Hallo liebe Mitlesenden,
Achtung, leider super lang geworden.. danke fürs lesen ![]()
ich bin 36J und es steht für mich eine AD(H)S Diagnose im Raum. Ich habe mich selbstständig zur Diagnostik vorgestellt, da ich aufgrund vielfältiger Symptome denke, ich müsse das abklären lassen, bevor ich auf andere Ursachenforschung gehe und mich dann in einer Psychotherapie wiederfinde, die mir auch nicht helfen kann.. drauf gekommen bin ich in erster Linie, weil mein Bruder auch ADHS hat und ich mich dann vermehrt mit der Symptomatik auseinandergesetzt habe.
Es treffen auf mich sehr viele Symptome in Erwachsenenalter zu und laut dem Test hier auch mit starker Ausprägung. Zur Zeit finde ich mich in einer Phase der absoluten Erschöpfung.. Nun ist es so, dass ich mich an meine Kindheit einfach nicht gut erinnern kann. Meine Mutter hat den Fremdbeurteilungsbogen relativ unauffällig ausgefüllt, nur bei den Punkten Flüchtigkeitsfehler, verlegt Gegenstände, unterbricht andere und wartet nicht, bis sie an der Reihe ist, hat sie „manchmal“ angekreuzt.
Auch meine Zeugnisse sind unauffällig. Wir hatten eine total kleine Klasse mit so 16-18 SchülerInnen und ich war ne krasse Streberin, wollte immer unbedingt dran genommen werden, habe super gerne Sachen für die Klassengemeinschaft gemacht und war glaube ich sogar Klassensprecherin.
Ich habe immer stark nach Lob und Anerkennung gesucht. Meine Mutter hat mich auch oft vor anderen gelobt (leider nie persönlich…) und heraus gehoben wir “brav” ich doch wäre.. Auch mit den Hausaufgaben hatte ich nie Probleme, da bin ich immer super schnell durchgeflitzt, nur Mathe fand ich schwierig und hatte immer oft Probleme bei Logik-Dingen und war da schnell in einer Sackgasse.
Andere Sachen passen hingegen ganz gut, ich war super kreativ, sehr leicht verletzbar und empathisch, hatte viele Ängste (Angst vor Dunkelheit, Gewitter, …) war sehr anklammernd an meine Mutter und hatte auch starke Verlustängste (das kann aber natürlich auch alle das Ergebnis eines unsicheren Bindungstyps in der Kindheit sein, dem ich zustimmen würde). Ich habe super viel und gerne gelesen (passt zb nicht zu Konzentrationsschwäche?), teilweise bis zu fünf Bücher pro Woche.
Ich glaube ich war als Kind sehr aufgeweckt und „wach“, manchmal etwas forsch (trotz eigener Überverletzlichkeit, interessant dass da konträr dazu ist) und hatte einen starken eigenen Willen, bin diesbezüglich aber zumindest in der Grundschule nicht negativ aufgefallen, da war ich eher der „shining star“ (in meinem Kopf zumindest lol). In Freundschaften war ich immer schon all-In und habe rasch (indirekt) zurückgemeldet bekommen, dass das schnell too much sei.
Wir sind zu Hause vier Kinder gewesen und haben viel draußen gespielt und getobt und uns die lustigsten Spielideen ausgedacht. Ich weiss dass ich als Grundschülerin super ehrgeizig und perfektionistisch war, was meine Leistungen angeht, mich manchmal aber auch versehentlich im kreativen Schreiben vergraben habe (zb ewig langen Aufsatz geschrieben der gar nicht gewünscht war).
Ich habe in meiner Erinnerung nicht häufig Sachen vergessen und konnte dem Unterricht gut folgen. Nur zu Hause war ich immer sehr chaotisch und bin häufig mit meinen Eltern über meine Unordnung in Konflikt geraten - ich werte das aber ehrlich gesagt als „normal“. Vielleicht war ich manchmal etwas „aufsässig“ (aber nur ggü meiner Eltern) und ich wurde oft frech genannt.
Als ich in die fünfte Klasse kam, ist dann eine Welt für mich zusammen gebrochen, als eine von vielen unter nun um die 30 SchülerInnen und alle so gut wie ich?? Ich hatte extreme Probleme mit der Masse an Schulstoff und wusste gar nicht, wie man „lernt“ im Sinne von auswendig lernen. Ich hatte mit Latein begonnen und das war ein riesen Fallstrick für mich. Ich entwickelte Schulangst und häufte pro Halbjahr mehr als 80 Fehlstunden an, bis zur siebten Klasse bestand dieses Problem. Danach wars iwie weg (?) irgendwie kann ich mich daran nicht mehr so erinnern was der Wendepunkt war oder ob ich vielleicht in der Zeit einfach reifer geworden bin die Situation „auszuhalten“?
Ich habe im Unterricht immer gerne gequatscht aber iwie haben das auch alle um mich herum getan. Ich war gedanklich schon „immer viel unterwegs“ und weitschweifig und am träumen (ich würde es eher denken nennen) konnte aber an den wichtigen Sachen teilnehmen. Ich hatte auch mal Black-Outs in Prüfungen (so mit 15), weshalb mir mein damaliger Kinderarzt geraten hatte mich psychotherapeutisch vorzustellen, das haben wir dann aber nicht weiter verfolgt bzw ich keine Lust drauf.
Die (jetzige)Therapeutin meinte, dass aufgrund der fehlenden Auffälligkeiten beim Fragebogen meiner Mutter und in den Zeugnissen (das einzig auffällige ist, dass ich wohl sehr mitteilsam war und gerne Freunde hatte), es eher unwahrscheinlich ist, dass die Diagnose zu mir passen würde, sie würde mir aber auch nicht prinzipiell davon abraten die Diagnostik zu machen, da sie es auch nicht eindeutig fände. Und das ist das am Ende auch mein Problem: ich finde meine Kindheit nicht ADHS-typisch, insbesondere an Konzentrationsprobleme kann ich mich in der Schule nicht erinnern.
Vor allem im Kontrast zu meinem ADHS Bruder, der sehr große Probleme mit dem Schulstoff hatte und sehr viel Mühe beim Bewältigen dieses hatte. Aber wurde das vielleicht durch die hohe Begeisterung abgepuffert bzw gemindert? Hat sich mein übertriebener Perfektionismus vielleicht darüber gelegt? Ich habe als Kind schon super viel mit mir selbst ausgemacht und wenig über Probleme geredet (wie auch heute noch), war gedanklich schnell verwickelt in stattgehabte soziale für mich herausfordernde Situationen und konnte und kann mich gedanklich tlw schlecht davon lösen. Gleichzeitig hatte ich auch ein sehr geringes Selbstvertrauen, gerade was sportliche Sachen angeht (habe deshalb nie Radschlag oder Handstand gelernt, aus einer für mich heute nicht erklärbaren Angst heraus) und mich damals im Grundschulsport schon mit „Bauchschmerzen“ davor gedrückt.
Mit strengen Autoritätspersonen kam ich gar nicht zurecht und fühlte mich direkt sehr klein und hatte Angst, ich war einfach ein super Sensibelchen (was sich bis heute durchzieht).
Ich möchte auf keinen Fall unbedingt eine Diagnose, sondern einfach wissen, was mit mir los ist..und wie ich das Thema dann am besten angehen kann. Dann frage ich mich gleichzeitig, ob ich mich irgendwie selber sabotiere im Sinne von dass meine Erinnerungen vielleicht nicht richtig sind? Gleichzeitig hatte ich auch als Kind schon das Gefühl irgendwie „special“ zu sein, war aber trotzdem super gerne eine Mitläuferin und habe mich an die Fersen anderer geheftet um gleichzeitig nicht aufzufallen.
Irgendwie finden sich da auch so viele Gegensätze. Z.B wollte ich mit 5 oder 6 unbedingt die Hauptrolle in einer Musikschulaufführung und war total Happy darüber, dass ich diese auch bekam, später habe ich mich auf jeder Situation entzogen, in der ich im Mittelpunkt stand. Irgendwie macht das für mich alles keinen Sinn…
Habt ihr Tipps/ Ideen wie man wieder besser an seine Kindheit / das Kindheitsgefühl rankommt? Meine Mama ist da keine so große Hilfe, sie war die meiste Zeit allein erziehend und wir haben viel unter uns Kindern ausgemacht und sie sagt auch selbst, sie könne sich an vieles einfach nicht mehr erinnern… und ich sei immer schon “sehr selbstständig” gewesen (untypisch ADHS!).
Bin dankbar für jeden Input, ich habe das Gefühl mein Kopf raucht so langsam nach dem so intensiven Beschäftigen mit dieser Thematik und dass ich mich da vielleicht in irgendetwas verstricke, was gar nicht da ist.. mit Sicherheit habe ich jetzt wichtige Sachen vergessen, aber die kommen vielleicht wieder zum Vorschein.
liebe Grüße und schonmal Danke für eure Antworten