Falsche Autismus-Diagnose - nur Kompensation des ADHS

@KiwiSam

Oh man, die Beschreibung mit dem dunklen Raum, in dem alle anderen sehen können und die Möbel umstellen, was du nicht sehen kannst, ist in meinen Augen eine wirklich „schöne“ und eindrückliche Art, dass zu beschreiben…
Ich hab das auch immer mit einem Spiel gleichgesetzt, bei dem alle die Regeln kennen, außer mir und trotzdem erwarten, dass ich das kann. Ich kenne das also auch sehr gut.

Ich finde die Verharmlosung fatal. Ich mag den Begriff „Neurodiversität“ oder „Neurodivergent“ deswegen zum Beispiel auch nicht. Ich bekomme vermutlich viel Gegenwind (vielleicht kicht hier, aber naja) wenn ich sage, dass weder Autismus noch ADHS in meinen Augen keine Behinderung oder ADHS keine Erkrankung wäre. Ich bin behindert. Ich werde von meiner Umwelt behindert. Und solange wir uns nur neue Bezeichnungen ausdenken, die noch nicht mit der schwere der Vorurteile belastet sind, wird das, was wir damit bezwecken wollen, nicht passieren.
Ich werde nicht weniger durch mangelnde Unterstützung benachteiligt, wenn man mich nicht mehr behindert sondern „Neurodivers“ nennt.
Ich verstehe den Gedanken dahinter durchaus.
Aber nicht alles, „was in der Natur passiert“ ist als toll und „alles vollkommen normal“ einzuordnen.
Ein, zugegeben etwas weithergeholtes Beispiel, wäre an der Stelle die Erkrankung Krebs. Warum? In unserem Körper entstehen fast jeden Tag mutierte Zellen. Nicht im großen Stil, unsere Abwehr lässt sie im Keim ersticken, bevor irgendwas passieren kann.
Zellmutationen sind in der Natur normal, aber wir würden NIE auf die Idee kommen, Krebs zu verharmlosen, obwohl der Ursprung absolut normal ist.

Ein Problem sind in meinen Augen vor allem diejenigen aus Social Media, die gar keine Diagnose haben, aber trotzdem Tipps geben… das ist in meinen Augen einfach schrecklich… Auch hier, der Ursprung kann ein anderer sein, wie es sich äußert ist es vielleicht identisch.
Wenn dir jemand sagt „Ich hab da keinen Bock mehr drauf. Ich muss das jetzt beenden“, freust du dich, wenn es jemand mit OCD ist, der seine Zwänge bekämpfen will, während alle Alarmglocken klingeln sollten, wenn es jemand mit Depressionen sagt…
Autismus und ADHS oder „Normal“ ist nicht wie „Homo, Bi oder Hetero“… und letzteres für sich zu definieren ist schon nicht immer leicht.

Um nochmal auf die Schablone zu sprechen zu kommen: entgegen der auf Social Media steigenden Glorifizierung von ADHS (es gibt positives, keine Frage) und der Darstellung als etwas erstrebenswertes; würdest du sagen, dass du gerne kein ADHS hättest? Abgesehen von den Auswirkungen auf deine Persönlichkeit etc. oder so. Für mich klingt deine Beschreibung einbisschen nach Autismus, ja, aber im Kern vor allem nach dem Wunsch, Sicherheit zu spüren. Ich weiß nicht, inwiefern das ein Thema bei dir ist, aber für mich klingt es so, als würdest du dir nichts mehr wünschen, als Sicherheit (oder „Kontrolle“) zu haben und dich normal und zugehörig zu fühlen. Was ich verstehen kann, das ist bei mir ein großes Thema, weswegen ich das da auch vielleicht kur reininterpretiere

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@KiraNadine
Ja, die Metapher eines Spiels passt auch sehr gut. Grundsätzlich kenne ich die groben Spielregeln des Lebens, vor allen Dingen aus Beobachtungen und Medien. Früher waren das Bücher und heute sind es leider oft soziale Medien. Aus Beobachtungen lerne ich besonders über die Verhältnisse der Menschen untereinander in Gruppen. Aber generell glaube ich, habe ich wesentlich größere Probleme damit die eigentlich bekannten Spielregeln umzusetzen als sie zu erkennen.

Neurodivergenz war als Begriff von der Erfinderin (ich finde ihre Namen nicht mehr wieder, sorry) auch nie als Euphemismus oder Ablehnung des Begriffs behindert gedacht. Es wird in den sozialen Medien nur leider so gebraucht. Wenn ich mich korrekt erinnere, ging es ihr sinngemäß darum, Menschen zu beschreiben, die aufgrund ihrer anderen Gehirnfunktionsweise - und das inkludiert alles, was als psyschiche Diagnose exisitiert - politisch und gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden.

Normal ist wiederum ja das, was die umgebene Gesellschaft für normal hält, und da gibt es logischerweise weltweit krasse Unterschiede. Da möchte ich für mich eher noch mehr lernen, wie ich diese rigide Vorstellung von Normalität in meinem Kopf loswerde. Aber ja, grundsätzlich stimme ich deinen Ausführungen bezüglich Behinderung zu. Ich bin definitiv behindert und bleibe es in jeder Gesellschaft, davon bin ich überzeugt.

Ich möchte meine ADHS sehr gerne loswerden, ja. Wenn es heilbar wäre, dann würde ich die berühmte Pille nehmen. Für mich persönlich hat ADHS nichts positives, sondern ist schlichtweg eine Behinderung. Aktuell arbeite ich viel daran, da es ja nun einmal nicht heilbar ist, es wenigstens als neutrale Tatsache meines Lebens zu akzeptieren.
Die Themen Sicherheit und Kontrolle sind in der Tat sehr große Themen bei mir, das hast du sehr gut erkannt. Ich bilde mir ein, wenn ich mehr Kontrolle hätte, hätte ich auch mehr Sicherheit. Mich normal und zugehörig zu fühlen, nicht wieder abseits stehend weil ich nichts verstehe und sozialen Interaktionen nicht folgen kann, wäre ein Traum von mir… Kennst du das von dir? Wünschst du dir deinen Autismus und/oder deine ADHS auch weg aus deinem Leben? Oder ist eins von beiden oder sogar beides für dich in Ordnung?

BTW: ich musste sehr über das Bild mit der Topfpflanze lachen :smiley: so ein Gedanke hätte mir auch passieren können. Als ich deinen Text gelesen hab, war mein erster Gedanke „Wieso ausgerechnet Topfpflanzen? Das ist doch gemein zu unterstellen, autistische Menschen empfänden nichts für ihre Mitmenschen.“

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Das beschreibt „blind sein“ ziemlich gut, zumindest geburtsblind zu sein. So fühl sich mein Leben an, wenn ich mit visuellen Themen konfrontiert bin. Für mich ist es z.B. völlig abstrakt, welche Farben miteinander gut harmonieren und welche sich beißen. Ich versuche, mit Modellen zu mentalisieren, wie etwas oder ich aussehen soll, damit es schön, akzeptabel usw. für Sehende ist. Aber die Modelle sind nie differenziert genug und es kommt immer noch ein Überraschungsparameter hinzu, und schon liege ich mal wieder falsch. Wenn ich mir viel Mühe gebe, z.B. bei einem komplexeren Textlayout die Don’ts zu beachten, ist es Sehenden i.d.R. zu steril, was ich mache.

  1. Mit relativ großem Aufwand meide ich Fehltritte.
  2. Mir selbst bringt es wenig Gewinn und vieles davon wäre mir auch bei anderen egal.
  3. Es ist am Ende nie wirklich gut genug, um die unsichtbare Grenze zu überwinden.

Für dich und andere ist natürlich scheiße, dass man dir deine Art von Blindheit nicht glaubt. Andererseits ist es immer am wichtigsten, dass du dir deine Grenzen selbst glaubst. Könntest du vielleicht die Kopplung von Kontrolle und Sicherheit ein bisschen auflösen? Also für sich zu akzeptieren und das Leben danach auszurichten, dass man bestimmte Ansprüche nicht erfüllen kann und da Grenzen hat. Zum Beispiel schminke ich mich nie, weil ich dann nur wieder Angst hätte, ob ich alles richtig gemacht hätte. Meine Klamotten sind gut miteinander kombinierbar, so entstehen keine farblichen Fehlkombinationen. Also ich glaube, vieles von diesen Ängsten und der Unsicherheit hat eben sehr damit zu tun, ob man sich immer wieder dazu zwingt, bestimmte Hürden zu nehmen, immer wieder über einen Abgrund zu springen. Solange man nur um die Hürden herumläuft und sich nicht komplett einschränken lässt, würde ich das noch nicht als Vermeidungsverhalten labeln. Ich trinke keinen Alkohol wegen epilepsie, da können sich alle anderen auf den Kopf stellen und ich tue es trotzdem nicht. Für mich ist es leichter zu ertragen, das eigene Leben selbst an die eigenen Grenzen anzupassen und selbst zu entscheiden, statt es von anderen in sozialen Situationen rückgemeldet zu bekommen und sich dann unsicher oder als versager zu fühlen.

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Ja, das habe ich sehr lange gehabt, da ich erst mit 22 meine Diagnosen bekam.
Ich dachte immer, dass ich „die Kontrolle über mein Leben“ so ausführen könnte, dass ich perfekt in dieses System reinpasse. Wenn ich genau weiß, was wie funktioniert, wie ich mich verhalten muss etc. dann würde ich ja ein Teil von all dem sein, oder?
Die Wahrheit ist: selbst wenn du „alles richtig“ machst, kannst du im Abseits landen.
Daran arbeite ich immer noch.
Ich kann Menschen nur schwer einschätzen und das macht das ganze nochmal schwieriger. Indem ich anderen „nichts“ erzähle, bewahre ich mir zum Beispiel die Kontrolle über die aktuelle Situation. Würde ich anderen in meinem Umfeld Dinge anvertrauen, könnten die „Dinge tun“ von denen ich vorher ja nicht wissen kann, was sie sind. Selbst wenn sie mir helfen würden bin ich überfordert, weil meine Kontrolle weg ist. Das ist ein großes Problem von mir, an dem ich langsam arbeite.

Zum Thema Autismus/ ADHS - Hot oder Schortt?:

Fangen wir mal mit Autismus an. Bei mir wurde das neue Klassifizierungssystem angewandt, ich hab also eine ASS. In Klammern wurde aber noch ein ICD-10 Code für das Asperger-Syndrom gesetzt.
Wenn ich an all das Leid, dass ich als Kindbdadurch erlitten habe, denke, würde ich fast sagen „ja, macht das weg“, ABER ich hatte damals auch keine Diagnose. Ich war also auf mich alleingestellt, da keiner auf meine „besonderen Bedürfnisse“ so eingehen konnte, wie ich es gebraucht hätte.
Am Anfang, als die Diagnose das erste mal im Raum stand und ich für mich gemerkt habe, dass es „stimmen könnte“ tat es mir schon weh, zu wissen, welche Defizite ich habe, und, dass einiges davon wohl für immer bleiben würde.

Aber auch hier; Autismus ist eine Entwicklungsstörung, kein „ausbleiben der Entwicklung“. Ich bin älter geworden und auch reifer. Die Schulzeit war rückblickend der Horror, aber in der Ausbildung ist es etwas anders. Ob ich wirklich jemals richtig arbeiten kann, kann ich nicht sagen, aber ein ganzer Teil der negativen Aspekte vom Autismus sind weniger geworden, manche sind ganz verschwunden (und kommen vielleicht nur bei großem Stress zurück).
Ich habe immernoch die bekannten Melt- und Shutdowns wobei die sich zugunsten der Shutdowns verschoben haben. Und auch die habe ich seltener.
Trotz allem, wenn man das Positive und das Negative zusammen nimmt, würde ich sagen, dass ich gerne so bin, wie ich bin. Ich habe manche Einschränkungen, die ich gerne nicht hätte, aber ich habe auch „Talente“, die ich nicht missen möchte.

Ich habe eine sehr gute und schnelle Auffassungsgabe. Ich habe Themen, die mich soo begeistern, mit denen ich mich rund um die Uhr beschäftigen könnte. Wenn Menschen eine ehrliche Antwort haben wollen, dann kommen sie zu mir, weil sie wissen, dass ich das „hart aber fair“ beurteilen werde, ohne abzuwerten.
Wenn bestimmge Reize mich in ihren Bann ziehen - Mal Musik, mal blinkende Lichter, mal das Wiederholen von Bewegungen oder Taktile Reize - löst das in mir ein wohliges Gefühl aus, was ich genieße.
Ob ich ohne Autismus diese Eigenschaften hätte kann ich nicht sagen. Vermutlich nicht, da diese eben stark damit zusammenhängen. Und da es genau diese Dinge sind, die ich so sehr an mir und meinem Leben mag, bleibe ich trotz der vielen Probleme dabei, dass ich es heute, für mein heutiges Ich, nicht ändern wollen würde.

Kommen wir nun zum ADHS:

Das kann ich in einer ewig langen Geschichte erläutern oder ganz kurz zusammenfassen mit „Weg damit“. Sofort. Gerne, ohne dafür Medikamente schlucken zu müssen…
Ich bin auch hier immer ungerm Radar geblieben. Vermutlich, wegen der Komorbidität Autismus und, weil ich mich in der Schule immer extrem zusammengerissen habe. Ich habe zum Beispiel den ganzen Tag Kaugummi gekaut, was eine Copingstrategie war. Ich hab wirklich morgens beim verlassen des Hauses das Kaugummi in meinen Mund gesteckt - also immer so gegen 07:30 Uhr - und habe es zuhause nach Schulschluss ausgespuckt. Das war dann zweimal die Woche um 14:00 Uhr, aber auch zweimal um 17:00 Uhr. Gefiel meinem Magen nach einer Weile überhaupt nicht mehr.
Je älter ich wurde, desto mehr litt ich an den Ansprüchen, die gestellt wurden. Ich habe meine Hausaufgaben vergessen. Sowohl, diese zu machen, als auch die gemachten mitzunehmen. Ich habe immer meine Schulbücher vergessen. Blöd war es, wenn man sich mit seinen Sitznachbarn abgesprochen hat, wer wann das Buch mitbringt.
Ich habe mehrfach vergessen meine Tasche zu packen, ich bin mit dem Schlafanzug unter meiner Kleidung zur Schule gegangen, musste mejrfach nochmal nachhause, weil ich z.B auch meinen Rucksack vergessen hatte.
Ich konnte im Unterricht keine Aufgaben schriftlich durchführen. Zumindest die meiste Zeit nicht.
In Klausuren hatte ich nur ein begrenztes Zeitfenster für meine Konzentration. Sobald die verflogen war, war die Klausur für mich vorbei.
Das waren bis jetzt ein paar Probleme, die vielleicht belastend sind, aber die schlimmen kommen erst noch.
Ich wäre schon mehrfach beinahe an meinem ADHS gestorben oder zumindest hätte ich mich schwer verletzen können.
Ich bin mehrfach, komplett in Gedanken versunken, bei rot über eine gut befahrene Straße gelaufen. Ich hab es einmal erst gemerkt, als ein großer verwaschener Schatten neben mir an der Seite meines Blickfeldes aufgetaucht war. Das war ein Linienbus, der gott sei dank angehalten hat.
Ich habe mehrere Semester Chemie studiert. Dass ADHS bei einem Studium nicht hilfreich ist, ist wohl offensichtlich. Dass man sich mit ADHS in einem Chemielabor potentiell in Lebensgefahr bringt, habe ich mitbekommen, als ich dachte, ich hätte ein Becherglas, in dem vorher konzentrierte Schwefelsäure war, richtig ausgewaschen. Hatte ich nicht. Ich hab es ohne Handschuhe abgetrocknet. Das Geschirrhandtuch ist dann in meiner Hand auseinandergebröselt, weil es sich aufgelöst hat. Und das war noch ein einem der ersten Praktika, bei dem zweiten kamen dann noch explosive und krebserregende Stoffe dazu. Ich hab mich mehrfach verletzt, vorallem verbrannt.
Ich liebte mein Studium, aber ich habe mich gefühlt wie der letzte Dreck und bin wieder in eine Depression verfallen.
Ich glaube, mein unbehandeltes ADHS hatte für die ganzen sehr schweren depressiven Episoden gesorgt. Ich hab mich so inkompetent, unfähig und einfach falsch gefühlt.
Ich habe leider eine hohe „Suchtaffinität“. Alles, was Dopamin bringt, vergiftet mein Gehirn. Um es ganz hart auszudrücken. Eine Bildschrimzeit von 13 Stunden täglich, Magersucht, sich mit Essen vollstopfen, Glücksspiel und Kaufsucht. Ich habe aktuell wieder finanzielle Probleme, hatte die auch schon früher mal. Und wie kam das? Ich habe Medikinet abgesetz und zwei Monate lang mein ADHS „in vollen Zügen genießen dürfen“… zumal ich frei hatte, aufgrund von verschiedenen Umständen.

Also selbst wenn mein ADHS mich kreativer und auch begeisterungsfähiger macht, macht es mich in erster Linie kaputt. Ich würde ohne umschweife mein ADHS abgeben wenn ich könnte.

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Interessant, dass ich damit tatsächlich etwas beschreibe, was ich nie selbst erlebt habe. Vielleicht ist visuelle Blindheit und „Handlungs- und Sozialblindheit“ (so würde ich meine Art von Nicht-Sehen-Können mal bezeichnen) einfach nur auf verschiedene Dinge bezogen, aber an sich gar nicht mal so unähnlich.

In letzter Instanz hat mich jedenfalls ein Burnout zu dem gezwungen, was du vorschlägst. Ich ordne seit etwa zwei Jahren mein Leben neu, sodass ich weniger Hürden habe und mir mehr eigene Grenzen eingestehe, die ich dann auch achte. Ich hätte mir gewünscht, dass es nicht erst die allerletzte Möglichkeit ist mein Leben irgendwie zu retten, aber die Leistungsgesellschaft war leider sehr gut darin mir einzureden, ich sei ein Versager wenn ich nichts leiste.

@KiraNadine
Beim Thema Sicherheit und dem Umgang damit sprichst du mir sozusagen aus der Seele (rw). Ich habe sehr lange versucht in das vorgegebene System zu passen und irgendwie alles richtig zu machen. Ganz besonders wohl während meines Studiums. Ich dachte, wenn ich möglichst offen und freundlich bin, wäre ich Teil der Gesellschaft bzw. Gemeinschaft an der Uni in diesem Fall. Geklappt hat das nie, weil ich nicht die Energie hatte, zum Beispiel an Unternehmungen außerhalb von reinen Uni-Veranstaltungen teilzunehmen. Und weil ich ehrlicherweise auch nie viel Interesse daran hatte.
Auch ich wollte Menschen quasi nichts von mir erzählen. Das hat dann dazu geführt, dass ich keine echten Freundschaften hatte. Wie auch, die Menschen kannten ja nur ein bestenfalls sehr rudimentäres Bild von mir.

Auch bei mir wurden die Kriterien des ASS angewandt, die offizielle Diagnose ist aber noch Asperger, wie bei dir auch. Ich hoffe in dem Zusammenhang, dass Autismus dann bald offiziell ASS heißt, einfach weil ich persönlich mit Asperger so viele Stereotype à la Sheldon Cooper verbinde. Was nicht heißt, dass es solche autistischen Menschen nicht auch gibt, keine Frage. Aber der mediale Fokus war ja schon stark auf sie ausgerichtet und ist es wohl immer noch so weit ich weiß.

Ich finde es spannend, welche Eigenschaften du zumindest ein Stück weit dem Autismus zuschreibst, nicht aber dem ADHS. Ich meine das vollkommen wertfrei, also da gibt es kein „das eine ist auf jeden Fall schlimmer/besser als das andere“. Klar, Vergesslichkeit ist nun mal eindeutig ADHS und Spezialinteressen eindeutig Autismus (abgegrenzt vom Hyperfokus). Aber dennoch finde ich es interessant, dass ich nun schon öfter gehört habe, dass viele AuDHS’ler ihren Autismus als Teil von sich oder der Persönlichkeit betrachten, und ADHS ist der Störfaktor. Liegt vielleicht daran, dass die beiden Störungen oft so gegensätzliche Bedürfnisse haben und Autismus irgendwie dann doch viel mehr das „Betriebssystem“ der Menschen ist, wenn sie denn beides haben. Ergo stärker mit einem selbst verbunden als das ADHS. Das sind jetzt nur meine persönlichen Gedanken dazu, keine wissenschaftliche These.

ADHS verursacht extrem viel Leid, das liest sich aus deinem Lebenslauf klar heraus. Ich kann das richtig spüren und das tut mir echt Leid.
Die Affinität zu allem, was Dopamin bringt, kenne ich selbst ganz gut. Auch bei mir finden sich alle möglichen Essstörungen im Lebenslauf, die Bildschirmzeit, die Probleme mit dem Kaufen von Dingen… Alles nicht so extrem, dass es sich je in eine Sucht oder finanzielle Probleme manifestiert hätte, aber dennoch natürlich mit Leid verbunden. Mein Leben lang schon vermeide ich soziale Kontakte im realen Leben größtenteils, weil es online so viel einfach ist Menschen zu finden, die z.B. Hobbies teilen, und weil schriftliche Unterhaltungen so viel leichter sind als mündliche. Das gibt einfach deutlich mehr Dopamin, auch weil ich neben dem Chatten oder Forenbeiträge schreiben auch noch Videos gucken/hören kann.

Mir fällt es im Übrigen immer noch schwer und gerade auch beim Tippen merke ich es wieder, mir überhaupt positive Eigenschaften zuzugestehen. Vieles von dem, was du als positiv beschreibst, kenne ich auch sehr gut von mir. Aber ich gestehe es mir nicht zu, weil es vermeintlich „falsch“ ist und nicht in die Gesellschaft passt.

Ich versuche das mal soweit zu beschreiben, wie ich kann, da ich aktuell die Studien oder Berichte nicht zur Hand habe. Aber:
ADHS scheint ein Problem der Neurotransmitter zu sein während Autismus strukturell bedingt ist.
Deswegen ist ADHS auch mit Medikamenten behandelbar, die auf die Neurotransmitter Einfluss nehmen. Ganz neue Erkentnisse sind, dass es eventuell sogar durch Stimulanzien heilbar sein KÖNNTE (Stichwort Kausalität und Korrelation).

Nicht jeder, der als Kind ADHS hat, hat es auch als Erwachsener, aber jedes autistische Kind wird zu einem autistischen Erwachsenem.

Eine relativ neue Erkenntnis ist, dass Autisten* sich bereits im Mutterleib anders entwickeln. Es entwickeln sich wesentlich weniger Synapsen, die Verbindungen zwischen diesen ist aber wesentlich stärker. Das betrifft vor allem wohl Areale, die eben für die Autismus-typischen Verhaltens- und Denkweisen verantwortlich sind.

Ich glaube, dass der Begriff „tiefgreifende Entwicklungsstörung“ das eigentlich wirklich gut beschreibt, da es eben viel tiefer liegt als zum Beispiel ADHS.

Wenn ich die Studien etc. finde, dann reiche ich sie nach.

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Das finde ich auch – und das ist bestimmt auch der Grund, wieso ich gar nicht darauf kam, es bei mir testen zu lassen, obwohl es bei einem meiner Söhne getestet wurde (mit schwammigem Resultat). Und weil ich meine Arbeitssachen immer superpünktlich abgebe (ich hab mir ein Übermaß an Disziplin zugelegt vor circa 20 Jahren, weil es mich so deprimiert hat, nie was auf die Reihe zu bekommen) und halt keine Schlüssel verlege, dachte ich, nee, passt überhaupt nicht auf mich. Aber weil ich mir jetzt erlaube, mein Chaos auch mal nach außen zu spiegeln, haut es mich manchmal ganz schön um. Ich dachte, ich wäre leidlich organisiert, aber in Wirklichkeit hüpfe ich andauernd von einem Ding zum nächsten, puzzle hier rum, dann da, mach nix fertig, kehrte zum ersten zurück, mache weiter, dann aber wieder zum zweiten etc. Komisch, dass ich das bisher nie mir selbst gegenüber zugeben konnte. Und kein Wunder, dass ich oft so k.o. war, dass ich dachte: Ach, wenn mich ein Auto überfährt, ist wenigstens der ganze Stress mal vorbei. Scheußlich … Aber um mal vom Chaos wegzukommen: Stimmt, das ist oft echt nicht das einzige Problem. Es gibt so viele andere Sachen, Entscheidungsschwierigkeiten, Probleme im sozialen Miteinander etc. Die wiegen zumindest bei mir schwerer, vielleicht auch, weil ich es durch Disziplin bisher nicht schaffe, da etwas zu verändern.

Hast du denn das Gefühl, dass andere der Meinung wären, du nimmst ihnen was weg durch die Diagnose? Es gibt ja keine Höchstgrenze an erlaubten Autismusdiagnosen … Und dass du möglicherweise einen Therapeutin in Anspruch nimmst, ist ja auch total in Ordnung. Sonst müsste man ja auch jeden mit einer mittleren Depression ermahnen, nicht den schwer Depressiven einen Therapieplatz wegzunehmen,

Das ist sehr interessant und ich muss darüber nachdenken. Ich war eine Zeitlang eher überrascht, dass mir da scheinbar echte Menschen gegenüberstehen. Allerdings kam das nach einem traumatischen Vorfall, nach dem es mir vorkam, als wären alle anderen zweidimensional (das klingt ziemlich seltsam, geb ich zu). Aber tatsächlich würde ich die Frage mit nein beantworten. Dass andere Gefühle haben, wusste ich als Kind und als Jugendliche, der Einschnitt kam als junge Erwachsene. Vielen Dank für diesen Hinweis! Das hab ich nie irgendwo gelesen!

EDIT: Hab erst jetzt deine Beschreibung des Aha-Moments gelesen, danke, dass du das noch mal so erklärt hast!

Das wiederum kenne ich – ich hatte ein Fotobuch, in dem ein Pantomime für jedes Gefühl den entsprechenden Gesichts- und Körperausdruck zeigte. Das fand ich total hilfreich.

Gemischt. Ich schaffe es immer die ersten fünf bis zehn Minuten, im Gesprächsflow mitzugehen, dann aber erschöpft mich das ständige Aufpassen und Zuhören (und adäquat zu antworten) so sehr, dass bei mir schnell die Lichter ausgehen. Aber vielleicht hattest du bei dem Punkt auch etwas anderes im Kopf.

Auf jeden Fall vielen Dank! Und nee, zu harsch finde ich deinen Beitrag nicht!

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@KiwiSam: Viele deiner Probleme kann ich sehr gut nachfühlen, auch wenn sie bei mir andere Gründe haben. Es gibt ja dieses Bild der Kraftlöffel. Wenn du weniger davon pro Tag zur Verfügung hast, schaffst du auch insgesamt weniger pro Tag. Du kompensierst kognitiv deine „Sozialblindheit“, das kostet Kraft.

Mir ging es auch schon im Studium so und auch später, dass mir die Kraft für genug soziale Aktivitäten im RL fehlt, damit so etwas wie Bindung entstehen kann. Schon nach den Pflichtveranstaltungen war ich komplett alle, irgendwelche Partys wären da unmöglich gewesen. Einsam gefühlt habe ich mich trotzdem oft, weil es ja nicht am fehlenden sozialen Bedürfnis lag, sondern an der Kraft.

Vielleicht hätte ich im Ausland studierensollen , wo alles auf einem Gelände untergebracht wäre. Unsere Unis sind oft über die ganze Stadt verteilt, was mir schon vor Veranstaltungsbeginn einiges an Kraft, Nerven und Spaß geraubt hat. Unterwegs draußen ist immer die Angst vor Pannen und Komplikationen, also z.B. dass man in den falschen Bus einsteigt oder den richtigen nicht hört, weil drei Busse hintereinander gleichzeitig einfahren. Ich muss genau aufpassen und mentalisieren, wer wann was gemacht, gesagt oder woanders hingelegt hat, weil ich ja nicht ständig einfach hinschauen und mich updaten kann. Saumäßig anstrengend.

Von daher glaube ich sofort, wie anstrengend das auch im sozialen Bereich sein kann, wenn die Intuition dafür fehlt und du trotzdem irgendwie versuchst, alles mitzuschneiden und richtig zu reagieren.

Hm, schwieriges Thema. Natürlich sollten alle Hilfe bekommen, wenn sie Probleme haben, ob mit Autismus, Anpassungsstörung, ADHS oder Depression. Es geht da weniger um Therapieplätze, die belegt werden, sondern um Sichtbarkeit und Repräsentation. Öffentliche Aufmerksamkeit ist begrenzt.

Ich beobachte aber auch im Behindertenumfeld, wenn man mal nicht mit PR-Menschen und Aktivisten redet, dass diejenigen mit sehr starken Einschränkungen sich von denen mit softeren Einschränkungen nicht angemessen repräsentiert und in eine Art Außenseiterrolle gedrängt fühlen. Sowieso schon haben Menschen umso weniger eine eigene Stimme (metaphorisch), je stärker die Einschränkung ist. Ihnen fehlt schlichtweg die Kraft für mediale Präsenz. Tom Harrendorf hat dazu eine zugegebenermaßen sehr provokante Meinung, aber er fasst das Problem ganz gut zusammen.

Ich habe es in der Schule übrigens am eigenen Leib erlebt, dass die mit den milderen Einschränkungen sich von den „Härtefällen“ aktiv oder unbewusst abgrenzen. „Wir sind noch normal, pflegeleicht, fit und vital. Wir brauchen nur ein bisschen Akzeptanz. Bitte bitte akzeptiert uns. Wir sind nicht wie die da.“ Ich bin aktiv dafür beschämt worden, dass ich quasi mit meinen zusätzlichen Problemen noch behinderter war als viele der anderen.

Die Verborgenen sind aber win der Maslow-Pyramide weiter unten und befürchten, dass ihre Interessen und Probleme noch mehr in Vergessenheit geraten und dass sie (mal wieder) im Stich gelassen werden. Mein allergeringstes Problem im Leben ist es z.B., dass ich als Frau durch unsere Sprache „nur mitgemeint“ werde, während das einige andere doch sehr zu beschäftigen scheint. Und manche befürchten auch, dass bei dem aufkommenden politischen Backlash die Politik das als Ausrede nutzt, Behindertenrechte zu opfern. So nach dem Motto: „Die gehören zu dieser nervigen (und arbeitsscheuen) Befindlichkeitsbewegung und kosten auch noch Geld.“ In manchen Gegenden in Deutschland ist offen geäußerte Behindertenfeindlichkeit absolut real und Salonfähig: „Die Scheißbehinderten machen alles teuer.“ Fehlt nur noch „Wenn A… doch hier wär.“

Menschen vergessen wahnsinnig gern, dass es Behinderungen gibt, dass sie das Leben stark einschränken können und dass es auch sie selbst treffen kann. Strategische vereinsinterne verschämte Fragen, wie man seine Anliegen so vertreten kann, dass man nicht mit Wokeness assoziiert wird, das spricht schon für sich. Traurig ist das allemal.

Nachtrag: Ich distanziere mich ausdrücklich von ernst gemeinten Aussagen wie „Autismus ist nur eine Modediagnose.“ Mir wäre es auch lieber, die Titel wären weniger Clickbaitig.

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@KiraNadine
An den Studien und Berichten bin ich auf jeden Fall interessiert. Solltest du sie finden, würde ich mich freuen wenn du sie posten würdest.
Zwei Faktoren, die mir in den Sinn kamen, wäre das Masking und coping Mechanismen. Wenn ein Kind mit einer ADHS Diagnose gute Unterstützung erhält - so als Idealfall - kann es lernen mit seinen ADHS-Symptomen umzugehen. Entsprechend, etwas vereinfacht gesagt, würde es als erwachsener Mensch die Kriterien einer ADHS nicht mehr erfüllen. Aber ist die ADHS dann weg oder „nur“ gut unter Kontrolle? Ich gehe davon aus, dass seriöse Studien und Berichte diesen Faktor sicherlich berücksichtigen. Das soll keine Kritik der These an sich sein, dass ADHS sich auswachsen kann.

Über die Entwicklung bei Autismus habe ich auch mal gelesen, ja. So gesehen macht es auf jeden Fall sinn, dass man sagt, dass Autismus deutlich tiefer in der eigenen Gehirnstruktur liegt als ADHS. Wenn ich darüber nachdenke: ich kenne einige Menschen mit ADHS und diese kann ich mir ohne ihr ADHS durchaus rein theoretisch als Persönlichkeiten vorstellen. Eine gute Freundin ist Autistin und sie wiederum kann ich mir ohne ihren Autismus überhaupt nicht vorstellen, weil sie eine vollkommen andere Person wäre. Sie hätte (fast) keine Ähnlichkeit mehr mit ihrem jetzigen Charakter. Ich denke, das ist diese tiefere Ebene von der du sprichst. ADHS sind dann doch irgendwo „nur“ Symptome (so viel Leid diese verursachen, keine Frage!).

@FurryClock
Ich kenne dieses Hin- und her springen bei Aufgaben so gut! Es ist unfassbar anstrengend und am Ende des Tages fühle ich mich ganz oft tatsächlich wie überfahren. Wenn ich versuche eine Aufgabe, so schwer es ist, zu Ende zu führen, dann reduziert das mein Stresslevel immens.

Nein, es gibt sicherlich keine Höchstmenge an Autismus-Diagnosen :smiley: Ich kann mir schon vorstellen, dass jemand der Meinung sein könnte, dass ich die Diagnose zumindest nicht ganz zu recht für mich beanspruche. Allerdings möchte ich aktuell dennoch weiter die Autismus-Diagnose führen, innerhalb von Therapien (nicht außerhalb!), um die Hilfe zu bekommen, die ich brauche. Aber auch nur solange es hilfreich ist und ich nicht sicher weiß, ob der Autismus nun zutrifft oder nicht.

Denn insgesamt hat mich der Thread hier sehr extrem zum Nachdenken gebracht und ich möchter weiterhin an mir selbst beobachten, was nun tatsächlich an Symptomen im Alltag auftaucht und Probleme macht. Bisher war ich vor allem Zuhause und recht sozial isoliert und das wird sich demnächst ändern. Insofern wird sich da nochmal sehr viel deutlicher zeigen, welche Probleme ich zum Beispiel im sozialen Bereich ohne Masking habe. Das werde ich dann mit Hilfe der Therapie aufarbeiten und schauen, was da los ist.

@tamaracha
Ich hatte selbst auf einer Campus-Uni ohne große Fahrten zwischen einzelnen Fakultäten große Probleme mit dem Energie-Haushalt und den sprichwörtlichen Löffeln. Von daher weiß ich nicht, ob es dir auf einer solchen besser ergangen wäre. Möglich ist es natürlich, keine Frage. Busfahrten wären allemal weggefallen, allerdings wäre das Gelände dafür unter Umständen unübersichtlicher und weitläufiger gewesen. Aber das ist ohnehin wohl alles hypothetisch.

Was du über die Behinderten-Community berichtest, kann ich sehr gut nachvollziehen und bin da auch voll bei dir. Das Autismus-Feld in den sozialen Medien (und vielleicht auch sonst wo?) wird von weißen, spät diagnostizierten und meist sehr gering eingeschränkten Menschen dominiert, weil diese die meisten Ressourcen für Öffentlichkeitsarbeit haben. Und das ist ein großes Problem.
Deshalb halte ich mich stark zurück und möchte auch keine Öffentlichkeitsarbeit machen, egal ob für ADHS oder Autismus oder sonst was. Andere haben deutlich mehr zu sagen und beizutragen. Mittlerweile gehen mir weiße, spät diagnostizierte Frauen (liegt vielleicht an meiner Bubble, dass ich vornehmlich weibliche Betroffene sehe) regelrecht auf die Nerven manchmal, weil sie sich meistens nur um sich selbst drehen. Das ist per se nicht schlimm, es lässt nur gar keinen Raum für andere Betroffene.

Ich kenne diese Abgrenzungsversuche auch aus der queeren Community. Da gibt es sie auch massiv und oft genug auf dem Rücken (rw) der queeren Personen, die mehr auffallen. Ganz davon abgesehen, dass zwischen Queer-Sein und Behinderung eine massive Intersektionalität besteht, und man eins kaum ohne das andere denken kann. Beide Körper brechen ja Normen auf die ein oder andere Art, ganz vereinfacht gesagt.

Wie gesagt, ich kann und will keinen öffentlichen Platz für mich beanspruchen, um irgendwas zu repräsentieren. Klar, sobald jemand von meinen Diagnosen erfährt, geschieht das automatisch ein Stück weit. Deshalb werde ich da wohl einen für mich passenden Umgang finden müssen. Das kann ich aber gerade noch überhaupt nicht abschätzen ehrlich gesagt.

Insgesamt bin ich mir sowieso wie gesagt noch sehr unsicher, was nun Überkompensation vom ADHS ist, was andere Symptome sind und was wohin gehört.

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Ich denke, du machst das schon ganz richtig so, wie du es für dich persönlich angehst, auch dass du die Diagnose erst mal so weiterführst. Mit dem Exkurs wollte ich eher verdeutlichen, wie solche „jemandem was wegnehmen“-Überlegungen und gesellschaftliche Spannungen zustande kommen können. Die Frage bzw. den Anstoß hatte ja @FurryClock eher gegeben.

Hm, verstehe ich nicht ganz. Weil ich gefragt habe, warum er befürchtet, jemandem etwas wegzunehmen? Ich kann schon alles nachempfinden, was du schreibst, aber fühle mich ein bisschen angegangen.

Erstmal: Danke, dass du diesen Beitrag von Tom Harrendorf gepostet hast! Ich habe seine Videos früher geschaut aber irgendwann sind meine Interessen ersteinmal in eine andere Richtung gegangen. Da ich seinen Namen vergessen hatte, konnte ich ihn auch gar nicht mehr finden.

Zum Thema: Tom Harrendorf hat ja auch erwähnt, dass Leute seine Biographie (!!) für Stigmatisierung und zu Stereotyp halten…
Als Autistin finde ich es schwierig mich „wie eine Frau“ zu fühlen, weil mir diese Selbstverständlichkeit darin fehlt. Klar, kaum eine Frau entspricht diesem Standard, aber ich schaffe es ja nichtmal diesen zu erkennen. Ich habe deswegen auch eine längere Zeit mit meinem Geschlecht gehadert, was sich aber Gott sei dank gelegt hat.

Worauf ich damit hinaus will ist folgendes: „… zeigt sich bei Frauen anders“… Sei es ADHS oder Autismus, das lese ich überall und es tut mir weh, wenn ich ehrlich bin. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass es durch die unterschiedliche Sicht auf Mädchen und Jungen und die unterschiedliche Erziehung zurückzuführen ist. Wenn ein Junge sehr leise und verschlossen ist, fällt es schnell auf, wenn ein Mädchen sehr leise ist, wird das als sehr positiv gedeutet und man bekommt auf dem Zeugnis sogar noch ein Lob dafür.

Ich bin durch diese Thematik so oft damit konfrontiert, dass ich „männlichen oder stereotypen Autismus“ und/oder „männliches ADHS“ hätte, was es beides defacto nicht gibt.
Ich fühle mich medial nicht repräsentiert.
Vielleicht kann es keiner nachvollziehen, aber immer gespiegelt zu bekommen, dass man in seiner eigenen Behinderung nicht richtig, nicht weiblich genug ist, setzt mir oft zu.
Dem „weiblichen Autismus“ wird ja eine starke Empathie, ein Interesse am und große Fertigkeiten im Bereich Sprache und ein besseres Masking zugeschrieben. Nichts davon, trifft auf mich persönlich zu.
Ich habe große Probleme mit der Empathiefähigkeit, die sich aber schon gebessert haben, mich interessiert Sprache nicht wirklich (ich schreibe gerne und ich liebe Fakten zum Thema „woher kommt die Redewendung“ aber somst nichts), ich habe deutliche Probleme in der Kommunikation, mein Masking ist nicht auf diesem High-Performance level. Ich bin also nicht richtig in meiner Art nicht richtig zu sein.

Das gleiche bei ADHS. Ich bin - ohne Tabletten wohlgemerkt - nicht das verträumte ruhige Mädel, dass sich in ihren Gedanken verliert (so wird es ja gerne präsentiert). Ich bin der Chaot, der inoulsiv handelt, sich selbst in Gefahr bringt, nicht still sitzen kann…

Ich würde tatsächlich sogar gerne eine Art von Aufklärungsarbeit leisten, aber ich fühle mich dort unerwünscht, weil meine Existenz „zu der Stereotypisierung“ beitragen würde. Wenn ich dann auch noch erzählen würde, dass ich mich für Züge interessiere, würde ich von der eigenen Community vermutlich gesteinigt werden…

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Ja, deswegen ja das Zitat oben. Ich hatte einfach den Eindruck, dass du eher gedanklich bei Therapieplätzen und ressourcen warst und der Aspekt der öffentlichen Repräsentation noch gefehlt hatte. Wenn’s als Angriff verstanden wurde, tut es mir Leid. Bei so einem Thema bin ich mehr im Diskussionsmodus und weniger im Streichelmodus.

@KiraNadine
Boah, von Herzen Danke für diesen Post zum Theme Geschlechterklischees bei Autismus und ADHS! Im Ernst, ich könnte mittlerweile schreien wenn ich diesen Mist auf Social Media und co sehe. Es ist wunderbar, dass man endlich auch die still leidenden Kinder und Erwachsenen wahrnimmt. Allerdings darf niemals außer Acht gelassen werden, warum insbesonders weiblich gelesen Menschen (aller Geschlechter!) auf diese Art sozialisiert werden.

Als queerer Mensch werde ich manchmal wirklich sehr müde, wenn das immer und immer wieder ignoriert wird. Und dein Post ist ein Beweis, dass diese aktuellen Darstellungen und Behauptungen über Geschlechter im Autismus und bei ADHS allen schadet, egal welches Geschlecht sie haben.

Ich habe den Artikel von Tom Harrendorf eben noch gelesen und finde ihn gar nicht mal provokant. Bis auf den Titel vielleicht. Er sagt nichts anderes als dass Autismus ein Label für autistische Menschen bleiben muss und dem stimme ich zu.

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Ich habe jetzt eine Weile gesucht - an meinem Laptop - und kann hier folgende Info schonmal rausgeben: die Studie ist 2014 im Magazin Neuron veröffentlicht worden und ist von der Columbia University in New York. Darüber lassen sich aber nur Zitate oder Zusammenfassungen finden, das Original versteckt sich hinter einer Paywall…

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Ist doch wirklich tragisch, oder? Eigentlich ging es doch mal um Freiheit und das Überwinden von Stereotypen, aber stattdessen werden sie durch andere Stereotype bekämpft, der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Und wenn nach irgendeiner PR-Strategie entschieden wird, wer die Community repräsentieren darf und wer nicht, dann läuft da was ziemlich komisch.

Beim Queerthema bin ich jetzt nicht wirklich drin, habe aber auch schon im Bekanntenkreis von gleichgeschlechtlich Liebenden vernommen, dass sie sich nicht mehr akzeptiert und repräsentiert fühlen würden, weil gleichgeschlechtliche Liebe sozusagen das Konkurrenzmodell wäre zur abweichenden Geschlechtsidentität. Aber wie gesagt, ich steck da nicht selber drin und du kannst das sicher besser beurteilen.

Ich frage mich, warum nicht alle Platz finden und Verständnis bekommen können. Auch autistische Frauen, die Züge mögen. :wink:

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Da bin ich ganz bei dir! Natürlich ist es schädlich, wenn ein Klischee vorherrschend ist, genauso schädlich ist es aber auch, jeden, der diesem Klischee entspricht aufgrunddessen zu verurteilen. Ich wünschte, mehr Menschen würden das so sehen wie wir hier es tun…

Auch das LGBTQ-Thema hat solche Probleme. Trans-Personen befürchten aufgrund von dem, was auf Social Media abgeht, nicht mehr (oder überhaupt endlich mal) ernstgenommen zu werden. Dort wird, gerade auf Tiktok, das Trans-Sein dermaßen zelebriert und oft auch sowas gesagt wie „ha, natürlich bin ich ein Transmann und autistisch“ obwohl dieser Person beides nicht diagnostiziert wurde. Ich spreche hier in diesem Fall von der Diagnose einer Geschlechtsdysphorie, die man ja laut Social Media gar nicht haben brauch, um Trans zu sein. So wie man auch alles andere haben kann, ohne es zu haben.

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Alles klar, Leute wie du und Tom Harrendorf sind unerwünscht oder werden angefeindet, weil ihr zu „klassische“ Autisten seid. :open_mouth: Es ist einfach nur absurd.

Ein bisschen hoffe ich ja darauf, dass KI bald komplett Social Media übernimmt und der ganze Mist dadurch endlich irrelevant wird. Heute Mittag habe ich ein Video von Alicia Joe geschaut, wo sie dieses Szenario auch als mögliche Chance deutet. Das Problem ist ja eigentlich, dass wir, Presse und Politik Social Media so einen hohen Stellenwert zuschreiben. Und wenn endgültig das Allermeiste nur noch Fake wäre, müssten wir einen neuen sinnvolleren Umgang damit finden. Die Plattformen sind ja auch nicht neutral, sondern selektieren die Inhalte für jeden von uns vor, und dadurch prägen sie auch das Bild von Autismus oder Queer mit.

Bei Harrendorf habe ich eigentlich nie so auf seine konkreten Spezialinteressen geschaut oder ob das Männerthemen sind. Meinetwegen könnte der auch Barbie-Puppen als Spezialinteresse haben. Ich wurde vor etwa zwei Jahren auf ihn aufmerksam, weil mir seine reflektierte Art gut gefällt. Als jemand, der über die eigenen Grenzen hinausgewachsen ist, ist er auch für mich als Nichtautistin ein bisschen eine Art Vorbild. Persönlichkeitsentwicklung reizt mich mehr als Pride, ganz unabhängig von Autismus.

ABA ist doch auch so ein Feindbild, oder? Das hatte mich auch zuerst überrascht, weil Konditionierung bei allen Lebewesen mit Gehirn doch ein basaler Lernmechanismus ist. Und den für autistische Gehirne noch etwas stärker und gezielter zu nutzen, finde ich jetzt nicht zwangsläufig schlimm. Die Kritik kommt mir meistens zu abstrakt und konstruiert vor. Ich finde, die Kritik an so einer Methode müsste schon mehr konkret danach gehen, ob sie Autisten mehr Leid als Nutzen bringt, ob es bessere Alternativen gibt oder ob sie zu häufig von Behandelnden ausgenutzt wird und dabei lebenslange Traumata verursacht usw.

Stimmt, LGBTQ hat viele Parallelen dazu. Trans zu sein (Geschlechtsdysphorie) stelle ich mir übrigens extrem belastend vor. Wenn an einem irgendwas wächst, das nicht auf der inneren „Landkarte“ auftaucht, das ist doch gruselig. Da werde ich schon bei der bloßen Vorstellung dysphorisch.

Ich hab nicht so genau eine Ahnung um was es obig genau geht will aber auch was schreiben und weil ich Tom lustig finde und den gern schaue. :slightly_smiling_face:

ist bei aller liebe kein „klassischer“ Autist, aber 5 mal Diagnostizierter Asperger oder so. Findsch immer gut wenn er es in seinen Videos am Anfang betont. Hat ja schon ASS Vibes sowas :face_with_hand_over_mouth:.

Ich bin fast einer, also „klassische“, behauptet zumindest mein Neurologe, „Sie sind richtiger Autist, nicht nicht so ein Tiktok Autist.“ daher A Typisch Diagnose, würd ich mich nochmal Diagnostizieren lassen würde es aber mittlerweile bestimmt Asperger werden, es sei denn klein Schlingel taucht auf dann vielleicht doch frühkindlich… ich komm immer so durcheinander mit diesen Kategorien, find ASS eigentlich wirklich gut als neues Konstrukt. :grin:

Ich glaub ja, die haben doch bei der Diagnostik alle keine Ahnung und vergeben die Diagnosen nur mit grober Passung je nach Leidensdruck, echt wahr. :laughing:

Wo war eigentlich nochmal der Unterschied zwischen hochfunktionalem klassischem Autismus und Asperger, naaaaaaaa wer weiß es? :grin:

dolle ausgeprägte ADHS??? neee kann nicht sein. Ich erzähl wieder Unsinn.

und jetzt krieg ich bestimmt Ärger… weil… keine Ahnung warum. :clown_face:

Auf mich wirkt der allemal „klassischer“ als viele der Tiktok-Gestalten. :laughing: Das Monologisieren, die uhrwerkhaften Wiederholungen (sein Buch, seine Diagnose), die etwas gespreizt-korrekte betonte Sprache, das finde ich schon ziemlich klassisch für Asperger.

Herr Lehrer, Herr lehrer *schnipp schnipp schnipp* …

HF bezieht sich allein auf die Intelligenz, also jede Form von Autismus ohne Intelligenzminderung.

Asperger ist eine Form, bei der die Sprachentwicklung typischerweise unauffällig verläuft, aber die motorische Entwicklung und Koordination sich langsamer entwickelt. Bei Kanner- oder frühkindlichem Autismus ist es andersherum.

Bei „Wusstest du immer, dass andere Gefühle haben …“ bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob es einen deutlichen Unterschied zwischen den Formen gibt und das beim frühkindlichen stärker ausgeprägt ist.

Diagnosen bedingen Leidensdruck, sonst sind es Persönlichkeitsmerkmale. Die Expertise wird aber sehr durchwachsen sein, das glaub ich dir sofort. :rofl:

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