Gegenreaktion auf ADHS - besonders ruhig und gefühlskalt werden

Hallo,

ich hoffe ich bin hier bei den Symptomen richtig, vielleicht gehört das Thema aber auch eher in den Bereich Erwachsene?

Ich war als Kind ADHS-typisch. Kippeln in der Schule, Vergesslich, habe viel unüberlegtes Zeug im Unterricht geredet, Stillsitzen bei den Hausaufgaben war ein Graus aber Legobauen konnte ich 5 Stunden am Stück.
Ich habe auch oft genug Sätze gehört wie: „Jetzt beeil dich mal.“, „Bist du immer noch nicht fertig?“, „Du bist so dumm.“
Ich wurde von meinen Eltern geschlagen und gehörte nie wirklich dazu.

Meine Lösung war gewesen meine Gefühle abzuschalten und mich trotzig zurück zu ziehen.
Das hatte auch funktioniert. Ich konnte von der Hauptschule auf die Realschule wechseln und nach der 10. Klasse bin ich auf’s Gymnasium und habe mein Abi gemacht. Eine Pupatät ohne wildes über die Stänge schlagen. Dann ein Studium durchgezogen.
Natürlich hatte ich immer Konzentrationsschwierigkeiten, habe auf den letzten Drücker gelernt und musste meine schriftlichen Noten durch gute mündliche Mitarbeit anheben. Doch im Zweifel habe ich meine Gefühle abgestellt und alle Wut heruntergeschluckt. Flüchten in Computerspiele, Essen und Fundamentalisches Christentum decken alles zu.

Irgendwann kann dass das Unterbwußtsein nicht mehr aushalten und so hatte ich vor 10 Jahren eine Depression. Seit dem ist mein Ziel in meiner Persönlichkeitsentwicklung LEBENDIG WERDEN.

Die Erkenntnis wahrscheinlich ADS-ler zu sein hat mich stark entspannt und mir viel erklärt.

Und wenn ich jetzt bewußt wieder mit den Füßen wackel oder bewußt wieder im Flow Hyperfocus arbeite werde ich lebendiger. Es fühlt sich ein wenig so an, als ob ich es vermist habe mein ADS zu leben.
Ich will lieber unruhig, unfokussiert und launisch sein, statt gefühlstot zu robotten. Deswegen habe ich auch Angst von Retalin.

Kennt das jemand?
Kann es sein, dass sich ein ADHS-ler selber herunterleveln kann?
Dr Martin Winkler hat in einem Webinar (https://adhsspektrum.com/adhs-webinare-online-coaching/) davon gesprochen selber eher immer zu gefühlskalt zu sein als Reaktion auf sein ADHS.
Oder ist das gar nicht möglich das ADS selber herunter zu leveln und mein ADS ist einfach nicht so stark ausgeprägt und die Traumabearbeitung und die Veränderung der Coping-Strategie ist ein ganz anders Thema?

Liebe Grüße
Bieber

Ich finde du hast dich richtig gut beobachtet.

Das eine ist Adhs, das andere ist Trauma. Und doch geht es meiner Meinung zusammen einher. Die Gefühle „wegdrücken“ heisst für mich Abspalten/Dissoziation. Du warst dadurch in der Lage zu funktionieren, wie du beschreibst.

Meine Erfahrung sagt: Medikamente (Elvanse) haben geholfen um an die alten Themen zu gehen/kommen. Sie haben mir die Möglichkeit gegeben mehr Selbstvertrauen aufzubauen, mich zu strukturieren, mehr Energie zu haben, Reize besser ausblenden zu können etc. Je mehr ich dann an mir arbeitete, was für mich in dem Fall Körperorientiert war, also keine Verhaltenstherspie und je mehr ich den alten Gefühlen im Guten begegnen konnte, desto mehr konnte ich meine Medikamente reduzieren.
Spannend war, und da sind wir bei dem anderen Beitrag (Spiegelneuronen), dass die Medikamenre beim Sohn auch deutlich reduziert erden konnten. Weil mein Mann und ich beide Adhs und Ptbs Diagnose, an uns gearbeitet haben.

Gefühlstot waren/sind wir nicht mit Medikamente. Wenn, dann passte die Dosierung nicht oder es war das falsche Präparat.

Das mit dem Rückzug von den Gefühlen - bei mir eher ein Zurückziehen von Gefühlsausdrücken, aber auch von schwierigen Situationen - kenne ich gut aus meiner eigenen Kindheit. Ein Teil geht bestimmt darauf zurück, dass ich mit meinem kindlichen Enthusiasmus für Dinge öfter mal gegen eine Wand aus „was will der denn?“ gerannt bin, ein Teil auf eine Erziehung, die ähnlich war wie deine klingt, Bieber.

Auch dieses Gefühl, dass ADHS als mögliche Erklärung mich mit vielem versöhnt - Stillsitzen, Zusammenreißen, all diese Dinge, die mir, solange ich denken kann, eingetrichtert wurden und die doch nie Teil meiner Natur wurden, das ist alles nicht mehr mein Problem. Stattdessen bin ich seit einigen Monaten in Verhaltenstherapie, und da geht es genau um die Dinge, die für mich funktionieren. (Meine Therapeutin ist in dem Punkt manchmal sogar noch radikaler als ich. Gefällt mir!)

Medikamente nehme ich auch. Die helfen mir, meine Gedanken etwas zu fokussieren. Bei einer Sache zu blieben, die mich sonst langweilen und immer wieder vom Schreibtisch weg treiben würde. Entscheidungen zu treffen, wo ich sonst in eine Endlosschleife von Abwägungen abdriften würde. Und in Bezug auf Gefühle - die lenken mich nicht mehr so leicht ab. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass sie durch die Medikamente unterdrückt werden. Eher, dass ich sie besser verarbeiten kann, wo sie mich sonst überwältigen und handlungsunfähig machen würden. Da die Medikamente mir auch helfen, durch Situationen zu kommen, die ich sonst eher vermeide, dürfte das theoretisch auch für sonst emotional fordernde Situationen gelten, aber das habe ich noch nicht ausprobiert.

Meine Frau sagt immer: Du frisst alles in dich rein. Ich nenne es: Rationaler Modus. Da versuche ich einfach zu funktionieren.
Wenn ich die störenden Emotionen (auch Zweifel und Ängste) unterdrücke, dann weiß ich ja eigentlich was rational richtig ist.
Es ist aber tatsächlich nicht so leicht, dieses Verhalten einfach wieder abzuschalten. So habe ich oft das Gefühl ich weiß gar nicht wer ich bin oder was ich eigentlich will.

An- und abschalten kann ich das noch überhaupt nicht.

das mit dem nicht wissen wer Mann ist hast du schön ausgedrückt.

Vielen Dank für das Teilen von deinen Erfahrungen. ich kann mir gut vorstellen, dass die Medikamente erst einmal einen Freiraum schaffen können um dann die Ressourcen soweit frei zu haben um an schwierigeren Themen zu arbeiten. Ähnlich wie eine stationäre Therapie.


Ich finde bei den Medikamenten sind die Resssourcen dauerhaft greifbar. Nach stationären Aufenthalten schwinden die Reaourchen irgendwann. Das ist eher nur an Anschieben, ein ausgraben von kleinen Bewusstseinsteilen. Mit Medikamente bleibt es mehr und besser verfügbar.

Ra ist ja auch so, dass wir unsere Therapien erst richtig umsetzen können, wenn die Medikamte richtig eingestellt sind. Wir wissen alles, sind ja alle nicht auf den Kopf gefallen, aber umsetzen fällt ohne Medikamete schwer bis es geht gar nicht (auf Dauer).

Schaust Du hier: ADHS und Empathie - Blog ADHS-Spektrum

Tatsächlich kann ich die Sorge mit der Gefühlskälte auch verstehen. Das tritt aber vor allem bei Überdosierung ein. Hatte ich selbst auch bei mir bemerkt als ich auf 50mg Elvanse war. Nach der Dosis Anpassung trat das Gegenteil ein. Ich konnte meine Gefühle besser wahrnehmen und auch wiedergeben. Sehr befreiend wenn die Dosis stimmt.

Grüße Hoxy

Wenn ich mein ADS leben würde, würde ich mit 55 Jahren hüpfend durch die Gegend laufen, mit jedem gut Freund sein wollen (Naivität), alles mal kurz ausprobieren, nie richtig zuhören, alles vermüllen…etc. und bräuchte wie Mr.Monk eine Assisstentin.

Mein ADS kann ich nur alleine und Zuhause ausleben ohne Schuld und Schamgefühle und ohne spöttische Blicke.
Und dennoch bin ich überfordert.
Bis zur Pubertät kann man noch locker als Naiver Clown und Verschmitzer Charmeur die Erwachsenen erweichen nicht zu hart zu Urteilen.
Irgendwann ist damit aber Schluss, wenn der Ernst des Lebens um die Ecke kommt.
Bei sehr guten Freunden kann ich auch ADS sein.

So bin ich sonst nach aussen zu einem ‚kühlen Schizoiden‘ geworden, einfach nur aus Schutz vor Angriffen.
Ich habe leider eben auch Narzisstischen und Borderline-Missbrauch erlebt.
Ich scheine diese Typen echt anzuziehen.

Aber ich kann deine Sehnsucht verstehen, so sein zu wollen, wie man eben ist.

Nehmen wir mal das lebendige ,

Man kann und darf mit 55 noch durch die Gegend hüpfen und alles mal kurz ausprobieren und bis zu einem gewissen Grad auch zunächst mit jedem gut Freund sein.
Man darf auch ein naiver Clown sein und einen verschmitzten Charm haben bis man die Radieschen von unten zählt.

Das ist eine Lebendigkeit die ADHS auch ausmacht was Menschen auch mögen.

Doch zugleich möchte man nicht vermüllen und den Leuten richtig zuhören.

ADHS voll ausgelebt ja dann benötigte ich auch eine Assistentin aber bei nicht voll ausgelebtes ADHS am liebsten auch. :wink:

Es beruhigt mich das du Freunde hast wo du ADS sein kannst, da bin ich es auch mehr und natürlich ebenso zu Hause.
Wobei ich oft dann auch erstmal auftanken muss, weil ich außerhalb Kompensations-Energie verbraten habe.

Nimmst du den Medikamente, die dich kühl und Schizoid machen und nicht mehr hüpfen lassen?
Sich vor Borderline und Narzissten zu schützen ist das eine, aber dafür „alles“ runterzufahren , nimmt dir doch auch jede Möglichkeit Personen kennenzulernen die nicht so sind.

Vielleicht kommt das mit den Borderline und Narzissten gar nicht so sehr vom ADHS sondern hat eine andere Grund. Wenn du da vielleicht was ändern kannst, dann kannst du wieder freier sein ohne Angst erneut in die Falle zu tappen.

Ich finde eine Gesunde Waage zu finden zwischen Kompensation und ADHS-Regulation und dem einfach Ausleben, dass ist das schwierigste an der ganzen Geschichte.

Ein ADHS-Therapie oder Selbstregulation sollte nie zum Ziel haben und zu gefühlskalten Robotern zu machen.
Im Idealfall, das man für sich selbst das Leben etwas einfacher macht.

Aber seit meiner Diagnose bin ich auch etwas vorsichtiger um mich selbst zu schonen und manchmal bin ich traurig, dass ich nicht mehr so unverblümt bin.
Aber ich weiß auch das es Sinn bringt eben etwas mehr „aufzupassen“ Ein Diabetiker kann auch nicht mehr alles essen und tut er es doch dann muss er es auch regulieren.

Für mich hoffe ich auch mit 99 weiterhin der naive Clown sein zu können. Es hält mich zumindest noch jung in der Birne. Mein Umfeld hatte nie Probleme mit dieser Eigenschaft von mir.

Ich kann mich da nur den Worten meines Vorschreibers anschließen.

Ich habe mir auch mein kindliches Gemüt bewahrt, pflege auch eine liebevolle Beziehung zu meinem inneren Kind und „spiele“ auch ganz oft spontan. Meine Kinder sind so erwachsen im Vergleich zu mir.
Im Job habe ich mich schon im Griff und bin auch wirklich seriös. Aber ich denke, diese Seite schimmert immer durch und führt vllt. auch mit dazu, dass ich unterschätzt werde.
Vom Alter her werde ich immer viel jünger geschätzt, ich denke das liegt an dieser kindlichen Seite und nicht am Zustand meiner Haut.

Auch das ist typisch für ADHSler :smiley:

Schön, gell?


Ja, einer der wenigen, aber prägnanten Vorteile


Ich sehe sehr viele Vorteile und wenig Nachteile. Ich würde nicht mit neurotypisch tauschen wollen.
Sage ich heute :joy:

Das mit der kindlichen Seite und dem „nicht richtig erwachsen werden können“ stimmt zwar, aber viele ADHSler sehen tatsächlich auch physisch jünger aus - finde ich. Vielleicht hängt das ja auch mit der verzögerten Entwicklung zusammen…

Das physisch jünger aussehen macht aber dann Probleme, auch nicht richtig für voll genommen zu werden.
Wenn man dich ungefagt an der Tanke immer duzt von gleichaltigen und der Mann hinter dir (etwa gleich alt) reflexartig wieder gesietz wird…

Topic:
Gefühlskalt werden ist wohl eine Schutzreaktion auf zuuu viele Vorwürfe anderer im Leben bei gleichzeitigem Hirneinfrieren durch Stress-Schock mit Reaktionsversagen (leere im Kopf) und bei ADS noch Aggressionshemmung.

So denke ich das bei mir.