte meinen, es habe an meinem ADHS gelegen, aber das war nicht der Grund dafür.
Ich bin Autistin - für mich sind soziale Interaktionen nichts intuitives, sondern permanentes Analysieren, Abgleichen und gelerntes Anwenden.
Ich habe ihm ins Gesicht geschaut und in meinem Kopf lief folgendes ab: „Okay, denk dran, du musst ihn im die Augen schauen. Das macht man so. Er guckt Weg, mach das auch. Er sieht mich wieder an, schau ihn direkt in die Augen. Wechsel dochmal das Auge, su starrst!“.
Ein Symptom, unterdchiedliche Ursachen.
OCD (also Zwänge, das Wort ist nur kürzer) und Autismus überlappen auch, sind aber sehr verschieden. Zumindest in meiner Erfahrung.
Auch hier eine Erklärung:
Ich war mal sehr tief in meibem OCD versunken und war nicht in der Lage, meinen Tisch nicht gerade gerückt zu haben. Ich stand dann eine Stunde lang da und habe ihn immer und immer wieder „korrigiert“. Das hat nichts mit Autismus zutun. Das war keine Routine, das war keine stereotype Wiederholung. Das war eindeutig ein Zwang.
Autismus ist ein Problem der Anpassung (weswegen eine Anpassungsstörung auch gerne die 1. gestellte Diagnose ist, bevor Autismus erkannt wird).
Ich fühle mich mit meinen Routinen gut, ich mag es diese auszuführen. Es gibt keinen Grund, das nicht zutun. Zwänge sind anstrengend und machen mir Angst. Auch hier mag es im ersten Moment gleich aussehen, es steckt aber etwas anderes dahinter.
Und hier nochmal eine Beschreibung von Autismus, die ich für mich aus meinen persönlichen Erfahrungen und aus einer Autismus-Therapie zusammen gebastelt habe:
Wenn ich jeden Tag eine bestimmte Strecke gehe, dann ist diese als „der Weg“ abgespeichert. Das mentale Bild ist genau diese Strecke. Wenn ich da langlaufe, brauche ich kein aktives Bild, ich habe es in meinem Unterbewusstsein. Was ich sehe und was abgespeichert ist, ist gleich.
Wenn ich jetzt unerwartet woanders langlaufen muss, sagen wir mal, weil eine Straße gesperrt ist, dann stimmt was nicht. Mein mentales Bild von „dem Weg“ ist nicht veränderlich. In meinem Unterbewusstsein ist es fest verankert. Während ich also eine andere Strecke gehe, gleicht mein Unterbewusstsein permanent das, was ich sehe und das, was in meinem Kopf ist, miteinander ab und findet einen Fehler nach dem anderen. Hier ist es vielleicht lauter, der Weg ist schmaler, die Lichtverhältnisse sind anders. Statt durch das mentale Bild abgesichert zu sein, sorgt es permanent für Fehlermeldungen, weil die Schablone nicht mehr drauf passt. Das überfordert mein Gehirn.
Dieses mentale Bild, was fest verankert ist, lässt sich auf alles beziehen. Deswegen komme ich mit Veränderungen sehr schlecht zurecht - mein mentales Bild ist ein anderes, als meine Ungebung. Dann wird alles analysiert, mein Nervensystem steht unter Hochspannung und meine Energie geht dabei drauf.
Deswegen sind autistische Routinen etwas ganz anderes als Zwänge. Bei meinen Zwängen denke ich, dass jemand sterben muss, wenn ich etwas „falsch“ mache und halte es selber für unlogisch.
Meine Routinen erleichtern mir den Alltag.
Was wir aber nie vergessen dürfen: Autismus - aber auch ADHS, Depressionen etc. - sind nur starke Verschiebungen und nicht von „gesunden isoliert“. JEDER Mensch hat Routinen, der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Ja, auch ADHS’ler haben welche, die können zwar wechseln, sind aber immernoch Routinen. JEDER Mensch hat gewisse Probleme im Umgang mit anderen Menschen. JEDER Mensch vergisst mal was, ist mal verpeilt, hat mal Probleme sich zu konzentrieren. Das ist alles normal, bis es in ein extrem rutscht.
Dieser Text ist schon viel zu lang und ich könnte noch so viel mehr schreiben. Mache ich vielleicht auch, aber dann nochmal in einer zweiten Antwort ![]()
@FurryClock das erlebe ich durch meine Medikamente ebenfalls ![]()
An meiner Autimsus-Diagnose zweifel ich aber trotzdem nicht, im Gegenteil: ich habe das Gefühl, ich bin seitdem „autistischer“ geworden.
Was viele leider immer wieder vergessen oder vielleicht einfach nicht wissen, ist, dass die Reizüberflutungen nicht Autimsus-spezifisch sind, sondern eben auch zu ADHS oder auch anderen Erkrankungen gehören können.
Ich für meinen Teil bin gerne unter den richtigen Menschen. Angst vor Menschen ist kein Teil von Autismus ansich. Der Umgang mit anderen Menschen ist es, der den Unterschied macht.
Vielleicht hilft dir das hier:
-Würdest du sagen, dass du wusstest, dass andere Menschen Gefühle haben? Oder hattest du einen richtigen „AHA!-Moment“?
-Hast du deine eigene Mimik vor dem Spiegel erlent und dir versucht zu merken, wie sich welche Mimik anfühlt, um sie passend abzurufen? Oder ist Mimik ansich etwas normales für dich, du benutzt sie nur manchmal um nicht deine wahren Gefühle zu zeigen?
-Hast du in Sozialen Interaktionen ein Handlungsskript? Damit meine ich wirklich ein aktives analysieren von deinem Gegenüber und ein aktives abrufen von Dingen, die du gelernt hast, die du dann durchführen sollst? (wobei das auch schiefgehen kann, weil die Wahrnehmung eine andere ist)
Das sind so ein paar Dinge, bei denen ich denke, dass „viele daran scheitern“, diese Differenzierung zu machen.
Das lässt sich vielleicht mit „Ist es Angst und Überforderung oder fehlende Intuition?“ beschreiben.
Ich hoffe, ich schreibe nicht zu harsch. Ich bin müde, habe lange nichtmehr in ein Forum geschrieben und meine Medi-Wirkung ist aufgebraucht ![]()
@KiraNadine
ch weiß genau, was du meinst mit der „Glorifizierung“ in den sozialen Medien. Und ich glaube, es ist leicht darauf hereinzufallen, wenn man auf der Suche nach einem Gefühl von Zugehörigkeit und Identität - so wie ich. Noch dazu sehe ich auch da eine Verharmlosung von ADHS und mittlerweile auch Autismus, was meiner Meinung nach daher kommt, dass vor allem Menschen mit sehr wenig bis fast keinem Unterstützungsbedarf dort ihre (mehr oder weniger qualifizierte) Meinung kundtun. Deshalb versuche ich mittlerweile aktiv autistischen Menschen zu folgen, die einen (sehr) hohen Unterstützungsbedarf haben, um diesem Zerrbild entgegen zu wirken so gut es eben geht.
Und danke, ich bin froh, dass mein Thema hier so viel positive Resonanz findet! Ich hatte etwas Angst, dass man mich angeht. Aber es war mir wichtig diese Diagnose(n) für mich zu refkletieren.
Dein Bild vom Autismus mit der Schablone ist wirklich eindrücklich für mich. Mein erster Gedanke dazu war, dass ich mir wünsche, ich hätte eine ebensolche Schablone. Das ist keine Verherrlichung oder Verharmlosung, sondern mir wurde dann im zweiten Schritt klar, dass ich meine ADHS als das komplette Gegenteil deiner Schablone beschreiben würde. Ich versuche das mal in Worte zu fassen. Entschuldige, ich bin etwas müde und gerade erst nach Hause gekommen, also frag ruhig nach, wenn etwas unklar bleibt.
Meine ADHS ist als würde ich in einem dunklen Raum stehen, während alle anderen sehen können. Hier und da sehe ich vielleicht ein paar Schemen, aber mehr nicht. Demzufolge taste ich mich mal mehr und mal weniger erfolgreich durch den Raum, der sowohl meinen kompletten Alltag darstellt als auch soziale Kontakte. Beispiel kochen: ich kenne die Handlungsabfolge meines seit Jahren gleichen Frühstücks und da läuft die morgendliche Abfolge halbwegs gut. Da kenne ich also den Raum, metaphorisch gesprochen, und muss mich zwar trotzdem dabei konzentrieren, aber es klappt ohne größere Anstrengung. Trotzdem ermüdet die Handlung natürlich.
Beispiel soziale Interkation: auf einem größeren Geburtstag draußen im Freien mit etwa dreißig Menschen spreche ich mit einem anderen Gast. Ich blicke zu der Person, versuche über den Lärm zu verstehen was sie sagt, versuche gleichzeitig ihre Mimik zu lesen und nicht zu verpassen weil alles sehr laut ist, und mir nebenher eine halbwegs sinnvolle, passende Antwort auszudenken. Die Mimik nehme ich zwar wahr, aber ich muss sie oft nochmal für mich im Kopf übersetzen und aktiv daran denken, was die Person denn für einen Gesichtsausdruck hat. Meistens sage ich einen Halbsatz, weil mehr meine Kapazität nicht zulässt. Da ist der Raum für mich also tatsächlich fast dunkel und ich bin sozusagen im Blindflug unterwegs, was andere als unbeholfen, schüchtern oder gestresst wahrnehmen. Letzteres stimmt zumindest auch.
Zwei Situationen also in denen ich praktisch ständig darum kämpfe, inmitten von allen Reizen - selbst wenn jene Reize nur die vertraute Küche sind - irgendeine Handlung zusammen zu kriegen.
Ich wünsche mir also nichts sehnlicher als einen Plan, den ich anwenden kann und der bitte immer passt. Eine Schablone. In meinem Leben habe ich mir sehr viele davon bereits ausgedacht, nur um zu erleben, dass sie wieder und wieder nicht passen und auseinander fallen, weil von außen eine Veränderung kommt. Zum Beispiel während des Studiums das Ende des Semesters. Dann brachen vertraute und lieb gewonnene Routinen wieder zusammen und ich konnte von vorne anfangen.
Ich konnte kognitiv und durch ein Leben mit möglichst wenigen Anforderungen von außen lange Jahre kompensieren, aber auch das fiel irgendwann in sich zusammen, weil die Energie fehlte.
Das jetzt erst mal dazu, bevor mein Text ausartet und viel zu lang wird.
Edit: einen Gedanken muss ich noch ergänzen, weil er mir wichtig erscheint:
In Zusammenfassung erscheint mir mein Leben also als müsste ich mich blind in einem Raum herumtasten, während jeder Plan, den ich mir von dem Raum erstelle, von anderen Menschen wieder zerstört wird. Sie stellen sozusagen metaphorisch ständig die Möbel um und erwarten, dass ich das weiß, obwohl ich es nicht sehen kann. Es ist unfassbar anstrengend, weil mir gleichzeitig niemand glaubt, dass ich sozusagen blind bin. Mein mentales Bild vom Raum ist immer falsch.
Ich bin gerade total fasziniert von deinen Beschreibungen. Das ist mal nicht so ein Item, das jeder ein bisschen hat. Gestern habe ich bei Embrace Autism ein paar Tests gemacht und erkenne hier einiges davon wieder. Aber dieses Item ist mir da noch nicht über den Weg gelaufen. Ich habe ja so meine Probleme mit anderen Menschen, aber es entzieht sich komplett meiner Vorstellungskraft, sie nicht als fühlende Wesen mit eigenen mentalen Zuständen wahrzunehmen. Das war einfach immer schon da.
Und das sage ich ganz wertfrei, also ich will an der Stelle kein Gefälle aufmachen, welche Wahrnehmung besser/schöner/was auch immer ist. Es ist nur so radikal anders. Ich weiß zwar aus der Theorie, dass auch Erwachsene mit Kanner-Autismus nicht selten so empfinden können. Aber mein Gehirn ist nicht in der Lage, sich das vorzustellen. Erinnerst du dich noch an deinen Aha-Moment, und würde es dir etwas ausmachen, ihn zu beschreiben?
Habe ich zumindest überhaupt nicht so empfunden. Dein Stil kommt für mich eher strukturiert und sachlich rüber.
@tamaracha ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Moment und teile ihn auch sehr gerne mit.
Ich war in der 10. Klasse, es war eine normale Hofpause und ich war in der Nähe von anderen Schülern* aus meiner Stufe, die sich gegenseitig geneckt haben (sagt man das so? Sich gegenseitig aufgezogen haben passt vielleicht auch). Dabei ging es um einen Horrorfilm, den der Typ geschaut hatte und wie er sich danach verhalten hat.
Er hat seine Freundin angerufen, sich nicht mehr getraut das Licht auszumachen und ist bei jedem Geräusch zusammen gezuckt.
Und genau dann kam der besagte „AHA-Moment“.
„So verhalte ich mich, wenn ich Angst habe.
Er hatte dieses Gefühl nicht nur einfach, er hat es gespürt! Er hat dieses Gefühl, was mit der Angst einhergeht, in seinem Körper gespürt!“
Ich bin in der Mittagspause zuhause gewesen, habe Youtube angemacht und mir ganz viele Videos angeschaut; manche haben über ihre Lieblingsserien und -bücher geredet, andere haben von negativen Erfahrunhen erzählt.
Ich saß einfach die ganze Zeit da und habe mir gedacht „der fühlt das! Der fühlt das, was er sagt! Er spürt das in seinem Körper!“.
Ich war so fasziniert davon. Ich war damals 15.
Davor „wusste“ ich das nicht und für mich war das ein prägendes Ereignis, weil ich ab dem Zeitpunkt dann auch ganz anders mit anderen Menschen umgegangen bin.
Dazu passt es vielleicht auch, dass ich Dinge wörtlich nehme, früher wesentlich schlimmer als jetzt, aber ich habe, wenn ich Dinge das erste Mal höre immernoch Probleme damit.
Es ist so, als könnte ich nur eine Ebene sehen. Also den Mensch von außen, ohne das, was er spürt, oder die Worte in der einen Bedeutung.
Während eines Arztgesprächs, in dem mir der Arzt gesagt hat, dass andere Menschen für Autisten „Topfpflanzen sind“, habe ich ab da nicht mehr zugehört, weil ich vollkommen eingenommen von der Frage war, ob mich eine meiner damals besten Freundinnen, die Autistin ist, für eine Pflanze hält. Ich habe mich auch gefragt, nach welcher Pflanze ich wohl aussehen muss für sie…
Dass damit einfach ein „bedeutungsloser Gegenstand, an dem man nicht per se emotional hängt“ gemeint war, habe ich erst viel später herausgefunden… ![]()
Davon gibt es noch ein paar Geschichten, die alle mit dieser einen Ebene/Schablone erklärt werden können. Nicht immer so lustig wie diese, aber manchmal eben auch einfach lustig.